IMI-Standpunkt 2003/010 - in: taz - die tageszeitung, 27.01.2003

PR aus dem Pentagon

Vor dem Waffengang gegen den Irak überarbeitet das US-Militär seine Pressepolitik: Weg vom Pool auserwählter Reporter, hin zur journalistischen Dienstleistung - in eigener Sache, versteht sich

von: Dirk Eckert | Veröffentlicht am: 29. Januar 2003

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Was ist, wenn der Krieg kommt? Soldaten werden in den Irak vorrücken, Journalisten werden die Bilder live in alle Wohnzimmer bringen. Dazu werden sich die obligatorischen Bilder von Präzisionstreffern gesellen, wie sie aus dem Golfkrieg 1991 bekannt sind. Unschöne Leichen amerikanischer Soldaten werden dem weltweiten Fernsehpublikum vorenthalten. Dafür gibt es Geschichten vom amerikanischen Soldaten, Heldenschicksale, die das Herz berühren.

So ungefähr dürfte nach den Vorstellungen des amerikanischen Militärs der Krieg ablaufen. Die Bedeutung der Medien ist den Militärs bewusst, und deshalb wird eifrig vorbereitet. „Die ersten Bilder und Berichte von diesem Konflikt werden entscheidend sein, denn sie bestimmen den Ton für die ganze Kampagne“, zitiert die New York Times James R. Wilkinson, Sprecher des United States Central Command (USCENTCOM), in dessen Kommandogebiet der Irak liegt.

Damit die Journalisten die richtige Perspektive einnehmen, wollen die Militärs sie diesmal ganz nah bei sich haben. Denn im letzten Golfkrieg hätten die „Geschichten über individuellen Heldenmut“ gefehlt, klagte Dan Hatlage vom US-Verteidigungsministerium laut Financial Times. In speziellen Trainingscamps wurden mittlerweile 60 Journalisten für Kriegseinsätze trainiert.

Weitere Kurse sollen folgen, sodass am Ende bis zu 240 Medienleute kriegstauglich sind, von Reportern über Fotografen bis hin zu Kamerateams. Auf dem Lehrplan stehen etwa Erste Hilfe, Umgang mit Minenfeldern oder biologischen und chemischen Waffen. So trainiert sollen die Journalisten den Krieg in die heimischen Wohnzimmerstuben bringen.

Die neue Offenheit des Pentagons sehen manche schon als eine Abkehr vom so genannten Pool-System.

Seit dem Vietnamkrieg haben die Militärs die Medien durch Pools, in die nur ausgewählte Journalisten hineingelassen wurden, immer mehr vom Kriegsgeschehen ferngehalten.

Stattdessen belieferte das Militär die Öffentlichkeit lieber selbst – vor allem mit Video-Clip-artigen Kurzfilmen über Präzisionstreffer aus der Perspektive des Piloten, wie sie im Golfkrieg 1991 oder im Kosovokrieg zu sehen waren.

„Wir hatten Beispiele von Pool-Berichterstattung in Grenada und Panama. Zu voller Blüte kam diese Philosophie im Golfkrieg“, sagte Clarence R. Wyatt, Professor für Geschichte am Centre College in Kentucky, gegenüber der Los Angeles Times. Daran gemessen sei die jetzige Politik „absolut eine Verbesserung“. Einige Journalisten bleiben jedoch skeptisch. „Es gibt eine Redensart beim Militär, nach der kein Plan den ersten Kontakt mit dem Feind überlebt“, zitiert die Los Angeles Times den CNN-Reporter Jamie McIntyre. „Wir haben nicht viel Zugang in Afghanistan bekommen, und es sieht nicht so aus, als würden wir viel Zugang in Irak bekommen.“

Auf einer Konferenz Ende November in Boston waren sich die anwesenden Journalisten – alle mit Erfahrung in Kriegsgebieten – einig, dass das Pentagon unter Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sogar ein neues Niveau in der Kunst der Informationskontrolle erreicht habe. „Das Pentagon praktiziert eine Mangel-an-Informationen-Kriegsführung gegen die Presse“, kritisierte damals Mark Thompson vom Time Magazine.

Die New York Times erklärt sich den Sinneswandel der Militärs auch aus den Erfahrungen, die das US-Militär in Afghanistan machen musste. Dort waren schon zahlreiche Korrespondenten vor Ort, als die ersten US-Bodentruppen eintrafen. Das Militär kann also den Zugang zum Gefechtsfeld gar nicht mehr unterbinden.

Im Zeitalter der Satellitenkommunikation ist folglich auch der Informationsfluss aus dem Kriegsgebiet nicht mehr kontrollierbar. Was das bedeutet, mussten die Militärs erfahren, als sie im Juli 2002 im Süden Afghanistans Dörfer bombardierten und dabei Zivilisten töteten. Das Pentagon beschuldigte zuerst die Taliban, Zivilisten als menschliche Schutzschilde bei militärischen Zielen missbraucht zu haben. Doch dann erfuhren Journalisten von Dorfbewohnern, dass es sich um eine Hochzeitsgesellschaft gehandelt habe.

Die Konsequenz, die das Pentagon laut New York Times zieht, ist folgende: Amerikanische Spezialtruppen berichteten, aus dem Dorf unter Beschuss genommen worden zu sein. Wären also Journalisten bei ihnen gewesen, hätten diese das berichten können. Das Pentagon hätte eine alternative journalistische Version vorweisen können, sodass journalistischer Bericht gegen journalistischen Bericht gestanden hätte.

Und noch etwas hat sich mit dem Krieg gegen die Taliban verändert: Erstmals trat der arabische Fernsehsender al-Dschasira in Erscheinung, der die arabische Welt mit Bildern aus Afghanistan versorgte. Laut Los Angeles Times soll der bessere Zugang der Medien zum US-Militär die Auswirkungen von al-Dschasira abmildern. Denn mit dem in Katar sitzenden Sender existiert ein in der arabischen Welt einflussreicher Kanal, der den Strategen im Pentagon im Kriegsfall gehörig in die Quere kommen könnte.

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