IMI-Standpunkt 2026/56
Atomare Zeitenwende?
Redebeitrag von Claudia Haydt in Freudenstadt am 09.08.2026 anlässlich der Kundgebung - 81 Jahre Hiroshima Nagasaki
von: Claudia Haydt | Veröffentlicht am: 31. August 2026
„Nie wieder Faschismus und nie wieder Krieg“ dieser Schwur von Buchenwald scheint heute wichtiger dann je. Er mahnt uns genauso wie der Artikel 9 der japanischen Verfassung der festhält: „Ein Recht des Staates zur Kriegführung wird nicht anerkannt.“
Doch leider steht der japanische Grundsatz genauso unter Druck wie das Friedensgebot im Grundgesetz.
Wir leben in einer Zeit der absurden Gleichzeitigkeiten.
Merz forderte Anfang 2025: “Whatever it takes” für die Aufrüstung der Bundeswehr zur stärksten Armee Europas. Bis 2029 wird sich der Militäretat im Verhältnis zu 2024 verdoppelt haben. Im Verhältnis zu 2018 sogar mehr als vervierfacht. Gleichzeitig stehen die Kommunen landauf landab vor dem Kollaps.
Erlaubt mir eine sarkastische Bemerkung: „Was soll schon schief gehen – mit einer hochgerüsteten deutschen Armee und immer stärker werdenden Rechtsextremen in unserem Land?“
Die Begründung für die Aufrüstung – Schutz vor Russland – ist mehr als fragwürdig. Greenpeace hat in den letzten Jahren mehrfach aufgearbeitet, dass allein die EU-Staaten in jeder relevanten konventionellen Waffenkategorie schon heute Russland deutlich überlegen sind. Wer also an Sicherheit durch überlegene Waffensysteme glaubt, der hat schwache Argumente. Ich bin allerdings überzeugt, dass mit dem Streben nach militärischer Stärke keine Sicherheit entsteht – außer der Sicherheit für die Profite der Rüstungsindustrie.
Historisch und wissenschaftlich ist die Begründung, Krieg vorzubereiten um Frieden zu sichern, ohnehin kaum haltbar.
Der norwegische Friedensforscher Johann Galtung wies wiederholt darauf hin, dass wer Frieden will, auch Frieden vorbereiten muss. ‚Si vis pacem, para bellum‘ führt zu einem gravierenden Zielkonflikt und in eine ökonomische Sackgasse…(*)
Die Alternative „Krieg oder Bankrott“ müssen und dürfen wir nicht akzeptieren.
Die neuen deutschen Großmachtträume enden nicht bei der konventionellen Aufrüstung, sondern haben auch eine atomare Komponente und das hat seinen Preis.
Während die Kommunen immer weiter ausbluten, werden ihnen weitere Aufgaben aufgebürdet – auch durchs Militär. Im Rahmen des Operationsplans Deutschland wird zum Beispiel die „maximale zivile Unterstützung“ erwartet. Etwa bei der Unterstützung von Konvois Richtung Osten und bei der Versorgung zurückkehrender Verwundeter. Die Szenarien gehen von bis zu 1.000 Verwundeten pro Tag aus. Allein diese Größenordnung zeigt, dass die Priorität darauf liegen muss einen Krieg zu verhindern. Ein geordnetes Schlachtfeld war schon immer eine Illusion. Die demokratischen Ärzt:innen warnen zurecht: „Wir werden euch nicht helfen können.“ Das gilt in jedem großen Krieg aber ganz besonders wenn es ein Atomkrieg ist.
Atomwaffen sind so lebensfeindlich, dass die vollständige Abschaffung das einzige Ziel sein muss. Momentan geht die Entwicklung in eine andere Richtung: Anfang Januar 2026 sorgte ein LinkedIn-Post für Aufsehen: Frank Pieper, Direktor für Strategie an der Führungsakademie der Bundeswehr, erklärte öffentlich, Deutschland brauche eigene Atomwaffen – »in erster Linie mobile taktische«. Geteilt wurde dieser Post und der damit verbundene Vorstoß unter anderem vom CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter.
Das war noch vor wenigen Jahren ein politisches Tabu – zurecht!
Die Diskussionen um deutsche oder europäische Atomwaffen sind ein Symptom für eine gefährliche Verschiebung: die Rückkehr der nuklearen Denkweise in die Mitte der sicherheitspolitischen Debatten und die Hoffnung mancher Militaristen auf einen deutschen Zugriff auf die Atombombe.
Der Sicherheitsexperte Karl-Heinz Kamp fordert gar, die Auseinandersetzung mit Atomwaffen stärker in Bildung und Forschung zu verankern – als Teil einer »mentalen Zeitenwende«. Was hier als nüchterne Strategie verkauft wird, ist in Wahrheit ein gefährlicher Normalisierungsprozess. Atomwaffen – die zerstörerischsten Waffen, die je geschaffen wurden – sollen wieder als legitimes Mittel der Politik erscheinen.
Es wird häufig übersehen, dass Deutschland bereits heute näher an der Bombe ist, als offiziell zugegeben. Als hochindustrialisiertes Land mit Zugang zu atomwaffenfähigem Material, Forschungsreaktoren und Urananreicherungstechnologie gilt die Bundesrepublik als »Schwellenstaat«. Die internationale Anti-Atom-Bewegung bringt es auf den Punkt: »Nuclear power powers the bomb«. Zivile und militärische Nutzung lassen sich technisch nicht sauber trennen und die zivile Nutzung ebnet den Weg zur militärischen Nutzung.
Ein besonders heikler Punkt ist die Urananreicherung. Anlagen wie die im westfälischen Gronau gehören zu den wenigen weltweit, die diese Technologie beherrschen. Ergänzt werden deren Fähigkeiten durch die Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen (Ems). Gleichzeitig gibt es Forschungsreaktoren wie den FRM II in München, der noch im Laufe des Jahres 2026 wieder in Betrieb genommen werden soll und der mit hoch angereichertem, also waffenfähigem, Uran betrieben wird.
Die Infrastruktur für eine mögliche militärische Nutzung ist damit zumindest teilweise vorhanden. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) liefert wissenschaftliches Knowhow im Bereich der Kerntechnik und nuklearen Sicherheitsforschung. Auch wenn es keine Hinweise gibt, dass das KIT direkt an der Entwicklung von Atomwaffen beteiligt ist, so ist es doch auffällig, dass sich das KIT gegen eine mögliche Zivilklausel für seine Forschung ausspricht.
In Bayern wurde sogar versucht mit einem „Gesetz zur Förderung der Bundeswehr“ Zivilklauseln an Hochschulen zu verbieten. Mit einer Popularklage gelang es der Gewerkschaft ver.di und der Friedensbewegung diesen Vorstoß zu stoppen.
Diesen Erfolg sollten wir feiern und die zivile Forschung verteidigen.
Deutsche Pilotinnen und Piloten trainieren schon heute im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe den Einsatz von US-Atomwaffen, die in Deutschland lagern. Formal bleibt die Kontrolle bei den USA, faktisch aber ist Deutschland tief in die nukleare Strategie eingebunden. Kritiker sehen darin zurecht einen Verstoß gegen den Nichtverbreitungspakt.
Da die Entwicklung der transatlantischen Kooperation kaum kalkulierbar ist, werden von der deutschen Militärpolitik längst neue Optionen ausgelotet. Besonders im Fokus: Frankreich. Mit rund 290 Sprengköpfen ist das Land die einzige Atommacht der EU.
Deutschland und Frankreich treiben eine neue Zusammenarbeit bei der nuklearen Abschreckung voran.
Im März 2026 vereinbarten Kanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron eine engere Partnerschaft, die im Juli 2026 durch gemeinsame Luftwaffenübungen und Treffen des Verteidigungsrates in einem ersten Schritt praktisch umgesetzt wurde. Deutsche Eurofighter und französische Rafale-Kampfjets trainierten erstmals gemeinsam die Luftbetankung.
Geplant sind weitere konkrete Schritte: Im Herbst 2026 sollen deutsche Soldaten erstmals an einem französischen Nuklearmanöver teilnehmen.
Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages kam bereits 2017 zu dem Schluss, dass die Finanzierung europäischer Atomwaffen völkerrechtlich nicht eindeutig verboten sei. »Im Ergebnis schließt die fehlende Staatspraxis eine Möglichkeit zur Finanzierung ausländischer Atomwaffenpotentiale rechtlich nicht aus. Auch aus dem allgemeinen Völkerrecht ergibt sich derzeit (!) kein Finanzierungs- und Unterstützungsverbot für ausländische Atomwaffenpotentiale.« Gestellt hatte die Frage an den wissenschaftlichen Dienst übrigens der bereits erwähnte CDU-Politiker Kiesewetter.
Seit diesem Gutachten kam mit dem Atomwaffenverbotsvertrag eine neue völkerrechtliche Grundlage hinzu. Ein Erfolg internationaler Kampagnen und einer großen Mehrzahl der Länder in der UN-Vollversammlung.
Eine deutsche Unterschrift unter diesen Vertrag würde sämtliche deutschen Atomwaffenpläne stoppen. Doch damit ist zur Zeit nicht zu rechnen. Im Gegenteil, diejenigen, die den Nichtverbreitungspakt schon in den 1970er Jahren als »Sperrvertrag« für deutsche Ambitionen sahen, können sich jetzt über eine Hintertüre freuen, die sie damals eingebaut haben: eine Protokollnotiz aus dem Jahr 1974. Bei der Unterzeichnung des Nichtverbreitungspakts hielt die Bundesrepublik fest, dass keine Bestimmung des Vertrags die europäische Integration behindern dürfe – auch nicht im Hinblick auf entsprechende Atomwaffenkompetenzen der EU.
Diese Hintertür ist brisant. Denn sie zeigt, dass der Verzicht auf eigene Atomwaffen nie vollständig war. Vielmehr wurde er von Anfang an mit strategischen Vorbehalten versehen. Die Option, über europäische Strukturen doch wieder einen deutschen Zugriff zu erlangen, blieb erhalten. Im Rahmen der EU ist Deutschland nicht ein Land unter vielen, sondern das politisch, ökonomisch und perspektivisch auch militärisch stärkste Land.
Ein Blick in die Geschichte macht deutlich, wie gefährlich diese Entwicklung ist. Schon in der frühen Bundesrepublik gab es Bestrebungen zur nuklearen Bewaffnung, etwa unter Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Damals formierte sich Widerstand aus Wissenschaft und Gesellschaft. Heute hingegen scheint die Debatte enthemmter – und gleichzeitig technokratischer.
Was dabei verloren geht, ist die grundlegende moralische Dimension. Atomwaffen sind keine »normalen« Waffen. Ihr Einsatz würde unermessliches Leid verursachen, ganze Regionen unbewohnbar machen und globale Folgen nach sich ziehen. Jede Strategie, die ihren Einsatz einkalkuliert, stellt letztlich die Existenzgrundlagen der Menschheit infrage.
Gerade deshalb gewinnt der bereits erwähnte UN-Atomwaffenverbotsvertrag an Bedeutung. Er untersagt nicht nur Besitz und Einsatz, sondern auch Stationierung, Transport und Finanzierung von Atomwaffen. Ein deutscher Beitritt hätte weitreichende Konsequenzen: US-Atomwaffen müssten abgezogen werden, europäische Nuklearpläne wären politisch und rechtlich nicht mehr umsetzbar.
Die aktuelle Entwicklung zeigt: Die Gefahr eines neuen atomaren Wettrüstens ist real. Sie beginnt nicht erst mit dem Bau von Sprengköpfen, sondern mit der Verschiebung politischer Grenzen, mit der Normalisierung des bisher Undenkbaren. Wer heute von »europäischer nuklearer Abschreckung« spricht, bereitet den Boden für Entscheidungen, die morgen kaum noch rückgängig zu machen sind.
Eine antimilitaristische Perspektive setzt hier an. Sie stellt nicht die Frage, wie Europa atomar aufrüsten kann, sondern wie Abrüstung wieder ins Zentrum rückt. Sie erinnert daran, dass Sicherheit nicht durch immer neue Waffen entsteht, sondern durch Kooperation, Diplomatie und Vertrauen.
Die Alternative liegt auf dem Tisch: der Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag, der Abzug von Atomwaffen aus Deutschland, ein Ende der nuklearen Teilhabe. Vor allem aber braucht es eine gesellschaftliche Debatte, die sich der schleichenden Militarisierung widersetzt.
Denn eines ist klar: Wenn aus strategischen Planspielen politische Realität wird, könnten aus den Träumen der neuen Atomstrategen sehr schnell reale Albträume entstehen.
Das können und wollen wir niemals akzeptieren.
(* Diese Passage lautete ursprünglich folgendermaßen: „Der norwegische Friedensforscher Johann Galtung hat 1656 historische Situationen untersucht in denen mit dieser Begründung aufgerüstet wurde. Dies führte in 1640 Fällen zum Krieg, in den restlichen 16 Fällen war der wirtschaftliche Ruin der Beteiligten die Folge.“ Von einem Leser wurden wir jedoch darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um „ein Gedankenexperiment des Journalisten Norman Cousins“ gehandelt habe, das allerdings offenbar häufig fälschlicherweise mit Galtung attributiert wird. Wir werden den Sachverhalt weiter klären und ggf. aktualisieren.)
