IMI-Analyse 2025/30 - in AUSDRUCK September 2025

Türkische Rüstungsproduktion und ihre Grenzen

von: Axel Gehring | Veröffentlicht am: 9. September 2025

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TB2 Bayraktar-Drohnen aus türkischer Produktion sind im Nahen Osten, Afrika und auch in Europa keine unbekannten Flugobjekte mehr, sondern Exportschlager. Ihre Einsätze sorgen nur noch für Aufsehen, wenn sie besonders spektakulär sind: Zum Beispiel im April 2022, als sie im Verbund mit ukrainischen Neptun-Flugkörpern an der Versenkung der Moskwa, des Flaggschiffs der russischen Schwarzmeerflotte, beteiligt waren. Und die nächste Generation, die TB3, ist längst in Erprobung und steht dem Vernehmen nach kurz vor ihrer Einführung.

Lange Jahrzehnte war die Türkei eine große Rüstungsimporteurin. Ihre wirtschaftliche Westintegration seit 1945 und ihre darauffolgende NATO-Mitgliedschaft hatten den Ansätzen einer lokalen Rüstungsindustrie sogar geschadet – modernere westliche Waffensysteme waren nunmehr reichlich verfügbar und auf Grund von Militärhilfen relativ günstig zu haben. Die Zypern-Invasion von 1974 brachte einen ersten Wendepunkt: Die Verletzung der Interessen eines anderen NATO-Staates sowie einzelne Gefechte mit regulären Truppen Griechenlands, führten zu einem ersten zeitweisen Embargo. Marinerüstungsdeals mit den USA platzten wegen eines zeitweiligen Embargos.

In der Folge wollte der türkische Staat unabhängiger von Rüstungsimporten werden. Während sich die Türkei, abgesichert durch einen Militärputsch, ab 1980 neoliberalisierte und ihre staatliche koordinierte Importsubstitution abwickelte, verfolgte sie in der Waffenproduktion den Weg der Importsubstitution inmitten des sich ausbereitenden Neoliberalismus. Der sich in Folge der eskalierten türkisch-kurdischen Frage entfaltende Bürgerkrieg sorgte international für Negativschlagzeilen und zivilgesellschaftlicher Druck in Staaten wie der Bundesrepublik machte Waffenlieferungen in die Türkei keineswegs zu einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit. Die türkische Führung blieb sich also auch in den wirtschaftlich krisenhaften neunziger Jahren darüber bewusst, dass ihr Zugang zu Waffenimporten letztinstanzlich prekär war.

Wo steht die Türkei heute?

Im Jahr 2024 betrug der türkische Militärhaushalt 25 Milliarden US-Dollar und lag damit im Weltvergleich auf Platz 17 (zum Vergleich: Deutschland gab im gleichen Jahr 88,4 Mrd. US-Dollar für Rüstung aus – Platz 4). 1,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes wurden damit für Rüstung ausgegeben. Gegenüber 2015 stellte dies eine marginale Steigerung des Anteils um 0,1 Prozent dar. Insbesondere die sich Ende der 2010er Jahre verschärfende Wirtschaftskrise hatte – trotz hoher außenpolitischer Ambitionen – dämpfend auf die Militärausgaben gewirkt. Deutschland steigerte im gleichen Zeitraum seinen Anteil von 1,1 auf 1,9 Prozent am BIP (vgl. SIPRI 2025a) und strebt bis zum Anfang der kommenden Dekade an, 3,5 Prozent für Militärisches (plus 1,5 Prozent für militärrelevante Infrastruktur) auszugeben.

Jahrzehntelang ist die Türkei als eine große Rüstungsimporteurin bekannt gewesen – insbesondere gemessen an ihrer Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft. Beide sind seither gewachsen. Zudem ist die türkische Rüstungsindustrie auch auf Grund ihrer Exporte in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit gelangt. Drohnen des Herstellers Baykar wurden bis Ende 2023 in über 30 Länder exportiert (vgl. Egeli et. al 2024:24), darunter europäische und Staaten im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika. Insbesondere für sogenannte asymmetrische Kriege sind sie attraktiv. Doch auch gepanzerte Fahrzeuge werden inzwischen in östliche EU-Staaten exportiert. Und nicht nur Staaten wie Pakistan, sondern auch Portugal haben sich für türkische Korvetten entschieden (vgl. Waldwyn 2025).

Dies schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Zwischen 2015 und 2019 entfielen 1,7 Prozent der Weltimporte von Waffen auf die Türkei, in der Periode von 2020 bis 2024 waren es 1,1 Prozent. Deutschland steigerte im gleichen Zeitraum seinen Anteil von 0,2 Prozent auf 0,7 Prozent (vgl. SIPRI 2025b: 6). Gegenläufig dazu entwickelten sich die Rüstungsexporte: Nahmen türkische Waffen von 2015 bis 2019 noch einen Anteil 0,8 Prozent an den Weltexporten ein, so verdoppelte sich dieser für 2020 bis 2024 auf 1,7 Prozent – Platz 11 im globalen Ranking. Demgegenüber liegt der deutsche Anteil in 2024 bei 5,6 Prozent, damit nimmt Deutschland Platz 5 ein (vgl. SIPRI 2025b: 2).

Diese Zahlen geben zudem einen Hinweis darauf, dass inzwischen brutto mehr Waffen exportiert als importiert werden. Doch obwohl es schon seit den 2010er Jahren eine wachsende Berichterstattung über zunehme Waffenexporte gab, drückten sich diese lange nicht in Form eines kontinuierlichen (Rüstungs-)Exportüberschusses aus. Auf leichte Exportüberschüsse in den Jahren 2014 bis 2017 folgten wieder deutliche Importüberschüsse in 2018 und 2019. Seit 2020 ist das Handelsbilanzsaldo durchweg und signifikant positiv, dies liegt sowohl am kurzwährenden krisenbedingten Importeinbruch 2020/21 als auch an dem in die Höhe schnellenden Exportwachstum. Letzteres hat sich mit dem Beginn des Ukrainekrieges im Jahr 2022 nochmals beschleunigt (Zahlen: Egeli et. al 2024: 22f); 2024 exportierte die Türkei Waffen im Wert von 7,12 Mrd. USD-Dollar (Zahlen: Waldwyn 2025).

Die Türkei hat ihren militärpolitischen Spielraum erhöht

Die quantitativen Entwicklungen drücken letztlich einen qualitativen Wandel aus: Ausgehend von einzelnen Projekten zur Importsubstitution einzelner Waffen und Baugruppen produziert die Türkei heute mehr oder minder die gesamte Palette von konventionellen Rüstungsgütern. Bereits in den 1980er-Jahren wurden erste Baugruppen für die importierten US-F1/Ausdruck_3_2025_Titelbild_compressed.png6 Jets lokal produziert und Verträge mit deutschen Marinerüstungsfirmen sahen schon in den 1990er-Jahren nicht nur den Erwerb von Schiffen, sondern – auf türkischen Wunsch – auch deren Bau auf lokalen Werften vor. Nach Jahrzehnten gezielter Importsubstitution bei wachsender Exportpromotion rühmt sich die türkische Industrie, bald einen eigenen Kampfjet lokal zu produzieren. Der TAI TF Kaan hatte bereits im letzten Jahr seinen Jungfernflug und soll später einmal sogar nach Indonesien exportiert werden (vgl. ANTARA 2025).

Die Schaffung eigener Produktion hat den militärpolitischen Spielraum der türkischen Regierung erhöht. Nicht mehr der Import von ganzen Waffensystemen, sondern die internationalen Patente, Produktions- und Zulieferketten sowie die sie institutionell tragenden Joint Ventures mit internationalen Herstellern bilden heute den Schwachpunkt der türkischen Rüstung. Politisch bedeutet dies, dass direkte Embargomaßnahmen gegen Rüstungsgüter kaum mehr direkten wirksamen Einfluss auf unmittelbar bevorstehende oder laufende türkische Militäroperationen nehmen können. Embargos würden heute erst mit Verzögerung wirken, bis dahin wäre die jeweilige Militäroperation sehr wahrscheinlich

Literatur

Pınar, Ezgi; Gehring, Axel: ’They cannot herd a Sheep’ Populist Politics and its Struggles for and against Education in Turkey; in: Journal of Balkan and Near Eastern Studies; 08. November 2022.

Gehring, Axel (2020): Strategische Autonomie oder Insel der Importsubstitution im Neoliberalismus?; in: PROKLA 201.

SIPRI 2025a: SIPRI Fact Sheet (April 2025): Trends in World Military Expenditure, 2024

SIPRI 2025b: SIPRI Fact Sheet (March 2025): Trends in international Arms Transfers, 2024

SIPRI 2024: The SIPRI Top 100 arms-producing and military services companies in the world, 2023.

Egeli, Sıtkı; Güvenç, Serhat; Kurç ,Çağlar und Mevlütoğlu, Arda (2024): From Client to Competitor: The Rise of Turkiye’s Defence Industry; The International Institute for Strategic Studies (IISS) und Center for Foreign Policy and Peace Research (CFPPR); London und Ankara.

ANTARA (Indonesia News Agenci) 2025: Prabowo witnesses signing of 27 MoUs at Indo Defence Expo.

Waldwyn, Tom 2025: Turkiye’s defence industry charts a course for European growth.