IMI-Standpunkt 2016/029 - in: AUSDRUCK (August 2016)

Rückblick: Kein „Tag der Bundeswehr“ 2016

von: Michael Schulze von Glaßer und Thomas Mickan | Veröffentlicht am: 9. August 2016

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An 16 Standorten feierte die deutsche Armee am 11. Juni 2016 sich selbst. Auch in diesem Jahr war der „Tag der Bundeswehr“ wieder das zentrale Werbeevent, an dem die Bundeswehr um Zustimmung für ihre Einsätze und schon Kinder als Nachwuchs warb – unwidersprochen blieb das nicht: Ein Rückblick zum „Tag der Bundeswehr“ 2016.

Die Armee lobte den Tag als großen Erfolg und gab die Zahl von 260.000 Besucherinnen und Besuchern bei den 16 Veranstaltungen heraus – das wären sogar noch mehr Menschen als beim „Tag der Bundeswehr“ 2015.[1] Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte 2015 den Tag im Rahmen ihrer Attraktivitätsagenda „Aktiv.Attraktiv.Anders“  als jährlich wiederkehrend eingeführt. Wie viele Menschen 2016 tatsächlich zum Armee-Werbetag kamen, ist allerdings nicht bekannt: So besuchten die Luftwaffen in Neuburg an der Donau nur 20.000 statt der erwarteten 70.000 Besucherinnen und Besucher;[2] die „Wehrtechnische Dienststelle“ bei Trier hatte wiederum 10.000 Menschen erwartet – nur 7.000 kamen;[3] beim „Tag der Bundeswehr“ in Hohn (Schleswig-Holstein) konnte die Armee nur 37.000 statt der zuvor prognostizierten 60.000 Besucherinnen und Besucher zählen.[4] Bereits 2015 hatte die Bundeswehr 400.000 Menschen erwartet und „nur“ 250.000 kamen offiziell.[5] In jedem Fall übertreibt die Armee in ihren Berichten über ihren Werbetag, auch wenn die Besuchszahlen nichtsdestotrotz eine besorgniserregende Höhe erreicht.  Die Proteste allerdings werden von der Bundeswehr in Gänze verschwiegen, der vermeintliche militaristische Konsens soll wohl nicht durch Proteste gestört werden.

Indes: Im Gegensatz zum letztjährigen „Tag der Bundeswehr“ fanden die Aktionen gegen den Propaganda-Tag des Militärs 2016 weitaus mehr koordiniert statt: Das „Netzwerk Friedenskooperative“, das „Komitee für Grundrechte und Demokratie“ und Vertreter der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK) hatten sich schon Monate vor dem Militärtag abgesprochen und den gemeinsamen Aufruf „Kein(en) Tag der Bundeswehr“ veröffentlicht.[6] Friedensgruppen vor Ort wurden zudem angeschrieben und auf den „Tag der Bundeswehr“ vor ihrer Haustür aufmerksam gemacht. Um die Aktiven zu unterstützen, verschickte das „Netzwerk Friedenskooperative“ Aktionskisten mit zahlreichen Materialien wie Mobilisierungs-Postern, Flugblättern und Luftballons. Auch die Pressearbeit wurde gemeinsam erledigt – allerdings war die Resonanz in den Medien für den „Call for Action“ gegen den „Tag der Bundeswehr“ eher gering. Auch die von der DFG-VK erstellte satirische „Fake“-Website www.tag-der-bundeswehr-2016.de wurde von den Medien kaum wahrgenommen.

Besser lief für die Militärgegnerinnen und -gegner die mediale Verarbeitung der direkten Aktionen vor Ort. An mindestens 12 der 16 Standorten fanden verschiedenste, mal kleinere, mal größere Aktionen statt, von denen einige hier kurz dargestellt werden sollen:

Wie schon im letzten Jahr präsentierte sich die „Streitkräftebasis“ auch 2016 in der Innenstadt von Bonn. Da es das Ordnungsamt verboten hatte, an allen fünf Zugängen zum zentralen Marktplatz Friedenskundgebungen anzumelden, gab es nur einen Anlaufpunkt für MilitärgegnerInnen – der war mit rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten aber umso größer. Bei Musik fanden verschiedene Aktionen gegen Bundeswehr-Werbung statt.

Vor dem Kasernentor des „Hubschrauberausbildungszentrums“ im niedersächsischen Bückeburg gab es einen Infostand verschiedener Friedensgruppen. Skurril: Die verteilten Flugblätter wurden den Besucherinnen und Besuchern am Eingang bei der Personenkontrolle wieder abgenommen und sogar Kindern wurden die aufgeblasenen Luftballons mit „Frieden schaffen ohne Waffen“-Slogan und zerbrochenem Gewehr-Motiv von SoldatInnen zerplatzt.

In der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt bot die Streitkräftebasis einen Fuhrpark auf: Neben „Leopard“- und „Boxer“-Panzern gab es auch kleine Drohnen zu begutachten. Auf und um den Domplatz tummelten sich rund 70 Friedensaktivistinnen und -aktivisten und führten vor der Bundeswehr-Bühne, dem Werbelastwagen und den Panzern immer wieder kleinere Aktionen wie etwa ein „Die-In“ durch, bei dem sich die AktivistInnen tot stellten. Wie auch in Bonn antizipierte die Bundeswehr die Proteste und griff nicht ein.

An der Bundeswehr-Universität in Hamburg konnten Besucherinnen und Besucher in einem Sarg der lokalen DFG-VK-Gruppe „Probe liegen“. Zudem war der Eingang des Armee-Geländes mit Kreideumrissen und (Kunst-)Blutflecken versehen. Die Aktion der etwa 70 Antimilitaristinnen und Antimilitaristen, die an der Aktion in Hamburg teilnahmen, war durch zahlreiche große Transparente schon aus der Ferne sichtbar.

Wer zum „Tag der Bundeswehr“ beim „Lufttransportgeschwader 63“ nach Hohn in Schleswig-Holstein wollte, musste an einem Eingang unter einem „Krieg beginnt hier!“-Transparent durchlaufen, das lokale Friedensgruppen dort aufgespannt hatten. Der Bundeswehr gefiel das nicht – machen konnten sie gegen die angemeldete Aktion aber auch nichts.

Mit einem Bus aus Stuttgart und Tübingen sind rund 50 Leute zu den Aktionen gegen den „Tag der Bundeswehr“ in Stetten am kalten Markt angereist. Hinzu kamen weitere FriedensaktivistInnen aus Baden-Württemberg, die, trotz Ärgers mit der Polizei, die etwa das Verteilen von Flugblättern auf den Gehwegen vor der Kaserne verbot, an zwei Kundgebungen teilnahmen. Ein Teil der BesucherInnen musste durch einen Spalier der Demonstration und an ausgestopften Strohpuppen mit Kunstblut „über Leichen” gehen. Die Reaktion mancher BesucherInnen darauf war von einer ausgesprochenen Aggressivität geprägt; offensichtlich wurden die Menschen zum Nachdenken angeregt. Auch in der Kaserne kam es zu mehreren kreativen Straßenaktionen, in deren Verlauf mehrere AktivistInnen verhaftet wurden, aber schon bald wieder freigelassen werden mussten.

Ein richtiges Friedensfest fand vor der „Wehrtechnischen Dienststelle 41“ bei Trier statt: Ein Kulturprogramm und Infostände verschiedener Friedensinitiativen boten eine bunte Alternative zur olivgrünen Armee-Veranstaltung. Doch auch in der Kaserne fand Protest statt – wie in Erfurt legten sich auch in Trier einige junge Aktivistinnen und Aktivisten „tot“ und mit (kunst)blutverschmierten T-Shirts vor Panzer.

Auch in Rostock-Warnemünde, Wilhelmshaven, Veithöchsheim (bei Würzburg), München und weiteren Städten fanden Aktionen statt. Vor allem das gute Miteinander bei allen Protesten von Jung und Alt zeigte, dass es mit dem Tag der Bundeswehr gelingt, die Friedensbewegung zu neuer Stärke zu führen.

Besonders effektiv war im Nachgang die Medienarbeit: Während es die Bundeswehr am 11. Juni trotz ihrer zahlreichen Veranstaltungen und eines Millionen-PR-Budgets kaum in die bundesweite Presse schaffte, so brachte sie eine Pressemitteilung des „Netzwerks Friedenskooperative“ und der DFG-VK, welche zusätzlich von der Kinderrechtsorganisation „terre des hommes“ durch Statements ergänzt wurde, in Nöte.[7] „PR-Gau beim ‚Tag der Bundeswehr‘“, titelte etwa Spiegel-Online[8]: In der Kaserne in Stetten hatte die Bundeswehr bereits Kinder im grundschulpflichtigen Alter an Handfeuerwaffen hantieren lassen. Aufmerksame Friedensaktivistinnen und -aktivisten hatten dies bemerkt und davon Fotos gemacht – diese wurden mit der Pressemitteilung am 15. Juni 2016 verbreitet und lösten einen Skandal aus. Knapp einhundert Medien – von der „Tagesschau“[9] über die „Bild“[10] bis hin zur „Brigitte Mom“[11] – berichteten über die Kinder an Waffen bei der Bundeswehr.

Da der Fall sogar gegen interne Richtlinien der Bundeswehr verstieß, die ausdrücklich den Zugang zu Handfeuerwaffen (jedoch nicht zu Panzern) für Kinder bei solchen Veranstaltungen untersagen[12] und die Medien drängten, kam Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nicht umhin, eine Stellungnahme abzugeben.[13] Sie versprach Besserung: In Zukunft soll es keine Fälle von Kindern an Waffen bei öffentlichen Werbeveranstaltungen der Armee mehr geben. Dass sie damit nur bestehende Regeln bestätigte, ist zwar nur ein kleiner Erfolg; was jedoch bleibt ist der immense Imageschaden, der am Tag der Bundeswehr ganz zu Recht weiterhin haftet: Nicht der freudige Familientag mit tarnfarbener Gulaschkanone, sondern ein schamloses Werbeevent, bei dem die Rekrutierung neuen Personals keine Grenzen mehr zu kennen scheint, wird medial in Erinnerung bleiben.

Ob die Bundeswehr sich beim kommenden Tag der Bundeswehr 2017  wenigstens an die eigenen Richtlinien halten wird, bleibt abzuwarten – es ist zu hoffen, dass nicht erst Friedensaktivistinnen und -aktivisten vor Ort ein Auge darauf haben werden müssen. Auch wenn die Forderung der Friedensorganisationen lautet, keinen weiteren „Tag der Bundeswehr“ mehr zu haben, laufen bereits erste Planungen für die Gegenaktivitäten 2017. Es darf mit einer noch stärkeren Mobilisierung gerechnet werden, die lokal organisiert bundesweit zu einem kräftigen Nein zum Tag der Bundeswehr erklingen wird.

Anmerkungen

[1] Kietzmann, Victoria: Über 260.000 Besucher erlebten am zweiten Tag der Bundeswehr ihre Streitkräfte zum Anfassen, in: www.tag-der-bundeswehr.de, 13. Juni 2016.

[2] Dittenhofer, Manfred: Tag der Bundeswehr: Deutlich weniger Besucher als erwartet, in: www.augsburger-allgemeine.de, 12. Juni 2016.

[3] Pütz, Karin: 7000 Besucher kommen zum Tag der Bundeswehr bei der Wehrtechnischen Dienststelle auf dem Trierer Grüneberg, in: www.volksfreund.de, 11. Juni 2016.

[4] N. N.: „Tag der Bundeswehr“ in Hohn und Hamburg, in: www.welt.de, 12. Juni 2016 und Post, Tilman: Tag der Bundeswehr: Stelldichein der Giganten in Hohn, in: www.shz.de, 6. Juni 2016.

[5] Pauli, Heike: Der Tag der Bundeswehr geht in die zweite Runde, in: www.tag-der-bundeswehr.de, 31. März 2016 und N. N.: Erster bundesweiter „Tag der Bundeswehr“ am 13. Juni 2015, in: www.bmvg.de, 8. Juni 2015.

[6] N. N.: CALL FOR ACTION: Kein(en) Tag der Bundeswehr, in: www.kein-tag-der-bundeswehr.de.

[7] N. N.: Grenze überschritten: Bundeswehr ließ Kinder an Handfeuerwaffen, in: www.dfg-vk.de, 13. Juni 2016.

[8] Gebauer, Matthias: PR-Gau beim „Tag der Bundeswehr“: Bundeswehr lässt Kinder mit Gewehren spielen, 13. Juni 2016.

[9] N. N.: Kinder + Waffen = PR-Desaster, in: www.tagesschau.de, 14. Juni 2016.

[10] N. N.: Hier lässt die Bundeswehr Kinder mit Waffen spielen, in: www.bild.de, 14. Juni 2016.

[11] N. N.: Bundeswehr lässt Kinder mit echten Waffen spielen, in: www.brigitte.de, 14. Juni 2016.

[12] Schulze von Glaßer, Michael: Kinderkriegsspiele, in: www.sopos.org, Ausgabe 23/2011.

[13] Gebauer, Matthias: Fotos von Kindern am Gewehr: Von der Leyen verbietet „Waffen zum Anfassen“, in: www.spiegel.de, 14. Juni 2016.

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