IMI-Standpunkt 2026/035
Friedensbewegung braucht kritische Friedensforschung
von: Christine Schweizer | Veröffentlicht am: 9. Juli 2026
Friedens- und Konfliktforschung steht derzeit nicht hoch im Kurs, was Politik und Medienlandschaft angehen. Zumindest nicht dann, wenn sie der herrschenden Politik widerspricht. Leitende Wissenschaftler*innen aus bestimmten Instituten werden immer gerne wieder gerne vor die Kamera gebeten – etwa aus dem Frankfurter PRIF1 oder der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) -, aber die so Ausgewählten und die Publikationen der Institute stellen nur selten die Grundannahmen der europäischen Sicherheitspolitik in Frage. Dies wird oft schon in der Sprache deutlich. Zwei eher willkürlich ausgesuchte Beispiele: Im neuesten Friedensgutachten von 20262 heißt es an einer Stelle:
„… Die Folge ist eine Entfesselung von Gewaltdynamiken. Sie ist besonders sichtbar in Europa (russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine), im Nahen und Mittleren Osten (Gaza-Krieg, US-israelische Iran-Intervention) und in Subsahara-Afrika (Sudan, Ostkongo). Aber auch in Lateinamerika (US-Intervention in Venezuela) oder in Asien (Myanmar, afghanisch-pakistanische Grenze, Spannungen im Südchinesischen Meer) sind die Auswirkungen spürbar.“ (S. 5)
Auf der Seite der SWP findet sich zum Abrufzeitpunkt Anfang Juli 26 ganz oben folgende Headlines:
„Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 markierte eine Zäsur im Nahostkonflikt. Der Krieg weitete sich regional aus, Gaza wurde verwüstet. Nach der Verkündung eines Waffenstillstands im Oktober 2025 wächst mit der jüngsten Eskalation zwischen Iran, Israel und den USA die Gefahr eines Flächenbrands.“3
Fällt etwas auf? Der russische Angriffskrieg wird beim Namen benannt, die Angriffskriege der USA sind lediglich „Interventionen“, ein Begriff, der seit der Debatte um sog. „humanitäre Interventionen“ in den 1990er Jahren als eher positiv besetzt in der (nicht friedensbewegten) Öffentlichkeit angesehen werden kann. Hamas wird beim Namen genannt, aber Gaza wurde quasi anonym verwüstet, ohne dass Israel als Täter genannt wird.
Es beginnt mit Sprache, aber endet natürlich nicht da. Die Empfehlungen etwa aus den Friedensgutachten sind eine Mischung aus Einschätzungen, die durchaus auch in der Friedensbewegung geteilt werden dürften, und gelegentlich höchst problematischen. Zum Beispiel ist eine Empfehlung aus 2026, der wohl alle zustimmen dürften:
„US-Völkerrechtsbrüche beim Namen nennen. Deutschland verspielt seine Glaubwürdigkeit, wenn es Völkerrechtsbrüche nur selektiv anprangert und durch ausweichende Formulierungen Verstöße von Verbündeten wie den USA und Israel toleriert.“
Oder:
„Grundlagen für Rüstungskontrolle schaffen. Deutschland sollte sich dafür einsetzen, auch in einer Phase neuer Rüstungswettläufe Grundlagen belastbarer Rüstungskontrolle zu schaffen und zu erhalten. Dafür braucht es eine flexiblere Rüstungskontrolle, die neue Waffentechnologien und digitale Systeme einbezieht.“ (beides 2026, S. 4)
Aber 2025 hieß gleich die erste Empfehlung:
„Fähigkeitslücken in der europäischen Verteidigung schließen. Die politische Vertiefung und die operative Stärkung der europäischen Verteidigung sind das Gebot der Stunde. Die Rüstungsbeschaffung muss europäisiert, Verteidigungsstrategien müssen aktualisiert werden.“ (2025, S. 4)
Das Manifest zur kritischen Friedensforschung
Vor diesem Hintergrund ist es erfreulich, dass aus den Reihen des quasi-Berufsverbandes der Friedensforschung, der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung4, 2026 ein „Manifest zur kritischen Friedensforschung“5 veröffentlicht wurde. Dort werden die Probleme in der Einleitung direkt angesprochen:
„Das Manifest zur kritischen Friedensforschung … ist … auch ein Dokument für mehr friedenswissenschaftliche Resilienz durch epistemische Widerständigkeit: gegen die Einbindung in das Kriegs- und Gewaltsystem, gegen das Absprechen wissenschaftlicher Professionalität, gegen die Diffamierung einer konsequenten Friedensperspektive als Parteinahme für Aggressoren und gegen Assimilierungsversuche mit den strategic und security studies.“ (S. VI)
Im gleichen Manifest heißt es weiter:
„Im Wissen um anfängliche Grundsatzkontroversen begreifen wir Friedensforschung heute ‚als jedwede Forschung über bzw. für den Frieden […] – und zwar unabhängig davon, um welche seiner Facetten es gerade geht, welcher akademischen Disziplin sie entspringt und an welchem Ort sie stattfindet‘ … . Überall, wo Menschen sich systematisch mit der Überwindung von Gewalt, einer konstruktiven Konflikttransformation und der Förderung des Friedens befassen, findet Friedensforschung statt.
Eine durchakademisierte Friedensforschung – sei es als vollausgebildete eigenständige Disziplin, als disziplinübergreifendes Projekt oder auch bloß als Fragerichtung innerhalb anderer Einzeldisziplinen – ist daher ebenso möglich wie Friedensforschung im außerakademischen Raum etwa im Rahmen sozialer Bewegungen oder indigener Communities. Ein solches Verständnis öffnet sich sowohl für eine Überschreitung disziplinärer Grenzen innerhalb der Wissenschaften als auch für eine über das Akademische hinausweisende Transdisziplinarität.“ (S. 11)
Dieses Manifest zitiere ich deshalb so ausführlich, weil es indirekt die Arbeit der Informationsstelle Militarisierung (IMI) anspricht und Friedensforschung nicht auf das begrenzt, was an den Hochschulen passiert. Die IMI betreibt Friedensforschung im außerakademischen Raum und versteht sich als „Mittler zwischen der Friedensbewegung und der wissenschaftlichen Bearbeitung von Konflikten und Konfliktkonstellationen durch die Wissenschaft“.6
Die Friedensbewegung braucht die Friedensforschung
Die Friedensforschung ist für die Bewegung eine wichtige Quelle von Informationen und als Glaubwürdigkeit verleihender Referenzpunkt – zum Beispiel im Feld von Rüstungsprojekten und deren Technologie, Rüstungsexporten und Völkerrecht. Es braucht gute und belastbare Analysen, die so belegt sind, dass sie wissenschaftliche Standards erfüllen. Nur so können alternative Sichtweisen auf Aufrüstung und Krieg im öffentlichen Diskurs bestehen. Dazu kommt: Die Friedensbewegung leidet heute – vielleicht mehr als früher – unter dem Einfluss von Personen und Kreisen, die fragwürdige Quellen heranziehen (wenn überhaupt), unhaltbare (Betonung auf „unhaltbar“) Verschwörungstheorien vertreten und manche auch gerne von Rechtspopulist*innen zitiert oder sogar zu deren Veranstaltungen eingeladen werden. Die faktenbasierte Arbeit der Autor*innen der IMI stellen hier ein wichtiges Gegengewicht dar und verfolgt auch solche Aktivitäten mit eigenen kritischen Beiträgen – zum Beispiel zum Kopp-Verlag 2016 oder immer wieder zur AfD7.
Danksagung vom FriedensForum
Mein Kontakt zur „Informationsstelle Militarisierung“ (IMI) hat sich in erster Linie über die Zeitschrift FriedensForum (herausgegeben vom Netzwerk Friedenskooperative) ergeben, zu dessen Redaktion ich gehöre. Praktisch für jedes zweite Heft fragen wir Autor*innen aus Reihen der IMI für Beiträge an. Zumeist geht es um Analysen zu Rüstungsprojekten, wohl der Haupt-Schwerpunkt der IMI. Aber auch zu Themen wie Militarisierung der EU und den verschiedenen Krisen und Kriegen der vergangenen dreißig Jahre – Kosovo 1999, Afghanistan seit 2001, Irak-Krieg 2003 – gab es immer wieder gut recherchierte und kritische Beiträge aus den Reihen der Autor*innen der IMI. Allein die Beiträge von Jürgen Wagner dürften über die Jahre mindestens zwei Dutzend betragen und ich möchte an dieser Stelle auch einen herzlichen Dank an ihn und das gesamte Team der IMI dafür aussprechen, dass sie immer wieder bereit sind, für uns zu schreiben.
Anmerkungen
1 https://www.prif.org/; https://www.swp-berlin.org/.
2 Die Friedensgutachten werden jährlich gemeinsam von vier deutschen Friedensforschungsinstituten BICC Bonn International Centre for Conflict Studies, IFSH Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, INEF Institut für Entwicklung und Frieden, Universität Duisburg-Essen und PRIF Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung erstellt. Siehe https://friedensgutachten.de/.
3 https://www.swp-berlin.org/.
4 https://afk-web.de/ueber-uns/.
5 Jaberg, Sabine; Philipp Lottholz und David Scheuing (2026): Manifest zur Kritischen Friedensforschung 2.0. Herausgegeben vom Arbeitskreis »Herrschaftskritische Friedensforschung« der AFK. Online unter: https://afk-web.de/wp-content/uploads/2026/05/Manifest-Herrschaftskritische-Friedensforschung-2.0_Langfassung_final.pdf.
6 https://www.imi-online.de/uber-imi/.
7 https://www.imi-online.de/2016/08/17/kopp-kongresse/ oder https://www.imi-online.de/2025/01/15/warum-die-afd-keine-friedenspartei-ist-3/
