IMI-Stanpunkt 2026/026

Kein Grund zum Feiern!

Trotz Absage der US-Mittelstreckenwaffen kann keine Entwarnung gegeben werden

von: Jürgen Wagner | Veröffentlicht am: 5. Mai 2026

Drucken

Hier finden sich ähnliche Artikel

Vergangenen Freitag kündigte die US-Regierung an, die für dieses Jahr geplante Stationierung diverser landgestützter US-Mittelstreckensysteme zumindest vorläufig auszusetzen. Ob dies aus Verärgerung über einige (halbwegs) kritische Töne von Kanzler Friedrich Merz zum Iran-Krieg oder aus grundsätzlichen Erwägungen geschah, ist unklar. Es ändert aber auch nichts daran, dass es sich hier grundsätzlich um eine gute Nachricht handelt.

Allerdings ist es deutlich verfrüht in dieser Angelegenheit Entwarnung zu geben: Die entsprechenden US-Strukturen für eine jederzeitige Verlegung sind weiter vor Ort, vor allem aber versucht die Bundesregierung nun noch einmal intensiver auf anderen Wegen an derartige Waffen zu gelangen. Damit wird vor allem untermauert, dass sie die mit diesen Waffen eng verknüpfte Angriffslogik teilt – und das ist das Hauptproblem, das weiter bestehen bleibt.

Angriffswaffen für eine Angriffsdoktrin

Die landgestützten Mittelstreckenwaffen gehören zu einer US-Multi-Domain Task Force (MDTF), die wiederum die wichtigsten Einheiten zur Umsetzung von Multi-Domain Operations sind. Im Kern wird dabei – angeblich zur Abschreckung – auf die Fähigkeit gesetzt, den Gegner tief im gegnerischen Raum mit geringen Vorwarnzeiten angreifen zu können. Deshalb sei die Absage der US-MDTF-Einheit gegenüber dem Abzug der 4.000 Soldat*innen „eigentlich die viel dramatischere Nachricht“, wurde der Sicherheitsexperte Christian Mölling in der Tagesschau zitiert. Er bestätigte, dass diese Waffen so bedeutend seien, „weil es hier um Raketen geht, die in der Lage sind, Russland schon im Aufmarsch – also nicht erst, wenn es an die NATO-Grenze kommt, sondern deutlich früher – zu stören.“

Es handelt sich also hier per se um „ideal“ für Angriffsoperationen geeignete Waffen, weshalb sie von Russland mit den dementsprechenden Reaktionen auch genauso behandelt werden. Scharf geht deshalb Johannes Varwick, Politikprofessor in Halle, mit dieser Angriffsausrichtung ins Gericht: „Angriff scheint inzwischen vielen die beste Verteidigung und gilt zunehmend als neues Mantra der Sicherheitspolitik. […] Wer sicherheitspolitisch handlungsfähig bleiben will, muss in der Lage sein, einem potenziellen Gegner frühzeitig massiven Schaden zuzufügen. Ein Verzicht auf offensive Mittel und Fähigkeiten sei in einer gefährlicher werdenden Welt unrealistisch, so das Argument. Was dabei aus dem Blick gerät, ist die daraus resultierende Eskalationsdynamik. […] Kern dieses Konzepts [der MDOs] ist es, mit maximaler Wirkung und minimaler Reaktionszeit zuschlagen zu können – selbstverständlich im Namen der Abschreckung. […] Wenn aber zunehmend Fähigkeiten geschaffen werden, mit denen man den Gegner überraschend und gezielt schwächen kann – etwa durch Erstschläge auf Raketensysteme, noch bevor diese starten –, dann entsteht auf der anderen Seite ein enormer Druck, selbst früher zu handeln. Die Folge wird ein Wettlauf sein, bei dem jede Seite versucht, der anderen zuvorzukommen – aus Angst, überrascht zu werden. Selbst wer Verteidigungsfähigkeit und Abschreckung grundsätzlich für notwendig hält, muss die Nebenwirkungen dieser Entwicklung sehen.“

Russland reagierte auf die Absichten, Mittelstreckenwaffen nach Deutschland zu verlegen, bereits im Vorfeld mit der Absenkung seiner nuklearen Einsatzschwelle (Dekret Nr. 991) und der Stationierung eigener landgestützter Waffensysteme (Oreschnik), die in der Ukraine auch bereits zum Einsatz kamen (siehe IMI-Studie 2024/07). Eine Stationierung der US-MDTF hätte den bereits entstandenen Rüstungswettlauf auch auf diesem eminent gefährlichen Gebiet nur noch weiter befeuert. Insofern ist es eine positive Entwicklung, dass US-Präsident Trump die Stationierung aus welchen Gründen auch immer gestoppt hat – allerdings wollen das die Europäer und allen voran die deutsche Regierung damit nicht auf sich beruhen lassen.

Auftritt der „Experten“

Es ist symptomatisch, dass im Tagesschau-Beitrag zur US-Ankündigung nur Stimmen zitiert wurden, die sich jetzt für eine beschleunigte europäische Eigenentwicklung einsetzen. Weder die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig“, der Erhard-Eppler-Kreis oder irgendein anderer Akteure, der sich schon lange kritisch mit den Plänen beschäftigt hatte, war dem Medium eine Zeile wert. „Die Absage der Stationierung neuer US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland ist eine gute Nachricht für die Sicherheit in Europa!“, sagt etwa Simon Bödecker, Referent von Ohne Rüstung Leben und Sprecher der Friedensfähig statt erstschlagfähig. „Landgestützte Mittelstreckenwaffen sind darauf ausgelegt, strategische Ziele in sehr kurzer Zeit anzugreifen. Sie wirken destabilisierend, führen zu einem Klima der ständigen Unsicherheit und hätten Deutschland zu einem potenziellen Ziel russischer Präventivschläge gemacht.“

Neben dem bereits zitierten Christian Mölling kam auch Nico Lange, der früher Leiter des Leitungsstabs im Bundesministerium der Verteidigung war und heute unter anderem für die Zeitenwende-Initiative der Münchner Sicherheitskonferenz aktiv ist, zu Wort. Deutschland müsse eine „Gegenbedrohung“ aufbauen. „Die wollten wir aus Amerika bekommen, bekommen sie aber jetzt nicht.“ Die Europäer müssten sich nur „schleunigst diese Fähigkeit schaffen, weil das für unsere Sicherheit sehr wichtig ist“. Und auch der umtriebige Professor der Bundeswehr-Universität München, Carlo Masala, durfte da nicht fehlen, indem er warnte: „Hier entsteht eine wichtige Fähigkeitslücke mit Blick auf die Abschreckung Russlands, die mit europäischen Waffen erst später geschlossen werden kann.“

Bei soviel Expertise kann man sich die Schlussfolgerung des Tagesschau-Beitrags ausmalen, nämlich dass sich solche Waffen schnellstmöglich irgendwie anderweitig beschafft werden müssen. Hierfür wurde eine Politikerin ins Feld geschickt: „Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Siemtje Möller nannte es ‚ein schlechtes Zeichen‘, wenn die vereinbarten Mittelstreckenraketen nicht stationiert würden. Sie forderte das europäische ELSA-Projekt zu beschleunigen und zu prüfen ‚wie die Lücke bis zur Produktion der ELSA-Raketen über Kooperationen mit anderen Ländern wie beispielsweise der Ukraine überbrückt werden kann‘.“

ELSA und andere Alternativen

Wie gesagt, die Messe ist noch nicht gelesen. Die Strukturen in Wiesbaden (MDTF-Hauptquartier), Wiesbaden Mainz-Kastel (56. Artilleriekommando) und Grafenwöhr (41. Feld-Artilleriebrigade) sind weiter intakt. Eine Verlegung wäre also weiterhin jederzeit möglich, sollte der für seine Wankelmütigkeit bekannte US-Präsident Donald Trump doch noch einmal seine Meinung ändern. Darauf scheint Christian Mölling zu spekulieren, der meinte, möglicherweise rate das US-Verteidigungsministerium Trump ab, „einen solchen Schritt jetzt übereilt zu gehen“.

Schon länger werden aber auch Alternativen ausgelotet. So wurde im Oktober 2025 bekannt, dass das Verteidigungsministerium bei den USA um die Lieferung von 400 Tomahawk Block Vb für rund 1,5 Mrd. Euro und von drei Typhon-Startersystemen für 220 Mio. Euro ersucht hat. Jüngsten Berichten zufolge hätten rund die Hälfte davon auf Schiffen und die anderen 200 an Land stationiert werden sollen (Europäische Sicherheit und Technik 4/2026, S. 18). Doch allein schon weil die USA ihre Vorräte im Iran-Krieg massiv dezimiert haben, wird daraus zumindest kurz- bis mittelfristig wohl ebenfalls nichts. Dazu wurde Kanzler Friedrich Merz bei der Tagesschau mit den Worten zitiert: „Die Amerikaner haben zurzeit selbst nicht genug“, so Merz. „Objektiv gibt es aus den USA heraus kaum eine Möglichkeit, Waffensysteme dieser Art abzugeben.“ Allerdings betonte er auch: „Der Zug ist nicht abgefahren.“

Als Konsequenz wird nun gefordert, mit „mit Nachdruck“ die Eigenentwicklung dieser Waffensysteme zu beschleunigen, wie Regierungssprecher Stefan Kornelius angab. Ziel sei es, „hier keine Lücke entstehen zu lassen“. Ergänzend wird der CSU-Verteidigungspolitiker Thomas Erndl zitiert. „Wenn das tatsächlich jetzt nicht kommt, dann müssen wir schneller mit den eigenen Ambitionen hier unterwegs sein und schauen, dass die Bundeswehr diese Fähigkeit schneller erlangt.“ Hier geht es vor allem um die bereits im Juli 2024 erfolgte Ankündigung, eine eigene landgestützte Mittelstreckenwaffe mit einer Reichweite zwischen 1.000 und 2.000 km zu entwickeln – das Vorhaben »European Long-Range Strike Approach« (ELSA). Eine dementsprechende Absichtserklärung wurde von den Verteidigungsminister*innen Frankreichs, Polens, Italiens und Deutschlands unterzeichnet. Im Okober 2024 traten auch Großbritannien und Schweden der Initiative bei, kurz darauf die Niederlande.

Internalisierte Angriffsdoktrin

Bei ELSA ist allerdings frühestens mit Ergebnissen Anfang der 2030er zu rechnen, weshalb Verteidigungsminister Boris Pistorius meinte: „Wir müssen jetzt gucken, wie wir das ausgleichen können.“ Die ELSA-Initiative sei dabei eine wichtige Option: „Gleichzeitig brauchen wir ein Instrument, mit Hilfe der Amerikaner oder auf anderen Wegen“, die Fähigkeitslücke in der zeitlichen Brücke zu schließen. „Dafür gibt es Ideen, aber noch keine Lösungen.“

Wie eingangs erwähnt: Was all diese Ideen und Forderungen vor allem zeigen ist, dass von deutscher Seite die hinter diesen Waffen stehende Angriffsdoktrin voll und ganz geteilt wird – und bevor hier kein Umdenken stattfindet, gibt es leider auch keinen Grund zur Entwarnung.