IMI-Standpunkt 2026/005
Quadriga 2026: Deutschland probt die Kriegslogistik
von: Jürgen Wagner | Veröffentlicht am: 20. Januar 2026
Dieser Beitrag erschien zuerst in leicht abgewandelter Form bei Telepolis, 19. Januar 2026.
Unter Militärs gilt seit Jahr und Tag der Spruch, dass mit Logistik keine Kriege gewonnen, aber verloren werden. Dementsprechend kommt auch der Logistik für die schnelle Verlegung von Truppen und Gütern an die NATO-Ostgrenze sowie der Fähigkeit zum Rücktransport von Verwundeten in dem Maße wachsende Bedeutung zu, wie die Wahrscheinlichkeit zunimmt, dass der Ernst- also Kriegsfall mit Russland auch tatsächlich eintreten könnte. Hierfür wurden bereits vor einiger Zeit mehrere Musterkorridore ausgelobt, durch die das Gros an Material und Personal geschleust werden soll. Eingeübt wird das Ganze mittlerweile unter anderem durch das in Kürze erneut anstehende Quadriga-Manöver, wobei in diesem Jahr auch erstmals „so nah wie möglich am Ernstfall geübt“ werden soll, weshalb auch Verwundetentransporte auf dem Übungsplan stehen.
Musterkorridore an die russischen Grenzen
Ein erster Musterkorridor wurde Anfang 2024 über Polen ins Baltikum („Grand Central“)eingerichtet, anlässlich dessen erklärt wurde: „Military Mobility ist ein Leuchtturmprojekt der NATO-EU-Kooperation. Die Einrichtung des Musterkorridors von den Niederlanden über Deutschland nach Polen zeigt, wie gut die Zusammenarbeit von NATO und EU funktioniert. Auf der Grundlage des Musterkorridors könnten weitere Korridore für Bewegungen der NATO-Truppen entwickelt werden, zum Beispiel im Norden und Süden. Denn schnelle Truppenverlegungen der NATO sind ein Beitrag zur Abschreckung und zum Schutz des NATO-Territoriums.“ (Bundesministerium der Verteidigung, 31.1.2024)
Seither kamen drei weitere Musterkorridore hinzu: Ein weiterer führt ebenfalls ins Baltikum, allerdings über die Ostsee („Grand Quadriga“), ein dritter geht schnurstracks nach Norden („Grand North“) und der vierte nach Südosten ans Schwarze Meer („Grand South“).
Entlang dieser Korridore ist es aber erforderlich, die Infrastruktur entsprechend zu „ertüchtigen“: „Die Infrastruktur im Schengen-Raum ist meist auf zivile Fahrzeuge ausgelegt. Militärische Transporte hingegen können einen beträchtlichen Anteil der Tunnel, Brücken und Straßen wegen ihres Übermaßes und enormen Gewichtes nicht passieren.“ (Jonathan Jokisch, IMI-Studie 2025/5)
Militärische Infrastrukturbudgets
Auf EU-Ebene wurden für die Militärische Mobilität im aktuellen EU-Haushalt 2021 bis 2027 noch vergleichsweise bescheidene 1,69 Mrd. Euro ausgelobt, wobei so gut wie alle darüber finanzierten Projekte tatsächlich in einem der vier Korridore liegen. Allerdings will die Kommission diese Gelder mit ihrem Vorschlag für den kommenden EU-Haushalt 2028 bis 2034 auf 17 Mrd. Euro deutlich erhöhen: „Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat deutlich gemacht, wie wichtig es ist, in militärische Mobilität zu investieren, um sicherzustellen, dass die Streitkräfte der Mitgliedstaaten schnell und mit ausreichender Schlagkraft auf Krisen reagieren können, die an den Außengrenzen der EU und auch weiter entfernt ausbrechen. […] Investitionen im Bereich der Verkehrsnetze ausgerichtet. Entsprechende Investitionen werden den Transport von Truppen und Ausrüstung auf Schiene und Straße, über Flughäfen, Häfen und Binnenwasserstraßen sowie multimodale Terminals erleichtern.“ (Mitteilung der Kommission, 16.7.2025)
Hinzu kommen dann noch einzelstaatliche Infrastrukturgelder, nachdem ja in allen NATO-Ländern bis zu 1,5% des Bruttoinlandsproduktes in „weiche“ Verteidigungsausgaben wie unter anderem eben militärisch relevante Infrastruktur gesteckt werden sollen. Dabei ist in Deutschland davon auszugehen, dass auch gute Teile des Infrastruktur-Sondervermögens in die militärische Infrastruktur geleitet werden. Schon aus dem Gesetzesentwurf der Großen Koalition waren diese Ambitionen jedenfalls deutlich herauszulesen: „Die Infrastruktur ist auch im Zusammenhang mit der angestrebten sehr zügigen und umfassenden Ertüchtigung der Verteidigungsfähigkeit ein wesentlicher, quasi komplementärer Faktor. Die tatsächliche Fähigkeit, ein deutlich gesteigertes Verteidigungspotenzial auch zur Wirkung zu bringen, setzt die Verfügbarkeit einer ausgebauten, funktionstüchtigen und modernen Infrastruktur, z. B. im Verkehrsbereich, voraus.“ (Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 109, 115 und 143h, Drucksache 20/15096)
Die Quadriga-Manöver
Die Musterkorridore wollen nicht nur infrastrukturell ertüchtigt, sondern auch regelmäßig beübt werden. Diesem Zweck dienen seit 2023 unter anderem die mit wechselnden Schwerpunkten alljährlich stattfindenden Quadriga-Manöver: „Bei Quadriga 2023 stand die Dimension Luft im Vordergrund, bei Quadriga 2024 die Dimension Land. 2025 fokussierte sich Quadriga auf die Dimension See – ergänzt durch umfangreiche Verlegeübungen des Heeres an die NATO-Ostflanke.“ (Quadriga 2026, bundeswehr.de)
In der Regel dockt die Bundeswehr-Übung noch an ein größeres NATO-Manöver an, bei der bislang größten derartigen Kombination im Jahr 2024 nahmen 12.000 Soldat*innen der Bundeswehr im Rahmen von Quadriga und insgesamt rund 100.000 NATO-Soldat*innen beim Manöver Steadfast Defender teil. Damals wurden Verlegungen über alle vier Korridore geprobt (siehe Telepolis, 19.1.2024)
Geheimer Operationsplan
Deutschland kommt bei all diesen Logistikfragen eine entscheidende Bedeutung zu: „Im Herzen Europas gelegen, ist die Bundesrepublik die logistische Drehscheibe für Marschbewegungen der Partnerstreitkräfte. Die Bundeswehr unterstützt dann die Verbündeten bei ihren Truppenbewegungen nach und durch Deutschland.“ (Bundesministerium der Verteidigung, 31.1.2024)
Um Truppen und Material möglichst reibungslos durch Deutschland schleusen zu können, setzt der „Operationsplan Deutschland“ (OPLAN) auf eine enge Zusammenarbeit mit zivilen Akteuren. Dabei handelt es sich um ein streng geheimes 1.000 Seiten langes Dokument, das laufend aktualisiert wird und erstmals Anfang 2024 vorlag. In öffentlich zugänglichen Quellen heißt es dazu: „Eine zentrale Einflussgröße im OPLAN DEU ist die Bündnisverpflichtung Deutschlands, die sich aus seiner geostrategischen Lage als Drehscheibe der NATO in der Mitte Europas ergibt. Im Ernstfall müssen bis zu 800.000 alliierte Soldatinnen und Soldaten und 200.000 Fahrzeuge innerhalb von sechs Monaten durch Deutschland verlegt und im Host Nation Support versorgt werden. Dies umfasst Unterstützungsleistungen bei Schutz und Sicherung, Verkehrsleitung, Transport und Umschlag auf Straße, Schiene sowie in See- und Flughäfen, Unterbringung und Verpflegung, Betankung und Instandhaltung, medizinischer Versorgung bis hin zur Rechtsberatung. Diese Aufgabe ist – ohne langen Vorlauf und über lange Zeit – nur mit den Leistungen zivil-gewerblicher Partner sicherzustellen.“ (Operationsplan Deutschland, bundeswehr.de)
Verletzte: Hintere Transportlücke
Die „besten“ Einblicke in den OPLAN liefert das „Grünbuch Zivil-Militärische Zusammenarbeit (ZMZ) 4.0“, das vom „Zukunftsforum öffentliche Sicherheit“ (Zoes) herausgegeben wurde. In dem explizit am OPLAN angelehnten Dokument, an dem auch mehrere Bundestagsabgeordnete mitgewirkt hatten, wird ein Szenario im Jahr 2030 durchgespielt, in dem sich die Konflikte mit Russland weiter verschärfen und die NATO auf ein russisches Manöver mit der Verlegung von 60.000 Soldat*innen (u.a. 10. Panzerdivision) an die Ostflanke reagiert.
Auffällig ist, dass auch dem Verwundetentransport im Ernstfall darin große Aufmerksamkeit gewidmet wird: „Die im Falle einer militärischen Eskalation in Form von Kampfhandlungen darüber hinaus entstehenden Bedarfe der Bundeswehr sind der Zeitschrift Wehrmedizin und Wehrpharmazie (2/2023), Kohl. M. et. al.. S. 38. ff.) zu entnehmen. Danach ist mit bis zu 1.000 Patientinnen und Patienten pro Tag zu rechnen, von denen 33,6 Prozent intensivpflichtig, 22. Prozent vermehrt pflegebedürftig und 44,4 Prozent leichter verletzt sind. Die Autoren attestieren eine gravierende ‚hintere Transportlücke‘ für den strategischen Patiententransport. (StratMedEvac) und kommen unter anderem zu dem Fazit, dass es in der konkreten operativen Planung ein Zusammenwirken von militärischen und zivilen Kräften erforderlich sei.“ (Grünbuch Zivil-Militärische Zusammenarbeit (ZMZ) 4.0, 2. Auflage, März.2025)
Ernstfall Quadriga 2026
Sowohl Verlegungen an die russischen Grenzen wie auch der Rücktransport von Verbündeten stehen dieses Jahr auf dem Programm der Quadriga-Übung: „2026 ist Quadriga nicht mehr als reine Übung, sondern als einsatznahe Operation anlegt [sic!]. Das bedeutet, dass so nah wie möglich am Ernstfall geübt wird – ohne lange Vorlaufzeiten und fiktive Parameter. […] 2026 findet Quadriga im Kernübungszeitraum Februar bis März in Deutschland statt. […] Ein besonderer Schwerpunkt von Quadriga 2026 ist die Übung Medic Quadriga des Unterstützungsbereichs der Bundeswehr im März 2026. […] Rund 200 der insgesamt über 1.000 teilnehmenden Soldatinnen und Soldaten werden als Verletztendarsteller dabei sein und mit simulierten Verwundungen wie aus einem Kampfeinsatz präpariert.“ (Quadriga 2026, bundeswehr.de)
Steadfast Dart: Größtes Manöver 2026
Dieses Jahr ist das Quadriga-Manöver mit der NATO-Übung Steadfast Dart verknüpft, die am 15. Januar 2026 mit der Ankunft von Soldat*innen in Emden begann, wobei der Hauptteil der Übung im Februar stattfinden soll. Die Bundeswehr ist dabei für Unterkünfte und Verpflegung, aber auch logistische Unterstützung, wie die Betankung von Fahr- und Flugzeugen und der Transport von Fahrzeugen und Containern zuständig – gerechnet wird allein mit 1.500 Fahrzeugen.
Auch hier wird wie schon bei Quadriga großer Wert auf den Ernstfallcharakter der Übung gelegt: „In Deutschland sind rund 7.300 Soldatinnen und Soldaten der Land-, Luft und Seestreitkräfte sowie Spezialkräfte der NATO-Nationen Italien, Spanien, Türkei, Tschechien und Griechenland an der Übung beteiligt. […] Die Besonderheit: Steadfast Dart liegt kein fiktives Übungsszenario zugrunde. Die Übung ist als Operation geplant und geführt – zur Erhöhung der eigenen Einsatzbereitschaft, als Fähigkeitsdemonstration zur Abschreckung potenzieller Aggressoren und zur Rückversicherung der NATO-Bündnispartner, dass Deutschland verlässlich und durchhaltefähig als Drehscheibe der NATO fungiert.“ (Steadfast Dart 2026, bundeswehr.de)
Beklemmende Rhetorik
Die Ernstfall-Rhetorik mit der die Manöver daherkommen, hinterlässt ein überaus beklemmendes Gefühl. Es beschleicht einen dabei der Verdacht, dass ein solcher Ernstfall mit derlei Manövern eher näher als ferner rückt. Jedenfalls wäre es beruhigend, wenn dieselben Anstrengungen in Bemühungen investiert würden, die dazu taugen, einen solchen Ernstfall zu verhindern. Doch an dieser Front herrscht leider buchstäblich Grabesstille.
