IMI-Standpunkt 2026/37 - in: AUSDRUCK (Juni 2026)
Wechselnde Winde im Panzergeschäft
Wie Panzer von Rheinmetall am Rüstungsboom teilhaben
von: Malte Lühmann | Veröffentlicht am: 10. Juni 2026
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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunktes „Rheinmetall“ in der Juni-Ausgabe des IMI-Magazins, das vollständig wie immer gratis von unserer Internetseite heruntergeladen werden kann.
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Im Kontext der Aufrüstung ist der Name Rheinmetall in aller Munde. Das Unternehmen befindet sich seit dem Beginn des großangelegten russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine auf einem ungebremsten Expansionskurs. Den Kern dieser Entwicklung macht neben dem Geschäft mit Munition der Bau und Verkauf von diversen Panzerfahrzeugen aus. Armin Papperger, der Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall, sieht in der Aufrüstung eine klare Mission für sein Unternehmen: „Wir müssen und werden liefern. Dabei erleben wir ein Wachstum, wie wir es im Konzern noch nie hatten und kommen unserem Ziel, ein globaler Defence-Champion zu werden, näher.“[1] Rheinmetall ist an zahlreichen aktuell in Europa eingesetzten Panzermodellen ebenso beteiligt wie an zentralen Entwicklungsprojekten – von Pionier- über Schützenpanzer bis hin zu ausgewachsenen Kampfpanzern. Mit dem selbstentwickelten Kampfpanzer KF51 „Panther“ schickt sich das Unternehmen zudem an, dem ewigen Rivalen und Hauptproduzenten des Leopard 2, der deutsch-französischen Firma KNDS, auf dem europäischen Panzermarkt Konkurrenz zu machen.[2]
Totgesagte leben länger – Panzerboom im Drohnenzeitalter
Noch vor einigen Jahren sah die Lage ganz anders aus. 2012 war Rheinmetall ein Unternehmen mit zwei Geschäftsbereichen: eine Hälfte Rüstungsproduzent, eine Hälfte Autozulieferer. In der Panzersparte Rheinmetall Landsysteme GmbH arbeiteten ca. 1.500 Beschäftigte an vier Standorten in Unterlüß, Kassel, Kiel und Gersthofen bei Augsburg. Die Stimmung unter der Belegschaft war schlecht, denn das Unternehmen erwog nicht nur Entlassungen, sondern die Schließung ganzer Standorte.[3] Die Bundeswehr hatte zuletzt die Bestellungen der neuen Schützenpanzer Puma reduziert, und auch das Exportgeschäft für Panzer von Rheinmetall lief nicht gut genug. Der zuständige IG-Metall-Bevollmächtigte in Kassel kommentierte: „Die stehen schließlich nicht kurz vor der Pleite, sondern ihnen ist schlicht die Marge nicht hoch genug.“[4] Doch wie wir wissen, kam es anders. Als der Konflikt in der Ukraine nach und nach bis hin zum russischen Angriffskrieg ab dem 24. Februar 2022 eskalierte, schalteten die Regierungen in Europa – und insbesondere in Deutschland durch die von Kanzler Olaf Scholz ausgerufene „Zeitenwende“ – auf massive Aufrüstung um. Anstatt das Panzergeschäft aufzugeben, tat Rheinmetall das Gegenteil und in sukzessiven Umstrukturierungen wurde die Automobilsparte praktisch vom Rüstungsgeschäft geschluckt.[5] Im nunmehr fast ausschließlich auf die Rüstungsproduktion konzentrierten Unternehmen macht der für militärische Rad- und Kettenfahrzeuge verantwortliche Geschäftsbereich „Vehicle Systems“ etwa die Hälfte des Konzernumsatzes aus. Der Umsatz in diesem Bereich stieg außerdem 2025 im Vergleich zum vorherigen Geschäftsjahr überdurchschnittlich um ganze 32% auf knapp 5 Mrd. Euro.[6]
Dieser Panzerboom mag für manche auch aus technischer bzw. militärischer Sicht überraschend erscheinen. Denn aus dem Ukrainekrieg erreichten uns zeitweise täglich Bilder und Videos von teuren Panzerfahrzeugen, die durch billige Drohnen scheinbar mühelos zerstört wurden. In der öffentlichen Debatte wurde daraufhin immer öfter argumentiert, dass Panzer angesichts KI-gestützter Drohnenschwärme auf dem Schlachtfeld nicht mehr überlebensfähig und damit überholt seien. Auch wenn die Entwicklung hier noch keineswegs abgeschlossen ist und die Debatte anhält, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass angesichts des Gegenrüstens und der Entwicklung von neuen Abwehr- und Schutzmaßnahmen ein Verschwinden der Panzer vom modernen Schlachtfeld unwahrscheinlich ist.[7] Viel wichtiger mit Blick auf Rheinmetall ist aber, dass die verantwortlichen Rüstungsbeschaffer in den großen westlichen Armeen unabhängig von allen Drohnen-Programmen am Panzer festhalten und in den letzten Jahren große Stückzahlen bestellt haben.
Rivalität der Systemhäuser – Rheinmetall vs. KNDS
Rheinmetall hat mit seinen Produkten erheblichen Anteil am massiven Wachstum der Fuhrparks europäischer Armeen. Dabei ist die Bundeswehr zentraler Auftraggeber für den Konzern mit einem deutschen Umsatzanteil von 34 Prozent über alle Konzernsparten hinweg (2025).[8] Die Bundeswehr allein ist gerade dabei, 123 neue Leopard-2-Kampfpanzer, 200 neue Schützenpanzer Puma, Hunderte neue Radpanzer Boxer (Projekt „Arminius“), über 350 neue Spähpanzer Luchs 2 und viele andere neue Fahrzeuge zu beschaffen. Rheinmetall hat diese Panzer entweder zusammen mit KNDS entwickelt und teilt sich die Produktion (Boxer, Puma), oder liefert wichtige Komponenten, wie Turm, Waffenanlage bzw. Kanone (Luchs 2, Leopard 2). Auch andere europäische Armeen setzen bei der Aufrüstung oft auf deutsche Produkte von Rheinmetall oder KNDS. Angesichts der Rivalität zwischen den beiden Herstellern sind dabei vor allem Aufträge für den Schützenpanzer KF41 „Lynx“ und den Kampfpanzer KF51 „Panther“ beachtenswert, die Rheinmetall in Eigenregie entwickelt hat, um mit dem gemeinschaftlich gebauten Schützenpanzer Puma bzw. dem von KNDS vertriebenen Kampfpanzer Leopard 2 zu konkurrieren. Zuletzt ist es Rheinmetall gelungen, sich mit diesen beiden Fahrzeugen bei der Ausstattung der Streitkräfte in Ungarn, Italien und der Ukraine durchzusetzen. In allen drei Ländern baut der Konzern Produktionsstandorte für seine Panzer in Kooperation mit lokalen Partnerunternehmen auf.
Wie eingangs zitiert, befindet sich Rheinmetall auf dem Weg zum selbstgesetzten Ziel, ein „globaler Defence-Champion“ zu werden. Natürlich wollen alle Unternehmen wachsen, aber das Rüstungsgeschäft hat besonders starke strukturelle Anreize zur Unternehmenskonzentration. Da die Entwicklungskosten für neue Panzermodelle ausgesprochen hoch und die Entwicklungszeiten sehr lang sind, steigt der mögliche Gewinn in diesem Bereich stark mit den gebauten Stückzahlen. Hohe Profite hängen also von großen Aufträgen ab, und weil diese von relativ wenigen Abnehmern ausgehen, nämlich meist einer Armee pro Land, sind Rüstungsunternehmen besonders daran interessiert, erstens ein Monopol auf ihrem Heimatmarkt zu erreichen, um alle Aufträge auf sich zu vereinen, und zweitens ihre dort entwickelten Produkte an möglichst viele weitere Armeen im Ausland zu verkaufen. In Deutschland ist der Panzermarkt seit Jahrzehnten im Wesentlichen zwischen zwei Akteuren aufgeteilt: Rheinmetall und KNDS (früher KMW). Als sogenannte Systemhäuser hatten sie in der Vergangenheit jeweils einzeln die Führung bei großen Panzerprojekten, konnten aber den jeweils anderen aus politischen Gründen und wegen der hohen Entwicklungskosten einzelner Komponenten bei komplexen Projekten wie dem Leopard 2 nicht gänzlich ausschließen. Auch um aus einer starken Position heraus in Konkurrenz mit anderen Panzerbauern in Europa treten zu können, drängte die Politik in Deutschland schon vor gut zehn Jahren auf eine Fusion von Rheinmetall und KMW.[9] Stattdessen schloss sich KMW mit dem französischen Konzern Nexter zur deutsch-französischen KNDS zusammen. KNDS ist allerdings mit einem zuletzt gemeldeten Umsatz von 3,8 Mrd. Euro (2024) im Vergleich zu Rheinmetall mit 9,94 Mrd. Euro (2025) weiterhin deutlich kleiner.
Noch unterscheiden sich die beiden Unternehmen auch in den Besitzverhältnissen: Rheinmetall ist als Aktiengesellschaft in privatem Streubesitz. Dagegen gehört KNDS zur Hälfte dem französischen Staat und zur Hälfte der privaten deutschen Wegmann-Gruppe. Das soll sich allerdings jetzt ändern: Nachdem es schon länger Gerüchte in diese Richtung gab, schreibt das Handelsblatt, dass der Börsengang von KNDS für Juni/Juli 2026 geplant sei.[10] Das Unternehmen lässt offenbar sogar in Vorbereitung auf den Börsengang einen bisher nicht aufgearbeiteten Korruptionsvorwurf im Zusammenhang mit Rüstungsgeschäften in Katar untersuchen. Mit dem Börsengang von KNDS werden die Karten neu gemischt. In den letzten Jahren wurde für einen solchen Fall immer wieder eine Staatsbeteiligung Deutschlands bei dem Unternehmen ins Spiel gebracht. Armin Papperger wirbt nun wohl in Berlin für ein Modell, in dem Rheinmetall bei KNDS einsteigen und die Bundesregierung ihrerseits Anteile von Rheinmetall erwerben würde.[11] So würde Rheinmetall zu einem Rüstungsgiganten mit direkter deutsch-französischer Staatsbeteiligung, der den Panzer- bzw. Rüstungsmarkt in Europa dominieren würde und im globalen Waffenhandel eine noch größere Rolle spielen könnte.
Den Fuß in jeder Tür beim Kampfpanzer von Morgen
Während der Fusionspoker in die Verlängerung geht, spielt sich die nächste Runde im Streit der deutschen Systemhäuser bei der Entwicklung eines europäischen Kampfpanzers der nächsten Generation ab. Dieser sollte nach ursprünglichen Planungen ab den 2030er Jahren den Leopard 2 und seine Artgenossen in Europa ablösen. Unter anderem, um bei dieser Entwicklung aus einer starken Position gegen die Konkurrenz antreten zu können, hatten deutsche Politiker:innen zur Fusion von Rheinmetall und KMW gedrängt.[12] Stattdessen gibt es heute mehrere konkurrierende Projekte, in denen europäische Panzerbauer in wechselnder Zusammensetzung und aus Steuergeldern finanziert neue Technologien entwickeln.[13]
Da ist zum einen das Main Ground Combat System (MGCS), ein Entwicklungsprojekt unter französisch-deutscher Führung, das nach einigen Jahre Planung seit 2017 an Fahrt aufgenommen hatte und mit Entwicklungskosten von mindestens 8 Mrd. Euro einen neuen europäischen Kampfpanzer entwickeln soll.[14] Doch ähnlich wie das mittlerweile praktisch gescheiterte Flugzeug-Projekt FCAS geriet auch MGCS bald ins Stocken.[15] Auch hier liegt es wieder an Streitigkeiten darüber, welche Technologie aus welchem Land beigesteuert und damit weiterentwickelt werden soll. So steht zum Beispiel die neue 130mm-Panzerkanone von Rheinmetall gegen das 140mm-Konkurrenzprodukt aus dem französischen KNDS-Teilkonzern. Daneben gibt es das mit rund 20 Mio. Euro aus dem EU-Verteidigungsfonds (EDF) finanzierte Projekt MARTE (Main ARmoured Tank of Europe).[16] In dem Konsortium arbeiten gut 40 Unternehmen aus 12 EU-Staaten, darunter Rheinmetall und KNDS, am Design eines neuen europäischen Kampfpanzers. Das zweijährige Projekt begann offiziell im Dezember 2024 und kann eher als konzeptionelle Zuarbeit betrachtet werden.
Angesichts der Streitigkeiten und vagen Aussichten der genannten Projekte, machen sich die europäischen Panzerbauer daran, bestehende Kampfpanzer weiterzuentwickeln, um sich für die Zukunft zu positionieren. KNDS baut den neuen Leopard 2 A8 und Rheinmetall hat nicht nur den modernen KF51 Panther (auf Basis des Leopard 2) im Portfolio, sondern arbeitet über das Gemeinschaftsunternehmen RBSL auch am neuen britischen Challenger 3 und zusammen mit dem Leonardo-Konzern am nächsten italienischen Kampfpanzer (IMBT). Rheinmetall hat damit praktisch bei allen europäischen Entwicklungsprojekten in diesem Bereich einen Fuß in der Tür.
Den Gegenwind organisieren
Es wird deutlich, dass sich der Wind in den letzten Jahren stark zum Vorteil der Panzerproduktion bei Rheinmetall gedreht hat. Das Unternehmen macht große Umsätze und riesige Gewinne, stellt Arbeiter:innen ein und eröffnet neue Standorte. Finanziert durch die massiv gestiegenen Rüstungsausgaben der Regierungen in Deutschland und Europa, baut Rheinmetall nicht nur Panzer für den aktuellen Krieg in der Ukraine, sondern auch für kommende Kriege mit europäischer Beteiligung. Dabei ist es noch keine Ewigkeit her, dass die Lage der Panzersparte etwas ganz anderes nahelegte. Noch leben wir nicht in einer Kriegswirtschaft, in der sich ein militärisch-industrieller Komplex so verfestigt hätte, dass diese Entwicklung unumkehrbar wäre. Es sind politische Entscheidungen über Ausgabenprioritäten, aber auch über die Grundsätze der Außenpolitik, die das alles erst möglich machen. Sorgen wir also dafür, dass aus dem Rückenwind wieder Gegenwind wird, der Rheinmetall und Co. kräftig ins Gesicht bläst.
Anmerkungen
[1] Aktienrückkäufe, Dividenden und neue Ziele: Wie die Deutsche Bank ihre Anleger bei Laune halten will, businessinsider.com, 16.5.2025.
[2] Nels, Anton: Kampfpanzer KF51 Panther. „Game Changer“, Rohrkrepierer oder Rauchsignal?, IMI-Studie 2022/7.
[3] Rheinmetall stellt Panzersparte auf den Prüfstand, cz.de, 8.8.2012.
[4] Rheinmetall prüft Panzersparte, n-tv, 7.8.2012.
[5] Rheinmetall löst seine Automotive-Sparte auf, automobil-produktion.de, 8.2.2021.
[6] Rheinmetall: Bilanzvorlage: Rheinmetall treibt Expansion voran und bleibt auf Erfolgskurs, Pressemitteilung, 11.2.2026.
[7] Ausführlich dazu: Ralf Raths (Panzermuseum Munster) im „Sicherheitshalber“-Podcast #106 vom 8.4.2026.
[8] Rheinmetall auf Rekordkurs – Umsatz mit Panzern steigt um 28 Prozent, handelsblatt.de, 6.11.2025.
[9] Wagner, Jürgen: Airbus für Panzer. Die Fusion von KMW und Nexter – Auftakt einer neuen Rüstungsexportwelle?, IMI-Analyse 2015/024.
[10] KNDS lässt Panzer-Deal mit Katar wegen Korruptionsverdacht prüfen, handelsblatt.de, 26.4.2026.
[11] KNDS: Rheinmetall-Einstieg?, IMI-Aktuell 2025/658.
[12] Wagner, Jürgen: Duell der Panzerbauer: Rheinmetall vs. KMW, IMI-Analyse 2024/42.
[13] Molina, José: EU tank standardization: Current situation and future. Success or a bridge too far?, Universidad de Navarra, 27.12.2024.
[14] Wagner 2024 a.a.O.
[15] Deutschland auf Abbruch von MGCS vorbereitet, hartpunkt.de, 26.2.2026.
[16] Halbzeit bei MARTE: Wichtige Meilensteine erreicht, Europäische Sicherheit & Technik, 26.3.2026.

