IMI-Standpunkt 2026/051
IMI und der NATO-Angriffskrieg 1999
von: Anonyme Zusendung per Post | Veröffentlicht am: 29. Juli 2026
Anlässlich des 30jährigen Bestehens der IMI haben wir uns auch vorgenommen, „auf unsere Arbeit und die ausgetragenen Kämpfe gegen die Militarisierung der deutschen Außenpolitik zurückzublicken“ und unsere Leser*innen aufgerufen, sich an diesem Reflexionsprozess zu beteiligen. Neben zahlreichen Grußworten erreichte uns u.a. folgender Text (ohne Absender oder Angabe zur Autor*innenschaft), den wir gerne als IMI-Standpunkt veröffentlichen.
Herzliche Glückwünsche zum 30jährigen Bestehen! Leider sind antimilitaristische Analysen und Stellungnahmen heute notwendiger denn je, um dem deutschen Programm von Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit etwas entgegen zu setzen. Und hoffentlich dauert es weniger als 30 Jahre, um diesen Trend zu stoppen und zu einer Welt ohne Kriege und Militarismus zu kommen.
Ich habe von der IMI zum ersten Mal 1999 erfahren. Am 24. März 1999 hatte die NATO das Völkerrecht gebrochen und die Bundesrepublik Jugoslawien angegriffen. Auch die deutsche Bundeswehr beteiligte sich aktiv an diesem Angriffskrieg. Die abgeworfenen Bomben töteten und verwundeten zahlreiche Menschen und trieben weitere in die Flucht. Zivile Infrastruktur wie Brücken und Rundfunkeinrichtungen wurde zerstört und das Stromnetz lahmgelegt. Auch das Gebäude der chinesischen Botschaft zählte zu den „Kollateralschäden“ , Streubomben und
uranhaltige Geschosse verseuchten das Land, und einzelne Bomben schlugen in Bulgarien und Albanien ein.
Im Gegensatz zum Zweiten Golfkrieg löste der NATO-Angriff aber keine breite Protestbewegung aus. In meinem Umfeld nahmen viele den gewaltsamen Völkerrechtsbruch einfach schulterzuckend zur Kenntnis. Einzelne erhofften sich sogar – auch wenn sie mit der Methode nicht einverstanden waren -, dass durch den Militäreinsatz wenigstens das Morden auf dem Balkan beendet werden könnte.
In dieser Situation suchte ich im Internet nach Hintergründen und Erklärungen, mit denen ich Überzeugungsarbeit leisten könnte. Auf meinem PC befindet sich heute noch ein zusammengestellter Reader aus dieser Zeit. Neben Texten vom Versöhnungsbund, dem Bund für Soziale Verteidigung, der VVN-BdA und dem Komitee für Grundrechte und Demokratie enthält er auch eine warnende Stellungnahme der IMI: „NATO-Bomben können zu einer dramatischen Eskalation der Situation im Kosovo führen.“
Der von Claudia Haydt als IMI-Beirätin unterzeichnete Text beginnt mit einer Verurteilung der Bombenangriffe und analysiert, dass die NATO „in der Unlogik ihres eigenen Vorgehens gefangen“ sei: „Sie hat so lange mit Bomben gedroht, daß sie nun befürchtet ,ihr Gesicht zu verlieren‘, wenn sie diese Bomben nicht wirft.“ Es folgt eine Aufzählung von drei Folgen dieses Krieges. Erstens entwickele sich die NATO zu einem Interventionsbündnis mit dem Anspruch, jederzeit auch ohne Legitimation des UNO-Sicherheitsrats weltweit tätig zu werden. Zweitens befreie sich die Bundeswehr von der Beschränkung auf ihre Verteidigungsrolle und widerspreche der Behauptung aus dem rot-grünen Koalitionsvertrag „Deutsche Außenpolitik ist Friedenspolitik“. Und drittens werde das Eingreifen der NATO die Kampfhandlungen am Boden intensivieren und die demokratische Opposition schwächen.
Die IMI-Erklärung endet mit einem Aufruf zur Beteiligung an den Ostermärschen, um gegen den NATO-Kriegseinsatz, gegen das NATO-Friedens-Diktat und gegen die Kriegsbeteiligung der deutschen Bundeswehr zu protestieren. Angehängt ist außerdem eine Stellungnahme der Antimilitaristischen Initiative Regensburg, die von IMI-Beitrat Johannes Simon beigesteuert wurde.
Nach und nach fand sich dann doch eine Protestbewegung gegen den Kriegseinsatz zusammen. Propagandalügen wurden angeprangert und die Bedeutung des Rambouillet-Vertrags offengelegt. Holocaust-Überlebende widersprachen dem Auschwitz-Vergleich von Außenminister Fischer und Gewerkschafter dokumentierten die Zerstörungskraft der NATO-Bomben in Jugoslawien. Die Position der grünen Partei wurde als Befürwortung von 3-Liter-Panzern und Solarbombern verspottet. Und die Gesellschaft war noch nicht so stark an den Anblick von Militärgerät gewöhnt wie heute, so dass bereits Abbildungen von Waffen oder Kriegsszenen einen Aufrüttelungseffekt erreichen konnten.
Sicher haben die Veröffentlichungen der IMI dazu beigetragen, dass Menschen den wahren Charakter von Krieg und Propaganda erkennen konnten und scharenweise der grünen Partei den Rücken kehrten oder ihr taz-Abonnement kündigten. Auch ein Flugblatt, das die Soldaten aller Kriegsparteien zum Verweigern und/oder Desertieren aufrief, und für das Tobias Pflüger presserechtlich verantwortlich zeichnete, kursierte bei uns in der Stadt. Das Strafverfahren wegen öffentlichen Aufforderns zu einer Straftat (Fahnenflucht) vor dem Amtsgericht Tübingen endete später mit einem Freispruch für den Angeklagten.
Es bleibt zu hoffen, dass das beharrliche Analysieren und Kritisieren von Aufrüstung und Kriegsvorbereitung auch heute zu einer anwachsenden antimilitaristischen Bewegung führen wird.
Gut, dass die IMI jetzt auf 30 Jahre Erfahrung zurückblicken kann!
