IMI-Standpunkt 2009/035 - in: Streitkräfte und Strategien 13.6.09

Ob Angriff oder Verteidigung – die USA wappnen sich für den Krieg im Internet


von: Dirk Eckert | Veröffentlicht am: 17. Juni 2009

Drucken

Hier finden sich ähnliche Artikel

In der virtuellen Welt lauern Gefahren: Plötzlich verschwinden Dateien, der Rechner stürzt ab. Viren, Trojaner, Würmer oder sogar gezielte Hackerangriffe machen Internetnutzern das Leben schwer. Je mehr Unternehmen und Behörden online sind, desto mehr Schaden können solche Attacken anrichten. Über das Netz können Daten gestohlen werden oder Rechner lahmgelegt werden. Gebündelt könnten solche Aktionen die Infrastruktur von modernen Industriegesellschaften schwer schädigen. US-Präsident Barack Obama hat daher am 29. Mai angekündigt, einen eigenen Beauftragten für die Cyber-Sicherheit der Vereinigten Staaten zu berufen:

O-Ton Obama overvoice
„Der Cyberspace ist heute Realität. Genauso wie die Risiken, die damit einhergehen. Es ist die große Ironie des Informationszeitalters, dass gerade die Technologien, die uns ermöglichen, Neues zu schaffen, auch denjenigen mehr Macht geben, die nur zerstören wollen.“

Der neue „Cyber-Zar“, wie er bald genannt wurde, soll laut Obama die Aktivitäten der Regierung in Sachen Cyber-Sicherheit koordinieren. Im Falle einer Cyber-Attacke oder eines Unfalls wäre es seine Aufgabe, die Gegenmaßnahmen zu koordinieren. Der Cybersicherheits-Koordinator wird sein Büro im Weißen Haus haben und sowohl dem Nationalen Sicherheitsrat als auch dem Nationalen Wirtschaftsrat angehören.

O-Ton Obama overvoice
„Von heute an wird unsere digitale Infrastruktur – die Netzwerke und Computer, von denen wir jeden Tag abhängig sind – so behandelt wie nötig: als nationales Vermögen von strategischer Bedeutung. Diese Infrastruktur zu schützen, ist eine Priorität der nationalen Sicherheit. Wir werden sicherstellen, dass diese Netzwerke sicher sind, vertrauenswürdig und unverwüstlich. Wir werden abschrecken, vorbeugen, aufdecken und uns verteidigen gegen Angriffe und jede Störung und jeden Schaden schnell wieder beheben.“

Bedroht sind aber nicht nur private Internetnutzer und Unternehmen, sondern auch das Militär und seine Computer, wie das Pentagon schon erfahren musste. So sind Hacker bereits erfolgreich in das Computernetz des Verteidigungsministeriums eingedrungen und haben Daten zur Entwicklung eines Kampfflugzeuges gestohlen. Barack Obama sagte deshalb:

O-Ton Obama overvoice
„Unser technologischer Vorteil ist der Schlüssel zu Amerikas militärischer Dominanz. Aber unsere Verteidigung und unsere militärischen Netzwerke sind unter dauerhaftem Beschuss: Al Qaida und andere terroristische Gruppen haben von ihrem Verlangen gesprochen, einen Cyber-Angriff auf unser Land zu entfesseln. Solche Angriffe sind schwerer zu entdecken und abzuwehren.“

Das US-Militär sieht den Cyberspace längst als mögliches Schlachtfeld. Und es bereitet sich auf den Kampf im virtuellen Raum gezielt vor. Dabei geht es keineswegs nur um Verteidigung, wie Obama in seiner Rede suggeriert. Seit Jahren spielt das US-Militär durch, wie durch Operationen im Cyberspace konventionelle Attacken unterstützt werden könnten: etwa indem die Kommandostrukturen des Gegners zerstört oder manipuliert werden, oder durch Cyber-Attacken auf zivile Infrastruktur wie Stromwerke oder Banken. Schließlich könnte Propaganda verbreitet werden, etwa indem gegnerische Webseiten gehackt und manipuliert werden.

Unter Aufsicht des US Strategic Command, das innerhalb der amerikanischen Streitkräfte auch für die Nuklearwaffen verantwortlich ist, wird Berichten zufolge bereits an Plänen für offensive Operationen im Cyberspace gearbeitet – nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung“. Auf direkte Nachfrage lehnt es das Pentagon ab, über offensive Operationen zu sprechen. Allerdings bestätigte General Kevin P. Chilton, der das US Strategic Command befehligt, erst am 17. März in einer Anhörung im Streitkräfteausschuss des Repräsentantenhauses, dass der virtuelle Raum für die Militärs ein zentrales potenzielles Gefechtsgebiet ist:

O-Ton Chilton overvoice
„Der Cyberspace ist einer der wichtigsten Operationsbereiche. Es hat sich herausgestellt, dass der Cyberspace ein entscheidendes Schlachtfeld ist, von dem alle anderen abhängen.“

Die militärischen Aktivitäten des US-Militärs im virtuellen Raum sollen jetzt neu geordnet werden. Amerikanische Zeitungen berichteten Ende Mai, dass Obama bald durch einen geheimen Erlass ein neues Cyberkommando einrichten wird. Teilstreitkräfte wie die Luftwaffe oder Geheimdienste wie die National Security Agency (NSA) streiten sich offenbar darum, wem das Kommando zugeschlagen wird.

Der Cyber-Zar, dessen Ernennung Barack Obama Ende Mai angekündigt hat, ist also nur die eine, zivile Seite der Cybersicherheit. Die USA sind aber nicht das einzige Land, das den Cyberspace als militärisch zu besetzenden Raum versteht. Das Pentagon beschuldigt China, massiv Cyberwar-Fähigkeiten aufzubauen. China werden immer wieder Hackerangriffe auf westliche Länder vorgeworfen. Darunter auch Hacker-Angriffe auf das Bundeskanzleramt und das Auswärtige Amt. Peking bestreitet solche Vorwürfe allerdings. Cyberwar-Kapazitäten werden auch in der NATO aufgebaut. Im militärischen NATO-Hauptquartier in Mons sind mehr als 100 Experten damit beschäftigt, die Kommunikationsinfrastruktur des Bündnisses zu schützen. In Estland wurde 2008 das „Cooperative Cyber Defense Centre of Excellence“ der NATO eingerichtet, ein Zentrum, in dem Cyber-Kriegsführung trainiert werden soll. Der Standort ist nicht zufällig gewählt. Estland gilt bei der NATO als das erste Land, das Opfer einer Internet-Attacke wurde. Im Frühjahr 2007 legten Hacker unter anderem die Computer von Ministerien, Parlament, Parteien und Banken lahm. Die NATO werde sich deshalb auf eine neue Art der Kriegsführung vorbereiten, sagte der Oberkommandierende des Allierten Kommandos für Transformation, James Mattis, als das Zentrum in Estland ins Leben gerufen wurde:

O-Ton Mattis overvoice
„Der Cyberspace muss geschützt werden, genau so wie wir Land, Luft und See schützen. Da wir immer abhängiger von Informationstechnologie sind, sollten wir uns der Herausforderung stellen. Wir sollten damit rechnen, dass Datendiebstahl und heimtückische Programmierung im 21. Jahrhundert zu bedeutenden Waffen werden.“

Im Falle Estlands wird Russland als Angreifer vermutet. Denn der Hintergrund für die Attacke war ein Streit um ein sowjetisches Kriegerdenkmal, das Estland aus der Hauptstadt Talinn entfernt hatte. Die russische Regierung bestreitet aber, mit den Angriffen zu tun gehabt zu haben. Somit kämen auch russisch-nationalistische Computeraktivisten als Angreifer infrage. Ob zur Bekämpfung solcher Cyberkriminalität wirklich das Militär ausrücken muss, darf bezweifelt werden. In Deutschland schützen sich Verbraucher, Unternehmen und Behörden bislang erfolgreich selbst beziehungsweise mit Hilfe des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik. Die Bundeswehr ist gerade erst dabei, ihre eigene Cybereinheit aufzubauen.

Ähnliche Artikel