IMI-Standpunkt 2026/036
„Bitte mehr Factsheets!“ – Erfahrungen vom Infotisch
Interview mit Thomas Haschke, IMI-Beirat aus Stuttgart
von: IMI | Veröffentlicht am: 9. Juli 2026
Lieber Thomas, willst Du erstmal etwas dazu sagen, wer Du bist, wie und warum Du antimilitaristisch aktiv bist?
Ich bin ein 53jähriger, kochender Mensch aus Stuttgart. Warum ich Antimilitarist bin, hat mehrere Ursachen. Ich habe als Kind erlebt, wie das Militär sehr präsent war. Mit seiner erst spielerischen Art, auf Stadtfesten, Pionier- und FDJ-Festen und dann in der Schule mit Wehrkundeunterricht in einem Pionierlager, wo wir im Einmaleins des Militärdrills ausgebildet wurden. Dazu gehörte zum Beispiel: im Gleichschritt marschieren, Geländelauf und Schießübungen mit dem Luftgewehr. Auch im Sportunterricht wurde mit Handgranaten mit Gummikern geworfen oder Keulen, die Stielhandgranaten waren. Ich habe erlebt, wie ein halbes Jahr, bevor man in der DDR einen Ausbildungsplatzvertrag erhielt, die NVA-Offiziere in die Schule kamen und dort gemeinsam mit der Schulleitung um Rekruten warben. Das war sehr verfänglich und auch ich wäre fast darauf reingefallen. Deswegen bin ich vor allem gegen Werbe- und Rekrutierungsversuche der Bundeswehr aktiv.
Nach der Wende waren es genau diese NVA-Offiziere, die sich am meisten darüber aufgeregt hatten, das sie vom Klassenfeind nicht in die Bundeswehr übernommen wurden. Das zeigte mir, dass es den meisten Militarist*innen egal ist, für was und für wen sie töten. Nicht einmal ein Jahr nach dem Ende der DDR bekam ich den Befehl, mich Mustern zu lassen. Gut für mich, dass ich verweigern konnte, was in der DDR nicht ging, außer man wurde Bausoldat mit sehr viel Schikanen. In der Berufsschule gab es die ersten Proteste gegen den Krieg in Jugoslawien, an denen ich teilnahm und der für mich der Hauptgrund war, zu verweigern. Friedenspolitisch richtig aktiv wurde ich aber erst mit dem Afghanistankrieg, an dem die Bundeswehr beteiligt war. Ein Grund war auch, dass ich als Koch montags immer frei hatte und es in Chemnitz die Montagsdemo gegen den Krieg gab. Ein weiterer Grund war, dass ich 1990 erfahren habe, dass mein Opa, den ich leider nie kennenlernen konnte, als Deserteur im 2. Weltkrieg 1945 erschossen wurde. All diese Ereignisse machten mich zum aktiven Antimilitaristen.
Kannst Du Dich noch erinnern, wie und in welchem Kontext Du erstmals auf die IMI aufmerksam wurdest oder mit IMI in Kontakt getreten bist?
Seit der Anfrage zu diesen Interview überlege ich das und bin mir immer noch nicht sicher, aber es könnte das Buch Globalisierung und Krieg von VSA Verlag 2003 gewesen sein. Durch meinen Umzug nach Heidelberg und durch die LAG (Landes-Arbeitsgemeinschaft) Frieden der WASG (Wahlaternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit, ging später in die Partei die Linke auf) im Jahre 2005, denn dort lernte ich Claudia und Tobias kennen.
Wie war damals Dein erster Eindruck und wie hat sich dieser Eindruck seit damals verändert?
Mein erster Eindruck aus der Ferne: „oh da ist ein großer Verein der so viel gute Hintergrund-Analysen verfasst, die jeder Antimilitarist und Friedensaktivist kennen sollte“. Erstaunt war ich bei meinem ersten IMI Kongress, dass so wenig Menschen so viel gute Arbeit machen und dazu noch menschlich sehr sympathisch sind. Heute finde ich, dass die IMI viel mehr Unterstützung bekommen sollte und sich die Menschen im Büro zeitlich und finanziell selbst ausbeuten. Die Arbeit die IMI lebt seit 30 Jahren immer noch durch die Überzeugung und Leidenschaft der Menschen dort. Das mag ich.
Du machst ja relativ oft und ich glaube auch ganz gerne Infotische, bei denen Du viele IMI-Materialien auslegst. Kannst Du Dich an bestimmte Materialien oder Positionen erinnern, die besonders viel Aufmerksamkeit erregt oder Kontroversen ausgelöst haben?
Ich habe festgestellt, dass es zwei verschiedene Hauptpunkte gibt, die kontrovers an Infoständen diskutiert werden. Auffallend ist das Spektrum beim Ostermarsch oder ähnlichen Friedensaktionen mit den Broschüren „Warum die AfD keine Friedenspartei ist“ und „Keine Einzelfälle“. Da argumentieren einzelne Leute, dass sie auch für Frieden sind und die AFD eine Friedenspartei sei. Mit diesen zwei Broschüren kann man dieses Argument sehr gut zerlegen und ihnen das Gegenteil beweisen.
Bei anderen Ständen, wie z.B. zum 1. Mai erlebe ich, dass sich die Diskussionen früher sehr auf den Rüstungsatlas BaWü bezogen haben, aber seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine mehr über Waffen und militärische Unterstützung diskutiert wird. Da finde ich die Position der IMI super, die die Militarisierung Deutschlands in diesem Kontext kritisiert, aber auch den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands. Das fehlt mir leider bei einigen Teilen der Friedensbewegung.
Gibt es besonders lustige, ärgerliche oder dramatische Situationen, an die Du Dich in diesem Kontext erinnern kannst?
Da gibt es viele, aber meine zwei Highlights: 2013 gab es in Stuttgart einen Farbanschlag auf das Studio des Jugendsenders Big FM, weil diese vermehrt Bundeswehrwerbebeiträge brachten. Darauf gab es nachts eine Diskussionssendung mit Friedensaktivisten und Bundeswehrvertreter. Da lernte ich im Studio Thomas M. Kennen, von dem ich vorher nur gute Texte gelesen hatte. Wir waren jahrelang gute Freunde und konnten immer sagen: wir haben uns im Radio kennengelernt. Ich denke mal wir konnten in der Sendung gut überzeugen, die leider für die Big FM-Webseite sehr zusammengestrichen wurde. Aber wir waren mit Überzeugung und Leidenschaft dabei.
Die Zweite war beim Tag der Bundeswehr 2016. An unseren Stand vor der Kaserne in Stetten, mussten die Besucher an uns vorbei laufen und so viel Hass habe ich vorher bei antimilitaristischen Aktionen noch nicht erlebt. Mit dem IMI Vorstand J. habe ich gewettet, wer von uns als erstes beim Flyer verteilen ein „paar aufs Maul“ bekommt. Die Wette haben wir nicht direkt gewonnen, aber am Abend wurde von diesem Militärevent berichtet, dass Kinder an Gewehre durften und die Bundeswehr sich dafür rechtfertigen musste. Sie kam damit in eine mediale Enge, wo sie auch hingehört.
Gibt es etwas, was Dich an unseren Materialien grundsätzlich oder manchmal auch stört, gibt es aus Deiner Sicht Leerstellen oder Themen, zu denen wir mehr arbeiten sollten?
Stören tut mich leider, dass die aktuellen Artikel immer mehr über die reale Militarisierung handelt. Ich hoffe, die Zeiten, in denen die Mehrheit der Bevölkerung gegen Militär und Rüstung sind, kommen wieder, bevor der ganze Sozialstaat unter militärischem Aufrüstungsdruck zerfällt. Wünschen würde ich mir wieder ein Hauptthema im IMI Ausdruck über REKRUTIERUNG und den ersten, hoffentlich nicht ständigen Militärstützpunkt in Litauen.
Ein weiteres Hauptthema, das ich gut fände, wäre die Militarisierung anderer Staaten zu beleuchten. Drüber gab es ja auch schon einzelne Artikel.
Wir alle wünschen uns eine Welt, in der es keine Informationsstelle Militarisierung mehr braucht. Bis wir dort angelangt sind, was würdest Du der IMI für die kommenden Jahre wünschen oder von ihr erwarten?
Da das Interview eh schon zu lang ist: MACHT BITTE WEITER SO!!!
Ja nun doch noch eine kleine Erwartung: bitte mehr „Fact Sheets“. Damit komme ich an Info-Ständen und Aktionen gut mit Menschen in Diskussionskontakt.
