IMI-Studie 2008/01 Teil 2

Sudan und Tschad im Visier der Großmächte

Tschad, Zentralafrikanische Republik, EUFOR

von: Lühr Henken | Veröffentlicht am: 3. Januar 2008

Drucken

Hier finden sich ähnliche Artikel

2. Tschad

Der Tschad, mit 1,28 Mio. km² halb so groß wie der Sudan, ist mit 10 Millionen Einwohnern noch dünner besiedelt als sein östlicher Nachbar. Es hat reiche Vorkommen an Gold, Öl und Uran (Letzteres in der Ennedi-Wüste im Norden an der Grenze zu Libyen).

2.1. Der Tschad im Visier der Großmächte

2.1.1. Öl im Tschad unter US-Kontrolle

Die Ölförderung begann 2002. Die nachgewiesenen Ölreserven werden mit 0,9 Mrd. Barrel angegeben. Damit belegt der Tschad die 42. Stelle der Erdölförderländer, ist also ein kleines Erdölland. Täglich werden 160.000 Barrel gefördert. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich dank des Erdölexports verdreifacht (2002: 2 Mrd. Dollar, 2005: 5,5 Mrd. Dollar). Von dem Boom kommt allerdings bei der verarmten Bevölkerung nichts an. Die Ölfelder liegen südlich von Doba im äußersten Süden nahe an der Grenze zu Kamerun und der Zentralafrikanische Republik (ZAR) und das Öl wird über eine Pipeline durch Kamerun an den Golf von Guinea transportiert. Der Bau der Pipeline kostete 3,7 Mrd. Dollar. Die Konsortialpartner der Pipeline und auch der Ölförderung sind die US-Öl-Multis ExxonMobile (40 %) und Chevron (35 %) sowie die malaysische Petronas (25 %). „Die Einnahmen aus den Schürfrechten werden von der Weltbank kontrolliert, der Tschad selbst zieht aus Lizenzgebühren und Steuern nur einen Gewinn von etwa 12,5 Prozent der Gesamteinnahmen.“[92] Soviel zur Ausbeutungssituation im Verhältnis Nord-Süd.

2.1.2. Frankreichs Einfluss im Tschad

Bis 1960 war der Tschad französische Kolonie. Alle Präsidenten des Tschad danach sind nicht durch Wahlen an die Macht gekommen, sondern haben geputscht. Das US-Außenministerium gibt eine aufschlussreiche Auskunft über die Bedeutung des Tschad in Afrika: „Tschad nimmt eine strategische Lage ein westlich von Sudan, südlich von Libyen, teilt Grenzen mit der Zentralafrikanischen Republik, Kamerun, Nigeria und Niger.“[93] In diesem Bericht des Büros für politisch-militärische Angelegenheiten über US-amerikanische Militärhilfe an afrikanische Länder, wird lediglich drei Ländern Afrikas das Attribut „strategisch“ zuerkannt. Neben dem Tschad ist es Djibouti, wegen seiner Lage am Horn von Afrika und Eritrea am Roten Meer. Dem Tschad kommt demnach nicht nur wegen des Öls aus US-Sicht eine herausgehobene strategische Rolle in Afrika zu, sondern wegen der geographischen Lage. Tschads Nachbar Niger ist der viertgrößte Uranexporteur der Welt, in Libyen und Nigeria zusammen lagern zwei Drittel der nachgewiesenen afrikanischen Ölreserven (soviel wie in Venezuela, Platz 8 der Weltölreserven). Diese Sicht hat sich Frankreich seit Langem zu Eigen gemacht. Frankreich betreibt im Tschad zwei Stützpunkte („Dispositif Épervier“, Falke). In der Hauptstadt N’Djamena unterhält es den Flughafen Afrikas mit der längsten Landebahn, hat unter anderem „sechs Kampfflugzeuge vom Typ Mirage F-1 mit Tank-, Transport- und Spionageflugzeugen sowie mehreren Hubschraubern“[94] und ständig zwei Infanteriekompanien bestehend aus Fremdenlegionären ­– insgesamt zurzeit etwa 1.350 Soldaten – im Land stationiert. Vom Tschad aus werden Kampfeinsätze überall in Afrika geflogen. N’Djamena ist Frankreichs militärisches Luftkreuz in Afrika. Einen zweiten Stützpunkt unterhält Frankreich in Abéché (Osttschad), inklusive Flugplatznutzung. Die Franzosen beobachten mit Argwohn das Vordringen US-amerikanischen Einflusses in ihrer ehemaligen Kolonie.

Der derzeitige tschadische Präsident Idriss Déby, in Frankreich zum Kampfpiloten ausgebildet, kam 1990 durch einen Putsch gegen Hissène Habré, einem Goranen aus dem äußersten Norden des Tschad und erbitterten Feind Ghaddafis, an die Macht. Déby hatte Ende der 80er Jahre mit Unterstützung Ghaddafis seine Invasion im Tschad von Darfur aus vorbereitet und hat sich seitdem mit libyscher, aber vor allem mit französischer Hilfe an der Macht gehalten. Als Mitte April 2006 Rebellenmilizen vor N’Djamena auftauchten, um Déby zu stürzen, „war es die französische Armee, die Déby den Kopf rettete, als französische Soldaten die Positionen der Rebellen auskundschafteten und ein französisches Kampfflugzeug eine Rebellenkolonne mit Raketen beschoß.“[95] „Der tschadische Generalstab (stand) damals faktisch unter französischem Kommando.“[96] Die Wahlen 1996 und 2001 waren gefälscht[97] und die Wahlen im Mai 2006, die von der Opposition boykottiert wurden, waren ebenfalls eine Farce. „Zudem stehlen die Politiker wie die Raben, ein Urteil, das von Transparency International bestätigt wird: Die Anti-Korruptions-Organisation hält Tschad für das korrupteste Land der Welt.“ [98] Die NZZ lässt eine westliche Beobachterin mit Einblick in die Verhältnisse zu Wort kommen: „(Sie) spricht gar von einer ‚Ein-Mann-Mafia’.“[99] Aber das stört weder Frankreich noch die internationale Staatengemeinschaft.

2.1.3. VR China – Débys neue Freunde

Im August 2006 brach Déby die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan ab, um tags darauf neue zur VR China aufzunehmen. Ende Juli 2007 sprudelte zum ersten Mal Öl aus einer von der CNPC gehaltenen Quelle im Tschad. Vereinbart ist auch, dass CNPC im Tschad eine neue Raffinerie baut.

2.2. Rebellen im Tschad und in der ZAR

2.2.1. Rebellengruppen im Tschad

Seit Déby im Jahr 2003 die Verfassung änderte, um nicht nur zwei Amtszeiten regieren zu dürfen, sondern unbegrenzt, hat er richtig Ärger. Der Tschad wird von der Ethnie der Zaghawa beherrscht, obwohl sie nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung stellen. Mit der Verfassungsänderung war die Übereinkunft, die Macht unter den Zaghawas in einem Kollegialprinzip aufzuteilen, zerbrochen. Zudem stand der danach in Paris ermordete Sohn Débys damals zur Nachfolge seines als krank geltenden Vaters (Jahrgang 1952) bereit. Débys Prätorianergarde – alles Zaghawas – desertierte und versucht Déby von Darfur aus zu stürzen. Seine ehemals engsten Vertrauten, die Zwillinge Timan und Tom Erdemi, Neffen Débys, bildeten die Rebellengruppe RFC (engl. Akronym für Movement of the Forces of Change) und sind zum bewaffneten Widerstand übergegangen. 15 Jahre lang waren beide graue Eminenzen des Regimes. Timan war jahrelang Chef des Präsidialbüros, Tom, der frühere Ölminister, lebte eine Zeit lang in Houston (Texas), „hat beste Kontakte zur dortigen Ölindustrie und ist aus Pariser Sicht folglich nicht salonfähig.“[100] Die Putschversuche von Débys Leibgarde im Mai 2004 und Oktober 2005 schlugen fehl. Im April 2006 unternahm ein Zusammenschluss von acht Kampfgruppen unter Einschluss der Erdemi-Zwillinge von Darfur ausgehend über die ZAR den bereits erwähnten Angriff auf N’Djamena. Über den Umweg ZAR, deshalb, „weil im Osten vom Tschad grosse tschadische Truppenverbände stationiert sind, die zudem Unterstützung von den ebenfalls im tschadisch-sudanesischen Grenzgebiet operierenden Rebellen aus Darfur erhalten.“[101]

Im September 2006 startete die Regierung eine neue Offensive gegen die Rebellen im Osten, was zum Tod Hunderter von Rebellen führte. Die Rebellen gingen von Darfur aus – mit Unterstützung darfurischer Janjawid – am 22.10.2006 zum Gegenangriff über und eroberten zeitweise mehrere tschadische Städte, die sie auch wieder verließen. Sogar die größte Stadt im Osten des Tschad Abéché (190.000 Einwohner) konnte von der Rebellengruppe UFDD (Union of Forces for Democratie and Development) zeitweilig erobert werden. Die etwa 3.000 Mann starke UFDD wird geführt vom 60jährigen General Mahamat Nouri, von 2004 bis April 2006 tschadischer Verteidigungsminister[102], ebenfalls ein Gorane wie Habré.

Der zweite wichtige Rebellenführer ist Mahamat Nour. Er gehört den im Nordtschad ansässigen Tama an. Nour hat „angeblich gute Beziehungen ins Nachbarland Sudan, wo er im Ölgeschäft reich geworden sein soll.“[103] Nour und seine FUC (United Front for Democratic Change) waren die militärisch Stärksten beim Angriff auf N’Djamena. Im Dezember 2006 hat er gegen Ölgeld die Seiten gewechselt und wurde im Mai 2007 Verteidigungsminister des Tschad. Seine Truppen waren mehr oder weniger integriert in die Armee, bis es Mitte Oktober 2007 zu einem Kampf zwischen einer 1.000 Mann starken von Nour desertierten Truppe mit Regierungssoldaten kam, dem 20 Rebellen zum Opfer fielen. N`Djamena rief daraufhin in zwei Provinzen des Osttschad bis Ende Oktober den Notstand aus. Ende November kam es zwischen der FUC und Regierungssoldaten zu einem weiteren Zusammenstoß, woraufhin Déby Nour als Verteidigungsminister rauswarf. Dieser flüchtete in die libysche Botschaft in N’Djamena.

Im Osttschad führten die Kämpfe zu einem markanten Anstieg der Binnenflüchtlinge von 30.000 im Mai 2006 auf 180.000 im Mai 2007. Dazu kommen 236.000 Flüchtlinge aus Darfur, die vom UNHCR in 12 Camps betreut werden. Des Weiteren gibt es noch 54.000 Flüchtlinge aus der ZAR, so dass sich im Grenzgebiet insgesamt etwa 470.000 Flüchtlinge aufhalten.[104]

2.2.2. Rebellen in der ZAR

Die ZAR könnte „zu den reichsten Ländern des Kontinents gehören. Es ist eine Region, in der es alles in Überfluss gibt: reichlich Wasser, Wälder voller Tropenholz, Uran, Gold und Diamanten.“[105] Die ZAR belegt Platz 11 bei der Weltproduktion von Diamanten, die im Nordosten abgebaut werden. Diamanten sind mit 36 Prozent des Werts das Hauptexportgut der ZAR. 70 Prozent des tschadischen Gesamtexports geht nach Belgien, 7 Prozent je nach Frankreich und nach Deutschland. 30 Prozent des Imports kommt aus Frankreich. 80 Prozent der Menschen leben in bitterer Armut. Auf der Rangliste der ärmsten Länder liegt die ZAR auf Platz 172 – von 177.

Der derzeitige Präsident Bozizé ist mit Hilfe Débys 2003 an die Macht in Bangui geputscht worden. In der ZAR gibt es seit Jahren eine Aufstandsbewegung. Kämpfe mit der Regierungsarmee führten dort zu 150.000 intern Vertriebenen, 80.000 sind in den Tschad und nach Kamerun geflüchtet.[106] Infolge von Angriffen hat seit Ende Oktober 2006 die Union des forces démocratiques pour le rassemblement (UFDR) einige Städte im Osten des Landes unter Kontrolle gebracht. Tschad hat 150 Soldaten in die ZAR geschickt und Frankreich seine permanent stationierten 200 Mann starke Truppe um 100 Mann sowie Hubschrauber verstärkt. Den Zusammenhang ZAR-Tschad-Sudan erläutert die NZZ im Januar 2007: „Die im Osten von Tschad und im Nordosten der Zentralafrikanischen Republik operierenden Rebellen werden vom Sudan großzügig mit Kriegsmaterial versorgt und in sudanesischen Lagern ausgebildet. Geschickt nutzt Khartum die weitverbreitete Unzufriedenheit mit den Regimen in Ndjamena und Bangui aus, um Revolten zu schüren und die ganze Region zu destabilisieren. In Wirklichkeit geht es Khartum darum, den in letzter Zeit massiv erstarkten Aufständischen in Darfur das Leben schwer zu machen, indem es deren Rückzugsgebiete und Nachschubwege in Tschad bedroht. Der Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik ist dabei ein Nebenprodukt des tschadischen Bürgerkriegs: Khartums Absicht war es wohl, die zentralafrikanischen Rebellen nach Westen vorrücken zu lassen, um die tschadischen Streitkräfte und die mit ihnen verbündeten Darfur-Rebellen im Süden zu umgehen.“[107] Frankreich hat mit der ZAR und auch mit dem Tschad separate militärische Beistandsabkommen. Auf Grundlage dessen griffen französische Fallschirmjäger und Mirage-Bomber zusammen mit ZAR-Truppen Ende März 2007 eine Stadt in der ZAR an, in der sich Rebellen der UFDR befanden. 70 Prozent der Häuser wurden dadurch niedergebrannt und 2.000 der 2.600 Einwohner mussten nach Darfur fliehen.[108]

2.3. EU-Truppe in Tschad und ZAR

Mitte Februar 2007 machte UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon den Vorschlag, 11.000 UN-Blauhelme in den Tschad und in die ZAR zu entsenden. Dazu kam es aber zunächst nicht. Der frisch ernannte französische Außenminister Kouchner machte während des G-8-Treffens Ende Mai 2007 den Vorschlag, einen „humanitären Korridor“ im Tschad einzurichten, der mit 3.000 bis 12.000 Soldaten der EU einen Zugang zu den Flüchtlingslagern in Darfur absichern sollte. Mitte Juli 2007 wurde Frankreich konkret. Es biete etwa 1.500 Soldaten oder Polizisten als Kern europäischer Truppen „zum Schutz der Flüchtlingslager im Tschad“ an. Die Schutztruppe „solle die Milizen abschrecken und Übergriffe verhindern“. Es ginge darum, „möglichst schnell, gleich nach Ende der Regenzeit, zu helfen.“[109] Die Regenzeit endet gewöhnlich im September oder Oktober. Die Aufgaben des Einsatzes hat der UN-Sicherheitsrat in einer von Frankreich eingebrachten Resolution[110] festgelegt. Sie umfasst zwei zusammenhängende Mandate. Erstens: Die UNO stellt in der Mission MINURCAT 300 Polizisten und 50 Verbindungsoffiziere ab, um 800 tschadische Polizisten auszubilden, „die ausschließlich dafür eingesetzt werden soll(en), die öffentliche Ordnung in den Flüchtlingslagern […] aufrechtzuerhalten.“[111] Zweitens: Der zweite Teil der Resolution ist nach Kapitel VII mandatiert und ermächtigt die EU für ein Jahr MINURCAT zu schützen und im Osten Tschads und im Nordosten der ZAR „zum Schutz von gefährdeten Zivilpersonen, insbesondere Flüchtlingen und Binnenvertriebenen, beizutragen, [..] zur Erhöhung der Sicherheit im Einsatzgebiet beizutragen […] und Bewegungsfreiheit der humanitären Helfer zu erleichtern“[112] sowie das UNO-Personal und ihre Einrichtungen zu schützen. Sie firmiert als Überbrückungsmission, bis sie nach einem Jahr von einer vagen UNO-Mission abgelöst wird.

Die Aufgabenbeschreibung ist sehr schwammig, legt das Einsatzgebiet nicht konkret fest, erklärt den unmittelbaren Schutz der Lager und auch die Überwachung der Grenzen nicht zum Aufgabenfeld, hat keine Exitstrategie und enthält keine Festlegungen über die Ausrüstung der Eufor-Truppe. Das UN-Mandat lässt also der EU-Truppe einen breiten Spielraum.

Der Leiter der zuständigen Planungsgruppe im EU-Militärstab umschreibt ihre Aufgabe so: „Damit soll sie der geplanten Darfur Militärintervention von Uno und AU gleichsam den Rücken freihalten. Im Wesentlichen gehe es darum, bewaffnete Gruppen fernzuhalten, die versucht sein könnten, die Grenzgebiete zu destabilisieren.“[113]

Über die Zusammensetzung der EU-Truppe (EUFOR TCHAD/RCA) ist zu erfahren, dass Frankreich 1.400 Soldaten stellt, Polen 400, Irland 350, Schweden und Rumänien je 200, Österreich 160, Finnland 40[114], Belgien 100[115] und die Niederlande 70. Zusätzlich wird in Europa eine Eingreifreserve mit 600 Soldaten bereitgehalten. Kommandant ist der Ire Patrick Nash im Hauptquartier Mont Valérien bei Paris. Vor Ort im Tschad führt der französische General Ganascia das Kommando. Mittlerweile ist der Chefposten des EU-Militärstabs auf den französischen Generalstabschef Bentégeat übergegangen. Daraus wird deutlich, dass es sich um ein französisches Projekt in französischer Hand handelt. Das zeigt sich auch an dem Umstand, dass die EU-Mitglieder keinen Wert darauf legten, ihre binnen zehn Tagen einsetzbaren je 1.500-Mann starken Battlegroups zu verwenden. Dafür standen im 2. Halbjahr 2007 eine italienisch geführte mit slowenischen und ungarischen Anteilen und eine griechisch geführte Battlegroup mit bulgarischen, rumänischen und zypriotischen Anteilen in Bereitschaft. Im ersten Halbjahr 2008 sind es eine schwedisch geführte und eine spanisch geführte Battlegroup.

Es geht Frankreich darum, seine Interessen in Afrika – das sind hier konkret die Macht Débys – zu sichern. Mit einem rein französischen Einsatz könnte der Anschein von Neutralität überhaupt nicht erzielt werden. Deshalb liegt Frankreich sehr daran, seine Einsätze in Afrika oberflächlich zu europäisieren. Das geht so: Frankreich bildet den Kern und behält die Führung und die EU macht die Charade mit, weil sie konkrete Erfahrungen bei der Militarisierung sammeln und die Bevölkerungen ihrer Länder an die EU-Militarisierung gewöhnen will. Die Teilnehmerstaaten versprechen sich einen nationalen Vorteil davon, solange Militärinterventionen, wenn sie denn anscheinend der Humanität dienen, einen Prestigegewinn darstellen. So erhofft sich beispielsweise Österreich von der Teilnahme, bessere Chancen dafür, als nicht-ständiges Mitglied in den UN-Sicherheitsrat gewählt zu werden.

Es bestehen offene Zweifel an der Neutralität der Eufor-Truppe und Widersprüche. Das französische „Dispositif Épervier“ unterstützt die tschadische Regierung beim Kampf gegen die Rebellen. Es bildet das tschadische Militär aus, überfliegt ständig die östliche Grenzregion nach Darfur, liefert Aufklärungsdaten und hat Rebellen bombardiert. Auch konnte die Betankung eines tschadischen Mi-24-Kampfhelikopters durch französische Soldaten auf dem Flugplatz in Abéché beobachtet werden.[116]

Unklar ist, ob Épervier in die Eufor-Truppe integriert wird, oder additiv zu den insgesamt etwa 3.700 Eufor-Soldaten dazu kommt. Gesicherte Erkenntnis ist jedoch, dass Épervier „der EU-Truppe nicht nur logistisch unter die Arme greifen, sondern sicher auch mit Geheimdienstinformationen helfen (wird).“[117] Zurecht bemerkt die NZZ: Zwar sei der Kommandant ein Ire, „doch bleibt es das Geheimnis der Verantwortlichen, wie die französischen Eufor-Soldaten zwischen Tschads Armee und den Rebellen neutral bleiben sollen, während ihre Kollegen von Épervier quasi eine Kriegspartei sind.“[118] Ebenso bemerkenswert ist, dass es offensichtlich einen Widerspruch zwischen der offiziellen Aufgabe, Flüchtlinge und Hilfswerke zu schützen, und den tatsächlichen Notwendigkeiten gibt. „Obwohl in Tschad insgesamt rund 400.000 Flüchtlinge aus Darfur und intern vertriebene Tschader leben, ist keines der Lager jemals von einer Kriegspartei angegriffen worden. Überfälle auf Mitarbeiter von Hilfswerken gehen hauptsächlich auf das Konto von Banditen sowie tschadischen Soldaten und Rebellen aus Darfur, die mit der tschadischen Armee verbunden sind,“[119] schreibt die NZZ. Und die FAZ stellte fest: „In der Region tätige Hilfsorganisationen kämen bisher mit der Versorgung der Leute zurecht und lehnten einen militärischen Schutz ohnehin ab.“[120]

Ein Anfang Oktober 2007 von vier der wichtigsten tschadischen Rebellengruppen (UFDD, UFDD-F, RFC und CNT)[121] unterzeichneter Friedensvertrag mit der tschadischen Regierung, der dann am 25. Oktober in Tripoli in Anwesenheit von Ghaddafi und al-Bashir förmlich unterzeichnet wurde,[122] ist Makulatur. Die Vereinbarung beinhaltet einen sofortigen Waffenstillstand, die Freilassung von Gefangenen, die Teilnahme der Rebellen an der Regierung und den totalen Respekt vor der tschadischen Verfassung. Die Waffenruhe hielt bis zum 26. November. Dann griff die tschadische Nationalarmee (ANT) bei Abou Goulem (liegt zwischen Abéché und der darfurischen Grenze) die UFDD an.[123] Beide Seiten behaupteten gegenseitig Hunderte getötet zu haben. Danach kam es nacheinander zu Kämpfen zwischen der ANT und dem FUC bzw. der RFC. Diese wurden als die stärksten Rebellenangriffe seit Débys Putsch 1990 bezeichnet.[124] Die Rebellengruppen werfen den Franzosen vor, die ANT mit Luftaufklärung zu unterstützen, „wodurch die tschadischen Kampfhubschrauber in der Lage sind, die Rebellen punktgenau zu beschießen.“[125] Die UFDD erklärte, von nun an befinde sie sich „im Kriegszustand mit der französischen Armee und jeder anderen ausländischen Militärmacht auf nationalem Gebiet.“[126] UFDD und RFC haben vereinbart, ihre Militäraktionen zu koordinieren. Es droht im Osttschad ein Zweifrontenkrieg. Es handelt sich also um eine bewaffnete Rebellion, somit um einen Bürgerkrieg im Tschad. Für weitere Verunsicherungen in der Grenzregion sorgen Banditen, deren Zahl mit mehreren Tausend angeben wird.

Sudan beschwerte sich beim UN-Sicherheitsrat darüber, dass der Tschad Ende Dezember seinen Luftraum und sein Territorium verletzt habe, indem es tschadische Rebellen in Westdarfur bombardierte.[127] Diesem Angriff waren bereits Luftangriffe im November 2005 und Dezember 2006 vorausgegangen. Der tschadische Vorwurf an Khartum ist, die tschadischen Rebellen seien mit sudanesischen Waffen ausgerüstet worden. Damit ist die Übereinkunft von Cannes beim Afrikagipfel vom Februar 2007 endgültig Makulatur. Zwischen den Präsidenten al-Bashir, Déby und Bozizé war vereinbart worden, künftig gegenseitig auf die Unterstützung der im jeweiligen Nachbarland operierenden bewaffneten Gruppen zu verzichten. Die von al-Bashir und Déby am 22. Februar 2007 im libyschen Tripolis darüber hinaus getroffene Vereinbarung, gemeinsame gemischte Grenzüberwachungseinheiten zu bilden, um den Waffenschmuggel über die tschadisch-sudanesische Grenze hinweg zu unterbinden, hatte ohnehin nie gegriffen.

Der EU-Plan sieht vor, „permanente Stützpunkte in den Orten Abéché, Iriba, Farchana und Goz Beida sowie in Birao in Zentralafrika (zu) errichten.“[128] Daraus ergibt sich allein im Tschad ein Einsatzgebiet mit den Ausmaßen von etwa 350 mal 150 km. Das sind etwa 50.000 km², was etwa der Größe Niedersachsens entspricht. Im Grenzgebiet befinden sich nach Aussagen des Leiters des Führungsstabs des österreichischen Verteidigungsministeriums Segur-Canbanac bereits 15.000 Soldaten der ANT[129]. Allerdings verzögert sich die Aufstellung von Eufor erheblich. Es fehlen 15 Transport- und sechs Kampfhubschrauber, die wüstentauglich sein müssten, sowie Transportflugzeuge und ein Feldhospital. Mit einer vollständigen Stationierung von Eufor Tchad/RCA wird erst für März 2008 gerechnet. Stimmen sind bereits zu vernehmen, die angesichts der Größe des Einsatzgebiets und der Virulenz der Kämpfe eine Aufstockung der EU-Truppe fordern.

Anmerkungen

[92] DiePresse.com, 6.11.2007

[93] http://www.state.gov/t/pm/rls/rpt/fmtrpt/2006/74682.htm

[94] FAZ 15.4.2006

[95] FAZ 3.5.2006

[96] FAZ 14.7.2007

[97] FAZ 3.5.2006

[98] NZZ 16.5.2006: „Danach kam der Kandidat Déby, der nicht einmal sein Geburtsdatum kennt, auf 77,5 Prozent der Stimmen. Er kann damit seine dritte Amtszeit antreten, nachdem er die Verfassung entsprechend abgeändert hat. Die Wahlbeteiligung, die Beobachter mit offenen Augen für eher tief hielten, gaben die ernst dreinblickenden Herren der Wahlkommission mit 61 Prozent an. Die Afrikanische Union bezeichnete den Wahlvorgang – wie immer – als frei, offen und fair. Débys Zaghawa-Ethnie stellt in Tschad nicht einmal fünf Prozent der Bevölkerung und ist weitherum unbeliebt, weil Vertreter anderer Volksgruppen als Bürger zweiter Klasse behandelt werden…“

[99] ebenda

[100] FAZ 17.1.2006

[101] NZZ 4.5.2006

[102] derStandard.at, 2.12.2007

[103] FAZ 19.4.2006

[104] UNHCR, IDP-Presents in East-Chad, May 2007, http://www.unhcr.org/publ/PUBL/46764ffe2.pdf

[105] Der Spiegel, 3.12.2007

[106] NZZ 27.1.2007

[107] NZZ 27.1.2007

[108] The Independent, Sudantribune.com, 31.3.2007

[109] FAZ 18.7.2006

[110] UN-Sicherheitsrat Resolution 1778 vom 25.9.2007, dt., 6 Seiten

[111] a.a.O., S. 4

[112] ebenda

[113] NZZ 5.10.2007

[114] Björn H. Seibert, African Adventure? Massachusetts Institute of Technologie, MIT Security Studies Working Paper, November 2007, 42 Seiten, S. 8, Fußnote 4, http://web.mit.edu/ssp/Publications/working_papers/WP_07-1.pdf

[115] taz 17.10.2007

[116] NZZ 4.12.2007

[117] NZZ 4.12.2007

[118] NZZ 4.12.2007

[119] NZZ 4.12.2007

[120] FAZ 25.9.2007

[121] NZZ 4.10.2007

[122] Sudantribune.com, 26.10.2007

[123] FAZ 7.12.2007

[124] Sudantribune.com, 9.12.2007

[125] FAZ 7.12.2007

[126] FAZ 1.12.2007

[127] Sudantribune.com, 29.12.2007

[128] NZZ 4.12.2007

[129] volksblatt.at, 28.11.2007,

Ähnliche Artikel