IMI-Standpunkt 2026/034 - in: AUSDRUCK (Juni 2026)
Im Schatten des Rüstungsbooms
Kritischer Blick auf die Aktionärsversammlung von Rheinmetall
von: Charlotte Kehne | Veröffentlicht am: 10. Juni 2026
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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunktes „Rheinmetall“ in der Juni-Ausgabe des IMI-Magazins, das vollständig wie immer gratis von unserer Internetseite heruntergeladen werden kann.
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Die weltweite Hochrüstung beschert der Waffenindustrie Einnahmen in Rekordhöhe. 23 der 26 größten europäischen Rüstungsunternehmen verzeichnen laut dem Friedensforschungsinstitut SIPRI steigende Umsätze; die Rheinmetall AG sogar einen gravierenden Anstieg um 47 Prozent.[1] Die Rüstungsindustrie gilt mittlerweile Vielen gar als Retter einer schwächelnden deutschen Wirtschaft. Die Schattenseiten der Branche geraten darüber schnell aus dem Blick. Deshalb braucht es eine Zivilgesellschaft, die genau hinschaut – zum Beispiel als Kritische Aktionärinnen und Aktionäre.
Wer auch nur eine Aktie eines Unternehmens besitzt oder diese vertritt, hat ein Rede-, Frage- und Stimmrecht auf dessen jährlichen Hauptversammlungen. Diesen Umstand machen sich die Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre zunutze und kaufen Aktien (beziehungsweise bitten um Stimmrechtsübertragungen), um Vorstand und Aufsichtsrat öffentlich mit ihren Forderungen zu konfrontieren. In Redebeiträgen und Gegenanträgen holen sie so die Schattenseiten der Konzerne ans Licht. Ohne Rüstung Leben ist Mitglied im Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre und seit Anfang der 1990er-Jahre aktiv dabei. Bis heute sind wir jedes Jahr gemeinsam mit Partnerorganisationen bei Hauptversammlungen von Rüstungsunternehmen präsent. In diesem Jahr fokussierten wir uns auf Daimler Truck (6. Mai), Hensoldt (22. Mai) und Deutschlands Rüstungsprimus Rheinmetall (12. Mai 2026).
Rheinmetall ist einer der größten Profiteure der sogenannten Zeitenwende. Sie ermöglicht es dem Konzern zum großen Systemhaus zu wachsen, das bei Geschäften für alle Dimensionen mitmischen will: zu Land, Luft, See, im Weltraum und Cyberspace. Seine rasante Wachstumsstrategie bekräftigte der Konzern abermals auf seiner Hauptversammlung 2026. Mit seiner Vision 2030 plant der Konzern einen Umsatz von 50 Milliarden Euro im Jahr 2030. 2025 belief sich der Umsatz des Defence-Geschäfts von Rheinmetall auf 10 Milliarden Euro, bereits heute hat sich dieser seit 2021 somit verdoppelt.
Fern jeder Kontrolle
Während Rheinmetall gerne über seine Geschäfte mit der Bundeswehr oder der Ukraine spricht, vertritt der Konzern andere Geschäftsbereiche bei Weitem nicht ebenso öffentlichkeitswirksam. Deshalb haben wir auf der Hauptversammlung 2026 nachgehakt. Denn selbst die vollen Auftragsbücher zuhause halten Rheinmetall nicht davon ab, die Internationalisierungsstrategie weiter voranzutreiben. So nutzt der Konzern sein südafrikanisches Tochterunternehmen RDM weiterhin, um nicht nur Munition, sondern auch Produktionsmaschinen bis hin zu ganzen Munitionsfabriken in die ganze Welt zu exportieren. Der Schwerpunkt liegt dabei – neben Südafrika – auf Asien, dem Mittleren Osten und Südamerika.[2] Wohin genau, bleibt weiterhin unklar, denn auf unsere Fragen zu den Empfängerländern des südafrikanischen Tochterunternehmens zog sich der Vorstand auf die Position zurück, dass aus vertraglichen Gründen nichts zu den Kunden gesagt werden dürfe, auch weil die Kunden dies nicht wollten.
Manchmal sind diese Kunden jedoch durchaus auskunftsfreudiger. Medienberichten zufolge soll RDM an ein indonesisches Rüstungsunternehmen Maschinen zur Herstellung von Geschossen geliefert haben – laut Kundenangaben ohne Auflagen für den Export der damit hergestellten Geschosse.[3] RDM lieferte in den vergangenen Jahren sogar ganze Munitionsfabriken nach Saudi-Arabien, Ägypten und in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Damit gibt Rheinmetall jegliche Form der Kontrolle aus der Hand und scheint keine Hemmung zu haben, selbst Autokraten und brutalen Herrschern beim Aufbau eigener Rüstungskapazitäten zu helfen.
Indien als lukrativer Markt
Auch in Indien soll Rheinmetall die Strategie verfolgen, Anlagen zu liefern, die eine eigenständige Produktion vor Ort erlauben. Das südafrikanische Joint-Venture soll auch dorthin Medienberichten zufolge Anlagen zum Test und zur Herstellung von Munition liefern; die Produktion vor Ort soll über das indische Rüstungsunternehmen SMPP laufen.[4] Indien ist für Rheinmetall offensichtlich ein attraktiver Markt. Zumal eine verstärkte Rüstungskooperation zunehmend politisch flankiert wird. Die Bundesregierung hofft, das Land durch erleichterte Exporte von Russland zu lösen. Angesichts der großen militärischen Abhängigkeit Indiens von Russland und einer strategischen Autonomiepolitik Delhis, erscheint diese Hoffnung jedoch unrealistisch und riskiert vielmehr eine Aushöhlung internationaler Normen.[5] Denn die Kooperation ist aus unterschiedlichen Aspekten heraus kritisch zu bewerten. Vor dem Hintergrund bestehender Kriterien für den Export von Rüstungsgütern ist Indien ein problematisches Empfängerland. Es liegt beispielsweise im ständigen Konflikt mit zwei Atommächten, auch bestehen bewaffnete Konflikte in mehreren Bundesstaaten. Zudem strebt Indien danach, Waffenexporte auszubauen, ist aber nicht einmal Teil des Arms Trade Treaty (ATT), der Mindeststandards für den Waffenhandel formuliert. Die Strategie, Anlagen nach Indien zu liefern, die eine eigenständige Produktion vor Ort erlauben, ist eine fahrlässige Geschäftsstrategie. Denn was mit der Munition passiert, die mit Rheinmetall-Anlagen vor Ort produziert werden soll, ist nicht mehr kontrollierbar. Dabei darf nicht in Vergessenheit geraten, dass Indien auch mit Russland enge Beziehungen pflegt. Über den aktuellen Stand der Kooperation äußerte sich der Vorstand auf der Hauptversammlung nicht; über einzelne Länder sei keine Aussage möglich.
USA: Völkerrechtswidriger Krieg als Potenzial
Bereits im letzten Jahr warnten wir, dass der Einstieg Rheinmetalls in die US-amerikanische Rüstungsproduktion enorme Risiken birgt und bekräftigten auf der Hauptversammlung 2026 diese Warnung erneut. Angesichts der politischen Unberechenbarkeit der Trump-Administration bleibt völlig offen, wie, wo und zu welchen Zwecken die von Rheinmetall mitproduzierten Güter künftig zum Einsatz kommen. Dass die Trump-Administration ein durchaus risikobehafteter Partner ist, zeigt sich einmal mehr im Iran-Krieg. Doch für Rheinmetall stellt dies augenscheinlich kein Risiko dar, sondern vielmehr ein Geschäftspotenzial! Während der Angriff der USA auf den Iran von Expert*innen als klar völkerrechtswidrig benannt wird, heißt es in der Präsentation der Bilanzpressekonferenz: „Rheinmetall ist in einer hervorragenden Position, um die USA bei der Auffüllung ihrer Raketenvorräte zu unterstützen, bspw. durch die Lieferung kritischer Raketenmotoren“[6]. Auf unsere Frage hin, inwiefern Rheinmetall zu der Position gekommen ist, dass eine Belieferung der USA angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffs auf den Iran keine Risiken im Hinblick auf unternehmerische Sorgfaltspflichten in puncto Menschenrechte und Völkerrecht beinhaltet, antwortete der Vorstand lapidar: Ungeachtet aktueller Diskussionen sei die USA weiterhin NATO-Partner und alle Regeln würden eingehalten.
Die genannten Entwicklungen zeigen: Rheinmetall entwickelt sich zum globalen Waffenproduzenten ohne Grenzen – bereit, die Nachfrage überall dort zu bedienen, wo der Preis stimmt. Und auch wenn sich Rheinmetall gerne als Kämpfer für Demokratie und Freiheit präsentiert, zeigen Geschäfte mit Autokraten und/oder menschen- und völkerrechtsverletzende Staaten einmal mehr, um was es Rheinmetall schlussendlich geht: um’s Geschäft.
Zum Weiterlesen: In unserem Briefing Im Schatten des Rüstungsbooms stellen wir diese und weitere Kritikpunkte – auch zu Daimler Truck und Hensoldt – umfassend dar: www.ohne-ruestung-leben.de.
Anmerkungen
[1] SIPRI Top 100 arms producers see combined revenues surge, SIPRI, 1.12.2025.
[2] Rheinmetall Denel Munition Ltd., Reinmetall.com.
[3] Attila Kalman/Nico Schmidt, Die diskreten Geschäfte von Rheinmetall, Die Zeit, 4.3.2025.
[4] Ebd.
[5] GKKE Rüstungsexportbericht 2025.

