IMI-Analyse 2026/18 - in: AUSDRUCK (Juni 2026)

Rheinmetall in Osteuropa

von: Ben Müller | Veröffentlicht am: 12. Juni 2026

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Seit der proklamierten „Zeitenwende“ 2022 ist die Rheinmetall AG weltweit auf dem Vormarsch. Das Unternehmen wächst, der Aktienkurs steigt, und die produzierten Güter sorgen in ihren Einsatzgebieten für Tod und Zerstörung. Auch wenn Rheinmetall sich widerwillig von seinem Russland-Geschäft trennen musste,[1] befand sich der Konzern bereits vor 2022 in Osteuropa auf Expansionskurs. Durch den Krieg in der Ukraine und die Aufrüstung der NATO-Staaten hat sich diese Entwicklung stark beschleunigt.

Strategischer Absatzmarkt

2004 hat Rheinmetall sein erstes Werk in Osteuropa gegründet.[2] Die Pierburg s.r.o. in Ústí nad Labem im Nordwesten der Tschechischen Republik war vor allem in der Entwicklung und Herstellung von Steuerungsteilen für den Automobilbereich tätig. Zusammen mit dem benachbarten Werk in Chabařovice beschäftigt sie heute rund 400 Personen. In Trmice, in unmittelbarer Nähe der beiden Werke, befindet sich seit 2018 auch eine Tochtergesellschaft der Rheinmetall Landsysteme GmbH. Das Unternehmen möchte so die Infrastruktur der Industrieregion nutzen, um „technische und logistische Leistungen für die tschechischen Streitkräfte“ zu erbringen.[3]

Osteuropa wird erstmals im Rheinmetall-Geschäftsbericht 2016 als strategischer Markt für die Rüstungssparte erwähnt.[4] In den Folgejahren nimmt dessen Bedeutung kontinuierlich zu, und 2020 wird Osteuropa sogar noch vor Großbritannien und Australien aufgeführt: „In Osteuropa werden zahlreiche NATO-Staaten in den kommenden Jahren ihre teilweise noch aus russischer Fertigung stammende Ausrüstung modernisieren und sie an die Standards im westlichen Verteidigungsbündnis anpassen. Diese Entwicklung eröffnet für Rheinmetall in den kommenden Jahren neue Chancen, sich als langfristiger Partner insbesondere bei der Ausrüstung der Heeresstreitkräfte zu etablieren.“[5]

Diesen Aufschwung verdankt Rheinmetall vor allem dem ungarischen Aufrüstungsprogramm „Zrínyi 2026“.[6] Ungarn hatte 2020 beschlossen, für 2 Mrd. Euro Schützenpanzer vom Typ „Lynx“ zu kaufen. Teil der Vereinbarung war, dass Rheinmetall dafür Produktionsanlagen in Ungarn errichtet. 2024 wurde dann der erste „Lynx“ aus „heimischer Fertigung“ an das ungarische Militär übergeben,[7] und etwa zeitgleich konnte Rheinmetall in Ungarn eine Munitionsfabrik für die dazu passende 30mm-Munition in Betrieb nehmen.[8] Außerdem wurde Rheinmetall von Ungarn beauftragt, den Kampfpanzer „Panther“ bis zur Serienreife zu entwickeln.[9]

Heute unterhält Rheinmetall vier Standorte in Ungarn. In Zalaegerszeg im Westen befindet sich die Produktions- und Entwicklungsstätte für den Schützenpanzer „Lynx“. Zu dem 33 Hektar großen Firmengelände gehört auch eine Testanlage für Ketten- und Radfahrzeuge inklusive Schießkanal. Das Werk ist für bis zu 350 Beschäftigte ausgelegt. Die Munitionsfabrik liegt weiter östlich in Várpalota und umfasst ein 150 Hektar großes Gelände. Mit rund 200 Beschäftigten will Rheinmetall hier neben der Munition für den „Lynx“ auch Artilleriegranaten und andere Geschosse herstellen. In Kooperation mit der ungarischen IT-Firma 4iG baut Rheinmetall außerdem ein Software-Entwicklungszentrum in Budapest auf.[10] Und Ende 2025 wurde in Szeged ein Werk eröffnet, das die wehrtechnischen und zivilen Aktivitäten des Konzerns unter einem Dach vereinigt.[11]

Profite aus dem Ukraine-Krieg

Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 profitiert Rheinmetall von dem andauernden Gemetzel und sorgt durch die kontinuierliche Lieferung von Waffen und Munition dafür, dass Krieg und Zerstörung weitergehen können. Bereits im ersten Kriegsjahr hat Rheinmetall in sog. „Ringtausch“-Geschäften Panzer vom Typ „Leopard 2“, „Büffel“ und „Marder“ sowie militärische Lkw an Tschechien, die Slowakei, Griechenland und Slowenien geliefert, damit diese Staaten aus ihren Beständen Militärmaterial abgeben können, mit dem die Ukraine bereits vertraut ist.[12] Diese Lieferungen, die Rheinmetall gleichzeitig neue Absatzmärkte in den belieferten Ländern erschlossen, wurden durch die Bundesrepublik Deutschland finanziert.

Neben den Ringtausch-Geschäften beliefert Rheinmetall die Ukraine aber auch direkt. Bis Oktober 2024 wurden insgesamt rund 200 Gefechtsfahrzeuge geliefert, darunter viele „Marder“-Schützenpanzer, die von der Bundeswehr ausgemustert und von Rheinmetall überholt wurden.[13] Hinzu kommen ein Feldhospital, mobile Rettungsstationen, automatisierte Aufklärungssysteme, Flugabwehr und große Mengen an Munition. Rheinmetall bezeichnet sich selbst als „die einzige Lieferquelle für die Versorgung der ukrainischen Streitkräfte mit größeren Stückzahlen neuer Mittel- und Großkalibermunition“.[14] Von der 155mm-Artilleriemunition, die in der Ukraine massenhaft verschossen wird, kosten mehrere zehntausend Geschosse bereits einen dreistelligen Millionenbetrag.[15]

In einem Interview mit der Rheinischen Post hatte Rheinmetall-Chef Armin Papperger im März 2023 in Aussicht gestellt, eine Panzerfabrik in der Ukraine zu errichten. Für rund 200 Mio. Euro könnten dort jährlich bis zu 400 Kampfpanzer vom Typ „Panther“ gebaut werden. Gleichzeitig rechnete er vor, die Ukraine brauche 600 bis 800 Panzer für einen Sieg, so dass die Produktion schnell anlaufen solle.[16] Das im Oktober 2023 gegründete Joint Venture Rheinmetall Ukrainian Defense Industry LLC kümmert sich aber vorerst nur um Wartung und Instandsetzung des Bestands. Dazu wurde im Juni 2024 an einem nicht genannten Ort in der Westukraine ein Instandsetzungswerk für „Marder“-Schützenpanzer eröffnet.[17]

Auch die US-Schützenpanzer „Bradley“, die von den ukrainischen Streitkräften eingesetzt werden, sollen in Zukunft „näher an den Einsatzgebieten“ repariert werden. Rheinmetall wurde 2025 beauftragt, dafür Verfahren zur Schadensbewertung und -reparatur zu entwickeln,[18] um beschädigtes Gerät schnell wieder auf dem Schlachtfeld verfügbar zu haben. In der Ukraine soll außerdem eine Produktionsstätte für 155mm-Artilleriegranaten entstehen. Das Werk, das Rheinmetall zusammen mit einem ukrainischen Partner betreiben will, soll pro Jahr bis zu 200.000 Geschosse inklusive entsprechender Treibladungen herstellen.[19]

Panzer und Munition für die NATO-Ostflanke

Ähnlich wie in Ungarn und perspektivisch vielleicht auch in der Ukraine möchte Rheinmetall auch in Polen in die Fertigung von Panzern einsteigen. Bereits seit 2016 ist Rheinmetall an zwei Standorten in Polen präsent. In Warschau befindet sich ein Verbindungsbüro und in Gliwice ein Werk, das Rheinmetall in Kooperation mit dem polnischen Rüstungsunternehmen ZMBL nutzt, um Polens „Leopard 2“-Panzer zu modernisieren.[20] In einer 2025 unterzeichneten Absichtserklärung kündigt Rheinmetall zusätzlich den Bau von gepanzerten Unterstützungsfahrzeugen in Polen an. In einem noch zu gründenden Joint Venture sollen Bergepanzer, gepanzerte Minenräumer und Brückenlegefahrzeuge hergestellt werden.[21]

Seit 2022 ist Rheinmetall auch in Litauen vertreten. Die UAB „Lithuania Defense Services“ (LDS) ist ein Joint Venture von Rheinmetall und der deutsch-französischen Panzerschmiede KNDS, das in Jonava ein Wartungszentrum für Gefechtsfahrzeuge betreibt. Das Werk ist nur wenige Kilometer von Rukla entfernt, dem größten Militärstandort Litauens. Neben den litauischen Mannschaftstransportern „Vilkas“ soll es auch die Gefechtsfahrzeuge der von Deutschland geführten Litauen-Brigade instandsetzen, die teilweise ebenfalls in Rukla stationiert ist.[22] LDS soll außerdem im Auftrag von KNDS in Kaunas die Montage moderner „Leopard 2“ für Litauen übernehmen.[23]

Mit einem anderen Joint Venture baut Rheinmetall zurzeit eine Munitionsfabrik in Litauen. In Baisogala soll auf einem 340 Hektar großen Gelände ab 2027 Artilleriemunition des Kalibers 155mm produziert werden. Das Werk ist für bis zu 150 Beschäftigte geplant und soll pro Jahr mehrere zehntausend Geschosse herstellen. Laut Pressemitteilung will Papperger damit einen Teil zur „Einsatzbereitschaft […] an der Ostflanke der NATO“ beitragen.[24] Anscheinend rechnet Rheinmetall mit einem massiv steigenden Munitionsbedarf an der NATO-Ostflanke, weswegen der Konzern 2025 auch den Bau von drei neuen Munitionsfabriken in Lettland, Bulgarien und Rumänien angekündigt hat.

Die Produktionsanlage in Lettland soll als Joint Venture mit der lettischen State Defence Corporation betrieben werden. Ähnlich wie in Baisogala sollen dort ab 2027 mit rund 150 Beschäftigten mehrere zehntausend Stück Artilleriemunition pro Jahr hergestellt werden.[25] Das in Bulgarien im Raum Sopot entstehende Werk ist für eine größere Produktionskapazität ausgelegt. Etwa 1.000 Menschen sollen dort pro Jahr rund 100.000 Artilleriegranaten, Treibladungen für bis zu 150.000 Geschosse und rund 1.300 Tonnen Treibladungspulver herstellen. Die Produktion der Geschosshüllen soll 2027 starten.[26]Auch in Rumänien plant Rheinmetall ein Werk für Treibladungen und Treibladungspulver. Das Joint Venture Rheinmetall Victoria SA soll am gleichnamigen Standort etwa 700 Personen beschäftigen. Als Produktionskapazität werden rund 300.000 modulare Treibladungen sowie 200 Tonnen Treibladungspulver angegeben. Die Pressemitteilung hebt hervor, dass Rheinmetall damit auch seine „Präsenz an der NATO-Ostflanke“ stärke.[27]

Fazit: Blutige Geschäfte

Rheinmetall profitiert unmittelbar von den blutigen Kämpfen in der Ukraine. Die Instandsetzung von Panzern und die Lieferung von Waffen und Munition befeuern den Krieg und sorgen dafür, dass weiterhin Infrastruktur zerstört, Ortschaften verwüstet und Menschenleben auslöscht werden. Rheinmetall setzt dabei sowohl auf die Steigerung der Produktionsmenge als auch auf die Verkürzung der Lieferwege und baut neue Waffen- und Munitionsfabriken direkt an der Ostflanke der NATO. Vielleicht wünscht sich die Managementebene des Konzerns einen größeren Krieg mit Russland. Für ihre blutigen Geschäfte wäre das auf jeden Fall profitabel.

Anmerkungen


[1]2014 stoppte die deutsche Bundesregierung den Export von Bauteilen für mehrere Gefechtsübungszentren nach Russland, woraufhin Rheinmetall erfolglos Schadensersatz forderte. Vgl. Arnd Henze: Geplatzte Milliardenträume, 3.3.2024, tagesschau.de.

[2]Rheinmetall: About us – Our Pierburg, pierburg.cz.

[3]Rheinmetall Česká Republika s.r.o., rheinmetall.com.

[4]Rheinmetall AG: Geschäftsbericht 2016, 23.3.2017, S.31.

[5]Rheinmetall AG: Geschäftsbericht 2020, 18.3.2021, S.36.

[6]Vgl. Martin Kirsch: Ungarische Aufrüstungspolitik, IMI-Analyse 2021/33, 9.7.2021, imi-online.de.

[7]Pressemitteilung: Rheinmetall übergibt den ersten Lynx aus ungarischer Fertigung, 26.7.2024, rheinmetall.com.

[8]Pressemitteilung: Feierliche Übergabe der neuen Munitionsfabrik in Ungarn, 30.7.2024, rheinmetall.com.

[9]Pressemitteilung: Rheinmetall erhält Entwicklungsauftrag von Ungarn für den Kampfpanzer Panther KF51, 15.12.2023, rheinmetall.com.

[10]Pressemitteilung: Rheinmetall erschließt sich neue Technologiefelder, 25.11.2021, rheinmetall.com.

[11]Pressemitteilung: Rheinmetall eröffnete neues Hybridwerk in Szeged in Ungarn, 19.12.2025, rheinmetall.com.

[12]Pressemitteilungen: Ringtausch: Rheinmetall liefert Kampfpanzer Leopard 2 und Bergepanzer Büffel an Tschechien, 11.10.2022, rheinmetall.com, Ringtausch: Rheinmetall liefert Slowakischer Republik Kampfpanzer Leopard 2 A4, 16.11.2022, rheinmetall.com, Ringtausch: Rheinmetall liefert Schützenpanzer Marder an Griechenland, 23.11.2022, rheinmetall.com, Ringtausch: Rheinmetall liefert hochmoderne Wechsellader-Lkw an Slowenien, 14.12.2022, rheinmetall.com.

[13]Pressemitteilung: Lieferung weiterer Marder Gefechtsfahrzeuge an Ukraine, 25.10.2024, rheinmetall.com.

[14]Rheinmetall: Ein starker Partner an der Seite der Ukraine, 10.2.2025, rheinmetall.com.

[15]Pressemitteilung: Abruf aus Rheinmetall-Rahmenvertrag: Ukraine erhält Artilleriemunition, 18.12.2023, rheinmetall.com.

[16]Rüstungskonzern: Rheinmetall will Panzerfabrik in der Ukraine bauen, 7.3.2023, deutschlandfunk.de.

[17]Pressemitteilung: Rheinmetall Ukrainian Defense Industry Repair Hub, 11.6.2024, rheinmetall.com.

[18]Pressemitteilung: American Rheinmetall erhält Auftrag im Wert von 31 MioUSD zur Schadinstandsetzung des Bradley Schützenpanzers, 30.10.2025, rheinmetall.com.

[19]Martin Murphy, Roman Tyborski: Produktion von Artilleriemunition in der Ukraine in Planung, 20.2.2024, handelsblatt.com.

[20]Rheinmetall Polska Sp. z o.o., rheinmetall.com.

[21]Pressemitteilung: Polska Grupa Zbrojeniowa S.A. und Rheinmetall unterzeichnen strategische Vereinbarung über Unterstützungsfahrzeuge, 13.10.2025, rheinmetall.com.

[22]Pressemitteilung: Rheinmetall und KMW gründen Joint Venture zur Wartung von NATO-Fahrzeugen im Baltikum, 8.6.2022, rheinmetall.com.

[23]Pressemitteilung: KNDS erweitert seine LEOPARD 2 Produktion mit neuem Werk in Litauen, 11.12.2025, knds.com.

[24]Pressemitteilung: Spatenstich für Munitionswerk in Litauen, 4.11.2025, rheinmetall.com.

[25]Pressemitteilung: Lettland bestellt Munitionsfabrik von Rheinmetall, 25.9.2025, rheinmetall.com.

[26]Pressemitteilung: Rheinmetall und VMZ gründen Joint Venture in Bulgarien, 28.10.2025, rheinmetall.com.

[27]Pressemitteilung: Rheinmetall und Rumänien produzieren gemeinsam Treibladungspulver, 3.11.2025, rheinmetall.com.