Dokumentation: Tapfer in den Krieg

von: 13. November 2001

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Die Selbstimmunisierung der Politik gegen Zweifel und Gewissen – von HERIBERT PRANTL in der Sueddeutsche Zeitung vom 12. November 2001

Ein altes Wort erwacht. Es reckt sich, es klopft sich den Staub aus dem Wams, es marschiert, vorbei an den alten Kriegerdenkmaelern, in die Hauptstadt Berlin: Dort schuettelt die Tapferkeit dem Bundeskanzler die Hand und geht zusammen mit ihm durch die Reihen des Bundestages. Sie geht hin zum salutierenden CDU/CSU-Fraktionschef Friedrich Merz, hin zum frisch gestriegelten FDP-Parteivorsitzenden Guido Westerwelle und hin zum verlegenen Rezzo Schlauch, dem Fraktionsvorsitzenden der Gruenen. Und sie bleibt besonders lange stehen vor jedem derjenigen Abgeordneten, die sich noch nicht fuer den Krieg entschieden haben – um ihm Mut zuzusprechen und ihn zu dekorieren, wenn er sich doch noch fuer den Krieg entscheidet.

Deutschland soll, Deutschland muss wieder tapfer sein: So sagt es der Verteidigungsminister in die Mikrofone, so diktiert er es in die Notizbloecke, so ruft er auf zur Standhaftigkeit gegen den Terrorismus. Die unaufdringliche Tapferkeit, wie sie der Soldat bisher gelobt hat, wenn er versprach, „der Bundesrepublik treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“- sie reicht angeblich hinten und vorne nicht mehr aus. Wenn es in den Hindukusch und gegen die Terroristen geht, wird eine neue Tapferkeit gefordert, nicht nur von den Soldaten, sondern auch von den Politikern: Sie sollen den kriegskritischen Stimmungen in der Bevoelkerung widerstehen, immun sein gegen die Protestbriefe aus den Wahlkreisen und gefeit gegen die vielen Resolutionen und Demonstrationen, die dazu auffordern, dem Afghanistan-Krieg nicht beizutreten. Sie sollen sich immer dann, wenn sie die Bilder von zerbombten Doerfern und zerfetzten Kindern in Afghanistan sehen, die amerikanischen Bilder vom 11. September vor Augen halten.

Bei aussenpolitischen Notwendigkeiten koenne es eine Gewissensentscheidung nicht geben, sagt der Kanzler. Das also ist die neue Tapferkeit: Selbstimmunisierung gegen Zweifel. Die CDU/CSU/FDP hat die Reihen schon geschlossen. Jeder Kriegskritiker wird dort mit den Saetzen traktiert: Und wie wollen Sie den Terrorismus bekaempfen? Sollen wir denn zum Spielball der Terroristen werden? Erklaerungspflichtig ist zwar eigentlich nicht der Kritiker des Bombeneinsatzes, sondern derjenige, der die Zivilbevoelkerung dabei zu seinem Spielball macht und sich zur Rechtfertigung dafuer auf Notwehr beruft; wer das tut, muss ueblicherweise beweisen, dass seine Mittel zur Verteidigung geboten, geeignet und verhaeltnismaessig sind. Aber diese Beweisregel gilt offenbar nicht, wenn es um die nordatlantische Solidaritaet geht.

Toedliche Medizin

Deshalb sollen sich – Tapferkeit! – nun noch die potenziellen Kriegsgegner in der roten und gruenen Fraktion zusammenreissen und die Tugend zeigen, die einst die heroische genannt wurde: Sie sollen ihr Gewissen ueberwinden, ihre Bedenken zurueckstellen, ihre Zweifel unterdruecken: Im Interesse der rot-gruenen Koalition, des Nato-Buendnisses, der internationalen Terrorbekaempfung, der Solidaritaet mit Amerika und deshalb, weil, wie Guido Westerwelle weiss, sich „Deutschland sonst blamiert in der Welt“. All dies sind Formeln von der Art, die eine lange Tradition haben, die vom grossen Ganzen reden, von der Verantwortung, von der Glaubwuerdigkeit und der bitteren Pflicht. Albert Schweitzer hat 1952, als er den Friedensnobelpreis entgegennahm, gefordert, den Krieg zu verwerfen, „weil er uns der Unmenschlichkeit schuldig werden laesst“. Es ist tapfer zu glauben, dass nun, beim so genannten Anti-Terror Krieg, alles ganz anders ist.

Westerwelle hat die Parole schon bei der Bundestagsdebatte am vergangenen Donnerstag ausgegeben: Der Abgeordnete duerfe sich jetzt nicht zum „Echo von Stimmungen“ in der Bevoelkerung machen. Ist es besser, wenn er sich zum Echo von Bush und Schroeder macht? Tapferkeit definiert sich jetzt offensichtlich so: Hoere im Zweifel lieber auf die Weltmacht, sei gehorsam. Bezeichne diejenigen als unverantwortlich, die einen Bombenstop fordern. Ein Bombenstop, so sagt es Friedrich Merz, wuerde die Leiden des afghanischen Volkes nur verlaengern. Tapfer ist also, wer Bomben als eine besondere Medizin beschreibt: toedlich zunaechst, aber auf lange Sicht doch heilsam. Uebel koenne man eben nur mit Uebel vertreiben, sagt der Tapfere. Dieser gefaehrdet deshalb den Erfolg von Militaeraktionen nicht durch humanitaere Regungen. Er betont immer wieder, dass Afghanistan nicht Vietnam sei. Und er vertraut darauf, dass die Amerikaner schon irgendwie alles richtig machen werden.

Nicht nur den Gewerkschaften, auch den Kirchen wird, wenn sie vor einer Spirale der Gewalt warnen, das 11. Gebot entgegengehalten: Du sollst nicht predigen von Dingen, von denen Du nichts verstehst. So war das auch schon, als der Papst in Jugoslawien-Krieg einen Bombenstop forderte. Doch die christlichen Kirchen, zumal der Papst, reden hier mit der Weisheit einer Institution, die es seit den Tagen Kaiser Neros gibt, die in anderen Zeitraeumen denkt, als es Regierungschefs tun – und die in der Geschichte fast alle Fehler gemacht hat, die man nur machen kann, und daraus wohl einiges gelernt hat. Vor neunhundert Jahren hat der erste Kreuzzug, nach heutigem Sprachgebrauch eine humanitaere Intervention, Jerusalem erobert. Segen ruhte darauf nicht. Wenn es also darum geht, den angeblichen Verstand und die hoehere Weisheit der heute Maechtigen in Frage zu stellen, dann kann die Kirche als Weltmacht von gestern einen ihrer Fuehrer von damals, den Papst Julius III., in den Zeugenstand rufen. Als ein portugiesischer Moench ihn bemitleidete, weil er mit der Herrschaft ueber die ganze Welt belastet sei, hat er geantwortet: Wenn ihr wuesstet, mit wie wenig Aufwand von Verstand die Welt regiert wird, so wuerdet Ihr Euch wundern.

Kein Wunder also, dass im Zuge des Werbefeldzugs fuer Heimatverteidigung fern der Heimat der damalige Bundeswehr-Generalinspekteur Klaus Naumann bereits im Herbst 1995 die Niederschlagung des Boxeraufstands im Jahr 1900 und des Hereroaufstands von 1904 durch deutsche Soldaten als vorbildlich hingestellt hat: Der deutsche Soldat muesse, so lautete schon 1995 die Erklaerung fuer Militaer-Aktionen, wie sie jetzt beschlossen werden sollen, „auch fern der Heimat“ versuchen, „Krisen von seinem Land fern zu halten, das waehrend seines Einsatzes weiter in Frieden lebt“. Im Sommer 1900 hatte bekanntlich Kaiser Wilhelm II. („Pardon wird nicht gegeben“) rund 20 000 Soldaten nach China entsandt, um an der Niederwerfung des Aufstands gegen die europaeische Fremdherrschaft mitzuwirken. Und 1904 hatten deutsche Truppen in Deutsch-Suedwest-Afrika, dem heutigen Namibia, versucht, die aufstaendischen Hereros auszurotten. Es ist fuerwahr ziemlich tapfer, sich auf solche Beispiele zu berufen.

Am tapfersten aber sind die Gruenen, weil sie mit einer Zustimmung zum Kriegsbeschluss ihrem eigenen Untergang ins Auge sehen. Die SPD des Kanzlers Helmut Schmidt hat einst, als es um die Aufstellung von atomar bestueckten Pershing II-Raketen in Deutschland ging, die Friedensbewegung aus der Sozialdemokratie hinausgeekelt – und damit zur Gruendung der gruenen Partei beigetragen. Jetzt fuehrt die Politik unter dem naechsten SPD-Kanzler Schroeder dazu, die Existenz der Gruenen wieder dem Ende zuzufuehren. Das Motto fuer diese gruenen Geschichte lautet also: Die SPD hat’s gegeben, die SPD hat’s genommen. Der Herr sei der gruenen Seele gnaedig.

Erich Kaestner hat in den fuenfziger Jahren, in den Zeiten der Wiederaufruestung und der Kommunistenangst, viel ueber falsche Tapferkeit geschrieben: Er vermisste Zivilcourage bei den Buerokraten, „die nichts als ihre Pflicht tun“, bei den Soldaten, „die nichts als ihre Befehle ausfuehren“, bei all den Kirchlichen, „die nichts weiter plappern koennen als ihre Ideologie“. Kaestner hat damals die Parlamentarier vergessen, die nichts anders tun als das, was ihnen Kanzler und Parteifuehrung vorschreiben. Zivilcourage: Das koennte die Tapferkeit der deutschen Politik sein, Kriegfuehrung abzulehnen und dafuer jegliche andere deutsche Kompetenz zur Terrorbekaempfung und zur Befriedung Afghanistans anzubieten.

Erich Kaestner fragte einmal: „Wer wagt es, sich gegen donnernde Zuege zu stellen?“ Und er antwortete selbst: „Die kleinen Blumen in den Eisenbahnschwellen.“ Es gibt nicht viele kleine Blumen im Deutschen Bundestag. Bei der CDU/CSU/FDP bisher keine einzige.

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