IMI-Standpunkt 2025/061
Patriarchat entwaffnen
Den militärischen Zugriff auf männlich gelesene Körper sabotieren
von: Provisorischer anarchistischer Antikriegsrat Berlin | Veröffentlicht am: 15. Dezember 2025
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Dieser Beitrag erschien in der Dezember-Ausgabe des IMI-Magazins mit dem Schwerpunkt „Feminismus heißt Antimilitarismus“. Der Artikel kann hier, die gesamte Ausgabe hier heruntergeladen werden.
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Trump, Orban, Putin und so viele andere sagen – und sie brüllen es geradezu heraus –, was wir zu denken haben. Frauen sind Frauen. Männer sind Männer. Dazwischen gibt es nichts. Das ist die natürliche Ordnung. Und die natürliche Ordnung ist natürlich zementiert. Die Biologie ist das Kriterium, um auf diesen Merkmalen einen sozialen Unterschied zu implementieren. Dabei ist die Natur weniger dichotomisch, als es uns diese Patriarchen an der Macht einreden wollen, und auch die sozialen Beziehungen sind von so vielen unterschiedlichen kulturellen Einflüssen, Konzepten und individuellen Merkmalen geprägt, dass es diese vorgebliche Eindeutigkeit weder biologisch noch sozial gibt.
Als „Hermaphroditen“ (Intersexuelle) geborene Menschen verdeutlichen dies, sofern die Pränataldiagnostik diese „Abweichung“ nicht längst eliminiert und somit unsichtbar gemacht hat. Aber für die „patriarchalen Kommandos“ ist die Durchsetzung einer vermeintlich eindeutigen biologischen Zuordnung die entscheidende Grundlage, um eine soziale Differenz zwischen den Menschen zu etablieren. Naturalisierte Herrschaftsverhältnisse mit ihren binären Rollenzuweisungen sind für die Existenz patriarchaler Kommandos kriegswichtig.
Schauen wir zum Beispiel in den Krieg Russland-Ukraine. Es sind hauptsächlich Männer an der Front, die gegeneinander gehetzt werden, entweder patriotisch überzeugt oder resigniert und mit dem Überlebenswillen ausgestattet, dass lieber der andere krepieren möge, als mann selbst. Um Menschen dahin zu bringen, andere zu morden – sei es abstrakt per Drohne, oder direkt – muss schon eine Menge an sozialer Konditionierung passiert sein, damit sie auf Befehl gehorchen und losrennen. Dieses „Privileg“ ist größtenteils den Männern vorbehalten.
In Russland hat Putin es unter Strafe stellen lassen, wenn Filme oder Texte von einem guten Leben ohne Kinder erzählen (Propaganda der Kinderlosigkeit). Frauen sind für das Gebären zuständig und davon darf die patriotische Frau nicht abgehalten werden. Das „LGBTIQ-Imperium“ wird in Russland wie eine terroristische Vereinigung gehandelt. Die Vorgaben sind klar: Mann und Frau gehören zusammen – eine Abweichung ist nicht vorgesehen (Die Rechtsradikalen in Deutschland folgen diesem Ansatz mit einem Rekord an Übergriffen im Jahr 2025 auf die CSD-Veranstaltungen).
Nun könnte man sagen, die Ukraine ist die europäische Armee mit dem größten Frauenanteil. Bei ungefähr 500.000 Soldaten sind zwischen 15-20% Frauen im Militär. Doch wie viele sind davon an der Front? Es sind 5.000, hauptsächlich „Kampfsanitäterinnen“. Das heißt, sie sind meistens nicht im Kampf, sondern im Kampfgebiet und machen die Erstversorgung der verwundeten männlichen Soldaten. Das Morden und Sterben in Kampfuniform ist in der Regel den Männern vorbehalten.
Männlich gelesene Menschen in der Ukraine verstecken sich derzeit zuhauf, denn für sie besteht die Wehrpflicht und aktuell ein Ausreiseverbot für 23- bis 60-Jährige. Jeder männlich definierte Körper hat die staatliche Verpflichtung zu erbringen, den Staat, die Nation und die Herrschaft gegen den Aggressor zu verteidigen. Dem haben sich trotzdem um die 650.000 Männer durch Flucht in die EU entziehen können. Zwischen 100.000 und 200.000 männlich gelesen Menschen aus der Ukraine sind in Deutschland.
Deutschland, mit seiner langen militärische Tradition der Zwangsdienste für männlich gelesene Menschen, hatte bis 2011 eine Wehrpflicht für Männer, die nur ausgesetzt (!) wurde. Im Krisen- oder Spannungsfall ist sie sofort aktiv. Und an ihrer Wiedereinführung auch ohne Krieg wird hierzulande fieberhaft gearbeitet. Ab Januar 2026 bekommen junge Männer bzw. als solche definierte Menschen einen Fragebogen, dessen Beantwortung für sie verpflichtend ist (für Frauen* freiwillig). Der Fragebogen dient der Wehrerfassung (ein Nichtbeantworten sabotiert sie). Über die Hintertür werden gerade patriarchale Strukturen hochgefahren, die nie verschwunden waren. Und das liegt nicht alleinig daran, dass für eine Neufassung des Gesetzes die nötige Zweidrittelmehrheit fehlt, sondern auch daran, dass patriarchale Kommandos derzeit weltweit bereit sind, Konflikte kriegerisch auszutragen und Männer „Gewehr bei Fuß“ zu stehen haben.
Der Frauenanteil in der Bundeswehr beträgt um die 13%. Kein Widerspruch – wenn das patriarchale Prinzip nicht angetastet wird: Akzeptanz der Befehlsstruktur, Ausübung von Befehlen (die Mord beinhalten), Durchsetzung kriegerischer Interessen (wenn der Befehl kommt), Tragen einer Uniform und deren Hoheitswappen (verdeutlichen, wem man gehört). Mit anderen Worten, die „Frau“ kann in die Rolle „Mann“ schlüpfen, wenn sie die verlangten patriarchalen Anforderungen akzeptiert. Auf diese Weise kann auch der Transmann im Panzer seinen Platz finden.
Ein Beispiel aus der Schweiz: Bei einem Frauenanteil von gerade mal circa 2,3% war die Umwandlung eines Soldaten von Mann zu Frau kein Problem. Sie, in der Funktion Soldat (Er), befehligt heute 30 Panzer mit 300 Soldaten. Das patriarchale Prinzip bleibt unangetastet. Emanzipation wäre, Männer aus dem Militär herauszuholen und nicht, Frauen in das Militär zu integrieren.
In Israel sind um die 465.000 Zivilist*innen als Reservist*innen eingetragen. Die Reservist*innen, die meisten natürlich wieder Männer, sind die tragenden Stützen im Krieg. Seit dem 7. Oktober 2023 wurden, Stand April 2025, um die 300.000 einberufen. Die wenigen Reservesoldatinnen kämpfen nicht an der Front, sondern wo? Einmal raten. Richtig, sie werden als Sanitäterinnen eingesetzt.
Selbst Militärs mit einem hohen Frauenanteil also delegieren die direkte Kampfhandlung an männlich gelesene Menschen. Das Militär lebt und braucht diese patriarchale Zuordnung, um darauf seine kriegerischen Möglichkeiten umsetzen zu können. Und im Zweifelsfall ist der als Frau gelesene Mensch qua sozialer Zuordnung für die Reproduktion und den Nachwuchs zuständig.
Und das soll auch so bleiben. Die Faschisten der AfD sprechen dies auch offen aus. Bundestagsabgeordneter Krahl auf TikTok: „Du bist kein Nonbinäres Einhorn, sondern ein Mann.“ Und er riet jungen Männern, sich nicht einreden zu lassen, „dass du lieb, schwach und links zu sein hast.“ Echte Männer seien rechts, „dann klappt es auch mit der Freundin“. 1,3 Millionen Aufrufe. So sieht die Aufzucht toxischer Männlichkeit aus. Das Militär fußt auf diesen Vorarbeiten.
Sven von Storch, ebenfalls bei der AfD: „Die Genderideologie muss verschwinden. (…) Gendern zerstört gezielt unser gemeinsames Wertefundament und den naturrechtlichen Rahmen der Gesellschaft.“ Naturrechtlich – lasst den Begriff mal auf Euch wirken. Und weiter: “„Gendern“ zerstört die binäre Geschlechterordnung, die Heterosexualtität als Norm, die Ehe als Bund zwischen Mann und Frau, die traditionelle Familie…“ In diesen Kreisen wird „Gendern” gar als „Zersetzung“ klassifiziert. Zersetzen kommt aus dem Militärischen und bedeutet nichts anderes als die Schwächung der eigenen Kampfkraft, in dem der eigene militärische Zusammenhalt untergraben und/oder aufgeweicht wird. Zersetzung und Desertion wurde im Faschismus mit dem Tode bestraft.
Ein antipatriarchaler, feministischer Kampf gegen die Geschlechterrollen unterminiert die Kriegsfähigkeit einer Gesellschaft schon vor Kriegseintritt. Toxische Männlichkeit schon im Alltag zu sabotieren, entzieht dem Militär nicht nur den Nährboden, auf den es zurückgreifen kann, um Männer kriegsfähig zu trimmen, es sabotiert auch die Gewaltverhältnisse zwischen den männlich und weiblich gelesenen Menschen. Dieser Geschlechterkrieg findet seinen täglichen Ausdruck auch in sogenannten Friedenszeiten, im Alltag, auf der Arbeit, im Bett. Die Femizide sind sichtbarer Ausdruck dieses Krieges.
Patriarchale Prinzipien außer Kraft zu setzen bedeutet also nicht, Frauen ins Militär zu holen, sondern die Wehrpflicht zu sabotieren, nicht nur hier, sondern in jedem Land – und den Zugriff auf männlich gelesene Körper durch das Militär als Akt der Emanzipation aktiv zu blockieren. So können männlich gelesene Menschen zu Verbündeten im Kampf gegen das Patriarchat werden. Und: Wir brauchen eine aggressive Einforderung der Asylrechts und Schutzpraxis für Deserteure aus aller Welt.
Die Zerstörung militärischer Strukturen geht einher mit der Zerstörung patriarchal konditionierter Zweigeschlechtlichkeit.
Auf geht’s. viel Zeit verbleibt uns nicht, wollen wir „vor die Kriege kommen“.

