Dokumentation: Die Streitkräftepotentiale und Militäroptionen im Afghanistan-Krieg (Teil 1)

von: 9. Oktober 2001

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von Gerhard Piper (BITS/ami)

NEWS-Press-Report 2001.40, 7 October 2001

Special Edition

(Stand: 7. Oktober 2001, D-Day)
(The Military Build-up and Military Options in the Middle East)
7 October 2001

(50 Seiten / Pages !!!)

Einleitung

Heute haben die US-Streitkräfte ohne formelle Kriegserklärung Afghanistan angegriffen. Die Angriffe begangen mitten in der Nacht. (Die afghanische Lokalzeit liegt 4,5 Stunden vor der Weltzeit UTC (= Zulu-Zeit), das sind 3,5 Stunden vor der deutschen Normalzeit.) Ziel des Angriffs waren die Stellungen der Taliban und der Al Qaida. Die US-Attacke erfolgte als Vergeltung für die Terroranschläge auf das National Defense Buildung (Pentagon) in Washington und das World Trade Center in New York, in dem mehrere US-Geheimdienste und die US-Streitkräfte ihre lokalen Büros unterhielten, am 11. September 2001. Durch diese Terroranschläge verloren die USA an einem Tag schätzungsweise 6000 Menschenleben, das entspricht der Zahl der Toten, die die USA während des Vietnamkrieges in einem ganzen Jahr zu beklagen hatten. Eine Namesliste der Mordopfer hat CNN auf seiner Website veröffenticht: http://asia.cnn.com/SPECIALS/2001/trade.center/

Den USA mit ihren europäischen NATO-Partner, ihren arabischen „Freunden“ und ihren pazifischen ANZUS-Partnern stehen auf der anderen Seite tausende von islamistischen Mujahedin von Algerien bis Philippinen gegenüber. Außerdem soll die Al Qaida in sechzig Staaten präsent sein. Zwar kann die tatsächliche Kampfkraft der „Gotteskrieger“ nicht eingeschätzt werden, aber von beiden Kriegsparteien wird angenommen, daß sie über ABC-Waffen verfügen.

Wie das Pentagon am 17. September 2001 mitteilte, bereiteten die USA ihren Einsatz unter größter Geheimhaltung vor. (Jamie McIntyre, ´New War´ to be fought with unprecedented secrecy, CNN, 17.9.2001) Im Internet wurden verschiedene offizielle Web-Seiten der Streitkräfte abgeschaltet, daher lassen sich aktuelle Informationen nur noch bedingt durch amtliche Quellen überprüfen. Außerdem ist mit der gezielten Verbreitung von Desinformation zu rechnen. Mit Kriegsbeginn wird sich die Informationslage extrem verschlechtern, da in Afghanistan kaum noch ein ausländischer Journalist anwesend ist!

Im Folgenden wird zunächst das in der Presse diskutierte Kriegsszenario vorgestellt, und danach die Streitkräftekontingente, insbesondere der USA, dargestellt. Aus der Tatsache, daß die US-Generalität nur die Verbände einsetzen kann, die vor Ort verfügbar sind, ergibt sich im Umkehrschluß, daß aus dem Truppenaufgebot Rückschlüsse auf die Operationsplanung gezogen werden können. Dabei bildet die hier aus offenen Quellen zusammengestellte Übersicht des Truppenaufmarsches die Grundlage zur späteren Bestimmung der Gefechtsordnung (Order of the Battle – ORBAT).

I. Kriegsszenario

Die am Persischen Golf ständig präsenten Truppenteile wurden in den letzten Wochen verstärkt durch die CENTCOM-Verstärkungskräfte in den USA und weitere Einheiten, die normalerweise den anderen Regionalkommandos in den USA, Europa (EUCOM) mit Hauptquartier in Stuttgart-Vaihingen und dem pazifischen Raum (PACOM), zugeteilt sind. EUCOM wird z. Zt. vom NATO-Oberbefehlshaber General Joseph W. Ralston kommandiert, PACOM untersteht General William J. Begert. Außerdem wurden mindestens 15.475 Reservisten einberufen. Der Kodename für den Truppenaufmarsch lautete zunächst Operation INFINITE JUSTICE. Nach Protesten islamischer Geistlicher wurde der Name in „ENDURING FREEDOM“ geändert. Der Deckname für die Angriffsoperation wurde noch nicht bekannt.

a) Angriff auf Afghanistan

Nach einem Bericht des Wall Street Journal vom 17. September 2001 hatten die US-Streitkräfte schon nach den Terroranschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania einen entsprechenden Einsatzplan ausgearbeitet; Präsident Clinton hatte eine Ermordung bin Ladens angeordnet, aber die afghanische Söldnertruppe konnte den Auftrag nicht ausführen. Durch die Stationierung von US-Truppen in den innerasiatischen Ex-Sowjetrepubliken, die Flugzeugträger am Persischen Golf bzw. im Arabischen Meer und die Dislozierung in Pakistan ist Afghanistan durch US-Einheiten eingekreist. Nach Spekulationen in der Presse laufen die Einsatzplanungen darauf hinaus, daß Sondereinheiten (Delta Force oder DevGru) Osama bin Laden – tot oder lebendig – gefangen nehmen sollen. Da die Lufttransporteinheiten der Sondereinheiten (Night Stalkers) geräuscharm operieren können und über absolute Blindflugfähigkeit verfügen, ist mit einem „Raid“-artigen Einsatz während der Nacht zu rechnen. Dabei werden die Stoßtrupps von Rangers und möglicherweise von Fallschirmjägern als Deckungstruppen unterstützt. Transporthubschrauber UH-60 Black Hawk und Kampfhubschrauber AH-64 Apache kommen zum Einsatz. Darüber hinaus gewähren Gunship der Luftwaffe Feuerunterstützung. Die Operation folgt dem Muster der Operation EAGLE CLAW zur Befreiung der amerikanischen Geiseln in der US-Botschaft in Teheran durch die Delta Force am 24. April 1980. (Charlie A. Beckwith, Delta Force, New York, 1983)

Da sich die Taliban in Tunnel- und Höhlensystemen verschanzt haben, müßten die US-Streitkräfte zu Methoden der Tunnelkriegsführung übergehen, wie sie sie zuletzt während des Vietnam-Krieges bei den Kämpfen um Cu Chi und dem „Goldenen Dreieck“ beidseits des Mekong angewendet haben. Solche Einsätze sind sehr verlustreich. Soldaten müßten sich als sogenannte „tunnel rats“ freiwillig melden.

Das aktuelle Szenario geht offensichtlich über eine bloße Festnahme von Osama bin Laden und seiner Gefolgsleute weit hinaus: Die Luftstreitkräfte und die Marineflieger an Bord der Flugzeugträger bombardieren gleichzeitig die Taliban. Dabei werden auch Marschflugkörper eingesetzt. Auch werden Bodentruppen eingesetzt, die sich aus verschiedenen US-Divisionen zusammensetzen. Zum Teil kommen auch die Verbände der afghanischen Nordallianz, die mit den Taliban verfeindet sind, zum Einsatz.

Nach Pressemeldungen schwanken die Optionen der US-Einsatzplanung zwischen einer „high-end“- und einer „low-end“-Zielsetzung. (Jamie McIntyre, ´New War´to be fought with unprecedented secrecy, CNN, 17.9.2001)

Mit folgenden militärisch-operativen Problemen ist zu rechnen:

1. Fehlen eines HUMINT-Aufklärungsnetzes der CIA in Afghanistan
2. Lokalisierung von Osama bin Laden
3. Zerklüftung der Gebirgslandschaft
4. Minengefahr durch zahlreiche, wahllos verlegte Minen (**)
5. Logistische Probleme durch Wasser- und Nahrungsmittelmangel in Folge jahrelanger Dürre
6. Mangelnde Orientierungsmöglichkeiten im Gelände wegen fehlender Karten (*)
7. Fehlende Deckung durch fehlenden Bewuchs

Anmerkungen: (*) Der militärgeographische Dienst der US-Streitkräfte, die National Imagery and Mapping Agency (NIMA), kann nicht genügend genaue Karten über Afghanistan in der befristeten Zeit produzieren, so daß z.B. bisher nur ein Drittel der benötigten Referenzpunkte für Präzisionsangriffe festgelegt werden konnten. (David A. Fulghum / Robert Wall, U.S. To move first, plan details later, Aviation Week & Space Technology, 24.9.2001, S. 40) (**) In Afghanistan sind mindestens 5-7 Millionen Anti-Personen- und Anti-Panzer-Minen verlegt worden. Betroffen ist eine Fläche von 750 Mio. qm. Die Minengefahr hat bisher rund 400.000 Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert, jährlich kommen tausend weitere Minenunfälle hinzu. Im letzten Jahr wurden durch UN-Hilfe 16.000 Minen geräumt.

Innerhalb der Bush-Administration gibt es zwischen Falken und Tauben Streit über die politischen Zielsetzungen der US-Militäraktion: Während US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice erklärte, das Ziel der US-Regierung sei der Sturz des Taliban-Regimes, widersprach dem US-Außenminister General a. D. Colin Powell. Er erklärte, die USA wollten nur Osama bin Mohammed bin Laden gefangen nehmen. Für eine Umsturzplanung spricht auch das Auftauchen einer vertraulichen diplomatischen Note, mit der die US-Regierung bei den europäischen Partnern um Unterstützung für einen Sturz des Taliban-Regimes warb. (Ian Traylor / Gary Younge, Secret memo reveals US plan to overthrow Taliban regime, Guardian, 21.9.2001)

Es heißt, nach der Zerschlagung der Taliban will die US-Regierung den alten afghanischen König Mohammed Zahir Schah als neue Integrationsfigur vorrübergehend inthronisieren, um das Land längerfristig unter UN-Kuratel zu stellen. (Brigitte Voykowitsch, Neuer alter König für Afghanistan, Der Standard, 24.9.2001, S. 6)

b) Angriff auf den Irak?

Der Widerspruch zwischen der deklaratorischen US-Politik, die die Öffentlichkeit beruhigen will, und dem faktischen US-Truppenaufmarsch ist eklatant und gibt zu Spekulationen anlaß: So scheint ein Angriff auf den Irak in einer zweiten, späteren Kriegsphase, nicht ausgeschlossen, sobald der US-Aufmarsch abgeschlossen ist. Bis dahin können noch mehrere Wochen vergehen, während der die US-Regierung beobachtet, welchen Reaktionen die Attacke auf Afghanistan ausgelöst haben wird. Demgemäß würde sich die beschwichtigende Äußerung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, die USA beabsichtigten keine Luftoffensive nach dem Muster der Operation DESERT STORM, womöglich nur auf den Kampf gegen die Taliban beziehen.

Für die Befürchtung, der Afghanistankrieg könnte auf den Irak ausgeweitet werden, gibt es mehrere Gründe:

1. Der Golfkrieg unter US-Präsident George Bush Sen. endete 1991 mit einem Waffenstillstand, ohne daß der irakische Diktator Saddam Hussein gestürzt worden wäre. Nun heißt es vollmundig, US-Präsident George Bush Jun. wolle das Werk seines Vaters vollenden. Seit dessen Amtsantritt am 20.1.2001 wurden die CIA-Mittel zum Sturz der Regierung in Bagdad erhöht. Seit Jahresanfang kommt es im verstärkten Umfang zu militärischen Zwischenfällen zwischen beiden Seiten. (Stratfor, U.S. Operation against Iraq underway, Stratfor, 15.8.2001; Gerald F. Seib, Decision Time? George W. and Saddam appear to be nearing a reckoning point, Wall Street Journal, 15.8.2001; Andrew Koch, US, UK intensify air strikes on Iraqi SAM forces, Jane’s Defence Weekly, 19.9.2001, S. 8)

2. Um die Al Qaida auszuschalten, wären kaum tausend Mann der US-Elitetruppen notwendig. Die Größendimension des Truppenaufmarsch weist auf wesentlich weitergehende Ziele. Außerdem werden die US-Truppen auch dort verstärkt, wo sie für einen Krieg gegen Afghanistan völlig fehl am Platze wären, z. B. in der Türkei, die keine gemeinsame Grenze mit Afghanistan hat. Daher ist der Verdacht begründet, die USA ziehen unter dem Vorwand der Terroristenbekämpfung ihre Militärverbände in der Golfregion zusammen, um später gegen den Irak loszuschlagen.

3. Die lancierten Meldungen, die Attentäter von New York und Washington hätten Verbindungen zum irakischen Geheimdienst gehabt, sollen als Legitimationsgrundlage für US-Angriffe herhalten.

4. Der Defense Policy Board, ein Zusammenschluß von „elder statesman“ im Pentagon, hat sich für diese Option ausgesprochen. Neben dem Vorsitzen Richard Perle gehören dem Gremium an: Henry Kissinger, James Schlesinger, Dan Quayle und Newt Gingrich. (Michael Hirsh / Roy Gutman, Powell in the Middle, Newsweek, 1.10.2001)

5. Seit dem 7. August 2001 haben die amerikanischen und englischen Luftstreitkräfte wiederholt Ziele im Irak bombardiert. Auch nach dem 11. September gab es vereinzelt US-Angriffsflüge auf den Irak. Für einen Krieg gegen den Irak haben die US-Streitkräfte den Operationsplan OPLAN 1003 in der Schublade.

6. Die irakische Regierung selbst rechnet mit einem US-Angriff. Die irakischen Streitkräfte wurden in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Anders als beim Golfkrieg 1991 hat Saddam Hussein gemäß den früheren Ankündigungen der US-Regierung heute keine politische post-war-Perspektive. Diesmal wird der irakische Dikator seinen Streitkräften nicht befehlen wird, die irakischen Kampfflugzeuge ins iranische Exil auszufliegen und die Hände einfach hoch zunehmen, sobald US-Bodentruppen anmarschiert kommen.

Gegen einen US-Angriff auf den Irak spricht:

1. Die deklaratorische Politik der US-Regierung und ihre Versicherungen gegenüber ihren arabischen Bündnispartnern, daß außer Afghanistan kein weiterer Staat angegriffen werden würde.

2. Anders als im Golfkrieg 1990/91 kann der Irak heute nicht als Aggressor dargestellt werden. Vielmehr macht sich die irakische Regierung Hoffnungen darauf, daß im nächsten Jahr die internationalen Sanktionen endlich aufgehoben werden und zeigt daher „Wohlverhalten“.

3. Die Angst der USA vor einer Eskalation des Konfliktes.

c) Eskalationsgefahren

Entgegen den anfänglichen Ankündigungen von US-Präsident George Bush über einen „Kreuzzug“, einen jahrelangen Krieg und viele Todesopfer unter den amerikanischen Soldaten, scheint nun die US-Politik darauf ausgerichtet sein, jeglichen Militäreinsatz möglichst klein zu halten. Denn abgesehen von dem Streit innerhalb der US-Regierung über den Umfang der beabsichtigten Militäraktion, birgt jegliche Operation nicht kalkulierbare Gefahren, die erst im Verlauf der operativen Planungen nach und nach sichtbar wurden.

1. Bei einem US-Angriff auf Afghanistan ist mit Protestaktionen der Bevölkerung in zahlreichen moslemischen Staaten zu rechnen, wie dies schon bei früheren US-Angriffen der Fall war.

2. Der Gegner – die Al Qaida bzw. die Taliban – verfügen über weltweite, clandestine Strukturen und zahlreiche militante Bündnispartner von Algerien bis zu den Philippinen.

3. US-Präsident hatte anfangs gedroht, nicht nur die Terroristen zu jagen, sondern alle Staaten die diesen Unterstützung gewähren. Demgemäß forderte der frühere Chef des US-Generalstabes Admiral Thomas Moorer, die USA sollten nun Syrien, Irak und Iran angreifen. (John Edwards, Top Military Commanders Warn of Larger, Global War, 3.10.2001, http://www.newsmax.com/archives/articles/2001/10/2/222750.shtml)

4. Die Al Qaida hat mehrfach bei Terroraktionen ihre Schlagkraft unter Beweis gestellt und steht außerdem im Verdacht, über Massenvernichtungswaffen (Weapons of Mass Destruction – WMD) zu verfügen. Zwar sei an dieser Stelle ausdrücklich vor jedem Alarmismus gewarnt, aber es wäre fahrlässig, die verschiedenen Meldungen diesbezüglich zu ignorieren. Während früher die Sprecher der Friedensbewegung vor einem Einsatz von ABC-Waffen warnten, kommen heute die Warnungen von führenden Vertreter der Staatsapparate, wie z. B. dem früheren US-Verteidigungsminister William Perry, (N.N., Former defense secretary says biggest threat to U.S. is biological, nuclear terrorism, San Jose Mercury News, 23.9.2001) und der amtierende Amtsinhaber Donald H. Rumsfeld. (James Dao, Defense Secretary Warns of Unconventional Attacks, New York Times, 1.10.2001)

5. Die Al Qaida ist entschlossen, den Krieg nicht nur auf eigenem Territorium, sondern auch im US-Mutterland auszufechten.

6. Die Anschläge von New York und Washington haben gezeigt, daß Al Qaida nach den Regeln „asymmetrischer Kriegführung“ (US-Militärjargon) mit möglichst geringen Mitteln einen möglichst großen ökonomischen Schaden verursachen will. Ein größerer Krieg im Nahen Osten könnte sich negativ auf die Erdölversorgung der Industriestaaten auswirken und damit die bestehenden Rezessionstendenzen in den USA verschärfen.

Die US-Streitkräfte haben zwar eine Nuklearkriegsdoktrin (Doctrine for Joint Nuclear Operations) entworfen, die auch den Kampf gegen mit ABC-Waffen ausgerüstete Terroristengruppen einbezieht, aber nun zeigt sich, daß diese Pläne einer militaristische Phantasie entsprachen, und kaum in die Praxis umgesetzt werden können. Für diesen Zweck lagern 45 bis 50 Wasserstoffbomben vom Typ B-61-11 mit einer Sprengkraft von mindestens 10 Kilotonnen lagern auf dem US-Fliegerhorst Whiteman AFB, um durch B-2A-Bomber gegebenfalls gegen Schwellenländer oder Terrorgruppen eingesetzt zu werden. Aber nur einige Exzentriker, wie z. B. der frühere Konstrukteur der amerikanischen Neutronenbombe Sam Cohen, empfahlen jetzt ihrer Regierung den Ersteinsatz von Atomwaffen in Afghanistan. (Wes Vernon, Father of Neutron Bomb: Use it on Osama, 24.9.2001, http://www.newsmax.com/archive/articles/2001/9/24/100538.shtml) Es ist zweifelhaft, daß die US-Regierung im Verlauf des bevorstehenden Konfliktes – wie bisher üblich – eine Eskalationsdominanz aufbauen und durchhalten kann. Vielmehr besteht die Gefahr einer unkontrollierten horizontalen und vertikalen Eskalation.

II. Amerikanische Streitkräfte

Nach der CinC-Klausel der amerikanischen Verfassung ist der Präsident zugleich Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte. Seit dem 20. Januar diesen Jahres ist dies George W. Bush Jr. Im Zivilleben war der Texaner Rinderzüchter und Ölproduzent. Er verfügt kaum über militärische Erfahrungen, Fronterfahrungen hat er nicht. Während des Vietnamkrieges diente Bush lediglich bei der Air National Guard (ANG) in den USA, wo er einen Jagdaufklärer (R)F-101 Voodoo flog. Sein wichtigster militärischer Berater ist der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs. Dies war bis Ende September General Henry H. Shelton, ein ehemaliger Kommandeur der US-Sondereinheiten; seit dem 1. Oktober 2001 ist Luftwaffengeneral Richard B. Myers neuer Chairman der Joint Chiefs of Staff (CJCS). Als Kommandeur des US-Weltraumkommandos „spielte“ General Myers früher mit Satelliten etc.

Die US-Streitkräfte haben ihre weltweit verteilten Truppen regionalen Kommandos unterstellt. Für den Nahen Osten ist das U.S. Central Command (CENTCOM) federführend. Dieses wird seit dem 6. Juli 2000 von CINCCENTCOM Generalleutnant Tommy R. Franks (US Army) kommandiert. Franks Stellvertreter und Chef des Stabes ist Generalleutnant Michael P. DeLong von der Marineinfanterie.

Franks hat sein Hauptquartier fernab auf dem Fliegerhorst Leslie MacDill AFB bei Tampa im US-Bundesstaat Florida. Nach einigem Zögern der saudi-arabischen Regierung konnten die US-Streitkräfte auf dem Luftstützpunkt Prinz Sultan AFB eine vorgeschobene Kommandozentrale einrichten, die von Generalleutnant Charles Wald befehligt wird. (Julian Borger / Ian Traynor / Richard Norton-Taylor, A conflict like no other seen before, Guardian, 22.9.2001)

Bei den Streitkräften, über die CENTCOM nun verfügen kann, ist zwischen drei Kategorien zu unterscheiden:
1. CENTCOM-Einheiten die ständig am Persischen Golf bzw. im Arabischen Meer präsent sind (*),
2. CENTCOM-Einheiten, die in Friedenszeiten in den USA disloziert sind und erst für den Kriegsfall in den Nahen Osten überführt werden,
3. Einheiten, die extra für den jetzt beginnenden „Kreuzzug“ CENTCOM zeitweilig zugeordnet werden.

Anmerkung: (*) Dies sind in der Regel bis zu 25.000 Soldaten, zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge, 200 Flugzeuge und maximal 30 Kriegsschiffe. Mittlerweile sollen 600 alliierte Flugzeuge in der Region disloziert worden sein. (Michael Smith, America sets up its Asian launch pad, Telegraph, 24.9.2001) Die US wolle ihre Streitkräfte von rund 30 Basen aus einsetzen. (Michael Evans, US plans for battle on multiple fronts, The Times, UK, 1.10.2001)

1. Heeresverbände

a) ARCENT

Die Heeresverbände am Persischen Golf sind im U.S. Army Central Command (ARCENT) zusammengefaßt, das sein Hauptquartier im amerikanischen Fort McPherson hat. Kommandeur ist Generalleutnant Paul T. Mikolashek. Der Stab in Ft. McPherson ist soweit ausgebaut, daß er als Kommandozentrale für eine Coalition/Joint Task Force (C(JTF) eingesetzt werden kann, die sich aus Armee-, Luftwaffen-, Marine- und Marineinfanterieverbänden zusammensetzt. (Tommy R. Franks, Full Spectrum – Fully Engaged, Army, October 2000, S. 182) Ein vorgeschobener Stab (C/JTF (Forward)) befindet sich im kuwaitischen Camp Doha. Dieser setzt sich aus 55 Soldaten zusammen, darunter auch Offiziere aus dem Vereinigten Königreich, Australien und Neu-Seeland. Im Bedarfsfall kann der mobile, digitalisierte Gefechtsstandskomplex „Lucky Main“ aus den USA eingeflogen werden. (Tommy R. Franks, Full Spectrum – Fully Engaged, Army, October 2000, S. 185)

Die Truppenteile werden von der 3. Armee (THREEUSA) gestellt. Die Einheiten am Golf umfassen rund 2070 Mann, die auf Kuwait, Saudi-Arabien und Qatar verteilt sind. Im kuwaitischen Camp Doha ist das Hauptquartier einer gekaderten Panzerbrigade, die sich aus zwei Panzer-, einem Infanterie- und einem Artilleriebataillon zusammensetzt. Darüber sind in Camp Doha und im saudi-arabischen Al Kharj jeweils zwei Batterien mit Flugabwehrraketen Patriot PAC-2 stationiert. Die Raketen werden wahrscheinlich kurzfristig durch verbesserte Patriot PAC-3 ersetzt, mit deren Einsatzreife eigentlich erst für den Herbst gerechnet wurde. (David A. Fulghum / Robert Wall, U.S. To move first, plan details later, Aviation Week & Space Technology, 24.9.2001, S. 41)

Das Militärmaterial für eine weitere Panzer-Reservebrigade (rund 500 Kampfpanzer M-1 Abrams) ist in Qatar eingelagert. (Michael Smith, US places two airborne divisions on alert, Telegraph, 14.9.2001) Die US-Heeresflieger (US Army Aviation) haben mehrere Flugzeuge und Hubschrauber abgestellt. Größere Materialdepots befinden sich im kuwaitischen Doha und in Qatar; weiteres Material ist auf dem pazifischen Atoll Diego Garcia und auf US-Stützpunkten in Israel eingelagert.

b) Verstärkungen / Reinforcements

Die am Persischen Golf stationierten Bodentruppen werden durch weitere Großverbände ergänzt. (N.N., Command & Staff, Army, October 2000, S. 215ff) Drei Divisionen erhielten am 21. September ihre Marschbefehle. (AFP, 21.9.2001) Genannt werden:

82nd Airborne Division (All American)
HQ: Fort Bragg, North Carolina

Die 82. Fallschirmjägerdivision umfaßt 15.000 Mann und ist gegliedert in: 1st Brigade, 2nd Brigade, 3rd Brigade, Aviation Brigade, Division Artillery und Division Support Command (alle Ft. Bragg). Auf Grund des gebirgigen Geländes in Afghanistan sind die dortigen Möglichkeiten für Luftlandungen begrenzt.

4th Infantry Division (Mechanized)
HQ: Fort Hood, Texas

Die 4. Infanteriedivision besteht aus: 1st Brigade (Ft. Hood), 2nd Brigade (Ft. Hood), 3rd Brigade (Ft. Carson), 4th Brigade (Ft. Hood), Division Artillery (Ft. Hood) und Division Support Command (Ft. Hood). Der Verband gilt als Testeinheit, zur praktischen Erprobung von modernstem Kriegsgerät. (Barnaby J. Feder, The Weapons: New Military Systems May Be Tested in Field in ´War Against Terrorism´, New York Times, 1.10.2001)

10th Mountain Division (Light Infantry)
HQ: Fort Drum, New York.

Die 10. Gebirgsjägerdivision ist in folgende Verbände gegliedert: 1st Brigade, 2nd Brigade, 10th Aviation Brigade, Division Artillery und Division Support Command (alle Ft. Drum).

In den letzten Monaten gab es wiederholt Meldungen, die die geringe Einsatzbereitschaft der Division kritisierten, andererseits ist die 10th Mountain Division die einzige Gebirgsjägerdivision der US-Army. Anfang Oktober erhielten die ersten 1000 Gebirgjäger ihren Marschbefehl zur Verlegung nach Uzbekistan und Tadschikistan. (Michael R. Gordon / Eric Schmitt, Pentagon Tries to Avoid Using Pakistan Bases, New York Times, 3.10.2001) Dies wurde vom Pentagon später dementiert. (Vernon Loeb, Army Division Has Not Departed, Washington Post, 4.10.2001)

c) Sonstige

Die 101. Luftlandedivision „Screaming Eagle“ aus Ft. Campbell und die 3. Infanteriedivision werden z. Zt. auf dem Balkan eingesetzt und stehen nur dann zur Verfügung, wenn sie dort durch europäische NATO-Truppen abgelöst werden.

2. Luftstreitkräfte

a) CENTAF

Die Luftstreitkräfte am Persischen Golf unterstehen dem Central Command Air Forces (CENTAF), das sein Hauptquartier auf dem Luftstützpunkt Shaw AFB in South-Carolina hat. Auf dem Fliegerhorst Prince Sultan AB in Saudi-Arabien befindet sich ein Combined Air Operations Center (CAOC), von dem sich der gesamte Luftraum im Persischen Golf überwachen läßt und das daher als vorgeschobener Gefechtsstand geeignet ist. (Vernon Loeb / Dana Priest, Saudis Balk at U.S. Use of Key Facility, Washington Post, 22.9.2001, S. A01) Kommandeur ist z. Zt. Generalleutnant Charles F. Wald, der jetzt eigentlich durch Generalmajor T. Michael Moseley abgelöst werden sollte. Die fliegenden Einheiten sind in der 9. Luftflotte (9th Air Force) zusammengefaßt.

Am Persischen Golf dauerhaft präsent ist das 23rd Composite Fighter Wing (Flying Tigers), das seinen Heimatstützpunkt auf der Pope AFB in North Carolina hat. Das gemischte Geschwader soll sich zur Zeit aus vier Staffeln zusammensetzen. Die 2. und die 41. Lufttransportstaffel sind nur zeitweise dem Geschwader unterstellt und sind mit C-130 Hercules ausgerüstet; die 74. Kampfstaffel (Flying Tigers) verfügt vermutlich über Jagdflugzeuge F-16D Fighting Falcon, und die 75. Kampfstaffel (Tiger Sharks) fliegt Erdkampfunterstützungsflugzeuge vom Typ A-10A Thunderbolt II, die bekanntlich Uranmunition verschießen können.

Die CENTCOM-Luftstreitkräfte werden ergänzt durch das 363. Flugwarngeschwader, das auf der Prinz Sultan Flugbasis im saudi-arabischen Al Kharj stationiert ist. Dieser Verband gehört normalerweise zum Air Combat Command in den USA.

Aktuelle Gliederung des 363rd Airborne Early Warning Wing (AEW): (Tom Kaminski, Air Power Update 2001, Combat Aircraft, Juli/August 2001, S. 409)

Staffel / Ort / Flugzeugmuster

– 363. ERS / Prince Sultan AB (Saudi) / U-2S Dragon Lady (*)
– 363. EAACS / Prince Sultan AB (Saudi) / E-3B/C Sentry
– 363. EARS / Prince Sultan AB (Saudi) /KC-135E/R Stratotanker
– 363. EAR / Prince Sultan AB (Saudi) / C-130E/H Hercules
– 363. EFS / Prince Sultan AB (Saudi) / 40 F-15C Eagle und F-16C Fighting Falcon
– 763. ERS / Prince Sultan AB (Saudi) / RC-135V/W Rivet Joint
– 763. EARS / Al Dhafra AB (VAE) / KC-135E/R Stratotanker
– 763. EAS / Al Seeb AB (Oman) / C-130E/H Hercules
– 332. EFS / Ahmed Al Jaber AB (Kuwait) / 24 A-10A, OA-10A Thunderbolt II, F-16C Fighting Falcon
– 332. ERQS / Ahmed Al Jaber AB (Kuwait) / HH-60G Pave Hawk (**)
– 9. ERQS / Ali Al Salem AB (Kuwait) / HC-130P
– 9. EAS / Ali Al Salem AB (Kuwait) / C-130E/H Hercules

Anmerkungen: (*) Nach Angaben von Bob Archer handelt es sich bei dem Einsatzort um die „Operation Location – Camel Hump (OL-CH) (Bob Archer, US Air Force, Leicester, UK, 2000, S. 146), (**) = Hubschrauber

Außerdem ist am Persischen Golf eine Einheit mit RQ-1A/L Predator Aufklärungsdrohnen stationiert. Die US-Luftwaffe verfügt über zwei dieser Drohnenstaffeln: Die 11th Reconnaissance Squadron und die 15th Reconnaissance Squadron, die beide normalerweise auf dem Fliegerhorst Indian Springs in Nevada stationiert sind. Zwei Maschinen wurden von der irakischen Luftverteidigung abgeschossen, eine von den Taliban. (David A. Fulghum, Afghanistan Crash Reveals U.S. Intel Operation, Aviation Week & Space Technology, 1.10.2001

Die Luftstreitkräfte von CENTCOM werden durch die Einheiten der US Air Force Europe (USAFE) des US European Command (EUCOM) verstärkt, die auf dem türkischen Fliegerhorst Incirlik AB bei Adana stationiert sind. Hier ist die sogenannte 39. Operationsgruppe mit rund 1800 Soldaten stationiert. Ihre Zusammensetzung wechselt nach dem Rotationsprinzip. In Incirlik sind 40 Flugzeuge stationiert: F-15 Eagle, F-16 Fighting Falcon, EA-6B Prowler, KC-135, E-3B/C, C-12 und HC-130, sowie Hubschrauber HH-60.

b) Verstärkungen

1. Neunte Luftflotte

Am 19. September ordnete Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Entsendung von über 100 Kampfflugzeugen in die Golf Region an. Neben dem Bomber B-1A Lancer betraf dies die Kampfflugzeuge F-15 Eagle und F-16 Fighting Falcon, sowie Aufklärungsflugzeuge, so daß mittlerweile mindestens 350 Flugzeuge in der Golfregion stationiert sind.

Ein Verbandsname wurde nicht genannt, aber wahrscheinlich gehören die Flugzeuge zur 9. Luftflotte, da diese in Friedenszeiten in den USA stationiert ist und für Kampfeinsätze CENTCOM unterstellt werden soll. Außerdem spricht die hohe Zahl der verlegten Flugzeuge für eine ganze Luftflotte.

Gliederung Ninth Air Force, HQ Shaw AFB, South Carolina: (Tom Kaminski, Air Power Update 2001, Combat Aircraft, Juli/August 2001, S. 409)

Verbände mit Staffeln / Flugzeugmuster

1. Kampfgeschwader (Fighting Wing – FW) in Langley AFB, Virginia:
– 27. Kampfstaffel Fighting Eagles / F-15C/D Eagle
– 71. Kampfstaffel Ironmen / F-15C/D Eagle
– 94. Kampfstaffel Hat-in-the-Ring / F-15C/D Eagle

4. Kampfgeschwader Fourth but First in Seymour Johnson AFB, North Carolina: (*)
– 333. Kampfstaffel Lancers / F-15E Strike Eagle
– 334. Kampfstaffel Eagles / F-15E Strike Eagle
– 335. Kampfstaffel Chiefs / F-15E Strike Eagle
– 336. Kampfstaffel Rocketeers / F-15E Strike Eagle

20. Kampfgeschwader Victory by Valor in Shaw AFB, South Carolina
– 55. Kampfstaffel Fighting 55 / F-16C/D
– 77. Kampfstaffel Gamblers / F-16C/D
– 78. Kampfstaffel Bushmasters F-16C/D
– 79. Kampfstaffel TigersF-16C/D

33. Kampfgeschwader Fire from the Clouds in Eglin AFB, Florida
– 58. Kampfstaffel Gorilla / F-15C/D Eagles
– 60. Kampfstaffel Fighting Crows / F-15C/D Eagles

93. Luftführungsgeschwader (Air Control Wing – ACW) in Robins AFB, Georgia
– 12. Luftführungsstaffel / E-8C Joint Stars
– 16. Luftführungsstaffel / E-8C Joint Stars
– 93. TRS-Staffel / TE-8A

347. Rettungsgeschwader in Moody AFB, Georgia
– 41. RQS-Staffel Jolly Green / HH-60G (**)
– 71. RQS-Staffel Kings / C-130 E Hercules und HC-130P

363. Flugwarngeschwader in Prince Sultan AFB (s.o.)

Hinzu kommen noch mehrere Verbände der Air National Guard (ANG), die der Ninth Air Force unterstellt sind.

Anmerkungen: (*) Zum 4. Kampfgeschwader gehört auch die 23. Composite Fighter Wing, die bereits seit längerem am Persischen Golf im Einsatz ist (s.o.), (**) Hubschrauber

2. Bomberverbände
Wiederholt gab es Meldungen über die Verlegung von Bombern (B-1B Lancer und B-52G/H Stratofortress) in den Nahen Osten. Die Bomber gehören zum Air Combat Command (ACC) und sind normalerwe

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