Dieselben Personen, die eine Aufrüstungwelle riesigen Ausmaßes fordern, um einem russischen Angirff vorzubeugen, weisen gleichzeitig auf Moskaus militärische Schwierigkeiten in der Ukraine hin – ohne darin im Übrigen auch nur den geringsten Widerspruch zu entdecken. So wurde Nato-Generalsekretär Mark Rutte mit den Worten zitiert. „Dieser sogenannte russische Bär existiert nicht“, sagte er bei der Münchner Sicherheitskonferenz. „Unterm Strich bewegt sich das kaum schneller als eine Gartenschnecke.“
Obwohl er die krasse militärische Überlegenheit der NATO anerkannt, warnt zum Beispiel auch der Professor an der Bundeswehr-Universität in München, Carlo Masala, mit dem „Narwa-Szenario“ vor einem russischen Angriff. Russland könne Nadelstiche versuchen, etwa die Einnahme der estnischen Grenzstadt Narwa, die dann durch eine Drohung mit Atomschlägen abgesichert werde, um so die NATO zu testen. Darauf erwiderte der Ex-Diplomat Hellmut Hoffmann: „Warum Moskau für einen territorial unerheblichen und politisch hochgradig hypothetischen Gewinn nun plötzlich doch einen Krieg mit der Nato riskieren sollte, bleibt ebenso unklar, wie die Antwort auf die Frage, inwieweit weitere Aufrüstung von 32 bereits klar überlegenen Nato-Staaten ein Jota an dem durch eine Nukleardrohung aufgeworfenen Entscheidungsdilemma der Nato ändern würde.“ (siehe IMI-Studie 2025/06)
Denoch bildete das Szenario augenscheinlich eine Art Grundlage für eine Simulation von Welt und Bundeswehr-Universität Hamburg, die die Angreifbarkeit der NATO untermauern soll. Eine Reihe von Medien berichteten darüber, u.a. die Bild: „Die aufwendige Simulation wurde von der WELT (gehört wie BILD zu Axel Springer) in Zusammenarbeit mit dem ‚German Wargaming Center‘ der Bundeswehr-Universität Hamburg durchgeführt. […] Kreml-Diktator Wladimir Putin erfindet einen Vorwand – eine humanitäre Krise in der russischen Exklave Kaliningrad. Um einen angeblichen humanitären Korridor zu schaffen, marschieren russische Truppen in Litauen ein und besetzen die strategisch wichtige Stadt Marijampolė. […] Mit nur 15.000 Soldaten könnten die Russen die Nato in eine existenzielle Krise stürzen.“
Ziemlich abwegig hält der bei focus.de zitierte Professor für Internationale Beziehungen und Geopolitik, Klemens Fischer, dieses Szenario: „Fischer erklärt, dass die durchgespielte Simulation schon in einem Buch seines Kollegen Carlo Masala […] vorkommt und im Prinzip schon bekannt ist. […] Wenn Russland nach Kaliningrad will, muss es an der Grenze zwischen Litauen und Polen entlang. ‚Diese Grenze nennt man Suwalki-Brücke. Und die ist das bestgeschützte Gebiet der Nato, da stehen unzählige Soldaten, besonders viele Polen. Das Ost-Schild wird gerade ausgebaut.‘ Nach der Einschätzung Fischers kommen die Russen mit 15.000 Soldaten nach Kaliningrad. Aber danach kämen sie nicht wieder zurück und nicht weiter. Die Kapazitäten reichen von russischer Seite nicht aus.“
Ebenfalls einiges an Kritik an der Simulation hat überraschenderweise Ex-NATO-Oberkommandeur Ben Hodges, der sonst zu den absoluten Hardlinern in Sachen Aufrüstung zählt. In der Welt wird er zitiert: „Niemand würde einfach dastehen und sagen: Pech für Litauen. Ich finde, Ihr Wargame erfüllt eine nützliche Funktion, denn die Leute setzen sich mit wichtigen Fragen auseinander. Wann muss man welche Entscheidung treffen? Unter welchen Bedingungen? Ich denke allerdings auch, dass man in jedem Wargame die Annahmen offenlegen muss: Wie viel Vorwarnzeit gab es? Welche Mittel standen zur Verfügung? […] Ich bin mir ziemlich sicher, dass Kaliningrad innerhalb der ersten 24 Stunden ausgeschaltet wäre. Das haben auch andere Kommandeure so gesagt. Ich meine damit keine Bodentruppen, die dort einmarschieren, sondern den Einsatz kinetischer und nicht kinetischer Mittel, um Kaliningrad als militärischen Faktor für die Russische Föderation zu neutralisieren.“
Wer die Fähigkeiten hat, wen anzugreifen, wurde bereits im Sommer 2025 auch durch Aussagen von US-General Chris Donahue bei der in Wiesbaden abgehaltenen LANDEURO-Konferenz deutlich. Das Bündnis könne Kaliningrad mit Leichtigkeit einnehmen, so seine bei Augengeradeaus wiedergegebene Kernaussage: „In dem Zusammenhang erwähnte der General die russische Exklave Kaliningrad, zwischen Polen und Litauen an der Ostsee, und die dort stationierte Möglichkeit der russischen Streitkräfte, eine so genannte A2/AD-Bubble aufzubauen: eine Blase mit Anti-Access/Area Denial, also eine große Sperre rund um das Gebiet von Kaliningrad selbst. Dass Donahue sehr trocken mitteilte, die NATO könne die russischen Fähigkeiten dort ausschalten, und zwar sehr schnell, hat bereits zu empörten Reaktionen aus Russland geführt.“ (jw)
