Pressebericht - in: junge Welt vom 07.04.2004

Ostermarsch 2004 in Berlin: Keine Demonstration in der Stadt?

jW fragte Laura von Wimmersperg, Sprecherin der Friedenskoordination Berlin - Interview: Arnold Schölzel

von: Arnold Schölzel / junge Welt / Interview / Pressebericht / Dokumentation | Veröffentlicht am: 7. April 2004

Drucken

Hier finden sich ähnliche Artikel

F: Die Berliner Zeitung mokierte sich am Dienstag unter der Überschrift »Gelangweilt vom Marschieren« über die geplanten Aktionen der Ostermarschbewegung in Berlin. Was ist vorgesehen?

Es ist richtig, daß wir diesmal keinen Marsch durch die Stadt machen, weil wir in den letzten Wochen vier verhältnismäßig große und einen ganz großen Demonstrationszug hatten. Wir denken, daß eine festliche Ostermarschkundgebung in diesem Fall mehr anspricht und haben daher zwischen Neptunbrunnen und Marienkirche ein Fest vorgesehen, eine Kundgebung mit festlichem Charakter.

F: Wie wird das Fest ablaufen, wer nimmt daran teil?

Wir haben uns bereits im vorigen Jahr ein Konzept überlegt, um Migranten-Gruppen stärker in die Friedensarbeit mit einzubeziehen, und möchten, daß solche Gruppen nicht nur mit Folklore auftreten, sondern sich auch politisch äußern. Nach unserer Ansicht ist der Ostermarsch dafür ein geeigneter Ort.

F: In der geplanten Podiumsdiskussion steht die EU-Verfassung im Mittelpunkt. Warum?

Wir finden, daß viel zu wenig über diese EU-Verfassung diskutiert und gesprochen wird, viele Menschen unzureichend informiert sind. Die Verfassung soll die Militarisierung der EU, die Pflicht zur Aufrüstung und zu Rüstungsforschung festschreiben. Sie stellt völlig auf ein neoliberales Europa ab. Bereits auf den Protestkundgebungen der vergangenen Wochen haben wir betont, daß eben die mit dem Neoliberalismus verbundenen wirtschaftlichen Entwicklungen sowie Aufrüstung und Kriegspolitik zwei Seiten einer Medaille sind. Genau das schlägt sich in dieser Verfassung nieder.

F: Das Motto der Kundgebung lautet »Abrüstung statt Sozialabbau«. Verstehen Sie die Kundgebung als Fortsetzung der Demonstrationen vom 3. April?

Wir haben große Schwierigkeiten gehabt, in der Bewegung gegen die »agenda 2010« diesen Gedanken zu verankern. Das kann Bequemlichkeit oder Opportunismus, das kann aber auch Ahnungslosigkeit sein. Für uns gehört das, solange wir in der Friedensbewegung arbeiten, aufs engste zusammen. Aus diesem Grund wollen wir gerade jetzt, da es so stark um Sozialabbau geht, immer wieder das Augenmerk darauf lenken. Wir sagen nicht, wenn die Rüstung nicht wäre, dann hätten wir mehr Geld. Das ist zu kurzschlüssig. Aber wir heben hervor, daß die heutige Wirtschaftspolitik auch Kriege produziert und Kriege braucht, daß Märkte und Rohstoffe auf gewaltsame Weise angeeignet werden müssen. Das sind Zusammenhänge, die wir anderen Menschen gern bewußt machen wollen. Wir sind nicht gegen eine EU-Verfassung, aber gegen diese.

Für wichtig halte ich auch, daß die Podiumsdiskussion international besetzt ist. Vertreten sind Polen und Italien, zwei Teilnehmer sind nicht aus Europa, dazu Tobias Pflüger als Bundesdeutscher.

F: Welche Ostermarsch-Aktivitäten gibt es noch in der Region?

Es gibt wirklich sehr viel. Ein Ostermarsch hat schon am vergangenen Sonntag stattgefunden, nämlich zum Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam-Geltow. Am Montag findet der Ostermarsch gegen das Bombodrom Wittstock nach Fretzdorf statt, der voraussichtlich viele Menschen anziehen wird.

F: Was sagen Sie, wenn es dazu heißt »Gelangweilt vom Marschieren«?

Das ist unerfreulich. Ich denke, wenn Journalisten nicht mit uns gesprochen haben, dann saugen sie sich irgend etwas aus den Fingern. Vielleicht glauben sie, einer Tendenz folgen zu müssen, die vor allem eins will: Das Publikum von diesen politischen Aktivitäten ablenken. Dazu gehört, daß wir immer wieder gefragt werden, ob der Ostermarsch überhaupt noch aktuell ist. Die nächste Frage ist dann bei entsprechender Gelegenheit: Wo ist die Friedensbewegung? Man möchte uns gern als Feigenblatt der Nation benutzen und fordert uns auch auf, es zu sein. Wir sind es aber nicht. Es gibt in dieser Stadt viele friedenspolitisch bewußte Menschen, die nehmen an den Aktivitäten der Friedensbewegung teil. Sie werden sich auch nicht von solchem Schwachsinn wie in der Berliner Zeitung ablenken lassen.

* Ostermarsch-Kundgebung in Berlin am 12. April (Ostermontag) ab 14 Uhr zwischen Neptunbrunnen und Marienkirche in Berlin-Mitte

———————–
Original-URL: http://www.jungewelt.de/2004/04-07/020.php

Ähnliche Artikel