IMI-Standpunkt 2026/027
„Hybride Kriegführung“ – Pseudowissenschaftliche Propaganda
Ein ganz alltägliches Beispiel der Angsmacherei durch Thinktanks und Behörden
von: Bernhard Klaus | Veröffentlicht am: 12. Mai 2026
Ein Beispiel von Tausenden: Am 15. Juli 2026 laden die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart zu einer Tagung unter dem Titel „Krieg mit anderen Mitteln. Hybride Kriegsführung und ihre Folgen für die Demokratie und Menschenrechte“. Über die KI-generierte Illustration – vier halbtransparente Hände die auf einem Schachbrett Figuren verschieben, die ein antik wirkendes Buch mit der Aufschrift „Grundgesetz“ bedrohen – könnte man schon Abhandlungen schreiben. Als Redner*innen sind v.a. Vertreter*innen von Polizei- und Geheimdiensbehörden angekündigt, aber auch ein Sprecher von Correctiv, der unter dem Titel „AfD, BSW und Co – Transnationale Netzwerke im Kontext hybrider Kriegsführung“ vortragen wird. AfD und BSW in einem Topf, das verspricht schonmal analytisch tiefgreifend zu werden…
Der Antext zur Veranstaltung besteht aus dem angesichts des Titels üblichen Propaganda-Geschwafel über Bedrohungen von Innen und Außen, versucht sich aber irgendwie wissenschaftlich zu geben, indem er eine (vermeintliche) Definition des im Mittelpunkt stehenden Begriffs zitiert:
„Verstanden als ‚Art und Weise, wie staatliche oder nichtstaatliche Akteure das gesamte Spektrum politischer, diplomatischer, wirtschaftlicher, ziviler und informationeller Instrumente auf subversive Weise nutzen, um strategische Ziele zu erreichen‘ (Rekawek et al. 2025, 08) ist hybride Kriegsführung geeignet, tief in Politik und Gesellschaft eines Landes hineinzuwirken.“
Wie unbrauchbar diese Definition ist, lässt sich allein schon beim Versuch ablesen, seine Anwendbarkeit auf die deutsche Außenpolitik z.B. gegenüber Russland oder den völkerrechtswidrig von deutschen Verbündeten angegriffenen Iran zu prüfen. Abgesehen vom adjektiv „subtil“ würde das durchaus passen, aber wie operationalisiert man „subtil“? Und was, wenn die Maßnahmen teilweise offen und teilweise „subtil“ erfolgen – wie das etwa im Falle der strategischen Kommunikation oder der Zusammenarbeit mit oppositionellen Kräften auch in der deutschen Außenpolitik der Fall sein dürfte…
Eine vollständige Quellenangabe zum Werk von Rekawek et al. sucht man vergebens, findet im Internet jedoch schnell einen Text, der 2025 von den Thinktanks „GLOBSEC Centre for Democracy & Resilience“ und dem „International Centre for Counter-Terrorism“ veröffentlicht wurde und vier Autor*innen, darunter Kacper Rekawek, benennt. Beide Denkfabriken werden überwiegend von Regierungen von NATO-Staaten finanziert, tw. auch von der NATO selbst. Die „Studie“ trägt den Titel „Russia’s Crime–Terror Nexus. Criminality as a Tool of Hybrid Warfare in Europe“ und hat eine abenteuerliche Methodologie, die unterstreichen will, wie Russland Terror in Europa ausübt. Hier findet sich tatsächlich die zitierte Formulierung:
„Today, hybrid warfare can be understood as a way in which state or non-state actors leverage the full
spectrum of political, diplomatic, economic, civilian, and informational instruments in a [sic] subversive ways to achieve strategic objectives.“ Diese ist wiederum mit einer Fußnote versehen, die (man beachte das „Today“) auf eine Studie verweist, die 2018 vom rüstungsnahen US-Thinktank RAND Corporation veröffentlicht wurde. Diese Studie trägt den Titel „Modern Political Warfare. Current Practices and Possible Responses“ und beschäftigt sich eigentlich explizit nicht mit hybrider Kriegführung, die hier als Kombination von traditionellen militärischen und nicht-kinetischen, unkonventionellen Formen der Einflussnahme beschrieben wird.
Die Definition der „hybriden Kriegführung“ führt auch in diesem Falle buchstäblich ins pseudowissenschaftliche Nichts bzw. in ein Gewirr NATO-naher Denkfabriken. Es besteht die Gefahr, dass sich die Sicherheitsbehörden, die Politik und die von ihr bezahlten Denkfabriken in ein selbsterzeugtes postfaktisches Wahnbild verrennen. Was dabei ziemlich sicher auf der Strecke bleiben wird: Demokratie und Menschenrechte – offenbar tatsächlich bedroht auch „von Innen“.
