IMI-Analyse 2025/28 - in AUSDRUCK September 2025

Grenzüberschreitungen

Über die systematische Gewalt gegen Migrant:innen in der Türkei

von: Johanna Bröse | Veröffentlicht am: 9. September 2025

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Die Türkei ist ein Knotenpunkt für die Transitmigration nach Europa. Spätestens seit 2016 ist sie zentrale externe Partnerin der Europäischen Union im repressiven Grenz-Management. Sie fungiert dabei als „Türsteherin Europas“: Ein Pufferstaat, der Migrationsbewegungen aufhält, allen voran aus Syrien, Afghanistan, Iran und ostafrikanischen Ländern. Ihre heutige Relevanz basiert auf dem sogenannten „EU-Türkei-Deal“ vom 18. März 2016 – eine politische Vereinbarung, mittels derer die Türkei sich verpflichtete, in großem Stil an der Externalisierung der EU-Grenzpolitik mitzuwirken. Seitdem gab es Milliarden für den Aufbau des Migrationsmanagements und der Abschottungsinfrastruktur, etwa für Großbauprojekte sowie vielfältige Sicherheits- und Überwachungssysteme. Wie sieht die Infrastruktur der Exklusion aus, welche migrationspolitischen Entwicklungen in der Türkei gehen damit einher – und wie ist die Lage der „people on the move“ im Land?

Die Grenzen sind profitabel

2014 begann die Türkei, große Teile ihrer Grenze zu Syrien mit einer Mauer zu schließen. Vier Jahre später waren 764 Kilometer fertiggestellt. Die meterhohe Betonwand mit Stacheldraht und High-Tech-Surveillance ist europäische Abschottungspolitik par excellence, weil sie die Menschen bereits an der gegenüberliegenden Seite der Türkei von einer Weiterreise durch das Land und nach Europa abhält. Weiter entlang der östlichen Landesgrenze sieht es ähnlich aus: Während die sehr unzugängliche Grenze zum Irak vor allem durch militärische Operationen, Luftüberwachung und Drohnenangriffe „gesichert“ wird (auch von Militärbasen im Nordirak), wird an der Grenze zum Iran seit 2017 ebenfalls an einer Mauer gebaut. Ein Großteil der 295 Kilometer dort sind schon fertiggestellt. Es ist ein weiteres Prestigeprojekt der Regierung, in das auch Gelder aus der EU fließen. Die Abschottung richtet sich vor allem gegen Menschen ohne iranische Staatsangehörigkeit oder gültige Reisepapiere (also Menschen aus Afghanistan, Pakistan, Bangladesch usw.); iranische Staatsbürg:innen können weiterhin visafrei in die Türkei einreisen.

Von Betonsegmenten, Wachtürmen, Sensorik, Patrouillen- und Zufahrtswegen, Gräben, Überwachungstechnik bis zur permanenten Instandhaltung: Die Grenzsicherung war und ist ein lukratives Betätigungsfeld für den türkischen Bau- und Sicherheitssektor. Konkrete Kosten der Anlagen wurden zumeist nicht öffentlich gemacht, müssen jedoch angesichts der Dimension und Ausstattung beträchtlich ausfallen. Die Akteure gehören einer verflochtenen Staatskapitalfraktion an: Die staatliche Wohnungsbaubehörde TOKI und ihre Subunternehmen, AKP-nahe Bauunternehmen, Sicherheitsfirmen, der High-Tech Sektor, das Regierungsunternehmen ASELSAN (Rüstungsindustrie) und so weiter und so fort. Migration wird nicht nur verwaltet – sie wird bewirtschaftet.

Die Grenzen sind heilig

Was die meterhohen Mauern zusätzlich bewirken: Sie drängen die Menschen auf unsichere und gefährliche Bootsrouten. Seegrenzen lassen sich vielfach nicht effektiv abschotten, zu viele Abschnitte der türkischen Agäisküste sind teilweise nur wenige Kilometer von griechischen Inseln wie Lesbos, Samos oder Kos entfernt. Immer wieder kommen Menschen bei den Überfahrten ums Leben, allein in der Ägäis ertranken mehrere Hundert von ihnen in den letzten Jahren. Oder sie erreichen Europa – und werden von dort gewaltvoll zurückgedrängt.

Je nach politischer Großwetterlage werden die systematischen Pushbacks des griechischen Grenzschutzes auch durch die Türkei skandalisiert: Das türkische Verteidigungsministerium berichtete im Juli 2025 medienwirksam über einen Fall, bei dem Aufklärungsdrohnen (UAV) im Grenzgebiet zwischen Türkei und der griechischen Insel Samos einen Rückdrängungsvorgang aufnahmen: Die griechische Küstenwache verbrachte den Überwachungsvideos zufolge people on the move auf zwei Schlauchboote und ließ diese in Richtung der türkischen Hoheitsgewässer ziehen.1 Die türkische Küstenwache, die die Menschen danach zurück ans Festland brachte, inszenierte sich als Retterin der Schutzlosen, obgleich die Situation der Zurückgewiesenen dort zumeist in monatelangen Inhaftierungen in den Abschiebeknästen mündet. Die Gewalt an den Grenzen im Osten der Türkei schafft es indes kaum in die Schlagzeilen.

Denn von den Grenzen zu Iran, Irak und Syrien gibt es ebenfalls regelmäßige Schilderungen über Pushbacks, Todesfälle, Folter und Gewalt: „So etwas passiert an der Grenze systematisch. Wir erfahren von Erfrierungen, von Paaren, die ihre Kleinkinder beerdigen müssen, von Menschen, die von Sicherheitskräften aus beiden Ländern getötet werden, von Gewalt durch Schmuggler“, berichten zwei Menschenrechtsaktivisten aus Van im Gespräch mit medico international.2 Von der staatlichen Nachrichtenbehörde Anadolu Ajansı (AA) klingt das Vorgehen (in Bezug auf die Iran-Grenze) indes so: „Unter dem Leitgedanken ‘Die Grenze ist heilig’ greifen die Sicherheitskräfte ein, um jegliche illegalen Aktivitäten entlang der Grenze zu unterbinden.“3

Hass auf Migrant:innen

Im Jahr 2024 hielten sich offiziellen Zahlen zufolge über 2,9 Millionen Syrer:innen mit temporärem Schutzstatus und fast 195.000 Asylbewerber:innen und Schutzberechtigte aus anderen Ländern, vor allem aus Afghanistan, dem Irak und dem Iran, in der Türkei auf. Die Dunkelziffer von Migrant:innen ohne offiziellen Aufenthaltsstatus ist deutlich höher – hier gehen Expert:innen von 500.000 bis zwei Millionen aus. Dass diese Hochrechnungen realistisch sind, lassen Daten des Innenministeriums vermuten, die von der Asylum Information Database (AIDA) in ihrem Türkiye Country Report zusammengetragen wurden: Allein im Jahr 2024 wurden insgesamt 225.831 Menschen aufgrund „irregulären Aufenthalts“ festgenommen.4

Die Türkei beherbergt damit eine der größten migrantischen Bevölkerungen weltweit – viele von ihnen leben über Jahre hinweg unter prekären Bedingungen oder ganz ohne Aufenthaltsstatus. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Migrationspolitik indes massiv verschärft. Im Fahrwasser von Hegemoniekampf, autoritärer Krisenbewältigung und wachsender ökonomischer Ungleichheit5 formierte sich über Parteigrenzen hinweg ein Konsens: Flucht und Migration werden fast ausschließlich als Bedrohung für nationale Sicherheit, Arbeitsmarkt und soziale Ordnung behandelt. Rassismus und soziale Abwertungen sind dabei nicht nur im AKP-geführten Regierungslager allgegenwärtig (dort dominierte vordergründig lange die Erzählung der „muslimischen Brüder und Schwestern“): Auch Kemal Kılıçdaroğlu, damals Oppositionskandidat der CHP, versprach im Präsidentschaftswahlkampf 2023 mit nationalistischem Pathos die Zurücksendung aller Syrer:innen: „Suriyelileri göndereceğiz“. Im Sommer 2024 gab es eine ganze Reihe an gewaltvollen Übergriffen auf Migrant:innen; hunderte Autos und Geschäfte von (vermeintlichen) Syrer:innen wurden zerstört. Diese Gewalt ist keine Randerscheinung, sondern spiegelt einen politischen und gesellschaftlichen Konsens über die restriktive Migrationspolitik wider.

Gleichzeitig dienen syrische Geflüchtete seit Jahren als wichtiges Druckmittel Recep Tayyip Erdoğans gegenüber der EU: Im Gegenzug für deren Verbleib im Land erhält die Regierung nicht nur milliardenschwere Hilfen, sondern profitiert auch davon, dass die internationale Gemeinschaft ihre Menschenrechtsverletzungen weitgehend ignoriert. Wenige Tage nach dem Machtwechsel in Syrien reiste EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in die Türkei und kündigte gemeinsam mit Erdoğan eine weitere Milliarde Euro für das Migrationsmanagement an6 – zusätzlich zu den sechs Milliarden Euro aus dem EU-Finanzmechanismus „Facility for Refugees in Turkey“ (FRIT).

Obwohl es bis August 2025 keine offizielle Aufhebung des temporären Schutzstatus für Syrer:innen gab, wurden seit Dezember 2024 bereits über 250.000 Menschen nach Syrien zurückgeführt – teils unter erheblichem Druck. Und während politische Akteure mit der Rückkehr der Menschen Politik machen, sinkt gleichzeitig der reale Schutz: Internationale Hilfsgelder wurden drastisch gekürzt; laut dem Türkiye Country Report mussten viele kleine NGOs bis zu 60 % ihres Personals abbauen oder ihre Arbeit ganz einstellen. Das betrifft auch Angebote wie medizinische Hilfe, Rechtsberatung und psychosoziale Betreuung. Für viele Geflüchtete bedeutet das den Verlust der sowieso schon fragmentierten Unterstützungsstrukturen – bei zugleich wachsendem politischem und sozialem Druck zur Rückkehr. Beobachter:innen befürchten zudem ein Aufflammen der rassistischen Gewalt rund um die erwartete Veränderung des Schutzstatus’ für Syrer:innen – im Sinne von: Wenn Assad doch nun weg ist, haben sie keinen Grund mehr, zu bleiben.

Der Abschiebekomplex

In Großstädten wie Istanbul sowie Grenzstädten sind willkürliche Identitätsfeststellungen auf den Straßen seit Jahren Normalität. Immer wieder gibt es zudem Razzien gegen Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus; etwa Mitte Juli 2025, wo in riesigen Polizeiaktionen – Innenminister Ali Yerlikaya spricht von über 27.000 Sicherheitskräften im Einsatz – über 600 Menschen auf einmal festgenommen wurden.7 Die Operationen werden als Bekämpfung von „Menschenschmuggel“ und „irregulärer Migration“ beworben. Die Menschenrechtsaktivisten aus Van berichten medico international, es fände „buchstäblich eine Jagd auf Geflüchtete statt […].“ Sie erzählen von fehlender Rechtssicherheit für die Inhaftierten, auch verlässliche Informationen zu Abschiebungen gebe es nicht: „Zu den von der EU mitfinanzierten Abschiebeeinrichtungen haben Anwält:innen und Menschenrechtsaktivist:innen quasi keinen Zutritt. Uns erreichen immer wieder Berichte, dass es dort zu Vergewaltigungen und anderen Formen der Gewalt kommt.“

Die Türkei betreibt derzeit rund 30 Abschiebezentren mit einer Kapazität von über 20.000 Personen. Hinzu kommen provisorische Hafteinrichtungen an Grenzen, Flughäfen und Polizeistationen. Die Einrichtungen sind ein zentrales Werkzeug des innenpolitischen Migrationsmanagements geworden und werden tatkräftig von der EU zur Eindämmung von Weiterreisen mitfinanziert. Internationale Beobachter:innen zeigen sich besorgt über die undurchsichtige Praxis der Inhaftierungen, Überbelegungen in den Knästen, teilweise monatelange Gefangenschaft, Missbrauchsvorwürfe und mangelnden Rechenschaftspflichten des Personals. Zumeist werden die Inhaftierten zu Haftende gezwungen, ein Formular zur „freiwilligen Ausreise“ auszufüllen. Dann werden sie abgeschoben. Der Türkiye Country Report berichtet für das Jahr 2024 von 141.000 Rückführungen, vor allem nach Afghanistan, was einen bisherigen Höchststand bedeutet. Das Recht auf Aufenthalt und faire Verfahren wird massenhaft suspendiert, die Haft wird zur Disziplinierungspraxis gegenüber marginalisierten Migrant:innen.

Das zeigen zum Beispiel die Lighthouse Reports aus dem Herbst 2024. Die Recherche hebt die Rolle der EU in der Finanzierung der Abschiebezentren in der Türkei hervor: „Ein Teil dieser Gelder wurde dafür verwendet, Fingerabdrucksysteme auszubauen, mit denen Migrant*innen auf der Straße aufgespürt und festgenommen werden können, sowie Abschiebezentren mit Stacheldraht und höheren Mauern auszustatten.“ 213 Millionen Euro flossen der Recherche zufolge aus der EU in den Aufbau der Zentren.8

Ein schmales Gegengewicht im nationalistisch aufgeladenen Diskursfeld bilden einige linke Kräfte wie die pro-kurdische DEM Partei, sozialistische Parteien oder zivilgesellschaftliche Initiativen. Sie kritisieren die Externalisierungspolitik der EU und verweisen auf die institutionalisierte Gewalt gegenüber Migrant:innenim Land. Die DEM Partei veröffentlichte anlässlich des Internationalen Tags der Geflüchteten am 20. Juni 2025 ein Statement, in dem sie die Situation der in der Türkei lebenden refugees und Migrant:innen anmahnt, die systematische Entrechtung, Ausbeutung und Gewalt – insbesondere in den Rückführungszentren und auf dem Arbeitsmarkt. Die Partei fordert umfassende Rechte und einen sicheren Aufenthaltsstatus für die Menschen, besondere Unterstützung für vulnerable Zielgruppen, die Schließung der Rückkehrzentren sowie ein Ende des migrationspolitischen „Geschachers“ mit Europa.9

1 Milli Savunma Bakanlığı: Yunan Sahil Güvenliği düzensiz göçmenleri Ege’ye bıraktı, T24 vom 22.7.2025, https://t24.com.tr/haber/milli-savunma-bakanligi-yunan-sahil-guvenligi-duzensiz-gocmenleri-ege-ye-birakti,1251149.

2 Kerem Schamberger: Jagd auf Geflüchtete. Interview mit Hayrettin Alan und Samed Aydeniz, medico international vom 28.5.2024, https://www.medico.de/blog/jagd-auf-gefluechtete.

3 Özkan Bilgin/Yılmaz Kazandıoğlu: Türkiye finishes building major 170-km stretch of security wall on border with Iran, AA vom 15.12.2023, https://www.aa.com.tr/en/middle-east/turkiye-finishes-building-major-170-km-stretch-of-security-wall-on-border-with-iran/3083406.

4 Türkiye Country Report, AIDA/ECRE, Juli 2025. https://asylumineurope.org/wp-content/uploads/2025/07/AIDA-TR_2024update.pdf.

5 Alp Kayserilioğlu: The Republic Strikes Back? re:volt magazine vom 2.4.2024, https://revoltmag.org/articles/republic-strikes-back/.

6 Europäische Kommission, Press Statement by President von der Leyen with President of Türkiye Erdoğan, 17.12.2024, https://enlargement.ec.europa.eu/news/press-statement-president-von-der-leyen-president-turkiye-erdogan-2024-12-17_en.

7 Türkiye genelinde göçmen kaçakçılığı operasyonu; 605 kişi yakalandı, T24 vom 17.7.2025, https://t24.com.tr/haber/turkiye-genelinde-gocmen-kacakciligi-operasyonu-605-kisi-yakalandi,1250178.

8 Turkey’s EU-funded deportation machine, Lighthouse Reports vom 11.10.2024, https://www.lighthousereports.com/investigation/turkeys-eu-funded-deportation-machine/.

9 DEM Parti’den yeni göç dalgalarına karşı “savaşları durdurma” çağrısı, T24 vom 20.6.2025, https://t24.com.tr/haber/dem-parti-den-yeni-goc-dalgalarina-karsi-savaslari-durdurma-cagrisi,1245665.