IMI-Standpunkt 2026/42 - in: AUSDRUCK (Juni 2026)
Keine Waffenproduktion in Berlin!
Proteste gegen Rheinmetall im Wedding
von: Milla Mallikas und Lea Fittkow | Veröffentlicht am: 10. Juni 2026
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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunktes „Rheinmetall“ in der Juni-Ausgabe des IMI-Magazins, das vollständig wie immer gratis von unserer Internetseite heruntergeladen werden kann.
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„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“
– Antonio Gramsci 1930
Erstmals seit 1945 sollen in Berlin wieder Waffen produziert werden. Der Autozulieferer Pierburg GmbH, seit 1986 Tochterunternehmen des Rüstungskonzerns Rheinmetall, soll ab dem Sommer 2026 in der Scheringstraße in Berlin-Wedding Komponenten der Artilleriemunition für ein Rheinmetall-Werk in Niedersachsen herstellen – „um die Arbeitsplätze zu sichern“. Bereits im Juli 2025 wurde der Standort zu „Rheinmetall Waffe Munition GmbH“ umbenannt.
„Die Umstellung unseres Werks auf die Produktion von Rüstungsgütern ist ein in die Zukunft gerichtetes positives Zeichen. Die Transformation läuft bei uns anders als gedacht, ist aber alternativlos“, sagte Bernd Benninghaus, Betriebsratsvorsitzender der Fabrik, in einem von der IG-Metall Berlin veröffentlichten Interview. (1)
Seit 30 Jahren rüstet Deutschland auf und versucht, auch die Bevölkerung von der Notwendigkeit hierzu zu überzeugen. Nun scheint die Zeit gekommen zu sein: Der Stolz und die größte Branche der Nation, die Autoindustrie, hat den Anschluss bei Elektrofahrzeugen verpasst und wurde von chinesischen Herstellern auf dem Weltmarkt überholt. Auf die jetzige Krise des Kapitalismus und die Stagnation der deutschen Wirtschaft antwortet die Bundesregierung mit dem Aufbau der Kriegsindustrie und will die Bundeswehr mithilfe der Milliarden Sondervermögen zur größten Armee Europas hebeln.
„Es hebt die Stimmung enorm, dass Rheinmetall massiv in die Infrastruktur investiert. […] Mit dem neuen Maschinenpark kommen auch Investitionen in den Standort und das ist für die Zukunft extrem wichtig. Das spüren die Kolleginnen und Kollegen,“ erzählt auch der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Martin Wolfgang Hoffmann in demselben Interview. Die beiden räumen aber ein, dass nicht alle Mitarbeitenden zufrieden mit der Entwicklung sind.
Gegen die Aufrüstung
Das „Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion“ sieht Aufrüstung nicht als alternativlos. Kriegswirtschaft ist weder ökonomisch nachhaltig noch moralisch vertretbar. Im April 2025, gleich nach der Bekanntgabe des Umbaus, haben sich etwa 30 verschiedene linke Organisationen, Parteien, Gewerkschafter:innen sowie Einzelpersonen zu einem neuen Bündnis zusammengetan, um gegen die neue Militarisierung anhand dieses Beispiels aus der unmittelbaren Nachbarschaft zu kämpfen. Bereits am 10. Mai hat das Bündnis die erste Demonstration mit ca. 1.500 Teilnehmenden organisiert, die unter anderem an dem Werk vorbeilief, um zeitnah ein klares Zeichen zu setzen. Eine weitere folgte am 12. Oktober durch den Stadtteil mit etwa 3.000 Demonstrierenden, um die Nachbarschaft auf das Thema aufmerksam zu machen.
Das Bündnis hält Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie nicht für zukunftsweisend, ganz im Gegenteil – setzt diese „Arbeitsplatzsicherheit“ doch einen ständigen Kriegs- und Konfliktzustand voraus. Wenn nun, wie angekündigt, in Berlin Wirtschaftsförderung in den Aufbau eines „Defense-Technology-Ökosystems“ (2) reingepumpt wird, fehlt diese in anderen, tatsächlich zukunftsweisenden Bereichen, in denen neue Arbeitsplätze entstehen könnten. Auch die Arbeitsplätze im Wedding könnten durch Investitionen in klima- und sozialverträgliche Produktion gesichert werden.
Der Wedding ist historisch ein Stadtteil der ökonomisch benachteiligten Arbeiter:innenschaft, die – wie ganz Berlin – unter den explodierenden Mieten, erhöhten Lebenshaltungskosten und Unterfinanzierung der öffentlichen Infrastruktur sowie der sozialen Bereiche leidet.
Geld ist in dieser Gesellschaft aber da – reichlich. Mit dem Slogan „Geld für den Kiez statt Waffen für den Krieg“ stellt das Bündnis einen deutlichen Zusammenhang zwischen den massiven Kürzungen der schwarz-roten Koalition in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur, Mobilität und Klimawandel einerseits und der „Whatever it takes“-Rüstungsobsession andererseits her.
Auch die Arbeiter:innen des Pierburg-Werks hatten die innovative Idee gehabt, dort Wärmepumpen – gegen die Klimakrise – zu produzieren. Aber im Kapitalismus werden die Mitarbeiter:innen nicht danach gefragt, was produziert wird. Die Konzernführung setzt lieber auf Kriegsindustrie. Ein Finanzbericht des Unternehmens zitiert den Vorstandsvorsitzenden Armin Papperger: „Rheinmetall ist erfolgreich auf seinem Weg, ein globaler Rüstungschampion zu werden. Mittlerweile sind wir auch für US-Unternehmen ein ernstzunehmender Partner. Unsere Auftragsbücher sind voll und werden sich in Zukunft weiter füllen.“ (3)
Die enormen Investitionen in die Rüstungsindustrie und die lukrativen Angebote für junge Menschen, sich „freiwillig“ für den Wehrdienst bereit zu erklären, können auf den ersten Blick alternativlos erscheinen. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass mehr Aufrüstung und Soldat:innen nicht zu Frieden durch Abschreckung führen, sondern zu mehr Unsicherheit, Überwachung und Unterdrückung – sowie letztendlich zu Krieg und Sterben. Je mehr aufgerüstet wird, desto mehr steigt der Druck, von diesen Waffen Gebrauch zu machen. Daher müssen wir jetzt gemeinsam und entschlossen gegen diese Entwicklung kämpfen.
Die Zeit ist jetzt!
Die Zivilgesellschaft muss sich stärker zusammentun für eine große und schlagkräftige Antikriegsbewegung: für Investitionen für die Menschen statt Profite für wenige im zunehmend eskalierenden Kampf der imperialistischen Kräfte. Dazu möchte das Bündnis sowohl die Nachbarschaft im Wedding als auch die Arbeiter:innen des Werks mitnehmen und mit ihnen zusammenarbeiten, um gemeinsam Alternativen gegen Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit zu finden.
Neben Demonstrationen organisiert das Bündnis ab jedem ersten Samstag im Monat ein „Nachbarschaftscafé gegen Krieg“, um Räume für weitere Organisierung der Nachbar:innen zu schaffen. Die enorme Militarisierung samt Einführung der Wehrpflicht, die mit massiven Kürzungen in allen anderen Bereichen einhergeht, betrifft uns alle auf unterschiedliche Art. Es ist wichtig, allen zuzuhören und alle mitzunehmen. Auch in dem Bündnis lernen alle mit- und voneinander, auch generationenübergreifend: Es werden sowohl Transparente und Stelltafeln als auch Social-Media-Posts produziert. Die Breite des Bündnisses spiegelt sich in den Aktionsformen wider: von Infoständen, Demos, Flashmobs bis hin zu Haustürgesprächen in der Nachbarschaft.
Das Bündnis versteht sich jedoch nicht als eine Kiezinitiative gegen eine einzelne Fabrik, sondern als Teil einer neuen antimilitaristischen Bewegung, die internationalistisch, generationen- und themenübergreifend ist. Im Bündnis gelingt der Schulterschluss zwischen Teilen der traditionellen Friedensbewegung und jungen sowie migrantischen Menschen, die sich aus verschiedenen Kämpfen zusammengetan haben. Da in unserem kapitalistischen System Rheinmetall und andere Rüstungskonzerne mit Kriegen und Genoziden Milliardenumsätze erzielen, gehören die verschiedenen internationalen Kämpfe zusammen. Palästina-Solidarität, Antifaschismus und Protest gegen die Kürzungen waren von Anfang an ebenso feste Bestandteile des Themenrepertoires des Bündnisses wie der Kampf gegen die Wehrpflicht und den neu eingeführten „Veteranentag“ der Bundeswehr.
Die Lage ist ernst und die Zeit für einen breiten Widerstand ist jetzt: Vom 10. bis 12. Juli ruft das Bündnis bundesweit zu Aktionstagen gegen Rheinmetall im Wedding auf. An dem Freitag wird im Humboldthain ein Zirkuszelt Anlauf- und Ausgangspunkt für verschiedene Aktionen, Austausch und Programm sein. Für Samstag, 11. Juli, wird bundesweit zu einer Großdemonstration durch den Kiez mobilisiert.
Wir alle müssen einander unter die Arme greifen und nicht nur ein Werk, sondern das ganze System bekämpfen, das verschiedene Monster hervorbringt. https://keinewaffenproduktionberlin.noblogs.org/
Quellen
1 IG-Metall Berlin | 06.06.2025 | „Fünf Minuten für die Berliner Industrie – Aus Pierburg GmbH wird die Rheinmetall Waffen Munitions GmbH“ | www.igmetall-berlin.de/aktuelles/meldung/aus-pierburg-gmbh-wird-die-rheinmetall-waffen-munitions-gmbh
2 Kai Wegner und Franziska Giffey am 02.12.2025 | https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2025/pressemitteilung.1622123.php

