IMI-Standpunkt 2012/010 - in: AUSDRUCK (April 2012)

Blut und Ehre für das deutsche Vaterland?

Es soll sich wieder lohnen, für Deutschland zu sterben. Dazu soll es nach Willen des Verteidigungsministers bald einen „Veteranentag“ geben.

von: Michael Schulze von Glaßer | Veröffentlicht am: 25. Februar 2012

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Die Bundeswehr soll schrumpfen, die Zahl der Auslandseinsätze soll aber zunehmen: heute kann die deutsche Armee 7.000 Soldaten dauerhaft im Ausland unterhalten, bald sollen dauerhaft 10.000 Bundeswehr-Soldaten die Interessen Deutschlands in aller Welt militärisch sichern.[1] Seit Jahren betreiben Bundesregierung und Verteidigungsministerium eine Expansion deutscher Militärinterventionen im Ausland. Der Ernstfall Auslandseinsatz ist zum Normalfall geworden. Doch was Politiker einfach beschließen, ist in der Bevölkerung umstritten: tote und traumatisierte deutsche Soldaten verkaufen sich schlecht. Die Zustimmung zu Kriegspolitik und Auslandseinsätzen wie dem in Afghanistan ist gering. Die Politik reagiert auf die mangelnde Popularität militärischer Einsätze und des „Soldatenberufs“ mit der Etablierung eines neuen Heldenkults um deutsche Soldaten: sterben für das Vaterland soll sich wieder lohnen.

Bis Ende des Jahres will Ver­teidigungs­minister Thomas de Maizière (CDU) ein Konzept für einen Veteranen-Ehrentag vorlegen. Dies verkündete der Minister vor wenigen Tagen während seiner Nordamerikareise – das Soldatentum in Kanada und den USA scheint de Maizière sehr beeindruckt zu haben. Mit dem Veteranentag soll in der deutschen Gesellschaft Interesse für die Bundeswehr und ihre Einsätze geweckt werden. Welche Soldaten genau geehrt werden sollen, steht aber noch nicht fest. Geklärt werden müsse aber in einer offenen Debatte, „ob so eine Ver­anstaltung in Deutsch­land nicht künstlich wäre“, so de Maizière. Denkbar seien auch eine eigene Veteranenzeitschrift oder kosten­lose Fahrten in Bussen und Bahnen. Ein Veteranentag wäre ein weiterer Schritt hin zu einem neuen deutschen Soldatenkult.

Besonders der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben mithilfe eines neuen Helden- und Totenkults um Verständnis und Zustimmung für die Auslandseinsätze der Bundeswehr zu werben. Am 6. Juli 2009 wurde erstmals das von Jung gestiftete „Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit“ an Soldaten verliehen.[2] Zu den schon bestehenden Einsatz- und Ehrenmedaillen der Bundeswehr kam die erste Auszeichnung für besondere Tapferkeit – die Form der neuen Medaille entspricht der des schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg von der jeweiligen deutschen Armee für Tapferkeit verliehenen Eisernen Kreuzes.

Ein weiterer großer Schritt zur Etablierung eines neuen Kultes um deutsche Soldaten war die Errichtung des am 8. September 2009 feierlich vom ehelamigen Bundespräsident Hort Köhler (CDU) eingeweihten „Ehrenmals der Bundeswehr“ am Berliner Sitz des Verteidigungsministeriums.[3] In der von Bronze umhüllten Stahlbeton-Konstruktion werden die Namen aller seit Gründung der Bundeswehr 1955 im Dienst ums Leben gekommenen Soldaten – über 3.100 – für jeweils etwa fünf Sekunden an eine Innenwand projiziert. An einer anderen Wand steht in goldenen Lettern: „DEN TOTEN UNSERER BUNDESWEHR FÜR FRIEDEN RECHT UND FREIHEIT.“

Vom Bendlerblock, dem Berliner Sitz des Verteidigungsministeriums, vor den Reichstag verlegt wurde erstmals 2008 das jährliche feierliche Gelöbnis von Bundeswehr-Rekruten.[4] In den letzten Jahren gab es am 20. Juli sogar Live-Übertragungen des Gelöbnisses beim öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Phoenix. Dazu zog der Sender extra höherrangige Soldaten zur Moderation hinzu um den Bürgern vor den Fernsehgeräten die Militärzeremonie vor dem Reichstag zu erklären. Die Zahl öffentlicher Gelöbnisse außerhalb militärischer Liegenschaften nahm unter Führung Franz Josef Jungs bundesweit zu: lag sie 2007 noch bei 134 waren es 2009 sogar 180 Gelöbnisse auf öffentlichen Plätzen.

Zur neuen deutschen „Helden-Politik“ gehören auch Live-Übertragungen von Trauerfeiern für im Einsatz gefallene Soldaten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.[5] So brachte etwa der NDR am 3. Juni 2011 die Bilder von einer Trauerfeier für drei in Afghanistan getötete deutsche Soldaten direkt in die Wohnzimmer der Republik. Am 10. Juni gleichen Jahres war es der WDR, der den Trauergottesdienst für einen einige Tage zuvor in der afghanischen Provinz Baghlan getöteten Bundeswehr-Soldaten aus Detmold sendete. Die Fernsehübertragung sei ein „großes Glück“, freute sich der Leiter des Presse- und Informationszentrums des Heeres damals vor den versammelten Journalisten.

Tapferkeitsmedaillen, das Ehrenmal in Berlin, öffentliche Gelöbnisse, Live-Übertragungen von Trauerfeiern für gefallene Soldaten und nun der Veteranentag: Soldaten sollen wieder eine erhöhte Stellung in der Gesellschaft bekommen. Die Bevölkerung soll dabei die Soldaten ehren, die in Einsätze geschickt werden, die vom Parlament aber eben nicht von der Bevölkerung selbst getragen werden – hier wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Doch noch scheint der Funke nicht so recht auf die Bevölkerung überzuspringen – die ablehnende Haltung weiter Teile der Bevölkerung gegenüber Auslandseinsätzen wie dem in Afghanistan ist stabil.  Schwer zu bestimmen ist jedoch „die Stimmung in der Truppe“ selbst sowie unter den Veteranen und ihren Familien. Die zunehmende Öffentlichkeitsarbeit scheint jedenfalls mit einer verstärkten „Informationskontrolle“ einherzugehen. Keinesfalls jedenfalls dürfen die Soldaten etwa aus Afghanistan allzu ehrlich über das Erlebte sprechen, andernfalls wird schlicht die Leitung unterbrochen. Auch bei E-mails aus dem Einsatzgebiet muss sich jeder Soldat klar sein, dass zumindest potentiell verschiedene Dienste und auch der Dienstherr mitlesen können. Was die Soldaten jedoch nach ihrem Ausscheiden aus der Bundeswehr äußern und wie sie sich ggf. organisieren, lässt sich schwieriger kontrollieren. Eine Organisation „von Oben“ durch Veteranenzeitschrift und Veteranentag mag dazu jedoch einen Beitrag leisten, ebenso wie Vergünstigungen in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Anmerkungen:

[1]              de Maizière, Thomas: Regierungserklärung zur Neuausrichtung der Bundeswehr, in: www.bmvg.de, 27. Mai 2011.

[2]              N. N.: Allgemeines: Die Ehrenzeichen der Bundeswehr, in: www.bundeswehr.de, 10. Januar 2012.

[3]              Müller, Andreas: Das Ehrenmal der Bundeswehr, in.www.bundeswehr.de, 18. Januar 2012

[4]              Müller, Andreas: Feierliches Gelöbnis vor historischer Kulisse, in: www.bmvg.de, 20. Juli 2008.

[5]              Schulze von Glaßer, Michael: Legitimation der Kriegspolitik, in: www.militainment.info, 18. Juni 2011.

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