IMI-Analyse 2026/17
Wahrscheinlichkeiten dauerhaft größer Null
KI-Forscher warnt vor militärischer KI, „Superintelligenz“ und dem „Atomkrieg aus Versehen“
von: Christoph Marischka | Veröffentlicht am: 22. Juni 2026

„Wenn die Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis dauerhaft größer 0 ist, dann tritt dieses Ereignis mit hundertprozentiger Sicherheit ein, die Frage ist lediglich, wann.“ Mit solch zwingenden Aussagen und mathematischer Autorität warnt der KI-Forscher Karl Hans Bläsius in seinem Buch „Künstliche Intelligenz und Krieg – Welche Risiken entstehen, wenn der Mensch die Kontrolle verliert“ (Verlag Springer, Februar 2026) weniger vor KI an sich, als vor dem aktuellen Aufrüstungskurs und damit verbundenen Eskalationsdynamiken.
Kaum waren die ersten Atomwaffen entwickelt, wurden sie eingesetzt. Seit allerdings verschiedene, konkurrierende Mächte über Atomwaffen verfügen, herrscht gewissermaßen ein Gleichgewicht des Schreckens: Der Einsatz einer Atomwaffe würde mit großer Wahrscheinlichkeit den Einsatz vieler weiterer auslösen und damit womöglich die ganze menschliche Existenz auf diesem Planeten vernichten, mit ziemlicher Sicherheit jedoch die am nuklearen Schlagabtausch beteiligten Staaten. Dass es in den langen Jahrzehnten des sog. „Kalten Krieges“ zu keinem großen, direkten Krieg zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt gekommen ist, wird relativ unwidersprochen mit der „Zweitschlagfähigkeit“ beider Parteien begründet: Der Tatsache, dass sie nach einem erfolgten bzw. initiierten Erstschlag der Gegenseite im Stande gewesen wären, ebenfalls mit Atomwaffen zurückzuschlagen. So bizarr es klingt, war es die gegenseitige Drohung mit der Vernichtung der menschlichen Zivilisation, die in den letzten acht Jahrzehnten einen ganz großen Krieg und den Einsatz von Atomwaffen verhindert hat.
„Verhindert“ ist eigentlich nicht der richtige Begriff. Es gab nie eine Garantie, dass es nicht zum großen Atomkrieg kommen würde. Geopolitik war damals (und ist heute noch) angewandte Spieltheorie – mit potentiell apokalyptischem Ausgang. Sowohl die langfristige nukleare Rüstungspolitik wie die kurzfristigen, stufenweise aktivierten Reaktionen basieren auf vermuteten oder antizipierten Absichten, Aktionen und Reaktionen der Gegenseite und daran ausgerichteten eigenen Handlungen. Bläsius zählt verschiedene, mehr oder weniger bekannte Situationen während des „Kalten Krieges“ auf, in denen es beinahe zu einem „Atomkrieg aus Versehen“ gekommen wäre, weil die Frühwarnsysteme falsche Daten lieferten oder sie falsch interpretierten. Mehrfach waren es einzelne Menschen und deren „gesunder Menschenverstand“, die eine Apokalypse verhindert haben.
Rückblick in die 1980er Jahre
„Hoping for the best, but expecting the worst –
Are you gonna drop the bomb or not?“
Alphaville, Forever Young, 1984
Die Lektüre erinnert uns daran, dass bereits mehrfach die stets in Bereitschaft gehaltenen Pilot*innen quasi mit laufendem Motor in ihren Cockpits saßen und auf den finalen Befehl warteten, um irgendwo eine Atombombe abzuwerfen. Manchmal wirkt das Buch dabei so, als wäre es irgendwie in den 1980er Jahren hängen geblieben. Dabei legt es aber eben auch ein damals quasi universelles, heute gerne verdrängtes Bewusstsein frei: dass es jederzeit schief gehen und dann sehr schnell vorbei sein kann. Und dabei wird auch viel Wissen (wieder) freigelegt, das heute irgendwie verschüttet wirkt: dass jede Veränderung des „strategischen Gleichgewichts“, jede Beschleunigung der Entscheidungszyklen und Trägersysteme die Gegenseite zu einer riskanteren Doktrin verleiten könnte, in der Logik nuklear gestützter Geopolitik oft sogar zwingt. Ein Beispiel hierfür, der „Launch on Warning“, wird im Buch auch deshalb mehrfach und ausführlich ausgeführt, weil er ein hohes Maß an Automatisierung beinhaltet. Hier erfahren wir, dass die Sowjetunion bereits in den 1980er Jahren mit „Perimeter“ ein entsprechendes System entwickelt habe, das „angeblich unter bestimmten Bedingungen einen massiven nuklearen Vergeltungsschlag automatisch und ohne menschliche Kontrolle ausführen konnte“. 2023 hätten US-Politiker*innen einen Gesetzentwurf eingebracht, der es verbieten sollte, „Bundesmittel zur Entwicklung autonomer Systeme zu verwenden, die in der Lage sind, Nuklearwaffen ohne angemessene menschliche Kontrolle zu starten“. Selbst wenn jedoch der politische Wille bestehen sollte, KI-Systeme mit solchen Fähigkeiten zu verhindern, lässt Bläsius an verschiedenen Stellen Zweifel durchblicken, dass das dauerhaft möglich sein könnte.
Dabei ist der Autor kein grundsätzlicher Kritiker sog. „Künstlicher Intelligenz“, er hat keinen Zweifel daran, dass KI „viele nützliche Aufgaben erledigen“ kann, große Hoffnungen setzt er z.B. in das autonome Fahren, das „Menschen eine große Bewegungsfreiheit ermöglichen“ oder zu „deutlich weniger Unfällen“ führen könnte. Sogar von autonomen Waffen meint er, sie „könnten so konstruiert werden, dass sie immer zielgenauer treffen und immer weniger Kollateralschäden verursachen“.
Aus Praxis und Lehre
Bläsius selbst forscht seit 1981 an KI, zunächst in Karlsruhe, später in Kaiserslautern zusammen mit Jörg Siekmann, der zu den Gründer*innen des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) gehört (und eines der Geleitwörter zum Buch beigesteuert hat). Von 1990 bis 2017 war der Autor Professor für Informatik an der Hochschule Trier und lehrt dort weiterhin. Davor und dazwischen war er auch in der Wirtschaft tätig. Zumindest der erste Teil seines Buches liest sich in Teilen wie ein gut verständliches Lehrbuch zu früheren Formen der Künstlichen Intelligenz, die er als „symbolische KI“ von der heute dominierenden Technologie Künstlicher Neuronaler Netze abgrenzt. Anschaulich und praxisnah erläutert er (aus Sicht der Informatik) die Unterschiede zwischen „Aufgaben“ und „Problemen“, grenzt die Begriffe „Unsicherheit“ und „Vagheit“ voneinander ab und beschreibt Fortschritte und Anwendungen symbolischer KI an konkreten Beispielen wie der Zeichenerkennung (OCR) oder der darauf aufbauenden, in vielen Betrieben angewandten automatischen Rechnungsverarbeitung.
Besonders spannend und für aktuelle militärische Anwendungen relevant sind hier die Ausführungen zu Klassifikationsaufgaben und dem Zielkonflikt zwischen „Recall“ und „Precision“. Der Recall gibt an, wie viele der gesuchten Instanzen einer Klasse gefunden werden, die Precision den Anteil der gefundenen Instanzen, die tatsächlich zur gesuchten Klasse gehören. Beide Werte können – zulasten des jeweils anderen – durch die Festlegung eines Schwellenwertes verändert werden. Will man möglichst viele oder gar alle gesuchten Instanzen erkennen, steigt notwendig die Zahl der falsch erkannten. Bei Bildern von Hunden und Katzen, die hier gerne als Beispiele genommen werden, ist das freilich relativ harmlos, bei der Erkennung vermeintlichen „Sozialbetruges“ kann eine falsche Klassifikation schon existenzbedrohend werden. Mittlerweile – das spielt an dieser Stelle bei Bläsius aber keine nennenswerte Rolle – stellt sich die Frage solcher Schwellenwerte in verschiedenen Konfliktregionen quasi täglich: Wenn etwa Israels Militär KI-Systeme einsetzt, um Hamas-Kämpfer zu identifizieren oder die USA, um Ziele im Iran ausfindig zu machen. Auch die Aufklärungs- und Kamikazedrohnen, die massenweise in der Ukraine zum Einsatz kommen, identifizieren und priorisieren auf Grundlage ihrer integrierten Bilderkennung mögliche Ziele; letztere folgen z.B. bei Abbruch der Funkverbindung programmierten Handlungspfaden und Schwellenwerten, die darüber entscheiden, ob sie sich in ein vermeintliches Ziel stürzen oder in der Luft explodieren und damit selbst vernichten – Unsicherheit, Vagheit, Recall und Precision in tödlicher Praxis.
Bläsius’ Einführung in Grundbegriffe der Informatik der Künstlichen Intelligenz findet in ihrer Lehrbuchhaftigkeit allerdings einen jähen Abbruch dort, wo es um den Übergang von der symbolischen KI zu Künstlichen Neuronalen Netzen und der darauf aufbauenden „Generativen KI“ geht: Hierzu heißt es in überraschender Kürze: „Auf die Funktionsweisen von neuronalen Netzen und Deep Learning wird hier nicht eingegangen. Wer sich näher hierfür interessiert, kann im Netz viele Informationen finden.“ Die dazu ergänzten Fußnoten verweisen u.a. (ohne Datumsangabe) auf die Einträge in der deutschen Wikipedia zu „Künstliches Neuronales Netz“ und „Deep Learning“.
Ungeheure Fortschritte
Ab da wird es gewissermaßen spekulativ. Das mag eine bewusste oder intuitive Entscheidung gewesen sein, wahrscheinlich war es eine richtige. Bläsius versucht gar nicht erst, die Black Box zu öffnen. Stattdessen dokumentiert er ein wachsendes Unbehagen eines wachsenden Anteils der KI-Forschenden, von denen viele selbst über die jüngsten Fortschritten und ihre Geschwindigkeit überrascht zu sein scheinen. Im Mittelpunkt steht dabei die Generative KI. Dabei geht Bläsius zunächst auf die hiermit ermöglichte und kaum kontrollierbare „Massenproduktion von Medieninhalten“ ein, die auch für Desinformantion und (gezielte) Manipulation verwendet werden könne:
„Mit dem Zugang zu persönlichen Informationen über Menschen können LLMs [Large Language Models] für individuelle Zielgruppen spezielle Botschaften erstellen und erhalten so eine starke Überzeugungskraft. Die in den sozialen Netzwerken vorhandenen Nutzerprofile können für solche Manipulationen effektiv genutzt werden. Auch die Ergebnisse von Techniken zur Bestimmung persönlicher Eigenschaften […] können für solche Zwecke missbraucht werden.“
Den entsprechenden spezifisch militärischen Anwendungen widmet Bläsius an späterer Stelle unter der Überschrift „kognitive Kriegführung“ einen eigenen Abschnitt.
Sodann widmet er sich den Potentialen Generativer KI bei der Entwicklung und dem Einsatz von Cyberwaffen:
„Menschliche Hacker könnten durch lernfähige KI-Systeme ersetzt werden, die automatisch Schwachstellen finden. Dies kann genutzt werden, um Angriffsziele bei einem Gegner zu bestimmen, aber auch um in eigenen Systemen Lücken zu finden und zu schließen. KI-Methoden können helfen Cyberangriffe zu optimieren, das heißt besonders wichtige Infrastruktursysteme zu finden und einen günstigen Zeitpunkt zu bestimmen, um eine möglichst große Wirkung bei einem Angriff zu erzielen.“
Auch hier greift Bläsius auf sein ausgeprägtes Verständnis für Eskalationsdynamiken zurück und warnt vor einem „Flash War im Internet“:
„Systeme wie ChatGPT können Cyberangriffe ausführen, die von Menschen, Bots oder anderen Systemen der generativen KI beauftragt sind. Falls andere KI-Systeme, mit denen es ohnehin Interaktionen gibt, dies erkennen, könnten diese das mit ähnlichen Angriffen nachahmen. Auf diese Weise könnte in kurzer Zeit eine Kettenreaktion mit immer stärkeren Cyberangriffen zwischen diesen KI-Systemen entstehen. […] [B]ei vollautonomen Waffensystemen sind unvorhersehbare Interaktionen zwischen den automatischen Systemen möglich, die in eine Kettenreaktion von autonom geführten Angriffen und Gegenangriffen münden können. Hierbei kann in sehr kleinen Zeitintervallen eine Eskalationsspirale entstehen, die von Menschen nicht beherrscht werden kann. […] Falls die derzeitigen Systeme technisch zu Interaktionen mit solchen Folgen noch nicht in der Lage sind, kann sich das sehr bald ändern.“
Bläsius deutet an, dass es nicht zwingend oder primär Staaten oder politisch kontrollierte Institutionen sein müssen, die bewusst solche Eskalationsdynamiken in Gang setzen, sondern entsprechende Möglichkeiten zunehmend auch für nicht-staatliche Akteure oder gar Einzelpersonen zur Verfügung stehen könnten. Außerdem verweist er auf die „[b]eliebige Wiederholbarkeit“, die es bei anderen autonomen Waffensystemen und ihrem eskalierenden Einsatz nicht gäbe: „Bei Cyberwaffen gibt es diesen Aspekt ‚Pulver verschossen‘ nicht“.
Selbstlernende Systeme und Superintelligenz
Nur wenige Wochen nach Veröffentlichung des Buches wurde bekannt, dass das US-Unternehmen Anthropic eine Software mit dem (ggf. bezeichnenden) Namen „Mythos“ entwickelt hat, die in massiver Geschwindigkeit Schwachstellen in eigenen und fremden Systemen aufspüren – und damit auch für Angriffe nutzbar machen – kann. Ein Artikel in der New York Times vom 22. April 2026 beschrieb die relativ diskrete, aber hektische Betriebsamkeit, die seit der Fertigstellung des Modells zwischen Regierungen, Großbanken und Tech-Unternehmen ausgebrochen ist. Berichtet wird auch von Hinweisen, dass es unautorisierten Zugriff auf das Modell gegeben habe, und ohnehin gehen viele davon aus, dass zumindest mit China auch ein geopolitischer „Rivale“ des Westens bald ein entsprechendes Modell entwickeln – oder möglicherweise bereits darüber verfügen – könnte.
Wenig später veröffentlichte Anthropic einen Bericht unter dem Titel „When AI builds itself“ („Wenn KI sich selbst entwickelt“), in dem es auf die massive Beschleunigung bei der Produktion von Software mithilfe von Generativer KI und autonomen Agenten und die rekursive Selbstverbesserung von KI-Systemen hinweist. Diesen Aspekt der sich selbst schreibenden oder verbessernden KI hatte Bläsius bereits bei der Entwicklung von Cyberwaffen in den Mittelpunkt gestellt und er führt ihn zum umstrittenen Thema der potentiellen „Superintelligenz“.
Die Möglichkeiten einer KI, die sich selbst optimiert, ein eigenes Bewusstsein oder zumindest eigene Ziele entwickelt, sich menschlicher Kontrolle entzieht oder sich gar gegen die Menschen richten könnte, wird seit Jahrzehnten heiß diskutiert, wobei sie einige Menschen kategorisch ausschlossen und als Science Fiction bezeichneten. Die Idee einer „Superintelligenz“ wurde vor diesem Hintergrund auch in einer strategisch-diskursiven Weise instrumentalisiert: Wer Kritik an KI oder Digitalisierung äußerte, war schnell mit der Unterstellung konfrontiert, an dieses „Hirngespinst“ zu glauben und damit abqualifiziert. Überhaupt trug diese Auseinandersetzung teilweise den Charakter einer Glaubensfrage, an der sich die Geister schieden. Bis heute wird es einige geben, die an dieser Stelle aufhören werden zu lesen, selbst wenn sie alles bisher Gesagte interessant und plausibel fanden.
Bläsius sind diese Auseinandersetzungen natürlich bekannt und er wählt einen weisen Zugang. Einerseits beschreibt er, wie sich v.a. seit den jüngsten Erfolgen der Generativen KI auch die Einschätzung von Fachleuten verschoben hat und entsprechende Tendenzen für plausibler erachtet werden. Andererseits zitiert er die doch sehr unterschiedlichen Perspektiven von Protagonist*innen der Debatte darauf, was sie als „Superintelligenz“ verstehen und wie sie in die Welt kommen könnte. Statt einer Prognose bezieht er sich letztlich auf zwei bereits zuvor eingeführte Konzepte:
„Die Vorhersagen zu AGI [Artificial General Intelligence] und Superintelligenz sind vage und unsicher. Sie sind vage, da sie sich oft nur auf ungefähre Zeiträume beziehen, und zudem die Frage offenlassen, in welchem Maße die den Begriffen zugeordneten Kriterien zutreffen werden. Des Weiteren sind die Vorhersagen unsicher, denn diese gelten nur mit gewissen Wahrscheinlichkeiten, die noch nicht mal genauer umrissen werden können.“
Am Schluss aber – da wird Bläsius eindeutig – ist „Superintelligenz […] nicht unmöglich“ und das gilt auch für die Gefahr, dass sie irgendwann zum „Aussterben der Menschheit“ beitragen könnte, wie es prominente Wissenschaftler*innen und CEOs führender Unternehmen 2023 (Google DeepMind, OpenAI, Anthropic) in einem „Ein-Satz-Statement“ als Risiko formulierten.1 Da sind sie wieder: die Wahrscheinlichkeiten größer null. Und die fehlenden Anreize, sie zu reduzieren:
„Da auf dem Weg zu einer Superintelligenz alle Zwischenlösungen enorme Vorteile bringen können, gibt es scheinbar keinen Grund diesen Prozess zu stoppen oder zu verlangsamen. Wenn jedoch ein solches System ein gewisses Niveau erreicht, könnte es sich selbst immer weiter verbessern und uns in kurzer Zeit weit überlegen sein.“
Konfrontationskurs
Vielleicht der zentrale Abschnitt findet sich eher versteckt, gegen Ende des Buches in den Abschnitten 9.3 und 9.4 unter den Überschriften „Bedrohungssituation in Europa“ und „Konfrontationskurs und Folgen“. Hier geht Bläsius auf die geopolitischen Rahmenbedingungen ein, welche die Wahrscheinlichkeit wirklich fataler Entwicklungen erhöhen und ihrer ungebremsten und unregulierten Beschleunigung Vorschub leisten:
„Der Konfrontationskurs verbunden mit deutlich höheren Rüstungsausgaben wird einen enormen Rüstungswettlauf befeuern und dies vor allem auf wichtigen Technologiefeldern wie der KI und im Cyberraum. In diesen Zukunftstechnologien kann keine Nation riskieren, das Nachsehen zu haben. Alle Kontrahenten werden allergrößte Anstrengungen unternehmen, um mithalten zu können. Neben einer Bewaffnung des Weltraums, einer Modernisierung von Atomwaffen und immer besseren Trägersystemen, wie Hyperschallraketen, wird es auch einen beträchtlichen Schub in der Entwicklung von autonomen Systemen geben. Immer mehr Autonomie kann in allen möglichen Waffensystemen erreicht werden, was von autonomen Kamikaze-Drohnen bis zu unbemannten autonomen und nuklear bewaffneten U-Booten und Flugzeugen reichen kann. Auch im Cyberraum werden mit Hilfe von KI neuartige Angriffstechniken mit nichtkalkulierbaren Folgen entstehen, und mit Hilfe von KI könnten auch sehr wirksame Bio- und Chemiewaffen hergestellt werden. […] Mit immer mehr KI in Waffensystemen und militärischen Planungsmaßnahmen werden die Menschen zunehmend die Kontrolle über diese Systeme und das gesamte Geschehen verlieren. Der aktuelle Aufrüstungsschub wird dazu führen, dass auf allen Ebenen der Kriegsführung automatische Entscheidungen dominieren werden, die in immer geringerem Maße von Menschen bewertet und korrigiert werden können. Der aktuelle Konfrontationskurs beschleunigt diese Entwicklung auch durch die Mitwirkung sehr vieler privater Unternehmen, die sich starke wirtschaftliche Vorteile aus dem Aufrüstungsboom ausrechnen.“
Der aktuelle Konfrontationskurs erhöht also jene – vielleicht eigentlich geringen – Wahrscheinlichkeiten, dass es zu fatalen und unumkehrbaren Entwicklungen kommt. Zugleich macht er es extrem unwahrscheinlich, dass es in dieser kritischen Phase zu wirksamen Initiativen für eine Entschleunigung und Regulierung der technologischen Entwicklung und militärischen Anwendung von KI kommen wird. Wie folgenschwer das – in alle Zukunft – sein könnte, unterstreicht er mit einer einfachen und plausiblen Einschätzung zu den Möglichkeiten von Abrüstungsmaßnahmen bei KI-Waffen:
„Die KI kann in allen militärischen Gebieten enorme Fortschritte erzielen und bildet die Grundlage für ein massives militärisches Wettrüsten. Dieser Prozess kann kaum im Sinne einer Rüstungskontrolle gebremst werden. Denn es geht hierbei um Software, die beliebig oft kopiert und verschlüsselt verteilt werden kann. Automatische Lernverfahren bewirken eine ständige Veränderung dieser Systeme basierend auf hochkomplexer Software und riesigen Datenmengen. Vereinbarungen und Überprüfungen sind hierbei kaum möglich. […] KI-Entwicklungen in privaten Unternehmen sind durch Staaten kaum kontrollierbar, und auch ein Export solcher Rüstungssoftware, der sehr leicht verschlüsselt über das Internet erfolgen kann, ist von Staaten kaum einschränkbar.“
Insofern sind militärische KI und potentielle „Superintelligenz“ letztlich sogar gefährlicher als Atomwaffen. Bei allen liegt die Wahrscheinlichkeit einer fatalen Entwicklung über Null. Bei Atomwaffen besteht zumindest die Möglichkeit, dass sie und die dahinterstehenden Infrastrukturen in einer besseren Zukunft global abgerüstet werden – selbst wenn die aktuellen Trends in die gegenteilige Richtung gehen. So lange sie existieren, bilden sie ein oder vielleicht das plausibelste Mittel, über das ein eskalierender Einsatz militärischer KI zum Untergang der Menschheit oder zur Zerstörung des Planeten führen könnten.
Schwächen
Es ist wie gesagt durchaus ein Verdienst dieses Buches, die anhaltende, aber gerne verdrängte Gefahr durch Atomwaffen auch im Zusammenhang mit militärischen Anwendungen Künstlicher Intelligenz in Erinnerung zu rufen und in den Mittelpunkt zu stellen. Andere Aspekte wie der enorme Energiebedarf und die katastrophale Klimabilanz von KI sowie die ungeheure Machtfülle und Ideologie privatwirschaftlicher Akteure in diesem Geschäftsfeld werden demgegenüber allenfalls am Rande angesprochen. Vieles, was seit den 1980er Jahren an gesellschaftlichen Transformationsprozessen stattgefunden hat und an analytischen Zugängen hinzukam, findet in dem Buch kaum oder keine Resonanz. Das dürfte durchaus in einem Zusammenhang oder gar einer Wechselwirkung damit stehen, dass in dem Buch ganz überwiegend ältere, männliche Personen von hohem militärischen oder wissenschaftlichen Rang und Namen zitiert und referenziert werden im Vergleich zu z.B. Vertreter*innen sozialer Bewegungen oder neueren Ansätzen einer oft feministisch inspirierten, sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Technologie allgemein und Künstlicher Intelligenz im Speziellen. Während Bläsius einen klaren und nüchternen Blick auf Geopolitik und Eskalationsdynamiken offenbart, dürften manche Einschätzungen zu wirtschaftlichen Dynamiken und den vermeintlichen gesamtgesellschaftlichen Vorteilen von KI insbesondere bei marxistisch denkenden Menschen manchmal ein kurzes Kopfschütteln hervorrufen.
Auf der anderen Seite aber steht die oft geradezu mathematische Klarheit und oft allgemeinverständliche Plausibilität, die auch viele der hier zitierten Aussagen aufweisen.
Es war dem Autor offensichtlich ein Anliegen, zu warnen und das Buch jetzt, möglichst schnell, zu veröffentlichen. Trotzdem hätte man dem Buch ein sorgfältigeres Lektorat gewünscht und von einem Verlag wie Springer auch erwartet – die Kommasetzung ist in einigen Abschnitten abenteuerlich. Manche Wiederholungen und Redundanzen wären dabei sicherlich aufgefallen und gestrichen geworden. Hoffentlich allerdings nicht alle, denn manchmal ist es durchaus hilfreich, dass der Autor an verschiedenen Stellen oder auch direkt hintereinander in unterschiedlichen Worten ungefähr dasselbe zu vermitteln versucht. Sehr hilfreich sind die kurzen Zusammenfassungen, die den insgesamt zehn Hauptkapiteln vorangestellt sind – gerade auch deshalb, weil man sich in deren Struktur durchaus ein wenig verheddern kann. Bei einer zweiten Auflage ließe sich der Erzählstrang sicher noch etwas glätten. Sie wäre dem Buch und dem dahinterliegenden Anliegen durchaus angemessen und zu wünschen.
Bibliographische Angaben:
Karl Hans Bläsius
Künstliche Intelligenz und Krieg
Welche Risiken entstehen, wenn der Mensch die Kontrolle verliert?
Springer Berlin, Heidelberg
Veröffentlichung (Softcover): 24. Februar 2026
247 Seiten, Preis: 24,99
1 Dieses aus nur einem Satz bestehende „Statement on AI Extinction Risk“ vom 30.5.2023 lautete im Original: „Mitigating the risk of extinction from AI should be a global priority alongside other societal-scale risks such as pandemics and nuclear war.“
