Dokumentation / in: ZNet 02.06.2002

Verschwörungstheorien oder strukturelle Analyse: der 11. September – Teil 1:


von: Stephen R. Shalom & Michael Albert / Bernd Ohm (Übersetzung)/ Dokumentation | Veröffentlicht am: 20. Januar 2003

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(1) Was ist eine Verschwörung, was ist eine Verschwörungstheorie?

Eine Verschwörung wird im Allgemeinen als Zusammenschluss zweier oder mehrerer Personen, die im Verborgenen verbrecherische Pläne hegen, definiert (Anm. des Übersetzers: das englische conspiracy entspricht im US-Strafrecht auch dem deutschen Begriff kriminelle Vereinigung). Zu den Beispielen für zugehörige Verschwörungstheorien gehören der Glaube, dass für das Kennedy-Attentat verbrecherische Elemente innerhalb der CIA auf ihrem Kreuzzug gegen den Liberalismus verantwortlich gewesen wären, die Anschuldigung, dass die Verhandlungen zwischen der US-Regierung und dem Iran über die Freilassung der amerikanischen Geiseln in Carters letztem Regierungsjahr fehlschlugen, weil Reagan-Mitarbeiter eine geheime Abmachung mit dem Iran getroffen hätten, derzufolge die Geiseln bis nach den Wahlen festgehalten werden sollten, oder die Behauptung jüngeren Datums, dass es sich bei den Ereignissen des 11. Septembers um das Komplott einer ebenso verbrecherischen wie geschickt agierenden CIA/Mossad-Gruppierung handelte, deren Ziel in einem Rechtsschwenk der amerikanischen und israelischen Politik bestünde.

In einem weiteren Sinne umfassen Verschwörungen auch nicht verbrecherische Handlungen mit genügend konspirativem Charakter. Beispielsweise würde es sich beim 11. September, selbst wenn der US-Präsident und seine höchstrangigen Mitarbeiter die Operation legal durchführen könnten, immer noch um eine Verschwörung handeln. Rechtlich erlaubte Attentate, die man als Unfall tarnt oder jemand anderem in die Schuhe schiebt, könnte man auch unter diese zweite, weitere Definition fassen, da es sich hier nicht nur um geheime, sondern auch mit aktiver Täuschung verbundene Aktionen handelt. Keine Definition von Verschwörung allerdings, so weit gefasst sie auch immer sein mag, beinhaltet sämtliche im Verborgenen ablaufenden Vorgänge. Menschen bedienen sich oftmals geheimer Treffen, um ihre Macht zur Erreichung bestimmter Ziele einzusetzen. Aber wenn es sich dabei jedes Mal um eine Verschwörung handeln würde, ließe sich beinahe alles als Verschwörung deuten. Wenn die Führungsebene von General Motors zusammenkommt, um darüber zu entscheiden, welcher Chevy nächstes Jahr hergestellt werden soll, wäre dies bereits eine Verschwörung. Für jede Geschäftsentscheidung und jedes Ergebnis einer Redaktionssitzung, sogar für die Personalentscheidung eines universitären Fachbereichs, der sich in nicht-öffentlicher Sitzung trifft, würde dasselbe gelten. Der Begriff der Verschwörung ließe sich überall anwenden und wäre daher völlig sinnentleert. Selbst im weitesten Sinne muss also eine signifikante Abweichung vom Normalbetrieb vorliegen. Daher würde niemand alle Geheimoperationen der staatlichen Geheimdienste als Verschwörungen bezeichnen. Spionage gehört zu den normalen und von den Diensten erwarteten Tätigkeiten, niemand bezeichnet sie als Verschwörung. Die meisten wirtschaftlichen oder politischen Entscheidungen werden im Geheimen getroffen; als Verschwörungen gelten sie nur, wenn über das „normale“ Verhalten hinausgehende Verhaltensweisen vorliegen, entweder Verstöße gegen die im Umfeld geltenden Normen (im engeren Sinn) oder Manipulationen und das aktive Evozieren falscher Vorstellungen (im weiteren Sinn). Welche Definition auch immer verwendet wird, wir sprechen beispielsweise nicht von einer Verschwörung zum Gewinnen einer Wahl, wenn die verdächtigen Aktivitäten nur darin bestehen, dass Kandidaten und Wahlhelfer nicht-öffentlich an einer effektiven Wahlstrategie arbeiten. Der Wunsch, eine Wahl zu gewinnen, auch wenn man daran im Geheimen arbeitet, stellt eine „normale“ Handlungsweise im Rahmen der im Umfeld geltenden Normen dar. Von einer Verschwörung sprechen wir allerdings dann, wenn es zu den Wahlkampfstrategien gehört, die Kampagnenpläne der Gegenpartei zu stehlen, ihre Drinks mit LSD zu „impfen“, einen Wahlkampfhelfer behaupten zu lassen, die Gegenseite hätte ihn verprügelt, oder sonstige Aktionen mit Ausnahmecharakter durchzuführen, bei denen die geltenden Normen des Wahlprozesses überschritten werden oder aktive Irreführungen und Manipulationen vorliegen.

(2) Wodurch zeichnen sich Verschwörungstheorien aus?

Jede beliebige Verschwörungstheorie kann wahr oder falsch sein. Automobil- und Reifenhersteller haben tatsächlich zusammen mit Ölfirmen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts konspiriert, um die Grundlagen des kalifornischen Straßenbahnsystems zu unterminieren. Israelische Agenten haben 1954 tatsächlich Geheimoperationen gegen westliche Ziele in Ägypten durchgeführt, um den britischen Rückzug zu verhindern. Die CIA hat tatsächlich eine Schiffsladung nordvietnamesischer Waffen „produziert“, um die US-Aggression zu rechtfertigen. Verschwörungen existieren tatsächlich. Aber bei einem Verschwörungstheoretiker handelt es nicht einfach um jemanden, der die Tatsache akzeptiert, dass es bestimmte Verschwörungen gibt. Vielmehr liegen bei Verschwörungstheoretikern meist eine bestimmte allgemeine methodologische Herangehensweise und ein bestimmter Satz von Prioritäten vor. Verschwörungstheoretiker versuchen bestimmte Ereignisse zu verstehen, indem Sie nach im Gruppen Ausschau halten, die im Geheimen agieren, entweder auf verbrecherische Weise außerhalb der im Umfeld üblicherweise geltenden Normen oder zumindest durch die Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung, die Schuldzuweisung an andere Parteien etc. Besonders wichtig für Verschwörungstheoretiker sind Methoden, Motive und Ergebnisse des Handelns der Verschwörer. Personen, Terminpläne, Geheimtreffen und gemeinsame verschwörerische Handlungen haben Priorität bei der Bewertung von Ereignissen. Strukturelle Beziehungen geraten dabei fast vollständig aus dem Blickfeld.Verschwörungstheoretiker fragen daher: „Hat Clinton 1998 den Sudan mit Raketen beschießen lassen, um von seinem Ärger mit Monica Lewinsky anzulenken?“, anstatt zu versuchen die grundlegenden Merkmale der US-Außenpolitik zu verstehen. Sie fragen „Hat eine Gruppe innerhalb der CIA Kennedy ermordet, um zu verhindern, dass er die Truppen aus Vietnam zurückzieht?“, anstatt die gemeinsamen Richtlinien der Vietnampolitik von Kennedy und Lyndon Johnson zu untersuchen, wie dies bei einer strukturellen Analyse der Fall wäre. Da Verschwörungstheorien so viel Gewicht auf einzelne Personen legen, geht es häufig darum, wer was zu wem gesagt hat, ob dieser oder jener durch ein bestimmtes Telefonat belastet wird, welche Zeugen glaubwürdig sind oder nicht, und wer wann was gewusst hat. Es herrscht allgemeines Misstrauen. Für Verschwörungstheoretiker muss nur irgendetwas passieren, schon vermuten sie eine Verschwörung dahinter. Es gibt eine neue Krankheit namens AIDS? Sie muss in einem Labor für biologische Kriegführung entwickelt worden sein. Der in den Whitewater-Skandal verwickelte Clinton-Mitarbeiter Vincent Foster hat angeblich Selbstmord begangen? Jemand muss ihn ermordet haben. TWA 800 und der Airbus 587 sind abgestürzt? Jemand muss eine Rakete abgefeuert haben.

(3) Wodurch zeichnet sich die strukturelle Analyse aus?

Die strukturelle Analyse konzentriert sich auf die Rollen der Agierenden, Anreize für ihr Handeln und andere strukturelle Faktoren, durch die wichtige Ereignisse ermöglicht oder sogar erzwungen werden, und die – was den wichtigsten Faktor darstellt – stets wiederkehrende Wirkungen zeitigen. Bei strukturellen Analysen werden selbstverständlich auch die Handlungen von Einzelpersonen berücksichtigt, diesen wird aber nicht der Status primärer Ursachen zugebilligt. Bei strukturellen Analysen geht es ja gerade darum, über unmittelbar wirksame persönliche Faktoren hinauszugehen und grundlegende Eigenarten der zugrunde liegenden Ordnung auszumachen. Das Ziel besteht darin, etwas über die Gesellschaft oder die Geschichte zu erfahren, nicht über möglicherweise schuldbelastete einzelne Akteure. Wenn die jeweilig Beteiligten nicht zur Stelle gewesen wären, hätte höchst wahrscheinlich irgend jemand anderes ihre Arbeit erledigt. Für den Analytiker von Strukturen wiegt das Verhalten verbrecherischer Elemente weit weniger schwer als die Muster, innerhalb derer die herrschenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Normen zu bestimmten Verhaltensweisen führen. Eine strukturelle Analyse der US-Raketenangriffe auf den Sudan oder der Iran-Contra-Affäre konzentriert sich darauf, wie und warum diese Ereignisse das Ergebnis grundlegender Gegebenheiten der amerikanischen Gesellschaftsordnung sind, nicht auf die persönlichen Winkelzüge des Frauenhelden Clinton oder des außer Kontrolle geratenen Kalten Kriegers Oliver North.

(4) Hat Verschwörungsdenken überhaupt einen Wert für die strukturelle Analyse? Kann das Denken in Strukturen überhaupt Verschwörungen ausmachen?

Es gibt natürlich nicht einfach zu behandelnde Grenzfälle. Jemand könnte die unmittelbaren persönlichen Umstände eines bestimmten Ereignisses auf scheinbar verschwörungstheoretische Art untersuchen, um zu einer allgemeineren strukturellen Analyse beizutragen. Beispielsweise könnte man versuchen, einen Einfluss der CIA bei den Ereignissen des 11. September zu entdecken, um eine weitergehende (wenn auch falsche) strukturelle Theorie zu beweisen: dass die US-Regierung von der CIA beherrscht wird. Eine andere, etwas subtilere Möglichkeit könnte darin bestehen, beweisen zu wollen, dass eine bestimmte Art von Strukturen die darin verstrickten Akteure zu verschwörerischem Handeln drängt. Beispielsweise könnte jemand den Fall Enron untersuchen und dabei nicht nur – als Verschwörungstheoretiker – die unmittelbaren Handlungen des Enron-Aufsichtsrats verdammen, sondern zu dem (richtigen) Ergebnis kommen, dass die Eigenheiten des US-Marktes Verschwörungen der Führungsebenen von Konzernen gegen die Öffentlichkeit durch strukturell bedingte Motivierungen und den gesamten Marktkontext ausgesprochen wahrscheinlich machen. Der Unterschied besteht darin, dass auf der einen Seite versucht wird, eine allgemeine Erkenntnis über die Gesellschaft durch das Verständnis ihrer Strukturen zu gewinnen, auf der anderen Seite hingegen ein Einzelereignis durch die Aktivitäten der unmittelbar beteiligten Akteure erklärt werden soll.

(5) In welchem Verhältnis stehen Verschwörungstheorien und strukturelle Analyse zueinander?

Wer sich politisch engagiert, profitiert in jedem Fall von der strukturellen Analyse, weil hier dauerhaft geltende Faktoren mit allgegenwärtigen und sich wiederholenden Auswirkungen aufgedeckt werden. Wenn andererseits ein Ereignis das Ergebnis einer einzigartigen Konstellation bestimmter Akteure, welche nicht im System begründbare Gelegenheiten ausnutzen, darstellt, spielen strukturelle Erwägungen sicherlich weiterhin eine Rolle, aber wahrscheinlich ist diese Rolle dann nicht verallgemeinerbar, und es kann keine Theorie der strukturellen Beziehungen aufgestellt werden. Ein Staatsanwalt mag sich damit begnügen, einzelne Gesetzesbrecher dingfest zu machen; wer für sozialen Wandel eintritt, muss darüber hinausgehen. Einzigartige Ereignisse können natürlich enorm große Auswirkungen haben – man denke an das Attentat auf Hitler -, aber die Analyse der näheren Umstände dieser Ereignisse führt selten oder nie zur Erhellung der gesellschaftlichen oder geschichtlichen Umstände.

Durch strukturelle Analyse gewonnene Theorien gehen davon aus, dass der Normalbetrieb bestimmter Institutionen und Abläufe zu Verhaltenweisen und -anreizen führt, die den in Frage kommenden Ereignissen zugrunde liegt. Beispielsweise dürfte man bei einer strukturellen Analyse zu dem Ergebnis kommen, dass sich die US-Außenpolitik vor allem im Rahmen von Konzern- und geopolitischen Interessen beschreiben lässt, nicht als Ergebnis der Handlungen von Dunkelmännern, und bei der Analyse der Konzerninteressen dürfte der Schwerpunkt auch eher auf den allgemeinen Interessen liegen, nicht auf den Zielen eines bestimmten verbrecherischen Konzerns, der versucht, die US-Außenpolitik auf Kosten der Allgemeinheit für seine eigenen, eng gesteckten Interessen einzuspannen. Wenn strukturelle Analysen auch Einzelpersonen, ihre Interessen, Terminpläne und Treffen behandeln, so geschieht dies vermutlich im Rahmen einer Aufzählung von Fakten, die der Erklärung bedürfen, nicht weil die Fakten selbst bereits Erklärungen wären. Das Herzstück struktureller Analysen stellen die Auswirkungen von Organisation, Motivierung und Verhalten bestimmter institutioneller Strukturen dar. Einzelpersonen verlieren nicht völlig ihre Bedeutung, werden aber nicht als Primärursachen gedeutet.

Bei Verschwörungstheorien wird diese Gewichtung – unabhängig von der jeweils ausgemachten Verschwörung – umgekehrt. Die spezifischen Täuschungsmanöver verbrecherischer oder wenigstens im hohen Maße doppelzüngiger Elemente treten in den Vordergrund.

Denken wir an die Medien. Wenn man auf der Suche nach Verschwörungen ist, hält man normalerweise nach Zeugnissen der Unterwerfung von Medien unter die Macht Ausschau und findet ein Komplott von bösen Buben – vielleicht Konzernen, vielleicht religiösen Organisationen, vielleicht der Bundesregierung -, das die Medien davon abhält, ihre eigentliche Arbeit zu erledigen. Der Verschwörungstheoretiker will dann in der Regel wissen, wie das Komplott funktioniert, wie es andere Menschen seinem Willen unterwirft, wann die Konspirateure sich treffen etc. In der Diskussion stehen dann die Handlungen irgendeines Klüngels von Redakteuren, Autoren, Nachrichtensprechern, bestimmten Eigentümern oder sogar einer Schauspielerlobby im Vordergrund. Im Gegensatz dazu neigt die strukturelle Analyse dazu, den Schwerpunkt auf interne Medienbürokratie, Sozialisierungsprozesse, profitorientierte Motivationen in einem marktwirtschaftlichen System und Finanzierungsmechanismen (der Verkauf von Zuschauer-/Leserzahlen an die Werbekundschaft), außerdem auf die Interessen der Eigentümer von Medien direkt und im weiteren Sinne als Funktion ihrer Klassenzugehörigkeit zu legen. Durch eine strukturelle Analyse will man für gewöhnlich erfahren, wie die Medien im Innern aufgebaut sind, wie die derart gefundenen Strukturen arbeiten, welche Interessen die Zielvorgaben bestimmen und was daraus abzuleiten ist. Das Denken in Verschwörungstheorien führt in der Regel zu der Forderung, dass die Übeltäter in den Medien entweder dazu gebracht werden, ihre Motive zu ändern, oder durch neue Redakteure, Autoren, Nachrichtensprecher oder Eigentümer ersetzt werden, die sich dann anders verhalten würden. Das Denken in Strukturen leugnet nicht die Möglichkeit, dass personelle Veränderungen positive Auswirkungen haben können, erklärt aber auch, warum diese Auswirkungen von begrenztem Charakter sind. Normalerweise führt dies zu der Forderung, mithilfe von Kampagnen konstanten äußeren Druck als Gegenwicht zum konstanten Druck innerer Strukturen auszuüben und damit den Vernebelungsstrategien der Medien entgegenzuwirken, oder neue Medien zu schaffen, die frei von den institutionellen Zwängen des Mainstream sind.

(6) Warum und wie führen die meisten (wenn auch nicht alle) Verschwörungstheorien dazu, dass die rationale Analyse aufgegeben wird?

Im Rahmen einer berühmten, in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts durchgeführten Studie wollte der Forscher Leon Festinger herausfinden, wie eine religiöse Sekte darauf reagiert, dass der von ihr vorhergesagte Weltuntergang an einem bestimmten Datum nicht stattfindet. Als an dem schicksalhaften Tag nichts geschah, hörten die Gläubigen nicht etwa auf zu glauben. Stattdessen passten Sie ihren Glauben derart an die veränderten Bedingungen an, dass Gott der Menschheit noch einmal eine weitere Chance gegeben hätte; der Rest des Glaubenssystems blieb völlig intakt. Jedermann darf natürlich glauben, was er möchte, aber die Glaubensgrundlagen dieser oder jeder anderen religiösen Sekte sind nicht rationaler oder wissenschaftlicher Natur, denn zu den grundlegenden Eigenschaften wissenschaftlicher Aussagen gehört ihre prinzipielle Falsifizierbarkeit, also die Möglichkeit, dass sie durch gegenteilige Beweise ihre Gültigkeit verlieren. Wenn eine wissenschaftliche Hypothese X vorhersagt und stattdessen Nicht-X eintritt (und dies wiederholt der Fall ist, ohne dass die Diskrepanz durch zusätzliche Erklärungen aufgewogen würde), muss die Hypothese angezweifelt werden. Wenn die Hypothese a priori vorhandenes Wissen ebenso wie aktuell gesammelte Daten ignoriert und trotzdem akzeptiert wird, handelt es sich meist nicht mehr um wissenschaftliches oder auch nur rationales Denken.

Verschwörungstheoretiker tendieren dazu, Gegenbeweise auf ähnliche Weise zu behandeln wie dies bei Festingers religiösen Eiferern der Fall war. Ebenso wie die wunderbaren Wege Gottes die Gläubigen vor den Konsequenzen ihrer falschen Voraussagen gerettet haben, geschieht dies bei widerlegten Verschwörungstheorien durch zusätzliche Verästelungen von Verschwörungen. Wenn Beweise auftauchen, die einer behaupteten Verschwörung entgegenstehen, nimmt das verschwörungstheoretische Denken an, dass diese gefälscht sind. Wenn weitere Beweise die Authentizität der ersten Beweise bestätigen, müssen auch diese weiteren Beweise gefälscht sein. Auf einer Website wird beispielsweise behauptet, dass es sich bei den palästinensischen Selbstmordattentaten in Wirklichkeit um die Coups israelischer Geheimdienste handelt, bei denen israelische Agenten Bomben hochgehen lassen und den Überresten später die Leiche eines Palästinensers hinzugefügt wird. Was aber soll man in dieser Hinsicht von den sich in den Medien äußernden Familienmitgliedern der Selbstmordattentäter halten? Diese Äußerungen scheinen die Verschwörungstheorie ziemlich offensichtlich zu widerlegen. Dies aber stellt für die Verschwörungstheoretiker kein Problem dar. Es wird sofort behauptet, dass alle Interviews mit Familienmitgliedern von den Israelis inszeniert worden sind (siehe http://www.public-action.com/911/toothfairies.html ).

Neigen wir aber nicht alle dazu, Beweise zu ignorieren, die lang von uns gehegten Glaubenssätzen entgegenzustehen scheinen? Und haben wir nicht oft recht damit? Wenn der Zauberer David Copperfield dem Anschein nach eine Frau in zwei Hälften sägt, geben die meisten von uns trotzdem nicht gleich ihren Glauben an Physik und Biologie auf. Stattdessen halten wir uns an frühere Beweise und nehmen an, dass wir irgendwie getäuscht worden sind. Und selbst wenn wir nicht herausbekommen, wie Copperfield die Sache angestellt hat, dürften wir in nächster Zeit nicht einfach so in die nächste offene Kettensäge hineinlaufen. Wir halten vernünftigerweise an unseren Glaubenssätzen fest, weil eine gewaltige Menge an vorher gesammelten Beweisen vorliegt, von denen die vorherrschende Sicht auf die Dinge belegt wird, und nur ein einziger im Fernsehen gezeigter Gegenbeweis.

Verschwörungstheoretiker verfügen in den seltensten Fällen über eine gewaltige Menge an Beweisen, von denen die Verschwörung belegt würde und denen nur ein oder zwei kleine Details entgegenstünden, die man getrost ignorieren könnte. Ganz im Gegenteil werden Verschwörungstheorien oft nur von dünnsten Beweisfäden zusammengehalten und oft stehen dem unwiderlegbare Gegenbeweise entgegen, durch die genau der ursprüngliche Beweis, auf dem die Verschwörungstheorie aufbaut, widerlegt wird.

Offensichtlich handelte es sich bei den Angriffen auf das World Trade Center um eine Inszenierung der US-Regierung, erklärten Verschwörungsfanatiker nur ein paar Tage nach dem 11. September, denn es hätte sich ja herausgestellt, dass die meisten der Entführer noch am Leben wären. Diese Behauptung konnte von anfänglichen Verwirrungen profitieren, verlor aber kurz darauf jede Glaubwürdigkeit. Das hat keinen Verschwörungstheoretiker auch nur eine Sekunde lang zum Nachdenken gebracht. Der Verlust des Hauptbeweises führte keinesfalls dazu, dass man den Glauben an eine Verschwörung verlor. In einem ähnlichen Fall wurde getönt: Warum lässt man von offizieller Seite niemanden die Tonaufzeichnungen des Flugschreibers von Flug 93 anhören, dem Flugzeug, das in Pennsylvania abstürzte? Für Verschwörungstheoretiker war dies ein Beweis dafür, dass es sich bei der offiziellen Version der Entführungsereignisse eine Fälschung handelte. Aber als es den Familien der Opfer mit Verspätung endlich erlaubt wurde, die Bänder anzuhören, hat (fast) niemand der Verschwörungstheoretiker seine Behauptungen zurückgezogen.

(7) Gibt es eine glaubhafte Verschwörungstheorie im Zusammenhang mit den 11. September?

Die Ereignisse des 11. September werden nicht mit einer einzigen, sondern mit Dutzenden, sich oftmals widersprechenden Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht. Daher werden die meisten Verschwörungstheorien nicht nur von Anhängern der strukturellen Analyse zurückgewiesen, sondern auch von den meisten Verschwörungstheoretikern – natürlich mit Ausnahme der Verschwörungstheorie, der sie jeweils selbst anhängen.

Im Folgenden einige der wichtigsten Verschwörungstheorien zum 11. September:

Das World Trade Center wurde nicht von Flugzeugen, sondern durch Explosivstoffe zerstört.

Die Flugzeuge wurden überhaupt nicht entführt, sondern per Fernsteuerung durch die Luftverteidigungsleitstelle NORAD (North American Aerospace Defense Command) gelenkt.

Die Flugzeuge wurden entführt, aber die Entführer wurden vorsätzlich getäuscht und die Flugzeuge dann von NORAD gelenkt.

Die Entführer waren in Wirklichkeit im Auftrag der US-Regierung unterwegs.

Den US-Geheimdiensten war das Komplott bekannt, sie haben aber bewusst keine Gegenmaßnahmen ergriffen, um durch die hohe Zahl von Toten die öffentliche Unterstützung für einen Krieg gegen den Terrorismus, von dem die Regierung profitiert, zu mobilisieren.

Das Komplott wurde in Wahrheit vom Mossad gesteuert.

Dem Mossad war das Komplott bekannt, die Israelis haben aber keine Gegenmaßnahmen ergriffen, weil sie hofften, dass die hohen Zahl von Toten die öffentliche Unterstützung für ihren Krieg gegen die Palästinenser mobilisieren würde.

Der zweite Turm des World Trade Center wurde von einer Rakete getroffen.

Es gab ein gemeinsames Komplott von verbrecherischen Elementen innerhalb der CIA, des Mossad, anderer amerikanischer staatlicher Stellen, von Mobil Oil (gegen die ein Strafverfahren angestrengt würde, dessen gesamte belastende Beweise sich World Trade Center befunden hätten) und der russischen Mafia (die insbesondere vom Handel mit afghanischem Heroin profitierte, den die Taliban unterbunden haben).

Wir sollten hier ehrlich sein. Keine der oben angeführten Theorien scheint uns auch nur im Entferntesten von Interesse zu sein, von plausibel gar nicht zu reden. Keiner von uns hätte sich auch nur fünf Minuten damit beschäftigt, die oberen Behauptungen zu untersuchen, weil sie alle eine ausgesprochene Beleidigung unserer allgemeinen Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert, darstellen. Da aber solche Theorien eine gewisse Popularität im fortschrittlichen politischen Sektor aufweisen, nehmen wir uns in diesem Essay die Zeit, sie kurz zu behandeln. Bevor wir uns allerdings mit einigen von diesen Theorien auseinandersetzen, müssen wir uns darüber klar werden, bei welchen Phänomenen es sich nicht um eine Verschwörung handelt.

(8) Weisen nicht Lügen und Vertuschungsversuche darauf hin, dass eine Verschwörung existiert? Und sind nicht Lügen und Vertuschungsversuche von fundamentaler politischer Bedeutung?

Für diejenigen, die beim 11. September eine Verschwörung am Werk sehen, handelt es sich bei den US-amerikanischen (oder israelischen oder anderen) Verantwortlichen um abgrundtief böse Menschen, die mit voller Absicht Tausende hingeschlachtet oder deren Sterben zugelassen haben. Aber selbst wenn sich herausstellen sollte, dass der 11. September geschehen konnte, weil bestimmte Regierungsbeamte geschlampt oder sich als unfähig erwiesen haben, und dass diese Beamte dann später konspiriert haben, um ihre Schlamperei oder Unfähigkeit zu verbergen, dann handelt es sich dabei natürlich um eine Verschwörung ganz anderen Kalibers als der vorsätzliche Massenmord, den sich die Verschwörungstheoretiker ausmalen.

In der Tat, unfähige und schlampige Beamte sollten zur Rechenschaft gezogen werden. Und Beamte, die auf illegale Weise versuchen ihre Fehler zu vertuschen, sollten man vor Gericht bringen. Aber weder das eine, noch das andere Problem hat einen Einfluss auf die Politik der Linken oder überhaupt eine wichtige Bedeutung. Im Gefolge des 11. September haben die USA ein Land bombardiert, obwohl es Warnungen gab, denen zufolge dieses Vorgehen zum Hungertod von Millionen von Menschen führen könnte. Die Beschäftigung mit Beamten, die versuchen ihre Inkompetenz zu vertuschen, führt wahrscheinlich nur dazu, dass der ja keineswegs im Verborgenen getroffenen Entscheidung von Bush & Co., unzählige Menschen zu gefährden, nicht genügend Beachtung geschenkt wird.

Im Zusammenhang mit dem 11. September kann wahrscheinlich ohne weiteres von einem enormen Versagen der Geheimdienste gesprochen werden, daher sollte es niemanden verwundern, wenn viele Beamte versuchen möglichst schnell aus der Schusslinie zu kommen. Aus diesem Grund werden dann viele offizielle Versionen der Geschichte des 11. September erzählt, die ebenso viele Widersprüche beinhalten. Dies stellt aber keinesfalls einen Beweis für die Richtigkeit der Verschwörungstheorien dar. Im Gegenteil – wenn die Ereignisse so sorgfältig einstudiert waren, wie von den Verschwörungstheoretikern behauptet wird, hätten die Verschwörer dann bei der Koordinierung dessen, was offiziell erzählt wird, nicht geschickter vorgehen können?

Betrachten wir beispielsweise, was die Verschwörungstheoretiker Illarion Bykov und Jared Israel zu sagen haben: „Offenbar ist Cheney der entscheidende Hinweis herausgerutscht, dass zwischen dem für den Schutz des Präsidenten zuständigen Secret Service und der Luftfahrtbehörde FAA (Federal Aviation Administration) eine Standleitung eingerichtet war, bevor ihm klar wurde, dass er zu viel redete und er den Satz nicht beendete. Aber er redete nicht nur zu viel, er hörte auch zu spät damit auf“ (www.emperors-clothes.com/indict/indict-3.htm ).

Hier haben wir also Vizepräsident Cheney, der gerade erfolgreich eine Verschwörung durchgeführt hat, als deren Resultat Tausende von Amerikanern im Feuersturm ihr Leben gelassen haben, und wenn wir dieser Art von Diskussion überhaupt Beachtung schenken, sollen wir glauben, dass er die „Version für die Öffentlichkeit“ so schlecht vorbereitet hat, dass ihm an dieser Stelle beinahe die Wahrheit herausrutscht.

Wer sollte die Untersuchung der Ereignisse des 11. September durchführen: der Kongress, ein unabhängiger Ausschuss oder niemand? Bush und Cheney haben versucht, den Umfang der Untersuchung zu beschränken. Für die Verschwörungstheoretiker bedeutet dies einen weiteren Beweis ihrer Schuld. Aber wenn Bush und Cheney wirklich gerade erst ein Komplott geplant und durchgeführt haben, bei dem Tausende ihr Leben gelassen haben, müssten Sie dann vom Mehrheitsführer im Senat, Tom Daschle, wirklich erst „verlangen“ die Untersuchung einzuschränken? Wenn er sich unnachgiebig zeigt, warum nicht einen kleinen „Unfall“ arrangieren, durch den die Kontrolle über den Senat an die Republikaner zurückfallen würde (denn der Gouverneur von Süd-Dakota, der einen Ersatzmann benennen müsste, ist Republikaner)? Warum wurden übereifrige Reporter, die nach Dokumenten suchen, die belegen könnten, was Bush wirklich wusste, nicht „zufällig“ von einem Lkw erfasst? Da wird uns also erzählt, wir hätten einige der rücksichtslosesten und perversesten Mörder, die die Geschichte je gesehen hat, vor uns, und dann „rutscht ihnen etwas heraus“ und sie „verlangen“ von ihrem Gegner die Untersuchung nicht zu intensiv durchzuführen.

Nachdem man erst einmal das Reich der Verschwörungstheorien betreten hat, gerät man sofort auf schlüpfrigen Grund und schliddert einem Morast entgegen, in dem kein Gegenbeweis jemals ausreichen wird und jeder Bericht mithilfe neuer Annahmen den Bedürfnissen entsprechend uminterpretiert wird. In einer Bertrand Russel zugeschriebenen Anekdote hält dieser einen Vortrag, nach dessen Ende eine ältere Frau auf ihn zukommt und feststellt: „Im Wesentlichen haben Sie ja recht, aber was das Universum angeht, ist Ihnen das Wesentliche entgangen. Alles, was wir sehen können, steht auf dem Rücken einer gigantischen Schildkröte.“ Russell überlegt einen Moment und sagt dann: „Na gut, aber worauf steht denn die Schildkröte?“ Sie antwortet: „Auf einer anderen, noch größeren Schildkröte.“ Woraufhin Russell fragt, worauf denn diese Schildkröte stehe. Ihre Antwort: „Schildkröten ohne Ende.“ Nicht viel anders funktionieren meistens Verschwörungstheorien. Wenn eine zunächst aufgestellte Behauptung nicht aufrecht erhalten werden kann, egal, man kann ja eine andere aus dem Hut ziehen.

Weiter mit Teil 2: http://www.imi-online.de/2003.php3?id=382

Dokumentation / in Znet, 02.06.2002

Verschwörungstheorien oder strukturelle Analyse: der 11. September – Teil 2

ab Punkt 9

von: Stephen R. Shalom & Michael Albert / Bernd Ohm (Übersetzung)/ Dokumentation | Veröffentlicht am: 20. Januar 2003

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Teil 1: http://www.imi-online.de/2003.php3?id=381

(9) Stellen all die ignorierten Warnungen im Vorfeld des 11. Septembers den Beweis für eine Verschwörung dar, oder nur für Inkompetenz?

In Wahrheit beweisen ignorierte Warnungen keines von beiden. Es ist beispielsweise möglich, dass es viele Warnungen gab, diese sich aber auf den ersten Blick nicht von den Tausenden anderen Geheimdienstmeldungen unterschieden haben, die zur selben Zeit empfangen wurden. Trotz der Verschwörungstheorien, nach denen Präsident Roosevelt vorher vom Angriff auf Pearl Harbour wusste, bleibt die Tatsache bestehen, dass die beste Erklärung für die nicht beachteten Warnungen des Jahres 1941 in der Nicht-Unterscheidbarkeit der wichtigen Informationen vom „Hintergrundrauschen“ liegt (dieses Argument vertritt Roberta Wohlstetter in: Pearl Harbour. Signale und Entscheidungen, Stuttgart 1962).

Denken Sie auch an Folgendes: Hätten wir in den Monaten nach dem 11. September wissen müssen, dass die Golden Gate-Brücke in die Luft gejagt werden sollte? Warnungen in dieser Hinsicht gab es genug. Aber die Brücke wurde nicht in die Luft gejagt. Wäre sie nun tatsächlich zerstört werden, könnten wir auf alle Zeichen verweisen, die vorher darauf hindeuteten. Aber woher hätten wir wissen sollen, dass ausgerechnet diese Warnungen ernst gemeint waren, während dies bei allen Warnungen, die andere Ziele betrafen, nicht der Fall war? Wir konnten es nicht wissen, und aus diesem Grund blieben die meisten Einwohner der Bay Area, wahrscheinlich einschließlich der örtlichen Verschwörungstheoretiker, der Golden Gate-Brücke nicht fern.

Es besteht keine Frage, dass es im Zusammenhang mit dem 11. September zu schweren Schlampereien gekommen sein könnte. Aber selbst wenn sich herausstellt, dass irgendjemand hätte wissen müssen, was passieren würde, nicht nur im Nachhinein, sondern durch die Analyse vorher verfügbarer, relevanter wie irrelevanter Geheimdienstinformationen, würde dies noch lange keinen Beweis für eine Verschwörung darstellen.

Eines der Hauptargumente dafür, dass man vom 11. September schon vorher wusste, besteht darin, dass jede rational denkende Person aus den von offizieller Seite vor dem Ereignis gesammelten Informationen den Schluss hätte ziehen müssen, dass ein Angriff unmittelbar bevorsteht. Dass man keine Gegenmaßnahmen ergriffen habe, stelle daher einen Beweis für die Komplizenschaft dar.

Sehen Sie sich einmal diese beiden Hinweise an:

Bei der FAA existiert ein „Rotes Team“, dessen Aufgabe darin besteht, mit Explosivstoffen und Waffen im Gepäck zu versuchen Personenkontrollen an Flughäfen zu überwinden, um die Flughafensicherheit zu testen. Bogdan Dzakovic, einem Mitglied des Teams, zufolge haben 90% der Flughafenkontrollen den Test nicht bestanden, was aber zu keinerlei Reaktionen bei der FAA geführt habe. Stattdessen seien weitere Tests blockiert werden.

Ein Bericht der Kongressbibliothek an die nationale Aufsichtsbehörde für die Geheimdienste stellte folgendes fest: „Zu Al Qaeda’s Märtyrerbataillon gehörende Selbstmordattentäter könnten ein mit hochexplosivem Material beladenes Flugzeug in das Pentagon, das CIA-Hauptquartier oder das Weiße Haus stürzen lassen.“
Diese Hinweise scheinen darauf hinzudeuten, dass der Präsident „es gewusst haben muss“. Allerdings handelt es sich bei dem „Präsidenten, der es gewusst haben muss“, in diesem Fall um Bill Clinton. Dzakovics Tests wurden 1998 blockiert (Blake Morrison, USA Today, 25. Feb. 2002, S. A1 u. A4) und die Studie der Kongressbibliothek wurde während der Amtszeit von Bill Clinton erstellt (zitiert nach William Safire, „The Williams Memo“, New York Times, 20. Mai 2002, S. A19). Entweder muss also Clinton in das Komplott eingeweiht gewesen sein (und seine höchstrangigen Mitarbeiter, Gore, Cohen, Albright?) oder aber man kann solche Berichte erhalten, nicht darauf reagieren und ist trotzdem nicht gleich ein Verschwörer.

Verschwörungstheoretiker stellen sich ihre Feinde (ob nun CIA, Kapitalisten, Juden oder Freimaurer) oft als allmächtig und annähernd unfehlbar vor. Nichts geschieht aus Versehen oder ohne Absicht. Da Bush & Co. relevante Hinweise auf einen drohenden Terroranschlag nicht entgangen sein können, so argumentieren die Verschwörungstheoretiker, und sie keine Beweise unterschlagen hätten, wenn sie einen solchen Anschlag hätten verhindern wollen, müssen sie Teil der Verschwörung sein. Man betrachte aber einmal folgende Anzeichen einer weit von Unfehlbarkeit entfernten Organisation:

Die Einwanderungsbehörde INS hat zweien der Entführer noch sechs Monate nach dem 11. September Studentenvisa zugeschickt.

Der Schuhbomber Richard Reid schaffte es, an Bord eines Flugzeugs zu gelangen, obwohl er sich verdächtig verhielt und eine FAA-Warnung vor Schuhbomben im Umlauf war. Reporter waren in der Lage, bei Tests nach dem 11. September Waffen an Flughafenkontrollpunkten vorbeizuschmuggeln (die Bush-Regierung hat wohl kaum ein Interesse daran, den Eindruck zu erwecken, sie wäre unfähig die Bevölkerung zu schützen). Verschwörungstheoretiker sehen natürlich Schildkröten ohne Ende und werden wahrscheinlich als nächstes behaupten, dass es sich bei den genannten Fällen um vorsätzliche Schlampereien handelt, bei denen in das Komplott eingeweihte Beamte den Eindruck von Inkompetenz erwecken wollen, um die vorangegangenen Verbrechen ihrer Herren zu vertuschen. Und vielleicht sind ja Bushs Versprecher und Fehlgriffe ebenso Teil der Intrige, genau wie sein Drogenmissbrauch, sein Fahren unter Alkoholeinfluss und seine schlechten Noten in „Internationale Beziehungen“ – oder was auch immer. Um es noch einmal zu wiederholen: Es handelt sich hier um einen Morast, der von den wirklichen Problemen ablenkt und keine produktiven Ergebnisse zeitigt.

(10) Warum sind Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit den 11. September nicht glaubhaft?

Bei jeder der verschiedenen Verschwörungstheorien existieren mehrere Möglichkeiten, was die Identität der Verschwörer angeht. Wenn wir also die verschiedenen Möglichkeiten, was die Verschwörer angeht, mit den verschiedenen Theorien kombinieren, erhalten wir als Minimalzahl mehrere Dutzend von Verschwörungstheorien für den 11. September. Der durchschnittliche Linke bliebt wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit unter diesem Wust begraben. In Wirklichkeit ist aber keine einzige dieser Theorien auch nur mäßig überzeugend.

Betrachten wir zunächst die Varianten, bei denen Bush, vielleicht unter Mithilfe einer Handvoll von Vertrauten, die Anschläge allein gesteuert hat. Man hat den Eindruck, eine Dämmerzone zu betreten, in der die Realität keinen allzu hohen Stellenwert hat, wenn man sich auf eine solche Diskussion einlässt, aber es bleibt festzuhalten, dass Bush ohne die Hilfe der Führungsebene von CIA oder der militärischen Geheimdienste kaum in der Lage gewesen wäre, Agenten für die Ausführung des Komplotts einzusetzen; und zweifelsohne hätte er NORAD nicht dazu bringen können, die Flugzeuge per Fernsteuerung zu übernehmen, ohne dass ihm die NORAD-Führung dabei zur Hand gegangen wäre. Oder man nehme die Version des Komplotts, bei der am wenigsten Vorausplanung nötig war – nämlich die, dass Bush vom ersten Flugzeugattentat überrascht wurde, dann aber bewusst entschied, die restlichen Anschläge geschehen zu lassen, um von dem sich anschließenden Krieg gegen den Terrorismus zu profitieren. Kann man sich wirklich vorstellen, dass Bush die Konsequenzen dieses ersten Angriffs erfasst hat, ohne dass einer seiner höchsten Berater darauf bestanden hätte Gegenmaßnahmen zu ergreifen? Auch wenn Bush völlig klar war, wohin das Ganze führen würde, hätten dann nicht trotzdem die obersten, nicht in das Komplott eingeweihten nationalen Sicherheitsberater auf sofortigen Gegenmaßnahmen bestehen müssen? Hätten diese Berater Bush seinen Grundschulbesuch fortsetzen lassen (wo er zwischen 9.00 und 9.30 Uhr am Morgen des 11. September war), ohne auf einer Dringlichkeitssitzung zu bestehen?

Also gut, wenn eine einsame Entscheidung Bushs, nichts gegen weitere Anschläge zu unternehmen, kaum glaubwürdig ist, lassen Sie uns eine andere Variante betrachten: Bush war im Voraus gewarnt worden, entschied sich aber dazu, keine Gegenmaßnahmen zu ergreifen, auch hier aus dem Grund, von der nachfolgenden Kriegslüsternheit zu profitieren. Bykov und Israel behaupten, dass der Präsident keinesfalls seinen Grundschulbesuch fortgesetzt hätte, nachdem die Zwillingstürme getroffen waren, wenn er nicht schon vorher davon informiert gewesen wäre:

Es gibt nur eine Erklärung dafür, dass der Secret Service Präsident Bush das tödliche Risiko eingehen ließ, am Morgen des 11. September die Booker-Schule zu besuchen.

George Walker Bush kannte die Pläne für den 11. September. Und weil er diese Pläne kannte, wusste er auch, das niemand die Booker-Schule angreifen würde.

Diese Annahme beruht auf der Voraussetzung, dass aus dem Anschlag auf die Zwillingstürme eine für jedermann ersichtliche unmittelbare Gefährdung für den Präsidenten und den Staat folgte. Warum hat dann der Secret Service nicht sofort verlangt, dass Bush in Sicherheit gebracht wird? Wenn Bush sich über die Forderungen seines Secret Service-Teams hinweggesetzt hätte, müssten wir dann nicht irgendein Anzeichen dafür in der Zeit zwischen 9.05 (als der zweite Turm getroffen wurde) und 9.30 Uhr gesehen haben? Und wenn Bush schlau genug war, den Coup an sich durchgeführt zu haben, warum hätte er sich dann den Routineoperationen des Secret Service entgegengestellt? Warum hätten ihn die Agenten nicht so schnell wie möglich in Sicherheit bringen sollen? Oder, falls der Secret Service mit eingeweiht ist: Konnten die Verschwörer sicher sein, dass alle unter ihnen vollkommenes Stillschweigen über den geplanten Massenmord bewahren würden?

Bush ließ sich später vom Secret Service auf verschiedenen Luftwaffenstützpunkten verstecken, anstatt gleich nach Washington zurückzukehren, was dazu führte, dass die Führungsfähigkeiten des Präsidenten in einer nationalen Krise stark angezweifelt wurden. Wenn alles bereits im Voraus geplant war, würde man sich ja vorstellen, dass Bush dafür gesorgt hätte, den Eindruck eines erst vorsichtigen und später heroischen Führers zu erwecken. Stattdessen erschien er zunächst konfus und später als jemand, der die Hosen voll hatte. (Natürlich werden Verschwörungstheoretiker sagen, dass die anfängliche Konfusion und das Versteckspiel vollständig Teil des Täuschungsmanövers waren – Schildkröten ohne Ende. Und sicher zahlt es sich manchmal aus, den Dummen zu spielen – beispielsweise als Reagan sich angeblich nicht mehr an die Iran-Contra-Verbindung erinnern konnte -, aber das gilt nur für den Fall, dass ein Komplott bereits aufgedeckt wurde. Im Fall des 11. Septembers hätte diesen Verschwörungstheoretikern zufolge das anfängliche Komplott die Aufgabe, den Präsidenten als Idioten dastehen zu lassen.) Kriminelle sorgen in der Regel für ein gut vorbereitetes Alibi. Sollen wir wirklich glauben, dass Bush den schlimmsten terroristischen Anschlag in Friedenszeiten geplant und dann nicht weiter darüber nachgedacht hat, wie er durch sein Verhalten den am wenigsten verdächtigen und lobenswertesten Eindruck macht?

Hätte wirklich jeder nach dem zweiten Anschlag auf das World Trade Center um 9.05 Uhr sofort wissen müssen, was sich da gerade abspielte? Einige der Verschwörungstheoretiker sagen: ja. Aber warum hat dann die FAA bis 9.40 Uhr gewartet, bis alle US-Flüge zur Landung gezwungen wurden? (Evan Thomas und Mark Hosenball, Newsweek, 24. Sept. 2001) Man wusste bereits, dass vier Flugzeuge entführt waren, und mehr als eine halbe Stunde vorher waren zwei davon bereits in Gebäude gestürzt. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die FAA gehört zu den in das Komplott eingeweihten, und die FAA-Beamten haben seitdem Stillschweigen bewahrt, oder die Verwirrung an jenem Morgen war echt und es liegt durchaus im Bereich des Möglichkeiten, keinen Überblick über die Situation gehabt zu haben. Davon abgesehen gäbe es auch für eine in das Komplott eingeweihte FAA keinen ersichtlichen Grund, derart lange zu warten, bis die Flugzeuge auf den Boden geholt wurden. Und wieder befinden wir uns im Morast.

Welche anderen hochrangigen Beamten könnten neben Bush in das Komplott verwickelt sein? Bykov and Israel sagen (ohne einzelne Beweise vorzulegen), dass Rumsfeld und Myers, der Verteidigungsminister und der Höchste Stabschef, zu den Verschwörern gehören. Wenn es hier nur darum ginge, dass der üblichen Befehlshierarchie zufolge diese beiden für den Schutz der nationalen Sicherheit der USA zuständig sind und dabei versagt haben, könnte man getrost zustimmen, ohne dass dies größere politische Aufmerksamkeit auf der Linken zur Folge haben müsste. Aber Bykov und Israel geht es um etwas anderes. Sie sagen ausdrücklich: „Ihr Verhalten, wie es in den Medien beschrieben wurde, erweckt den Anschein von Verwirrtheit, Naivität und fehlender Vorbereitung. Wir werden hingegen beweisen, dass dieser Anschein nur vorgetäuscht war“ ( http://emperors-clothes.com/indict/indict-2.htm ).

Wir sollen also glauben, dass die obersten Beamten des Pentagon einen Angriff auf das Pentagon, wo viele ihrer Spießgesellen und hochrangigen Mitarbeiter tätig sind, ermöglicht haben (sie könnten natürlich dafür gesorgt haben, dass sich ihre engsten Freunde auf der anderen Seite des Gebäudes befunden haben, aber das scheint doch schwierig durchzuführen – und wieder sind wir im Morast, eine Behauptung nach der anderen). Und warum wurde denn das Pentagon überhaupt angegriffen? Hätte Bush nicht genauso viel Unterstützung für seinen Krieg gegen den Terrorismus gefunden, wenn nur das World Trade Center getroffen worden wäre, und nicht das Pentagon?

War die CIA in das Komplott verwickelt? Falls nicht: Wie hätten die Verschwörer sicher sein können, dass die CIA die Verschwörung nicht aufdecken und an die Öffentlichkeit bringen würde? Falls doch: Wie geht man mit der Tatsache um, dass CIA-Chef Tenet von Clinton ernannt wurde? (Sicher, Demokraten sind genau so schlimme Imperialisten wie Republikaner, aber ein geheimes Komplott mit dem Ziel Massenmord müsste man doch so geheim wie möglich halten. Und wenn die Demokraten mit zur Verschwörung gehören, warum wird dann z. B. von Hillary Clinton eine Untersuchung gefordert?) Man kann ein immer noch größeres Netz weben, mit immer weiteren Schildkröten als Grundlage, bis in alle Ewigkeit. Das Gegenteil lässt sich nie beweisen, insbesondere wenn es um Ereignisse geht, die ihrer Natur nach weit außerhalb unseres eigenen Gesichtskreises liegen. In solchen Fällen sollten unser allgemeines Verständnis des Kontextes, die strukturelle Analyse und unsere sonstigen Anliegen zum Einsatz kommen. Dies gilt allerdings nicht für jene, die Schildkröten ohne Ende sehen.

Ted Olson ist einer von Bushs ältesten Kumpanen. Olson war der Anwalt, der vor dem Obersten Gerichtshof den Fall „Bush muss Präsident werden“ vertreten hat und als Gegenleistung zum stellvertretenden Justizminister gemacht wurde. War Olson in das Komplott eingeweiht? Spielt es eine Rolle, dass Olsons Frau Barbara in dem Flugzeug saß, von dem das Pentagon getroffen wurde? War das nur eine Finte, um die Ermittlungsbeamten von der wahren Spur anzulenken? (Sicher, sicher: Olson könnte sich natürlich wegen irgendeines Supermodels von seiner Barbara trennen wollen, sie willigt nicht in die Scheidung ein und am Ende geht es bei all dem nur darum, dem guten Ted einen bequemen Ausweg aus seiner Ehe zu verschaffen.)

Wie sieht’s mit Justizminister John Ashcroft aus? gehört er zu den Eingeweihten? Als federführende Kraft hinter dem Patriot Act, der durch den Krieg gegen den Terrorismus erst ermöglicht wurde, scheint er auf den ersten Blick zu den Profiteuren des 11. September zu gehören. Und wir wissen, dass er im Juli vom FBI davor gewarnt wurde, Linienflüge zu benutzen (Newsweek, 27. Mai 2002). Wird dadurch nicht die Verschwörung bewiesen? Wohl kaum. Was wir hier beobachten können, ist vermutlich eine erschreckende Gleichgültigkeit dem Wohlergehen der amerikanischen Bevölkerung gegenüber – anstatt dass der Luftverkehr für alle sicherer gemacht wird, werden die Privilegierten anderweitig befördert und der Rest ignoriert -, aber dies stellt keinen Beweis dafür dar, dass Ashcroft oder sonst wer wusste, was am 11. September passieren würde. (Beispielsweise steht den Führungseliten häufig eine bessere medizinische Versorgung als der Gesamtbevölkerung zur Verfügung; anstatt dass die medizinische Versorgung allgemein verbessert wird, sichert man sich erstklassige Betreuung und überlässt die anderen ihrem Schicksal. Dabei handelt es sich natürlich um ein verabscheuungswürdiges Verhalten, aber um eines, das die systematische Folge der Strukturen einer kapitalistischen und elitedominierten Gesellschaftsordnung darstellt, was einen ganz anderen Stellenwert hat als etwa die Anschuldigung, Teile der Elite würden die restliche Bevölkerung mit Krebszellen verseuchen.) Wie auch immer, selbst wenn Ashcroft in das 11. September-Komplott eingeweiht war, hat er sich trotzdem fahrlässig dem Vorwurf der absoluten Inkompetenz ausgesetzt, nachdem er in den Monaten vor dem 11. September FBI-Forderungen nach mehr Analysten auf dem Gebiet der Terrorabwehr zurückgewiesen hat (Newsweek, 27. Mai 2002).

Wenn, wie in einigen anderen Versionen der Verschwörungstheorien – um damit fortzufahren – behauptet wird, bin Laden von der US-Regierung gesteuert wird oder deren Erfindung darstellt, warum haben die Verschwörer dann nicht genügend „Beweise“ gefälscht, die auf den Iran verweisen (ein Land, in das sie viel lieber einmarschieren würden als in Afghanistan)? Die Flugzeugentführer könnten alle möglichen Materialien hinterlassen haben, die eine Verbindung zu Saddam Hussein nahe legen würden. In Mohammed Attas Testament könnten sich Bezüge zu Geldern und Anweisungen aus dem Irak finden. Falls hingegen die US-Verschwörer bin Laden nicht kontrollierten, sondern nur durch irgendwelche elektronische oder menschliche Quellen von seinen Plänen wussten – wie konnten sie sicher sein, dass der Flieger, der letztendlich auf das Pentagon stürzte, nicht auf ein Ziel zuflog, dessen Zerstörung ihnen überhaupt nicht gelegen gekommen wäre?

Bush hat natürlich keine Ahnung von Geschichte. Aber wenn irgendeiner der intelligenten Menschen um ihn herum in die Verschwörung eingeweiht war, hätte der ihm doch sagen müssen, wie schwer ein Geheimnis zu wahren ist. Kissinger ordnete die geheime Fälschung von Aufzeichnungen über die Zielorte der US-Bombardierungen in Indochina an, um die Tatsache zu verbergen, dass Kambodscha dazu gehörte. Ein Radartechniker rückte schließlich mit der Wahrheit heraus. Und damals ging es nur um eine Frage, die für die meisten US-Soldaten ohne allzu große Bedeutung gewesen sein dürfte. Aber mehrere hundert Menschen in einem Komplott zusammenführen, das den Massenmord plant, nicht an Opfern, die man zur Not als „Untermenschen“ deklarieren kann, sondern an tausenden von Amerikanern: ein Geheimnis, das nicht mehr lange eines wäre. Dass jemand dieses Risiko eingegangen wäre, vor allem, wenn er ohnehin schon über enorme Machtmittel verfügt, ist einfach nicht zu glauben.

(11) Was ist mit bin Ladens früheren Beziehungen zu den USA? Legen Sie nicht die geheimen Wurzeln der Verschwörung offen?

Für Verschwörungsfans enorm wichtig ist die Aussage eines früheren US-Konsularbeamten in Djidda, Michael Springman. Springman zufolge wurde er von seinen Vorgesetzten angewiesen, eine große Anzahl von Bürgern mittelöstlicher Staaten in die USA zu lassen, damit diese dort an einer terroristischen Ausbildung teilnehmen konnten. Aber Springman war in Djiddah eingesetzt, als noch sowjetische Truppen in Afghanistan standen. Daher bezeugen seine Aussagen nichts weiter als das, was wir ohnehin schon wussten, nämlich dass bin Laden und andere arabische Terroristen in Afghanistan mit Rückendeckung der CIA agierten. Warum muss aus der Tatsache, dass die USA bin Laden (oder andere Terroristen) an einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit unterstützt haben, der Schluss gezogen werden, dass diese immer noch für die US-Regierung arbeiten? Dafür gibt es natürlich keinen Grund. Springman selbst ist ein Beispiel für jemanden, der früher für die US-Regierung gearbeitet, diese Arbeit dann aber beendet hat. Ein weiteres Beispiel stellt Michael Ruppert dar, früher Polizist und heute einer der führenden Verschwörungstheoretiker.

Einige Verschwörungstheoretiker behaupten, dass bin Laden seine Zusammenarbeit mit den USA nie beendet habe. Beispielsweise sind die Vereinigten Staaten 1995 nicht auf das Angebot des Sudans, bin Laden auszuliefern, eingegangen. Jared Israel zufolge ist „die einfachste Erklärung“ dafür die Tatsache, „dass bin Laden weiterhin in US-Diensten stand – entweder als Teil der CIA oder als jemand, den die CIA benutzte.“ Vielleicht zielten die Autoren eines Artikels in der Washington Post in dieselbe Richtung, als sie schrieben:

„Und es gab die Anfänge einer – in letzter Zeit verstärkt geführten – Debatte, ob die Vereinigten Staaten bin Laden anklagen und verurteilten oder lieber wie einen Kombattanten in einem Untergrundkrieg behandeln sollten.“ (The Washington Post, 3. Oktober 2001)

Und Jared Israel fügt hinzu: „Mit Betonung auf ‚behandeln‘, das hier als ‚so tun als wäre er‘ zu verstehen ist'“ ( http://emperors-clothes.com/news/probestop-i.htm ).

Die Autoren (tatsächlich war es nur einer) der Washington Post hatten solches aber gar nicht im Sinn. Sie bezogen sich auf eine Debatte innerhalb der US-Regierung, bei der es darum ging, ob bin Laden vor Gericht gestellt oder umgebracht werden sollte (in dem Artikel wird weiter ausgeführt, dass US-Beamte gezögert hätten, bin Laden in den Vereinigten Staaten vor Gericht zu stellen – dasselbe Zögern findet sich nach dem 11. September wieder -, und sich um seine Auslieferung nach Saudi Arabien bemüht hätten, wo man ihn ohne Umschweife hätte köpfen lassen können; dies sei aber am Einspruch der Saudis gescheitert).

Freunde von Verschwörungstheorien haben auch einer Meldung im französischen Le Figaro große Bedeutung beigemessen, derzufolge sich die CIA mit bin Laden im Juli 2001 in einem Krankenhaus in den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen hätte. Diese Meldung ist nie bestätigt worden, und es gibt viele Grunde sie anzuzweifeln. In der Meldung wird behauptet, dass sich „der örtliche, in Dubai wohlbekannte CIA-Agent“ vor Freunden seines Treffens mit bin Laden gebrüstet hätte. Würde man wirklich Informationen über grausamste Komplott in der Geschichte der Menschheit einem CIA-Agenten anvertrauen, der vor Freunden den Mund nicht halten kann? Und es dann auch noch in die Tat umsetzen? Würden US-Regierungsbeamte auf diese Weise mit einem Mitverschwörer kommunizieren? Der Leiter des Krankenhauses bestritt die Meldung und bemerkte dazu: „Dieses Krankenhaus ist zu klein, um irgendjemanden zur Hintertür hereinzuschmuggeln“ (Joseph Fitchett, International Herald Tribune, 1. Nov. 2001). Es soll nicht verschwiegen werden, dass nicht alle Verschwörungstheoretiker diese Meldung für glaubwürdig erachten; einer der Versionen zufolge handelt es sich dabei in Wirklichkeit um eine CIA-Ente: Falls bin Laden sich mit der CIA getroffen hätte, „warum erzählen sie uns das dann überhaupt? Antwort: Weil wir es wissen sollen. Frage: Warum sollen wir es ‚wissen’? Antwort: Weil es ihren Zwecken dient“ (http://www.public-action.com/911/ob_cia.html ). Dieselben Fakten, zwei verschiedene Interpretationen, drei verschiedene Interpretationen – egal, Schildkröten ohne Ende.

(12) Was ist mit jenen, die einen Nutzen aus all dem ziehen – ist das nicht ein Zeichen für eine Verschwörung?

Einer für Rätsel und Geheimnisse geltenden Faustregel zufolge muss man immer fragen: „Cui bono?“ – wer profitiert davon? Diese Regel ist oft hilfreich, aber kaum entscheidend. Zunächst einmal wissen wir ja aus der Kriminalliteratur, dass es oft mehr als einen Verdächtigen mit hinreichenden Motiven gibt. Profitiert die US-Regierung vom 11. September? Ja. Und Israel? Ja. Aber wie steht es mit Russland (das jetzt freie Hand in Tschetschenien hat)? Ebenfalls. Und China? Genauso – freie Hand in Xinjiang und eine wesentlich geringere Wahrscheinlichkeit, von den USA international isoliert zu werden.

Wenn man bei einem Gang durch die Geschichte unkritisch und mechanisch das „Cui bono?“-Prinzip anwendet, erkennt man schnell seine begrenzte Anwendbarkeit. Die Tragödie, die sich 1911 beim Feuer in der Triangle Shirtwaist-Fabrik abspielte (146 Frauen starben, weil ihr Arbeitgeber die Türen verschlossen hatte, damit sie keine Pausen machen konnten) zog einen großen Aufschwung der Textilarbeitergewerkschaft nach sich – sollten wir daraus den Schluss ziehen, dass in Wirklichkeit die Gewerkschaft hinter dem Feuer stand? Das Bombenattentat auf die Sixteenth Street Baptist Church in Birmingham/Alabama trug mit dazu bei, dass die öffentliche Meinung in Richtung einer Unterstützung der Bürgerrechtsgesetze umschwenkte. Handelte es sich bei dem Anschlag um ein Komplott von Bürgerrechtsaktivisten? Die bolschewistische Revolution wurde durch den Ersten Weltkrieg ermöglicht. Steckten die Bolschewiken hinter der Ermordung von Erzherzog Ferdinand in Sarajewo 1914? Teddy Roosevelt wurde nach dem Attentat auf McKinley Präsident. War er der geheime Drahtzieher hinter dem Attentäter Leon Czolgosz?

Die Frage nach dem „Cui bono?“ stellt noch ein anderes Problem für die historische Analyse dar. Manchmal ist es sehr einfach, die Folgen einer Handlung abzuschätzen. Man bringt seinen gut versicherten, wohlhabenden Ehepartner um und erbt eine Menge Geld. Aber welches sind die Folgen, wenn man in einem Land, das am Rande einer Rezession steht, Schäden in Höhe von Hunderten von Milliarden von Dollar anrichtet? George Bush kann sich sicher gut daran erinnern, dass sein Vater trotz seiner durch einen Krieg gewonnenen Popularität angesichts eines wirtschaftlichen Abschwungs nicht wiedergewählt wurde. Und wie gut man auch immer vorhersagen kann, dass die Nation sich in Krisenzeiten um den Führer scharen wird, so gilt doch ebenso, dass ein Präsident oft für alles Schlechte, das während seines Dienstes geschehen ist, den Kopf herhalten muss. Genauso vorhersehbar wie der kriegsbedingte Popularitätsanstieg für den Präsidenten war die Tatsache, dass die unvermeidbare Suche nach Verantwortlichen viele Beteiligte – einen FBI-Agenten hier, einen FAA-Bürokraten dort – dazu führen würde, in dem Versuch sich von Schuld reinzuwaschen mit dem Fingern auf ihre Vorgesetzten zu zeigen. Ob Bush am Ende aus all dem gestärkt oder geschwächt hervorgehen wird, steht keinesfalls von vornherein fest.

(13) Die US-Regierung ist doch zweifellos dazu fähig Gräueltaten zu begehen. Macht das eine Verschwörung nicht wahrscheinlich?

Bush ist vielleicht in der Lage, Millionen von Ausländern umzubringen, auch Millionen von namenlosen Amerikanern (mit Zigaretten, mit Maschinengewehren eher nicht), aber wohl kaum seine eigene Mutter (oder doch, wenn sie ihn ans Messer liefern würde etc., aber nicht routinemäßig und leichten Herzens). Zehn Mitglieder der herrschenden Klassen könnten sich vermutlich dazu verschwören, 1000 Ausländer umzubringen und das Geheimnis bis ins Grab bewahren, aber es ist sehr viel weniger wahrscheinlich, dass sie ein Komplott schmieden, als dessen Resultat 1000 Amerikaner oder ihre Mütter sterben müssen, und dann auch noch darauf hoffen, das Geheimnis wahren zu können.

Verschwörungstheoretiker haben das Operation Northwoods-Dokument als Beweis dafür aufgeführt, dass US-Führer imstande wären, den 11. September zu planen. Bei dem Dokument handelt es sich um ein kürzlich freigegebenes Memorandum mit höchster Geheimhaltungsstufe der Obersten Stabschefs, in dem Anschläge auf US-Ziele vorgeschlagen werden, die man Kuba in die Schuhe schieben wollte, um einen US-Angriff auf die Insel zu rechtfertigen.

Jared Israel schreibt daher:

Darum ist Operation Northwoods so wichtig. Denn wir wissen jetzt, dass die Obersten Stabschefs 1962 vorgeschlagen haben, getürkte Angriffe auf US-Eigentum durchzuführen, bei denen kubanische Flüchtlinge und US-Bürger ums Leben gekommen wären, um eine Welle der Empörung und des Hasses hervorzurufen, die eine Invasion Kubas rechtfertigt hätte… ( http://emperors-clothes.com/images/north-int.htm )

Aber, wie Jared Israel selbst weiß – und weiter hinten in dem Artikel auch zugibt, was andere aber ignorieren, die wiederum Israel zitieren -, die Obersten Stabschefs haben nicht zum Mord an US-Bürgern aufgerufen. Einer ihrer Vorschläge bestand darin, eine Schiff voller kubanischer Flüchtlinge zu versenken (wir wissen allerdings nicht, ob nicht „rein zufällig“ ein US-Schiff in der Nähe gewesen wäre, dass die Flüchtlinge „Gott sei Dank“ aus dem Wasser geholt hätte), aber bei dem Plan, ein mit US-Studenten besetztes Flugzeug abzuschießen, sollte das tatsächliche Flugzeug im Verlauf der Operation durch eine unbemannte Drohne ersetzt werden, die dann vorgeblich von Kuba abgeschossen worden wäre. Anderswo schlägt Operation Northwoods vor, quasi als Wiederholung des Untergangs der Maine im Spanisch-Amerikanischen Krieg ein US-Schiff in der Guantanamo-Bucht in die Luft zu jagen, hier wird aber explizit auf eine „nicht existierende Besatzung“ Bezug genommen. In dem Dokument werden auch Angriffe auf kubanische Flüchtlinge in den Vereinigten Staaten vorgeschlagen, „bis hin zum Beifügen von Verletzungen“. Wenn dieses Dokument uns also zeigen soll, zu welchen Schandtaten US-Beamte fähig sind, dann scheint es sich dabei um Lüge, Betrug und Verschwörung zur Vorbereitung eines Angriffskriegs zu handeln – aber nicht um Mord an US-Bürgern.

Außerdem wurde, so weit wir das beurteilen können, der von den Obersten Stabschefs vorgeschlagene Plan von der US-Zivilführung abgelehnt. (Eigentlich war das Dokument auch gar nicht nötig, um den Willen von US-Politikern zu dokumentieren, einen Zwischenfall als Rechtfertigung der Invasion Kubas zu inszenieren. Wir wissen seit geraumer Zeit, dass Robert Kennedy während der Kubakrise vorgeschlagen hat, einen Zwischenfall wie den Untergang der Maine als Rechtfertigung für einen Krieg zu inszenieren.) Es sollte darauf hingewiesen werden, dass nicht alle Verschwörungstheoretiker das Operation Northwoods-Dokument als echt akzeptieren. Carol A. Valentine behauptet, bei dem Dokument handele es sich selbst um eine Fälschung, wahrscheinlich aus israelischen Geheimdienstkreisen stammend, was dadurch bewiesen würde, dass kein Amerikaner den darin enthaltenen Ausdruck „college students off on a holiday“ benutzen würde ( http://www.public-action.com/911/northwds.html ).

Stellen wir uns nur einen engagierten Verschwörungstheoretiker vor, der den oberen Absatz liest. Welche Meinung er auch immer zu Operation Northwoods vertritt, die Debatten und Behauptungen werden kein Ende nehmen, man wird Hypothese auf Hypothese schichten, Schildkröten ohne Ende – und was soll man dagegen tun? Wann muss man sagen: „Es reicht! Das lenkt uns alles nur von den wirklich wichtigen Fragen ab“? Sehr früh, wie es unsere Meinung ist? Ein bisschen später? Noch später? Niemals? Das muss ein jeder für sich selbst entscheiden.

(14) Warum sind Verschwörungstheorien bei kritisch eingestellten Menschen so populär?

Die personenorientierte Suche nach Verschwörungen oder kriminellen Vereinigungen stellt natürlich die Arbeitsweise der Strafverfolgungsbehörden dar. Schließlich muss ein Staatsanwalt die unmittelbaren Umstände einer Tat und die zu bestrafenden Individuen ausfindig machen. Aber warum haben Verschwörungstheorien so eine verlockende Wirkung auf Menschen, die für den gesellschaftlichen Wandel eintreten? Es gibt viele mögliche Antworten.

Als Erstes können die von Verschwörungstheorien vorgebrachten Beweise dazu dienen, tatsächlich stattfindende Ereignisse einzuordnen, für die eine andere als die offizielle Erklärung notwendig ist. Die detaillierte Beschreibung der mannigfaltigen Verwicklung kann darüber hinaus zu einer richtigen Sucht werden. Man kommt von einem zu lösenden Rätsel zum nächsten, dann zum nächsten, weiter zum nächsten etc. Das Mysteriöse verfehlt seine Anziehungskraft nicht. Es hat einen dramatischen, lebendigen und menschlich anrührenden Charakter. Und man kann einen stetigen Fortschritt verzeichnen, wie bei der Untersuchung eines Mordfalls. Schließlich führt das Bedürfnis nach Vergeltung dazu, dass man sich kämpferisch mit den agierenden Personen beschäftigt. Dabei handelt es sich um eine journalistische Aufgabe mit klaren Parametern und offensichtlich zu erlangender Befriedigung, es sei denn natürlich, man lehnt sowohl Voraussetzungen, Logik, Methode und Prioritätensetzung des Ganzen von vornherein ab.

Zum Zweiten weisen Verschwörungstheorien Implikationen auf, die nicht zu radikalen Forderungen führen. Die zugrunde liegende Annahme lautet, dass alles einmal gut war und wieder sein wird, wenn nur erst die Verschwörer entfernt worden sind. Verschwörungstheorien erklären Missstände, ohne uns zu zwingen, die der Gesellschaft unterliegenden Mechanismen in Frage zu stellen. Sie ermöglichen es uns, bei schrecklichen Ereignissen unserer Verärgerung und unserem Zorn Ausdruck zu verleihen oder sogar einen persönlichen Rachefeldzug zu beginnen, aber dafür müssen wir nicht die grundlegenden Werte der Gesellschaft in Frage stellen. Wir machen die Entdeckung, dass ein bestimmter Regierungsbeamter oder Konzernanwalt ein schlechter Mensch ist, aber die Regierung und das Rechtssystem an sich bleiben unangestastet. Wir drängen darauf, die schlechten ins Kröpfchen zu werden, ohne uns um den Anbau der Linsen zu kümmern (oder gar um die böse Stiefmutter). Ein sehr bequemer und verführerischer Weg. Wir können bestimmte Kandidaten, bestimmte Manager, bestimmte Autoren, Redakteure oder sogar Zeitungsbesitzer ablehnen, ohne die Regierung, den Kapitalismus oder die Mainstream-Medien an sich in Frage zu stellen. Wir können ränkeschmiedende Bösewichter zurückweisen, ohne die zugrunde liegenden Institutionen anzutasten. Und wir können weiterhin selbst bei diesen Institutionen um Anerkennung, Status oder Bezahlung buhlen.

Zum Dritten, was wohl innerhalb der Linken die geringste Bedeutung hat, bieten Verschwörungstheorien ein leichtes und schnell wirksames Ventil für aufgestaute Leidenschaften, deren eigentliche Ziele nicht angreifbar scheinen oder möglicherweise zurückschlagen könnten. Hier werden Verschwörungstheorien zu „Sündenbocktheorien“. Irgendeine Minderheit, irgendein Feind wird angeschwärzt und dann heißt es: Rohr frei! Rassismus und Verschwörungstheorien gehen seit langem Hand in Hand, wenn auch nicht immer, so doch sehr häufig.

Um all dies zusammenzufassen: Es wäre schlimm genug, wenn Verschwörungstheorien die Menschen nur dazu bringen würden, nach verbrecherischen Cliquen zu suchen und dabei die zugrunde liegenden Strukturen aus dem Blick zu verlieren, wodurch für nützlichere Ziele zu gebrauchende Energien geschwächt werden, wie das Beispiel der vielen sinnlos verschwendeten Anstrengungen zur Erklärung des Kennedy-Attentats in den vergangenen Jahrzehnten zeigt. Zumindest in diesem Fall könnten die Werte, um die es geht, fortschrittlichen Charakter haben und wir könnten die – wenn auch geringe – Hoffnung hegen, dass sich die Beteiligten im Laufe der Zeit echten Erklärungen von größerer struktureller Bedeutung zuwenden könnten. Es bleibt aber traurige Tatsache, dass die Auswirkungen der verschwörungstheoretischen Denkweise in der Regel viel schlimmer sein können – und meist auch sind.

(15) Auf welche Weise führen Verschwörungstheorien zu politisch schädlichen Neigungen und Behauptungen?

Verschwörungstheorien bringen Linke oftmals dazu, Verbindungen zu rechtsradikalen Spinnern herzustellen oder Bündnisse mit diesen zu tolerieren. Einem der Autoren dieses Artikels wurden von einem linken Verschwörungsfreund ein Stapel Materialien ausgehändigt, in dem auch Ausdrucke von Public Action, Inc. ( http://www.public-action.com ) enthalten waren, einer Website, auf der neben den Verschwörungstheorien zum 11. September auch viele Links zu Websites von Holocaust-Leugnern zu finden sind. Dabei handelt es sich bedauerlicherweise um keinen Einzelfall.

Verschwörungstheorien führen oft dazu, dass albernerweise Personen mit einem Heiligenschein versehen werden, die vorgeblich nicht an der in Frage kommenden Verschwörung beteiligt waren, aber diese Glorifizierung durch die Linke keinesfalls verdienen. Auf diese Weise ist John F. Kennedy zu einer Art Held für die JFK-Verschwörungstheoretiker geworden, weil er (angeblich) unsere Jungs aus Vietnam zurückholen wollte, eine Behauptung, ohne die viele ihrer Hypothesen nicht funktionieren würden, und die deshalb beibehalten wird, egal wie weit sie sich von ernsthaften Beweisen entfernt hat.

Verschwörungstheorien führen dazu, dass wir kontraproduktive und falsche Prioritäten setzen. Es gibt heute für die US-Linke viele drängende Probleme – einen Krieg gegen den Irak zu verhindern, die israelische Aggression im Zaum zu halten, die Attacke auf die Bürgerrechte anzuwehren, das amerikanisch-russische Scheinabkommen zur nuklearen Abrüstung anzuprangern und so weiter. Unglücklicherweise haben sich viele Linke darauf eingelassen, die von der Demokratischen Partei angeführte Kampagne zu unterstützen, bei der es darum geht, was Bush wann wusste. Wie viele Energien engagierter Linker sind innerhalb von wenigen Wochen auf die Bush-Frage verschwendet worden, ohne glaubhafte Ergebnisse zu erzielen und weit abseits der Themenfelder, wo diese Energien dringend benötigt würden? Die Linke plant keine Teach-ins zum Mittleren Osten mehr, sondern stattdessen Versammlungen, auf denen im Detail darüber gestritten wird, wer wann was wusste. (Wenn wir hier einmal das „Cui bono?“-Prinzip anwenden wollten, könnten wir zu dem Ergebnis kommen, dass es sich bei Verschwörungstheorien überhaupt um nichts als ein Komplott der CIA handelt, durch das wir alle vom Kampf gegen die Globalisierung abgelenkt werden sollen. Stellen Sie sich vor, über diese Verschwörungstheorie zu debattieren, Stunde um Stunde, und dann über die Debatte zu debattieren und dann über die Debatte über die Debatte…)

Verschwörungstheorerien führen dazu, dass die Linke nicht ernst genommen wird. Der größte Teil der Öffentlichkeit betrachtet Verschwörungstheorien als Unfug. Dies gilt natürlich genauso für viele von der Linken vertretenen Ideen, aber (a) beruhen – im Gegensatz zu den meisten Verschwörungstheorien – die meisten Ideen der Linken auf der Wahrheit und (b) nehmen die meisten Linken ihre linke Politik ernst. Viele Verschwörungstheoretiker dagegen machen auf einer bestimmten Ebene den Eindruck, dass sie nur spielen. Glauben die wirklich, was sie da schreiben? Wenn wir tatsächlich akzeptieren würden, dass die Regierung von außer Kontrolle geratenen Mördern mit enormen Machtmöglichkeiten gesteuert wird, die vor nichts zurückschrecken, um ihre Ziele durchzusetzen, würden wird dann immer noch hier sitzen und Artikel schreiben? Oder wären wir nicht längst im Untergrund? Wie reagiert man angemessen, wenn man glaubt, dass eine faschistische Machtübernahme kurz bevorsteht?

Der Verschwörungstheoretiker Michael Ruppert berichtet, dass es eine Anzahl von Hackerangriffen auf seine Verschwörungswebsite gegeben hätte, und er legt die Vermutung nahe, dass ihn seine Feinde dadurch zum Schweigen bringen wollten. Aber dann verspricht er seine Website noch besser vor Hackerangriffen zu schützen. Glaubt er denn wirklich, dass seine Website von der CIA angegriffen wird? Und wenn dies der Fall wäre – sollte man annehmen, dass seine kleine technische Verbesserung ein Problem für den finanziell und technisch am besten ausgestatteten Geheimdienst der Welt, der gerade das Leben von Tausenden von Amerikanern ausgelöscht hat und dafür von Ruppert an den Pranger gestellt wird, darstellen würde? Rupperts Glaubwürdig- und Ernsthaftigkeit werden auch dadurch nicht befördert, dass man Links auf seiner Website überprüft, die er ausdrücklich als Quellen der „Vernunft und verlässlicher Informationen“ preist. Neben den Links zur Gerüchteküche von Rechtsausleger Matt Drudge (Rupperts „bevorzugte Nachrichtenwebsite im Internet“), zu TWA 800-Verschwörungstheorien, Vincent Foster-Verschwörungstheorien und dergleichen, gibt es einen Link zu „We the People,“ einer Website, die „den zwei drängendsten Problemen unserer Zeit gewidmet“ ist: der angeblichen CIA-Komplizenschaft bei der Crack-Kokain-Epidemie und dem – ebenso angeblich – von Königin Elizabeth und Bill Clinton befohlenen Mord an Prinzessin Diana. Eine andere von Ruppert empfohlene Website ist die Conspiracy Theory Research List („Rechercheliste für Verschwörungstheorien“), von der aus wir auf die Bilderberg-Verschwörungswebsite gelangen, wo uns in einem Anfall von Objektivität beide Seiten der Frage präsentiert werden, ob es sich bei den Protokollen der Weisen von Zion um gültige Beweise für eine zionistische Verschwörung handelt oder nicht. Elemente der Linken, die Rupert ernst nehmen, liefern einen schwerwiegenden Beitrag dazu, dass normale Menschen nicht nur Rupert, sondern auch die Linke ignorieren.

Genauso schlimm oder sogar noch schlimmer als die Tatsache, dass Verschwörungstheorien vom Großteil der Öffentlichkeit als Unfug betrachtet werden, ist der Umstand, dass ein anderer Teil sie ernst nimmt. Nicht nur handelt es sich bei diesen Theorien darum, dass grauenvolle Ungerechtigkeiten und schreckliches Leiden scheinbar rational erklärt werden, ohne grundlegende Strukturen in Frage zu stellen, sie stellen auch einen untrennbaren Bestandteil des Glaubens dar, das die Ungerechtigkeit einen nicht zu vermeidenden BestandteBestandteil der conditio humana darstellt. Einige Menschen sind eben böse, also passieren andauernd schreckliche Dinge. Wir können nichts weiter tun, als einen guten Bezirksstaatsanwalt zu wählen und uns ansonsten um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Wenn alles von immens mächtigen und unglaublich bösen Kräften kontrolliert wird, ist der Kampf gegen die Ungerechtigkeit sinnlos. Linke Verschwörungstheorien haben – genau wie rechte Verschwörungstheorien – einen um so schlimmeren Einfluss, je begieriger sie von der Öffentlichkeit aufgegriffen werden.

Zu guter Letzt führen Verschwörungstheorien dazu, dass plötzlich bizarre Feindschaften entstehen. Wir wollen hier gar nicht davon reden, dass Noam Chomsky, Howard Zinn und Michael Albert von Jared Israel als „Komplizen beim Völkermord“ charakterisiert werden ( http://www.emperors-clothes.com/analysis/revenge.htm), denn diese Anschuldigung folgt nicht aus Israels Verschwörungsdenken, sondern aus seinem Glauben an Milosevic. Aber es gibt andere Verschwörungswebsites, auf denen der Sorge Ausdruck gegeben wird, dass es sich bei Noam Chomsky um einen „Verkaufshelfer der Neuen Weltordnung“ handele. (http://www.sacredcow.com/hitlist/) Solche Verwirrungen sind nicht sonderlich hilfreich, was den Kampf für soziale Gerechtigkeit angeht.

Orginalartikel: „Conspiracies Or Institutions: 9-11 and Beyond“
http://www.zmag.org/content/Instructionals/shalalbcon.cfm

Quelle: http://www.zmag.de/article/article.php?id=133

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