IMI-Standpunkt 2026/44 - in: AUSDRUCK (Juni 2026)
Die Zeit des Nazi-Faschismus: Rheinmetalls „unmenschliche Leistung“
von: Rheinmetall-Entwaffnen Rhein-Main | Veröffentlicht am: 10. Juni 2026
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Rheinmetall verdankt seine Gründung dem Modernisierungsstreben des deutschen Heeres. Dem Auftrag zur Produktion von Mantelgeschossen für die Infanterie folgte am 7. Mai 1889 die Firmengründung in Düsseldorf. Die Rheinische Metallwaren und Maschinenfabrik AG war also, anders als andere metallverarbeitende Betriebe, vom ersten Tag an eine Waffenschmiede.
Es folgte ein Jahrzehnt der Expansion. Die Konkurrenz zur Firma Krupp aus Essen, dem damals größten Waffenproduzenten und Ausstatter des deutschen Heeres, zwang Rheinmetall, vor allem für den Export zu produzieren. Waffen wurden nach Bulgarien, Belgien, England, Griechenland, Holland, Italien, Norwegen, Portugal, Rumänien, Russland, Serbien, in die Türkei und in die USA verkauft.
Kriegsgewinnler im Ersten Weltkrieg
Als Heeresausrüster (neben Krupp) lieferte Rheinmetall Geschütze jeglicher Art inklusive aller Munition. Ein Zitat aus den Rheinmetall-Borsig-Mitteilungen des Jahres 1936: „Als 1914 bis 1918 Mars die Stunde regierte, hatte das Werk Unmenschliches zu leisten“. Die Zahl der Beschäftigten stieg von 8.000 bei Kriegsbeginn auf 48.000 bei Kriegsende.
Der Niederlage Deutschlands und dem im Versailler Vertrag erlassenen Verbot von Kriegswaffen folgte die Demontage aller Rheinmetall-Werke. 1919 gelang es jedoch, illegal große Mengen Kriegsmaterial in die Niederlande zu schaffen. 1923 gingen diese Bestände in eine mit Rheinmetall verbundene niederländische Gesellschaft über.
Rheinmetall war nie bereit, sein Rüstungsgeschäft aufzugeben, auch wenn die Siegermächte dem Konzern eine kurze Zeit der Konversion aufzwangen. Schon 1922 begann Rheinmetall, gegen die Auflagen der Siegermächte verstoßend, mit der Produktion von Artilleriewaffen. Der Konzern gehörte zu jenen Akteuren, die schon zu Beginn der Weimarer Republik die illegale Aufrüstung der Reichswehr (später Wehrmacht) betrieben. Das Geld der Rüstungsaufträge füllte rasch die Kasse. 1925 konnte Rheinmetall auch offiziell wieder in die Produktion von Kriegswaffen einsteigen.
Der große Aufschwung bei Rheinmetall
Schon lange vor der Machtübernahme suchte die Konzernspitze die Nähe zu den Faschisten. Zu Lesen in der Festschrift zum 25-jährigen Firmenjubiläum 1914, kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges: „Dem wohlverstandenen Ringen um Macht folgt das Gut der Rassengesundheit.“
1933 konnte Rheinmetall sich bei der A. Borsig GmbH (Produktion von Torpedos und Minen) einkaufen und diese 1936 vollständig übernehmen. Ernst von Borsig war damals Vorsitzender des Dachverbandes der Arbeitgeber und schon seit 1922 Förderer der NSDAP.
Es folgte die Zeit der Verflechtung mit den faschistischen Machthabern. So saß der Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall, H. Roenert, auch im Vorstand der Hermann-Göring-Werke und war Vorstandsvorsitzender der mit Göring eng verbundenen Junkerwerke. Zusätzlich war Roenert im „Rüstungsrat“ und pflegte enge Beziehungen zu Himmler und der SS. Er war zuständig für die Zuteilung von KZ-Insass:innen über das SS-Wirtschaftsverwaltungsamt in die Rheinmetall-Borsig-Werke. Und der Aufsichtsratsvorsitzende der Rheinmetall-Borsig AG war gleichzeitig Chef des Heereswaffenamtes.
Mit dem Rückenwind solcher Gönner expandierte der Konzern. Die Hoesch-AG, die Mannesmannröhren-Werke und die Eisen-und-Metall AG wurden Teil der Rheinmetall-Borsig AG.
Rheinmetall war, wie andere Großkonzerne auch, Mitglied des „Freundeskreises des Reichsführers SS“. Im Gegenzug für millionenschwere Spenden wurden gemeinsame Besuche von SS und Führern der Wirtschaft in Konzentrationslagern organisiert.
Zum 50-jährigen Firmenjubiläum versah Göring die Festschrift mit einer persönlichen Widmung: „Sie haben sich einen Ruf erkämpft, der in der Welt Geltung hat. Ihre freudige Mitarbeit am Werk des Führers, des Schöpfers der neuen stolzen Wehrmacht, bedeutet ein Ruhmesblatt in ihrer Geschichte.“
Es folgt ein verheerender Einsatz der Waffen von Rheinmetall beim Überfall Nazi-Deutschlands auf Osteuropa. Die Waffen von Rheinmetall-Borsig bekamen Namen. Der Mörser, der 1942 Sewastopol dem Erdboden gleichmachte, hieß „Karl“. Beim In-Schutt-und-Asche-Legen des jüdischen Ghettos in Warschau und der späteren nahezu vollständigen Zerstörung Warschaus kam das vollständige Mörsersortiment von Rheinmetall-Borsig zum Einsatz: „Adam, Eva, Thor, Odin, Loki, Ziu“.[1]
Rheinmetall und Zwangsarbeit
Bereits vor 1939 fehlten in der Rüstungsindustrie Arbeitskräfte; der sich mit der Kriegswirtschaft verstärkende Mangel sollte nicht durch den Einsatz von Frauen kompensiert werden, dies widersprach dem faschistischen Frauenbild, und Frauen spielten bei den „Brotrevolten“ im Ersten Weltkrieg eine zentrale Rolle. Zwangsarbeit und Ausplünderung der besetzten Gebiete waren daher kriegswirtschaftlich essenziell. Zunächst wurden gefangene Soldaten und Zivilist:innen aus den überfallenen Ländern eingesetzt.
Aus Polen und der Sowjetunion wurden Kinder ab dem Alter von zehn Jahren zur Sklavenarbeit gezwungen. Philipp Engel, ein Zwangsarbeiter aus den Niederlanden, berichtet über seine Ankunft im Berliner Rheinmetall-Werk: „Am 1. März 1943 kamen wir in die Fabrik. […] Ich wurde in eine Abteilung eingeteilt, in der große Maschinen, meist Drehbänke, standen. […] Es arbeiteten auch Kinder aus Polen dort, zehn, zwölf Jahre alt, Jungs und Mädchen. Die Kinder […] waren einfach bei ihren Familien weggeholt worden.“[2]
Nur ein sehr kleiner Teil der zivilen Arbeiter:innen kam freiwillig. Fritz Sauckel, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz 1942 bis 1945, erteilte Rheinmetall die Genehmigung, im östlichen Teil Polens, dem sog. Generalgouvernement, in eigener Regie Arbeitskräfte zu rekrutieren. Aber nachdem sich die Arbeitsbedingungen in Deutschland herumgesprochen hatten, kam niemand mehr freiwillig. Dienstverpflichtungen bis hin zur Entführung von der Straße weg waren an der Tagesordnung. In Nordholland, bei einem in der faschistischen Ideologie sog. germanischen Brudervolk, wurden Orte von der deutschen Wehrmacht umstellt; wenn Männer zwischen 17 und 40 Jahren der Verpflichtung zum Arbeitseinsatz nicht nachkamen, wurde geschossen.
In der damaligen Sowjetunion wurden 1942 Razzien auf Märkten durchgeführt und Jugendliche festgenommen, um in völlig überfüllten Viehwaggons mit Stroh am Boden über viele Tage und Nächte hinweg in Sammellager gebracht zu werden. Dort wurden sie „ausgestellt“ und die deutschen Herren wählten sich ihre Arbeiter:innen aus.[3] Beim Rückzug der Wehrmacht ab 1943 wurden ganze Dorfgemeinschaften zur Zwangsarbeit deportiert oder gleich an Ort und Stelle ermordet.
Die Wehrmacht rekrutierte die Zwangsarbeiter:innen; die Deutsche Reichsbahn organisierte die Transporte: Personenzüge für westliche Arbeitskräfte, Viehwaggons für Menschen aus dem Osten, für sowjetische Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge gab es u.a. offene Waggons, die im Winter zum massenhaften Tod durch Erfrieren führten. Auch beim Transport war die faschistische, rassistische Hierarchie bestimmend.
In allen Rheinmetall-Borsig-Werken wurden Zwangsarbeiter:innen eingesetzt. Hier steht der Standort Unterlüß exemplarisch. 1899 pachtete Rheinmetall in Unterlüß große Flächen, um die produzierten Waffen zu erproben. Die Geschichte des Ortes Unterlüß ist vom Rüstungskonzern Rheinmetall als größtem Arbeitgeber seither nicht zu trennen. Schon im Ersten Weltkrieg wurden Kriegsgefangene aus Frankreich, England, Russland und Belgien zur Zwangsarbeit in Unterlüß gezwungen.
Während des Nazi-Faschismus organisierte Rheinmetall selbst die Zuweisung der Zwangsarbeitskräfte. Im Werk selbst lag der Anteil der Zwangsarbeitenden an der Belegschaft Ende September 1944 bei 56,5 %, in der Munitionsfüllanlage mit den schlimmsten Arbeitsbedingungen waren es bis zu 81 % Zwangsarbeiterinnen. Sie mussten im Schichtdienst über zwölf Stunden die Geschosse mit Schwefel befüllen. Viele bekamen bereits nach wenigen Tagen ein gelbes Gesicht und rotbraune Haare. Das Glas Milch täglich, das die Arbeiterinnen in der Füllanlage zusätzlich bekamen, verhinderte die Vergiftung der Frauen nicht.
Rheinmetall-Borsig war im Deutschen Reich der Konzern mit dem größten Anteil an ausländischen (Zwangs-)Arbeiter:innen. Bestätigt ist auch der Einsatz von mindestens 5.000 KZ-Insass:innen.
In Unterlüß gab es mehrere Lager: ein „Männerlager“ für italienische und später polnische Zwangsarbeiter, ein „Frauenlager“, ein weiteres sog. Polenlager; auf dem Gelände der Rheinmetall-Borsig AG zudem ab dem 4. November 1941 ein „Arbeitserziehungslager“ (AEL), das der Gestapo Lüneburg unterstand und das von der SS bewachte Außenlager des KZ Bergen-Belsen Tannenberg für jüdische Frauen.
Die AEL waren Teil des Strafsystems, wenn Zwangsarbeiter:innen der „Arbeitsbummelei“ oder anderer „Vergehen“ beschuldigt wurden. Ins AEL Unterlüß wurden mindestens 146 Häftlinge aus dem Gerichtsgefängnis Lüneburg verbracht. Während der letzten Kriegswochen verübte die Gestapo eine Massenexekution an den AEL-Gefangenen.[4]
Im KZ-Außenlager Tannenberg für Frauen waren ab August 1944 zwischen 400 und 900 jüdische Frauen und Mädchen aus dem KZ Auschwitz inhaftiert; Frauen aus Polen, Ungarn, Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Rumänien. Sie wurden im Straßenbau eingesetzt, verlegten Schienen oder mussten in der Munitionsfabrik Rheinmetall-Borsig Munition abfüllen, wobei sie durch Einatmen und Verätzungen schwere gesundheitliche Schäden erlitten.
Am 13. April 1945 flohen die SS-Bewacher des KZ-Außenlagers Tannenberg vor den anrückenden britischen Truppen, die Frauen kamen jedoch nicht frei; Angehörige des örtlichen Volkssturms und/oder des bewaffneten Werkschutzes von Rheinmetall brachten die etwa noch 500 Frauen in das KZ-Stammlager Bergen-Belsen, wo nur wenige den Hunger und die äußerst schlechten hygienischen Bedingungen bei Kriegsende überlebten.
Deutschlands Niederlage und die Befreiung vom Faschismus
Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg war das Ziel der Alliierten Siegermächte eine vollständige Zerschlagung der deutschen Rüstungsunternehmen. Für Rheinmetall bedeutete das Beschlagnahme des Firmenvermögens und Demontage der Produktionsstätten.
Doch der Kalte Krieg mündete in eine rasche Remilitarisierung der Bundesrepublik. Im November 1951 kam es zur Reprivatisierung von Rüstungsunternehmen. Rheinmetall firmierte nun unter Röchlinger Eisen und Stahl GmbH.
Ab 1956 wurden bei Rheimetall wieder Kriegswaffen für die Bundeswehr und die westlichen Alliierten produziert. Im Aufsichtsrat von Rheinmetall saßen gleich zwei der in den Nürnberger Prozessen wegen Verschleppung und gesetzwidriger Bestrafung von Zwangsarbeitenden Verurteilte: Herman Röchling, der schon wegen Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg zu zehn Jahren Zuchthaus in Abwesenheit verurteilt war; und Freiherr von Gemmingen-Hornberg, der es bei Rheinmetall in den 1950er Jahren zum Vorstandsvorsitzenden schaffte.
Ja, Mann ist stolz auf die Geschichte bei Rheinmetall!
Die Geschichte der Zwangsarbeitenden kehrten der Rüstungskonzern und auch die Gemeinde Unterlüß unter den Teppich. Auf dem Rheinmetall-Entwaffnen-Camp in Unterlüß 2018 wurde zum ersten Mal der Zwangsarbeiterinnen im Wald vor den überwachsenen Resten des ehemaligen Lagers gedacht, unterstützt von örtlichen Initiativen, die die Überreste zufällig entdeckt hatten. Der Zaun des Rheinmetall-Geländes wurde mit X-Zeichen markiert: „Krieg beginnt hier. Der Tod, den Rheinmetall bringt, zieht eine Spur vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus bis nach Kurdistan.“
Beim nächsten Camp in Unterlüß im September 2019 nahmen an der Erinnerungsfeier für die 900 osteuropäischen Jüdinnen über 100 Antimilitarist:innen teil und setzten einen Gedenkstein mit einer Messingtafel: „In Erinnerung an die unzähligen für die Kriegsindustrie der Nationalsozialisten ermordeten Menschen.“ Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Mahnmal KZ Außenlager“ wies auf den vergessenen Ort hin. Der Weg, den die Frauen zum Rheinmetall-Werk zurücklegen mussten, wurde mit Bannern, Bändern sowie Schablonen und einer weißen Linie markiert, außerdem wurden Baumbinden mit den Namen von 53 der jüdischen Zwangssarbeiterinnen angebracht. Der „Weg der Erinnerung“ entstand. Jedoch nur kurz. In den folgenden Tagen wurden alle Baumbinden und Banner zerrissen, der einbetonierte Gedenkstein zerstört, die Gedenktafel gestohlen.
Die Initiativen des Rheinmetall Entwaffnen Camps brachten Bewegung in das von Überlebenden geforderte Gedenken (z.B. Edith Balas 2013 in einem offenen Brief an die Gemeinde). Der Ort Unterlüß und Rheinmetall sahen sich endlich zur Reaktion gezwungen, in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Arbeitskreis wurden 2021 am Ortsrand Infotafeln aufgestellt. Immerhin ein erster Schritt und Ergebnis der Proteste auf den Camps und des Engagements antifaschistischer Menschen vor Ort.
Anmerkungen
[1] Hartmut Hoß: Der Rheinmetall-Konzern, Deutsche Friedensunion 1987.
[2] Stichting Holländerei (Hrsg.): Na ja, das prägt einen eben, Utrecht 2003.
[3] Gisela Schwarze: Die Sprache der Opfer, Essen 2005.
[4] VVN-BdA Lüneburg: Kritik des „Friedenspfades“, 2016.

