IMI-Standpunkt 2026/055

Konstruierter Konsens zur kontextabhängigen Nicht-Kontrolle

Neue Leitlinien zu autonomen Waffensystemen im Zirkelschluss der Selbstbestätigung

von: Christoph Marischka | Veröffentlicht am: 21. August 2026

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Zwei Mitglieder der Bundeswehr-Universität in München stellen ihrem Arbeitgeber ein gutes Zeugnis aus, wonach „Bundesverteidigungsministerium (BMVg) und Bundeswehr Lob verdienen“. Sie hätten eine „Konzeption auf der Höhe der Zeit“ vorgelegt, ein „heikles Thema“ richtig angepackt und „Leitplanken“ formuliert. So weit, so gut: Mensch kann durchaus mal zu dem Schluss kommen, dass eine (sie finanzierende) Institution alles „richtig“ oder gar – da wird es vielleicht schon langsam schwierig – „goldrichtig“ gemacht hat.

Im konkreten Fall geht es um die Leitlinien des BMVg zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) und damit um den Umgang mit eigenen autonomen Waffensystemen wie Kamikazedrohnen, wie sie gerade in Deutschland in die Massenproduktion gehen.

Erschienen ist der Beitrag unter dem geradezu euphorischen Titel „Bye bye, human in the loop: (Endlich) neue Regeln für Waffenautonomie“ am 16. Juli 2026 auf dem Portal der Zeitschrift „Internationale Politik“ (IP). Diese bezeichnet sich selbst als „Deutschlands führende außenpolitische Zeitschrift“ und wird auch gerne mal als wissenschaftliche Fachpublikation gehandelt. Herausgegeben wird sie von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), wobei es sich um eine Denkfabrik handelt, die (so z.B. de.wikipedia.org, 18.8.2026) „versucht, die außenpolitische Meinungsbildung auf verschiedenen Ebenen zu beeinflussen“. Finanziert wird sie zu großen Teilen aus dem Bundeshaushalt, u.a. vom BMVg und vom Auswärtigen Amt, zum Förderkreis gehören u.a. Airbus und das Rüstungs-Startup Helsing. So weit, so gut: Auch eine Denkfabrik kann meinungsstarke Beiträge veröffentlichen und in die öffentliche wie wissenschaftliche Diskussion einspeisen, in denen wesentliche Finanziers des Herausgebers über den Klee gelobt werden. Wenn beide Autor*innen als Angehörige der Universität der Bundeswehr vorgestellt werden, verleiht dies dem Beitrag natürlich ein gewisses wissenschaftliches Gewicht und sollte gewisse Standards voraussetzen…

Was allerdings im betreffenden Artikel gemacht wird, ist schlicht unredlich und hat nichts mit Wissenschaftlichkeit zu tun – so sehr er es auch suggeriert und so weit man sie auch fassen möchte. Er ist reines Blendwerk. Hier wird behauptet, das BMVg habe sich „ausgehend von einer international inzwischen etablierten Sprachformel“ auf das Konzept eines „kontextabhängige[n], sinnvolle[n] menschliches Ermessen[s] und menschliche[r] Kontrolle“ festgelegt. Man sei damit anderen Ländern voraus, deren Konzeptionen noch „sprachliche ‚Altlasten‘ enthalten oder auf weniger etablierte Konzepte setzen“. Wohlwissend und akzeptierend (methodisch sogar befürwortend), dass es gängige Praxis ist, innerhalb (eng definierter) Teildisziplinen eine „herrschende Meinung“ oder gar einen „weitgehenden Konsens“ gegenüber abweichenden Positionen in Stellung zu bringen, handelt es sich hier jedoch schlicht um eine Lüge – oder eine bewusst herbeigeführte Halluzination.

Der wissenschaftliche und regierungsamtliche Korpus an Schriften zur Frage von Kontrolle und Autonomie in Waffensystemen ist immens. Formulierungen, die der vermeintlich „international inzwischen etablierten Sprachformel“ entsprechen, sind darin extrem selten zu finden. Im deutschen Sprachraum stammen sie nahezu ausschließlich von einem der beiden Autoren des IP-Beitrages aus dem Zeitraum um die Fertigstellung und Veröffentlichung der KI-Leitlinien des BMVg: Frank Sauer. Dass er zumindest tiefen Einblick in dessen Formulierungsprozess hatte, deutet sich in einigen dieser Beiträge klar an, eine Einordnung seiner Rolle in der Entstehung der von ihm in der IP hochgelobten Leitlinien fehlt dort hingegen. Vorgestellt wird er dort lediglich als „Head of Research am Metis Institut für Strategie und Vorausschau, Universität der Bundeswehr München, und Co-Host des Podcasts ‚Sicherheitshalber’“.

Der Host dieses einflussreichen Podcasts innerhalb der „Sicherheitspolitischen Community“ ist Thomas Wiegold, ein grundsätzlich seriös arbeitender Journalist mit großer Nähe zu BMVg, Bundeswehr und Rüstung. Gerade wegen dessen grundsätzlich seriöser Arbeitsweise fällt ein Beitrag vom 13. August 2026 auf, in dem der von Sauer als „etablierte Sprachformel“ dargestellte Begriff schlicht als (falsche bis eigenwillige) Übersetzung des jahrelang und bei weitem nicht abschließend, durchaus kritisch diskutierten Konzepts der „Meaningful Human Control“ benutzt wurde: „Dabei setzen die deutschen Streikräfte auf die kontextabhängige menschliche Kontrolle (international als meaningful human control bezeichnet) – ein grundlegender Unterschied zu dem in Wissenschaft und Politik bislang geforderten Ansatz, den Menschen in der Entscheidungskette, den human in the loop, als wesentlichen Kontrollmechanismus beizubehalten.“

Frank Sauer, seine Co-Autorin Vanessa Vohs („Doktorandin an der Universität der Bundeswehr München und Stipendiatin im Promotionskolleg ‚Sicherheit und Entwicklung im 21. Jahrhundert‘ der Konrad-Adenauer-Stiftung“) und sein Podcast-Host propagieren hier in der Summe eine falsche Übersetzung als „international inzwischen etablierten Sprachformel“ – und bekommen dafür in einer anerkannten Publikation ein Forum. Seriös ist das nicht, wissenschaftlich auch nicht. Schlicht falsch ist auch die Behauptung, hiermit würden „Leitplanken“ definiert. Lesen sie selbst den Artikel oder das Originaldokument, „Leitplanken“, klare Definitionen und Einschränkungen für (realistische) Anwendungen enthalten sie nicht. Entsprechend kritisch sollte vielleicht auch das dort verhandelte Ausgangsszenario betrachtet werden: „millionenteure russische Kampfpanzer“ welche „die litauische Grenze überqueren“.

Nach eigener Darstellung „prägt [die DGAP] als Forschungs- und Mitgliederorganisation die außenpolitische Debatte in Deutschland.“ Sie tut dies schon lange ganz offensichtlich nicht unabhängig und neutral, sondern im Sinne ihrer Geldgebenden und „Förderer“ – auch wenn sie sich (vermutlich irgendwie zurecht) als „parteipolitisch unabhängig“ bezeichnet und (eher fraglich) von der „Unabhängigkeit unserer Forschung“ schreibt. Mit Forschung und Wissenschaftlichkeit jedenfalls hat der betreffende Beitrag nichts zu tun, er überschreitet klar die Grenze zu (wissenschaftlicher) Suggestion und Meinungsbildung (Propaganda) von oben – durch vermeintlich unabhängige, tatsächlich aber zutiefst verstrickte Akteur*innen. Das sollte man bei weiteren Beiträgen und Expert*innen der IP, DGAP und auch der Bundeswehr-Universitäten berücksichtigen.

Darüber hinaus offenbart der Beitrag viel darüber, wie vermeintliche „Standards“ und „Altlasten“ im wissenschaftlichem und öffentlichem Diskurs und dem weiten Feld der „Expert*innen“ dazwischen verhandelt und definiert werden.

Zum Thema (potentiell) autonome Waffensysteme hat die IMI kürzlich dieses Factsheet veröffentlicht und verschickt es gerne (gegen Porto) auch zur Nutzung an Infotischen, bei Aktionen usw…