IMI-Standpunkt 2012/032 - in: AUSDRUCK (August 2012)

„Schnöggersburg“ im Gefechtsübungszentrum

Zum Bau einer europaweit einzigartigen Einrichtung zur Ausbildung für Krieg und Kampfeinsätze

von: Michael Haid | Veröffentlicht am: 26. Juni 2012

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Die Bundeswehr stellte am 20. Juni 2012 ihr neuestes Projekt im Zuge der Bundeswehr-Reform vor. Sie plant, in der Colbitz-Letzlinger Heide nördlich von Magdeburg in Sachsen-Anhalt auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Altmark ein neues Gefechtsübungszentrum für Auslandseinsätze zu bauen. Der Truppenübungsplatz wird bislang grundsätzlich vom Gefechtsübungszentrum Heer genutzt. Der Beitrag informiert in aller Kürze über die wichtigsten Aspekte des Vorhabens. Wer nicht weiß, was genau ein Gefechtsübungszentrum, abgekürzt GÜZ, ist und welchem Zweck es dient, wird auf der Homepage des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung fündig. Dort steht: „Das Gefechtsübungszentrum (…) ist die zentrale Ausbildungseinrichtung des Heeres (…). Dort wird die einsatznahe Ausbildung der Kampftruppen mit den Originalwaffensystemen (…) durchgeführt. Mit dem Gefechtsübungszentrum Heer auf dem Truppenübungsplatz Altmark ist eine (…) Einrichtung geschaffen worden, die es ermöglicht, in bisher nicht gekannter Weise realitäts- und einsatznah auszubilden. Dies wird nur durch den intensiven Einsatz der Simulation von Waffen, Waffensystemen und Kampfmitteln in Verbindung mit einer komplexen Erfassungs- und Auswerteinstrumentierung erreicht (…).“[1] Der angekündigte Bau des neuen Gefechtsübungszentrums wird die bislang sich in Betrieb befindliche Einrichtung, die eben in ihrer Eigendarstellung wiedergegeben wurde, in Größe und Trainingsmöglichkeiten noch in den Schatten stellen. Die künstlich zu errichtende Stadt werde „Schnöggersburg“ heißen und aus insgesamt 520 Gebäuden bestehen.[2] Während im Rahmen der Bundeswehr-Reform 32 Standorte geschlossen und 90 weitere drastisch reduziert werden, soll die Errichtung von „Schnöggersburg“ insgesamt rund 100 Millionen Euro kosten. Davon seien 62 Millionen Euro bereits bewilligt. Später sollen weitere 30 bis 35 Millionen Euro folgen, die aber noch genehmigt werden müssten, wie die „Wehrbereichsverwaltung Ost“ Spiegel-Online mitteilte. Die Baumaßnahmen sollen im Herbst 2012 beginnen. Ab 2015 ist vorgesehen, dass Gefechtsverbände mit bis zu 1.500 Soldaten dort üben können (dies entspricht der Größenordnung einer EU-Battlegroup) und bis 2017 soll der Bau komplett fertiggestellt sein. Neben den deutschen Soldaten werden dort auch die Streitkräfte der Niederlande für ihre Auslandseinsätze trainieren. Ein militärisches Übungsgebiet diesen Ausmaßes gebe es nach Darstellung der Bundeswehr in Europa kein zweites Mal. Großbritannien und Frankreich unterhalten deutlich kleinere Varianten. Es werde mit etwa sechs Quadratkilometern Areal circa dreimal so groß sein wie der Kleinstaat Monaco.

Um eine möglichst realitätsnahe Simulierung der Einsatzszenarien bieten zu können, sollen zum Übungsgelände neben ausgedehnten Waldgebieten auch Straßen, eine Kanalisation, ein 22 Meter breiter Fluss, eine Altstadt, eine Hochbausiedlung, ein Industriegebiet, ein U-Bahn-Tunnel und ein Elendsviertel gehören.[3]

Damit offenbart die Gestaltung des Trainingsgeländes auch, auf welche Arten von Einsätzen die Bundeswehr sich vorzubereiten scheint: Es dürfte sich zukünftig primär um Kampfszenarien in urbanen Gebieten handeln, wobei sowohl Stadtgebiete mit armer Bevölkerung als auch ökonomisch entwickelte Regionen im Fokus der Militärplaner eine Rolle spielen. Ausweislich der die Bundeswehr-Reform begleitenden Strategiepapiere des Bundesverteidigungsministeriums ist mit der Neustrukturierung der Streitkräfte beabsichtigt, ihre Interventionsfähigkeit deutlich zu erhöhen. Der Ausbau des Gefechtsübungszentrums ist hierfür eine zentrale Voraussetzung. Die ortsansässige Bürgerinitiative OFFENe HEIDe, die seit Jahren gegen die militärische Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide kämpft, bringt in ihrer Selbstvorstellung die Funktion des Gefechtsübungszentrums und seine Bedeutung für die Interventionsfähigkeit der Bundeswehr zum Ausdruck: „Seit 2001 funktioniert das so genannte Gefechtsübungszentrum Heer (GÜZ), ein Pilotprojekt im Herzen der Colbitz-Letzlinger Heide. Jährlich werden bis zu 15.000 Soldatinnen und Soldaten auf dem Gelände für Krieg und Kampfeinsätze geschult. Mit Laserstrahlen, Satellitennavigation und Computertechnik erfolgt die Gefechtssimulation. Europaweit ist dieses Gefechtsübungszentrum die modernste Anlage für Bodentruppen. Deshalb spielt sie eine entscheidende Rolle bei der Umstrukturierung der Bundeswehr zu einer weltweit einsetzbaren Angriffsarmee.“[4] Dies gilt umso mehr für die angekündigte Errichtung eines neuen, weit größeren Gefechtsübungszentrums. Die folgende Forderung der Bürgerinitiative ist deshalb absolut unterstützenswert: „Wir wollen: Nach mehr als sieben Jahrzehnten militärischen Missbrauchs, dass die Colbitz-Letzlinger Heide ein Lernort für die Versöhnung mit der Natur und Frieden zwischen den Völkern wird.“[5] Es kann nur gehofft werden, dass dieser Wunsch alsbald in Erfüllung geht! Gegen das Gefechtsübungszentrum ist auch ein internationales Diskussions- und Aktions-Camp vom 12. bis 17. September 2012 in der Altmark bei Hillersleben/Magdeburg geplant.[6]

Anmerkungen

[1]Das Gefechtsübungszentrum des Heeres, in: www.bwb.org (23.06.2012).

[2]Vgl. Bundeswehr baut Übungsstadt in Letzlinger Heide, in: Mitteldeutsche Zeitung, 21.06.2012.

[3]Zu den verschiedenen Angaben über das Gefechtsübungszentrum vgl. Bundeswehr bekommt Übungsstadt. Schöner schießen in „Schnöggersburg“, in: Spiegel Online, 20.06.2012; Bundeswehr baut gigantische Übungsstadt. Europaweit einmaliges Gelände für Auslandseinsätze, in: Deutschlandradio, 20.06.2012.

[4]Vgl. Vorstellung, in: www.offeneheide.de/ (23.06.2012).

[5]Vgl. ebd.

[6]Vgl. warstartsherecamp.org (26.06.2012).

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