IMI-Standpunkt 2026/40 - in: AUSDRUCK (Juni 2026)
Drohnen von Rheinmetall
von: Franz Enders | Veröffentlicht am: 10. Juni 2026
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Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunktes „Rheinmetall“ in der Juni-Ausgabe des IMI-Magazins, das vollständig wie immer gratis von unserer Internetseite heruntergeladen werden kann.
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Ende März 2026 machte Rheinmetall-CEO Papperger mit Aussagen aus einem Interview mit „The Atlantic“ Schlagzeilen. Dort wurde er mit der Äußerung zitiert, die ukrainische Drohnenproduktion wäre kaum mehr als mit Lego spielende ukrainische Hausfrauen.[1] Mediale wie politische Empörung folgte prompt. Doch unabhängig davon, ob Papperger den Satz tatsächlich so gesagt hat oder ob hier ein künstlicher Skandal produziert wurde, ist die Aussage symptomatisch für eine immer wieder aufbrechende Auseinandersetzung zwischen etablierten Rüstungskonzernen wie Rheinmetall und neueren Drohnenunternehmen. Ähnlich scharfe Kommentare wie die angeblich von Papperger über drohnenbauende Hausfrauen getroffenen lassen sich in enger Taktung aus den Reihen der aufkommenden Rüstungsstartups über Rheinmetalls angeblich vorsintflutliche Rüstungstechnik vernehmen. Umso überraschender kam es für viele, dass Rheinmetall kürzlich einen Großauftrag durch die Bundesregierung zur Beschaffung von Kamikazedrohnen erhielt.
Anfänge der digitalen Aufrüstung
Der Einstieg Rheinmetalls in das Geschäft mit digitaler und autonomer Kriegstechnik begann jedoch wesentlich früher, nämlich bereits Ende der 1990er Jahre, als Rheinmetall[2] im Rahmen eines deutsch-französischen Konsortiums eine erste Aufklärungsdrohne zu entwickeln begann. Diese wurde unter dem griffigen Namen „Kleinfluggerät Zielortung“ (KZO) ab 2001 von der Bundesregierung bestellt und bis 2014 in insgesamt 61-facher Ausführung geliefert, außerdem war Rheinmetall für kurze Zeit für die Integration und das Leasing der israelischen Heron-Drohnen für die Bundeswehr zuständig. Währenddessen fand kontinuierlich die Forschung an algorithmusgesteuerter Kriegsführung (z.B. durch automatisierte Luftabwehr) oder diversen unbemannten Fahrzeugen statt, ohne dass dafür die heute üblichen Begriffe wie „künstliche Intelligenz“ eine Rolle spielten. Beispielsweise kaufte der kanadische Ableger von Rheinmetall 2019 das Unternehmen Provectus Robotics Solutions auf, das unter anderem auf autonomes Fahren spezialisiert ist und diese Technik seit 2010 für Polizei, Militär und Weltraumforschung entwickelt.[3]
Eine neue Offensive in dieser Sparte lässt sich seit 2021 feststellen. Allgemein nimmt seit diesem Zeitpunkt – und besonders seit Eskalation des Russland-Ukraine-Krieges 2022 – die digitale Aufrüstung enorm an Fahrt auf. Das deutsche Rüstungsstartup Helsing beispielsweise gründete sich ebenfalls 2021. Rheinmetall kündigte in diesem Jahr an, das in Bayern angesiedelte insolvente Unternehmen EMT zu übernehmen. EMT stellte seit 1997 Aufklärungsdrohnen für die Bundeswehr her und arbeitete zum Zeitpunkt der Übernahme an einem Nachfolgemodell, das gleichermaßen die bisher von Rheinmetall betreuten KZO ersetzen sollte.[4] Dies erfolgte laut Rheinmetalls Pressemitteilung zur Übernahme im Rahmen ihrer „Digitalisierungsstrategie“ und ist damit als gezielte Maßnahme zur allgemein verstärkten Relevanz dieser Sparte Rüstungsgüter zu verstehen.
Autonome Kriegsführung
Ebenfalls 2021 verkündeten Rheinmetall und das israelische Startup „UVision Air“ ihre Kooperation zur gemeinsamen Produktion von „Loitering Munition“, also Kamikazedrohnen, die über dem Ziel kreisen und dieses zu einem geeigneten Zeitpunkt angreifen. Bemerkenswert ist dabei, dass immer wieder (wie in der Rüstungsbranche üblich) damit geworben wird, dass die Drohnen bereits im Gefecht bewährt seien, was im Falle der Drohnen, Software und Trainingsdaten von UVision vermutlich den Einsatz in der Westbank und/oder in Gaza meint. Diese Kooperation dauert an: 2025, also zwei Jahre nach der Eskalation der genozidalen israelischen Kriegsführung in Gaza, teilten die beiden Unternehmen mit, nun einen gemeinsamen Produktionsstandort auf Sardinien eröffnet zu haben. Verschiedenste Staaten innerhalb und außerhalb der NATO schlossen seitdem Kaufverträge mit dem Unternehmensduo ab. Neben der Kooperation mit Rheinmetall, die vor allem den europäischen Markt bedienen soll, verkauft UVision seine Technologie auch auf anderen Märkten über lokale Partner – z.B in den USA, Indien und Australien.
Den bemerkenswertesten Auftrag zur Drohnenproduktion erhielt Rheinmetall, wie anfangs erwähnt, von der deutschen Bundesregierung. Bereits im Herbst 2025 machten Meldungen die Runde, nach denen zusätzlich zu den beiden Rüstungsstartups Helsing und Stark Defence auch Rheinmetall einen Auftrag zur Lieferung von Kamikazedrohnen bekommen sollte – für viele Beobachter:innen zu diesem Zeitpunkt überraschend, da das Unternehmen im bisherigen Verlauf des Ukrainekrieges in dieser Sparte nicht besonders aufgefallen war und vor allem über keine umfangreichen eigenen Entwicklungserfahrungen verfügte. Nachdem Rheinmetall nach ersten Meldungen zum Vertragsabschluss nicht mit bedacht werden sollte, wurde einige Zeit später öffentlich, dass nun doch auch mit Rheinmetall ein Vertrag geschlossen worden sei. Der Umfang umfasst zunächst ca. 300 Millionen Euro, wobei der Rahmenvertrag wohl Bestellungen im Umfang von bis zu einer Milliarde vorsieht und in Meldungen zur ursprünglich eingereichten Beschlussvorlage sogar von bis zu 2,4 Milliarden Euro die Rede war. Die Verträge mit Helsing und Stark bewegen sich in einem ähnlichen Rahmen.
Fazit
Es zeigt sich, dass auf den Rheinmetall-Chefetagen durchaus Klarheit darüber zu herrschen scheint, dass Drohnen und Drohnenproduktion mehr sind als etwas für legospielende Hausfrauen. Im bisher von eher jungen Startups dominierten Bereich der digitalen Rüstungsindustrie scheint Rheinmetall einen Fuß in die Tür bekommen zu haben. Auch wenn Armin Papperger immer wieder öffentlich die kriegsentscheidende Relevanz von militärischen Drohnen in Zweifel zieht und auf der Bedeutung von herkömmlichem und schwerem Kriegsgerät (wofür Rheinmetall bekannt ist) beharrt, scheint das Unternehmen auf aktuelle Erfahrungen aus den Kriegen in der Ukraine, Gaza, Libanon und Iran zu reagieren und dabei die Integration ihrer Drohnen in ihre eigenen Waffensysteme anzustreben – ein Wettbewerbsvorteil gegenüber den konkurrierenden Startups. Welchen Anteil Drohnen und Software an Rheinmetalls Produktpalette bilden werden und wie sich der Konzern im Vergleich zu den Startups durchsetzt, wird abzuwarten sein.
Anmerkungen
[1] Simon Schuster, Building tanks while the Ukrainians master drones, The Atlantic, 27.3.2026.
[2] Das heutige Rheinmetall Defense Electronics in Bremen, der Produzent des KZO geht auf die Firma STN Atlas Electronic zurück, ein ursprüngliches Joint-Venture von Rheinmetall und dem britischen Konzern BAE Systems. Bei der Aufteilung 2003 wurde der maritime Teil bei TKMS angesiedelt, der Rest kam zu Rheinmetall. Die komplexe Firmengenese lässt sich hier nur unzureichend darstellen.
[3]Rheinmetall übernimmt kanadischen Robotik-Spezialisten Provectus. rheinmetall.com Pressemitteilung vom 27.7.2019.
[4] Thomas Wiegold, DroneWatch: Rheinmetall übernimmt LUNA-Drohnen, Augengeradeaus.net, 23.11.2021.

