IMI-Analyse 2026/21 - in: AUSDRUCK (September 2026)

Waffengeschäfte

Militärgerät und dessen industrielle Produktion

von: Andreas Seifert | Veröffentlicht am: 15. September 2026

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Das Engagement in der IMI hat viele zu Zeitzeug*innen gemacht – zu genauen Beobachter*innen einer Entwicklung in all ihren Details. Wir haben die Umwandlung der Bundeswehr von einer auf Landesverteidigung ausgerichteten Truppe zu einer interventionsfähigen Armee begleitet: ablehnend, kritisch und mit einem Blick auf die große Linie. Wir haben deutlich gemacht, dass hinter diesem Streben auch immer eine Portion Großmachtanspruch steckte. Die Friedensdividende nach dem Ende des Kalten Krieges wurde dementsprechend gerade nicht genutzt, um eine pazifistische oder doch zumindest entmilitarisierte Zukunft für Europa und darüber hinaus zu entwickeln. Das Gegenteil war der Fall. Das Festhalten an der NATO und die Zuweisung einer neuen Rolle für diese durch die deutsche Politik haben wir umfangreich in den Publikationen der IMI dokumentiert und analysiert. Teile dieser Entwicklung haben wir als quantitative Abrüstung und qualitative Aufrüstung beschrieben. Hier soll der Blick auf eine „Nebengeschichte“ gelenkt werden, die aktuell ein neues Kapitel aufschlägt: Die Entwicklung der Rüstungsindustrie. Es war einer unserer Ausgangspunkte in den 1990er Jahren.

1990er Jahre – Friedensdividende?

Die deutsche Rüstung – Deutschland ein Meister des Todes – gilt als eine der technisch versiertesten der Welt. An dieser angeblichen technischen Überlegenheit wurde auch im Kalten Krieg fleißig gearbeitet. Sowohl etwa in der Fortentwicklung von Panzern, wie auch von Sensortechnik, die in Fregatten verbaut wurde. Die Zuverlässigkeit deutscher Gewehre von Heckler&Koch, Exportschlager seit den 1960er Jahren, oder anderer Tötungstechnologien endete nicht mit dem Fall der Mauer. Stattdessen endete die Geschichte der ostdeutschen Pendants zur Rüstungsindustrie im Westen: Ihres Stammmarkts enthoben und den Verwertungsinteressen der westdeutschen Politik unterworfen, war das Ende der Industrie im Osten schnell herbeigeführt. Die Reste dieser Industrie gingen bis zum Ende der 1990er in den Strukturen westlicher Konzerne auf oder wurden aufgelöst.

Eines der Phänomene dieser Zeit waren die großen Fusionen, die quasi aus den nicht mehr eigenständig lebensfähig gewordenen Firmen zusammengeschoben wurden. So entstand 1989 der DASA-Konzern (Deutsche Aerospace) unter der Führung des Daimler-Benz Konzerns, der sukzessive die Reste der Luftfahrtindustrie in Ost und West in sich aufnahm und schließlich zu EADS (ab 2000) und heute Airbus (ab 2013) als einem der größten Rüstungskonzerne Europas hinleiten sollte.

An der Marineindustrie ließe sich zeigen, dass das Ausbleiben der Aufträge aus dem Militär – nicht nur von deutscher, sondern auch von internationaler Seite und auch nicht erst seit 1989 – zu massivem Stellenabbau führte, allerdings auch einer Spezialisierung Vorschub leistete. Der „Niedergang“ der deutschen Werftindustrie wurde durch die Verlagerung des zivilen Schiffsbaus ausgelöst und der Abbau der militärischen Kapazitäten weitgehend in Kauf genommen. Die Aufrechterhaltung eines Mindestmaßes an maritimer Kompetenz ließ man sich in der Folge deutlich mehr kosten. Jedes neue Schiffbauprojekt kostete schon damals Unsummen mehr als das vorhergehende. Kapazitäten und Kompetenzen wurden, wie z.B. bei U-Booten, durch den Export erhalten. Konventionelle U-Boote aus deutscher Produktion dominieren den Weltmarkt auch heute noch.

In anderen Bereichen mündete der Wille zum Erhalt von Kompetenz in die Flucht in Gemeinschaftsprojekte – die dann wiederum für den Steuerzahler noch teurer wurden, da die Militärs bei aller internationalen „Kooperation“ auch noch nationale Spezifikationen eingehalten wissen wollten: Die Goldrandlösung war geboren. Goldrandlösungen verteuerten sich noch einmal mehr durch die sich verändernden sicherheitspolitischen Anforderungen an das Gerät. Dieser Dreiklang – geringere Bestellmengen, veränderte Anforderungen und nationale Industrieentwicklung – hat mögliche „Einsparungen“ in der Beschaffung, die für den Laien im Wort „Friedensdividende“ mitschwingen, komplett aufgefressen. Übersetzt bedeutet dies, dass die Rüstungsindustrie mit einem Volumen von rund 400.000 Arbeitsplätzen in den 1980er Jahren auf unter 100.000 in den 2000er Jahren abgeschmolzen wurde – sektoral durchaus unterschiedlich – wohingegen das damit verdiente Geld in etwa gleich bleib.

Militärgerät im Kalten Krieg war an der Maßgabe größtmöglicher Stabilität und leichter Reproduzierbarkeit ausgerichtet: robust, langlebig, effektiv, tödlich. Das neue Material für die Truppe sollte einen technischen Vorsprung sichern: Sensortechnik, weitreichende Hochpräzisionsmunition, Tarntechnik, abhörsichere Verbindungen … Multifunktionswaffen ausgestattet mit der letzten verfügbaren Technologie. Jedes neue Projekt, jede neue Anschaffung, übertraf das Projekt, die Waffe oder die Ausrüstung der vorhergehenden Generation an Komplexität, an Leistungsfähigkeit und vor allem im Preis.

Die Ausstattung eines einfachen Soldaten, der in der Kaserne sitzend das Land „schützte“, trat in der Priorisierung von Ausgaben in den Hintergrund. Hier wurden für die Industrie geringe High-Tech-Anforderungen und Bestellmengen (Abbau von Soldatenzahlen) zusehend zu einem Faktor, sich aus dem Geschäft mit dem Militär zurück zu ziehen, oder sich doch zumindest zusätzlich neue Märkte zu erschließen. Hightech-Anforderungen auf der einen Seite bei stagnierenden Bestellmengen in bestimmten anderen Bereichen führten zu einem Wandel der Industrie als Ganzer.

2000 bis 2010 – Waffen und Technologie für die Intervention

Die Spezialisierung im technischen Bereich setzte sich auch jenseits der Jahrtausendwende fort – angetrieben aber weniger durch den militärischen, sondern eher durch den zivilen Bedarf. Dual Use – bis Ende der 1980er Jahre eher ein Übergang militärischer Entwicklungen in den zivilen Bereich – wurde ab den 2000er Jahren zusehends zu einem Synonym für eigentlich zivil angelegte Technologien, Techniken und Materialien, die für eine Integration in militärische Anwendungen kaum modifiziert werden mussten. Die rasanten Sprünge in der Entwicklung der Digitaltechnik, die Miniaturisierung von Speichermedien, die Steigerung der Leistungsfähigkeit durch neue Materialien ermöglichten auch in der Militärtechnik neue Lösungen – dennoch oftmals auf der Basis gedachter ziviler Anwendungsfelder. Ohne additive Produktionsverfahren, z.B. 3D-Druck, gedacht zur (dezentralen) Produktion von Ersatzteilen oder komplizierten Bauteilen in zivilen Anwendungen, ist die Produktion von (Kampf-)Drohnen heute kaum vorstellbar.

Firmen, die Entwicklungen anstießen, waren vor allem im zivilen Bereich zu finden und taten dies in erster Linie, um industrielle Bedarfe zu decken oder neue Konsumgüter zu schaffen. Dual-Use wurde von diesen Firmen teilweise sogar als ein Problem gesehen, da es den freien Export einschränkte. Neue Technologien, die als Dual-Use klassifiziert werden konnten, konnten sich letztlich negativ auf das Geschäft auswirken. 

Der Trend, sich zivilen Feldern zuzuwenden und eher nebenbei auch noch für Militär bzw. für die Systemlieferanten wie Airbus, Rheinmetall, KNDS, TKMS etc. zu produzieren, war für die frühen 2000er Jahre dominant. Dabei war es immer noch lukrativ, für diesen technisch hochwertigen Bereich zu arbeiten – aber es reichte eben nicht, um Fabriken auszulasten oder Standorte zu erhalten. Im Panzerbau war hier ein Wandel von einer industriellen Produktion zu einer Manufaktur zu beobachten. Die Firmen, die einen Großteil ihrer Produktion im Bereich Wehrtechnik hatten, versuchten über den Export eine Auslastung zu erzeugen. Gesamtwirtschaftlich gesehen spielte der Rüstungssektor seit den frühen 2000er Jahren keine Rolle mehr.

Dieser Wandel war, so ließ sich beobachten, auch ein gesellschaftlicher: Rüstung war in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr positiv besetzt, Exporte galten als potentiell gefährlich und mit dem von den Bundesregierungen unentwegt beschworenen Anspruch, eine „positive Rolle in der Welt“ spielen zu wollen, kaum vereinbar. Für nicht wenige Firmen war dies eine Zeit, sich entweder ganz aus dem Feld zu verabschieden, oder aber das eigene Engagement für Rüstung nicht gerade in den Vordergrund zu rücken. Ein Beispiel hierfür wäre wiederum der Daimler-Benz-Konzern, der zwar munter weiter militärische Lastwagen produzierte, aber hierfür nur versteckt auf einer englisch-sprachigen Webseite warb. Das negative Image der Rüstungsindustrie verstärkte sich durch eine endlose Serie von Skandalen wegen zu hoch angesetzter Preise, zu langer Lieferzeiten und fehlerhaften Materials. Außer im Selbstbild deutscher Firmen war niemand mehr davon überzeugt, dass die deutsche Rüstungsindustrie leistungsfähig und vor allem technisch versiert war.

Zwei Unternehmen, die in dieser Zeit der „Krise“ dennoch neue Akzente gesetzt haben, sind MBDA und Diehl Defence. MBDA stellt eine Fusion der europaweit zerstreuten Lenkflugkörperproduktion dar und gliedert sich mit seinen Nationalgesellschaften in Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Italien. MBDA gehört zu 37,5 % jeweils Airbus und BAE Systems, sowie zu 25 % Leonardo. In Deutschland wurden die – von DASA/EADS zur LFK-Lenkflugkörpersysteme zusammengesetzten, früher eigenständigen – Unternehmensteile von Telefunken, AEG und anderen zur MBDA Deutschland verschmolzen und in den Konzern eingebracht. MBDA ist der europaweit größte Produzent von Lenkflugkörpern und hat beispielsweise den Taurus im Programm. Diehl Defence ist als Mittelständler bemerkenswert, da die Unternehmenshistorie nicht nur seit der Frühzeit mit der Produktion für den Krieg verbunden ist, sondern das Unternehmen auch agil auf die unterschiedlichen Herausforderungen der Zeit reagierte. Einzig dem Ziel verpflichtet, eine hohe Rendite zu erwirtschaften, hat sich Diehl in den verschiedensten, auch militärischen, Feldern versucht. Die diversen Produkte und Firmen des Konglomerats geben noch heute Auskunft über dieses Streben. In den 2000er Jahren versuchte Diehl, an den in dieser Zeit entstehenden Outsourcing-Projekten der Bundeswehr zu verdienen – zum Beispiel mit dem Einstieg in die Heeresinstandsetzungslogistik (HIL), zusammen mit Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann (heute KNDS) 2005. Dieser Schritt, damals eine Innovation, war ein Nachgeben gegenüber den Stimmen, die schon immer der Auffassung waren, dass die Ineffizienz der Bundeswehr durch die Erfahrung der freien Wirtschaft ein Ende haben wird. Das Unternehmen entpuppte sich letztlich vor allem als ein teures Unterfangen, das die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr negativ beeinflusste: Die (angeblich) „kaputt gesparte Bundeswehr“ nimmt ihren Anfang in dem Versuch, ökonomisch und kostenorientiert zu wirtschaften … nicht im mangelnden Geld. Diehl zog sich, wie die anderen Partner, 2013 wieder zurück und konzentrierte sich auf seine Politik, sich in Nischen der Rüstungsproduktion zu bewegen und mit technischen Kompetenzen zu glänzen.

Der Krieg in Afghanistan und die diversen anderen Auslandseinsätze der Bundeswehr veränderten das Bild der Bundeswehr nachhaltig. Weg von der Landesverteidigung und in internationale Einsätze hinein, aber auch weg vom Image der „Brunnenbohrer“ und „Entwicklungshelfer“ hin zu Kampftruppen mit echten Toten und Korpsgeist. Der Widerspruch zwischen hehrem Anspruch und militärischer Realität wurde offensichtlicher.

Ab 2010 – Neuformierung?

Die Aussetzung der Wehrpflicht durch Verteidigungsminister zu Guttenberg hat die Bundeswehr davon entbunden, in größerem Umfang Material für die Landesverteidigung vorzuhalten. Die hier folgenden Umschichtungen von Personal und Material haben zu neuen „Mängeln“ geführt, wie sie auch dazu geführt haben, dass die Rüstungsindustrie noch weniger Anreiz hatte, begonnene Projekte frist- und kostengerecht zu Ende zu bringen. Die lange halbjährlich erscheinenden Berichte über das Rüstungswesen des Verteidigungsministeriums, eingeführt, um gegenüber dem Bundestag nachzuweisen, dass man immer noch nach Kräften versucht, sorgsam mit dem Geld umzugehen, gerieten zur Dokumentation institutionellen Versagens in der Beschaffung. Und wenn hierin oftmals auch die Industrie angegangen wurde, die immer wieder aufs Neue bewies, dass sie vor allem am Geld und weniger an der „Wehrbereitschaft“ der Truppe interessiert ist, verstand es die Industrielobby, vor allem die Beschaffungsprozesse selbst in Frage zu stellen. So entstand sozusagen das zweite PR-Märchen der „kaputt gesparten Bundeswehr“: Die Beschaffungsbürokratie sei das Problem. Im Ministerium von Ursula von der Leyen wusste man hingegen schon, dass es neben den überzogenen Ansprüchen der Militärs, ihren sich ständig ändernden Anforderungsprofilen und der langsamen Bürokratie auch durchaus systemische Probleme mit einer behäbigen und bestens vernetzten Industrie gab. Die Industrie war aber in der Lage, mal lokale Politiker, mal Bundespolitiker von ihrer eigenen Unentbehrlichkeit zu überzeugen. Es gelang ihr, überdimensionierte und überambitionierte Projekte auf die Schiene zu setzen und die bürokratischen Prozesse zu überlasten.

Insbesondere in Bayern und Bremen konnte die Rüstungsindustrie überleben, indem Landespolitiker Werbung in Berlin machten und zur (angeblichen) Kompetenzerhaltung Gelder in lokale Strukturen leiteten, aber, und das sollte entscheidend sein, vor allem bei der Priorisierung von Investitionen mitwirkten. Projekte wie FCAS (Flugzeuge) oder auch MGCS (Panzer) atmeten trotz der Ansätze von Combat-Cloud und digitalem Schlachtfeld den Geist des Erhalts vorhandener industrieller Strukturen. Schließlich waren beide Systeme noch ausgerichtet auf die Erfordernisse einer Interventionsarmee. Alle vorgesehenen Beteiligten waren der etablierten Rüstung zuzurechnen.

Das Geschacher um die Premiumplätze am Futtertrog des Verteidigungsministeriums wurde schon damals immer öfter im Sinne der großen Akteure entschieden. Zur besseren Vertretung haben sie sich 2010 im Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) zusammengeschlossen, um sich auch in ihrer Lobbyarbeit von der bis dahin dominanten Wehrtechnischen Gesellschaft (DWT) abzusetzen. Die Erweiterung der Begrifflichkeit um die Sicherheitsindustrie war dabei nicht nur eine zeitgemäße Erweiterung des Selbstverständnisses, sondern auch ein Anzeiger, sich von der negativ belasteten Begrifflichkeit Rüstungsindustrie abzusetzen. Die Begrifflichkeit sollte auch dazu dienen, einmal mehr für die die Lockerung von Exportbestimmungen einzutreten. Das als enges Korsett beschriebene Rüstungsexportregime, das eigentlich hinter den europäischen Anforderungen in diesem Bereich sogar noch zurückblieb, sollte aus Sicht der Industrie abgeschafft oder doch zumindest bis zur Unkenntlichkeit verwässert werden –was heute, 15 Jahre später, zum Greifen nahe scheint. Die immer noch nicht steigenden Produktionsmengen – bei doch anziehender Bereitschaft, mehr Geld auszugeben – waren der Industrie ein Dorn im Auge.

Eine Diversifizierung war für viele, wenn nicht die meisten Unternehmen, eine Chance, diese Zeit zu überstehen. Auch wenn nicht ganz so viel produziert wurde, so waren die militärischen Gewinnmargen nicht schlecht und ein Garant für dauerhaft hohe Einkünfte. Großkonzerne wie Airbus suchten Wege, sich des Rüstungsgeschäfts zumindest in den Teilen zu entledigen, wo es keine Berührungen mit dem Hauptgeschäft gab – im Falle Airbus: alles was nicht fliegt, musste weg. Die Auslagerungen der Unternehmensteile, die man als EADS im Bereich Elektronik, Optronik und Sensorik erworben hatte, wurden auch aus PR-Gründen vollzogen. So war der High-Tech-Grenzzaun, den man noch 2009 voller Stolz nach Saudi-Arabien verkauft hatte, damit das Land die Grenze zum Jemen militarisieren konnte, zu einem Imageproblem für den Konzern geworden. Die Lösung hier war die Schaffung eines neuen Unternehmens, das in der Lage war, diese oftmals zerstreuten Einheiten zu bündeln und unabhängig von der Marke Airbus auch an andere Systemanbieter verkaufen zu können: Wir kennen das Unternehmen heute als Hensoldt. An Hensoldt wird aber nicht nur deutlich, wie man sich potentiell kritischer Fragen entledigte, sondern auch, wie die Entwicklung der deutschen Rüstungsindustrie in dieser Zeit insgesamt verlief. Es entwickelten sich tendenziell viele kleine Spezialisten, die Kompetenzen in engen Feldern hatten und flexibel genug waren, um an verschiedene Systemhersteller liefern zu können. Kein Wunder also, dass heute Komponenten von Hensoldt in den verschiedensten Drohnentypen weltweit enthalten sind – das ist kein Zufall, das ist so gewollt.

Ein anderes Unternehmen, dessen Aufstieg zum Rundumanbieter hier seinen Anfang nimmt, ist der Rheinmetall-Konzern. Rheinmetall war geschickt darin, verschiedenste Aufträge an Land zu ziehen, obwohl es (noch) gar nicht in der Lage war, diese umzusetzen. Wenn es einen potentiellen Auftrag gab, bemühte sich Rheinmetall um diesen und erwarb als nächstes eine Firma, mit der sich das dann auch umsetzen ließ. Diese Strategie wird auch heute noch durchgeführt – und leider auch nicht ohne Erfolg. Dabei profitiert Rheinmetall davon, dass es kaum Mitbewerber mit ähnlicher Strategie gibt und die potentiell zu kaufenden Firmen oftmals allein ebenfalls nicht in der Lage waren, entsprechende Aufträge zu erhalten. Zudem entspricht die „deutsche“ Firma Rheinmetall dem Bild, das sich Verteidigungspolitiker von einer Vergabe im Sinne des deutschen Steuerzahlers machten – ob Rheinmetall tatsächlich die günstigste Lösung bietet, oder überhaupt in der Lage dazu ist, ein einsetzbares Produkt abzuliefern, blieb dabei unbeachtet. Wem das zu kryptisch erscheint, der sei an die Verträge Rheinmetalls zur Bereitstellung von Behelfskrankenhäusern oder auch an die Beschaffung von Puma Schützenpanzern erinnert, oder, wem jüngere Beispiele lieber sind, die Beschaffung von Drohnen oder der Einstieg ins Weltraumgeschäft. Rheinmetall gehört zu den Firmen, die sich als Erstes im Zuge des Ukrainekrieges bereichern konnten – vielleicht auch, weil ihre Expansionsstrategie bereits 2014 Fahrt aufgenommen hatte und heute, mit einem großzügigen Finanzpolster ausgestattet, scheinbar unaufhaltsam ist.

Ukraine – ein Krieg als Ausgangspunkt ungehemmter Geschäfte

Der Ukrainekrieg ist Ausgangspunkt ungehemmter Aufrüstung. Unter dem Deckmantel der äußeren Bedrohung sind Pläne für eine neue Bundeswehr geschmiedet worden, die kaum mit den militärischen Erfordernissen in Einklang zu bringen sind. Es wird nicht einmal versucht, plausibel zu erläutern, warum welche Form der Aufrüstung und Materialerneuerung von Nöten ist. Ausschlaggebend sind in der öffentlichen Debatte nur zwei Faktoren: 5 % der Wirtschaftsleistung und NATO-Vorgaben. Jede Frage nach einer Spezifizierung eines realen Bedarfs, nach einer Begründung für die eine wie die andere Anschaffung, wird mit diesen beiden Argumenten vom Tisch gewischt – wer dann noch Nachfragen stellt, bekommt zu hören, dass man selbstverständlich aus Geheimhaltungsgründen nicht mehr sagen könne, dass das aber so schon seine Richtigkeit habe. Und das war so prompt auf den russischen Angriff zu hören, dass man schon fast gewillt ist zu glauben, diese Erklärung hätte bereits in der Schublade gelegen. Die 5 % des BIP für Rüstung sind indes eine Maßgabe, die sich aus nichts anderem rechtfertigt, als ihrer Setzung durch ein paar Staatschefs. „NATO-Vorgaben“ sind ebenso eine Blackbox, die mit dem Beigeschmack eines feuchten Großmachttraums hängen bleiben – leider mit realen Folgen für Sozial- und Bildungssysteme in diesem Land.

Betrachtet man mit etwas Abstand die ersten Entscheidungen zum Sondervermögen, so fällt auf, dass hier vor allem das bedient wurde, was schon seit längerem geplant war: Erneuerung der nuklearen Teilhabe, FCAS, MGCS, Fregatten … Der Geldregen ging in die Breite und wies doch von Anfang an Lücken auf. Doch das soll hier nicht Thema sein. Worum es geht, ist, wie er vor allem eine Industrie befeuert hat, sich an neue Bedingungen anzupassen. Der Rheinmetall-Konzern wurde bereits erwähnt, andere Unternehmen wie KNDS, Airbus oder auch die Marinebauer TKMS, Lürssen (inzwischen an Rheinmetall verkauft) und andere hatten hier tatsächlich mehr Probleme, ihre Produkte passgenau anzubieten. Nichts aus dem aktuellen Portfolio dieser Firmen passte, um schnell auf eine tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung zu reagieren. Es waren alles Produkte, die einen langen Vorlauf brauchen, um realisiert zu werden. Hier wird das Dilemma der Industrie deutlich – die unmittelbaren Beschaffungsbedürfnisse ließen sich mit einer Fregatte, die noch mindestens fünf Jahre nach Kiellegung braucht, oder einem Panzerprojekt, das nicht einmal in den Kindeschuhen steckt, oder einem ultramodernen Luftkampfsystem, das grob geschätzt noch zwanzig Jahre braucht, bevor es fliegt, kaum befriedigen. Hier liegt einer der Widersprüche von „jetzt aber sofort“ einerseits und militärischen Planungszeiträumen von mehreren Jahren andererseits. Daher kommt auch der Planungszeitpunkt 2029 – nicht aus der realen Abwägung einer russischen Bedrohung (die ja so oder so gleich morgen den Krieg in der Ukraine verlieren wird). Das jüngste Aus für die beiden Projekte FCAS und MGCS verweist somit nicht nur auf ein Koordinationsproblem in der deutsch-französischen Rüstungspartnerschaft, sondern es gibt uns den Hinweis, dass diese Projekte vielleicht zu viel Geld fressen, das man (auch zur Beruhigung der Wählerschaft) in Projekte stecken sollte, die schneller zu sichtbaren Ergebnissen führen. Kleinere Waffensysteme, wie beispielsweise die nun anzuschaffenden kleineren schwimmenden Einheiten anstelle einer großen Fregatte, Drohnenschwärme, von denen suggeriert wurde, sie könnten schon morgen in die Kaserne geliefert werden, oder auch die Fabrikation vieler kleiner Schützenpanzer und Transportroboter, sind hier geeignet und lassen alle darüber hinwegsehen, dass die eigentlichen Ausgabenmilliarden doch wieder an anderer Stelle landen.

Deutschland soll nach dem Willen der Regierung wieder einen Großkonzern bekommen, der die ganze Breite des militärischen Bedarfs abdeckt und dieser Großkonzern soll Rheinmetall sein. Rheinmetalls Auftrag ist es nicht allein, Material für die Bundeswehr bereitzustellen, sondern die Rüstungsindustrie in Deutschland neu zu strukturieren. Dazu gehört es nicht nur, kleinere Spezialanbieter zu integrieren und neue Militärtechnik zu adaptieren, sondern auch, Teile der im Abstieg begriffenen Industrien in Deutschland abzufangen. Die „Erfolgsgeschichte“ der Gegenkonversion und des Aufstiegs Rheinmetalls wird als sinnvolles industriepolitisches Projekt verkauft, wie die Gesamtheit der Aufrüstung auch mit Blick auf die Wirtschaftsentwicklung als positiv dargestellt wird. Der Ausbau der Rüstung wird in der Öffentlichkeit deshalb vehement mit dem Fokus auf „Material“ debattiert. Andererseits dient genau diese Debatte dazu, davon abzulenken, dass eine große Menge der Rüstungsmilliarden in Unternehmen und Technologien fließen, die überhaupt nur wenige Arbeitsplätze generieren werden. Auch hier ist die Debatte schief.

Heilmittel für die Konjunktur?

Rüstung, so ist das Narrativ, hilft Arbeitsplätze zu erhalten, weshalb auch alle dort mitmischen wollen … und natürlich aus ‚reinem Patriotismus‘. Für kleinere Unternehmen in Deutschland ist dieser Schritt aber kein selbstgewählter, sondern eine Notwendigkeit und Reaktion auf ausbleibende Aufträge an anderer Stelle. Jedes Unternehmen[SV1] , das nun seine „Rüstungsaffinität“ äußert und Bereitschaft zeigt, sich der Rüstung zu öffnen, tut dies notgedrungen und hofft, die Ausfälle an anderer Stelle zu kompensieren – was absehbar nicht gelingen kann.

Ein Beispiel mag hier die traditionsreiche Deutz AG sein, die erst in einer Kooperation versuchte, Kompetenzen in Teilbereichen der Rüstung zu erwerben (Kauf von SOBEK 2025), um schließlich konsequent 2026 mit dem Panzerbauer FFG zusammenzugehen, der zur Verstärkung seines Gewichts einen größeren Industriepartner brauchte. Deutz wird damit zum drittgrößten Panzerbauer Deutschlands – nach KNDS und Rheinmetall. Dadurch, dass die Eigentümer der FFG gut ein Drittel aller Aktien am neuen Unternehmen halten und damit der größte Einzelaktionär von Deutz werden, kann man fragen, wer hier eigentlich wen übernimmt. Die Anschlussfrage, ob dann durch den Schritt alle Arbeitsplätze bei Deutz erhalten bleiben, muss bisher offen bleiben.

Die Regierung verkauft ihr Tun als ein Konjunkturprogramm, das bis heute schon zu erheblichen Veränderungen in der Rüstungsindustrie geführt hat. Die Industrie kann dies teilweise nutzen, die Fragmentierung, die in den 1990er Jahren ihren Anfang nahm, zurückzuführen. Sie kann es nutzen, um die Bedingungen für den Export von Rüstung zu erleichtern und den Staat zu zwingen, auch zukünftig viel Geld aufzuwenden, um einmal begonnene Projekte zu Ende zu bringen. Dumm nur, dass es weder das Versprechen sicherer Arbeitsplätze oder einer sichereren Welt erfüllt, aber mit absoluter Sicherheit zur Demontage unserer Demokratie, unserer Sozial- und Bildungssysteme und unseren Schwierigkeiten, den Klimawandel gerecht zu moderieren, beitragen wird.