IMI-Standpunkt 2012/029

Kassel entrüsten!

Aktionswoche gegen Rüstungsindustrie und Militarisierung während der dOCUMENTA(13) in Kassel

von: Malte Lühmann | Veröffentlicht am: 11. Juni 2012

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An diesem Samstag, dem 9. Juni 2012 wurde in Kassel die dreizehnte documenta-Kunstausstellung unter großer Aufmerksamkeit der Medien für die Besucher*innen eröffnet. Auf der Kunstschau werden ca. 300 beteiligte Künstler*innen 100 Tage lang ihre Werke und Gedanken präsentieren. Nach dem Willen der Kuratorin soll dabei die Auseinandersetzung mit der Stadt Kassel selbst und ihrer Geschichte einen wichtigen Bezugspunkt bilden. Unter dem Motto „Collapse and Recovery“ (Zusammenbruch und Wiederaufbau) soll die Erfahrung der Stadt mit ihrer weitgehenden Zerstörung im Laufe des Zweiten Weltkrieges und dem anschließenden Wiederaufbau, zum dem auch die erste documenta Anfang der 50er Jahre gehört, thematisiert werden. Bezüge zur kriegerischen Zerstörung in aktuellen Kriegen spielen auch eine Rolle, so ist etwa die afghanische Hauptstadt Kabul ein weiterer offizieller Ausstellungsort der dOCUMENTA(13).

Während sich also in den nächsten hundert Tagen, bis Mitte September, die Augen der internationalen Kunstszene auf Kassel richten werden, haben sich Kassler Aktivist*innen zum Ziel gesetzt, auch die Schattenseiten des so erfolgreichen „Wiederaufbaus“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Denn nicht nur die Zerstörung der Stadt durch Bombenangriffe im Jahr 1943 ist eng verbunden mit der damals kriegswichtigen Kasseler Rüstungsindustrie, auch die Geschichte des Wiederaufbaus lässt sich nicht ohne die Wiederaufnahme der Produktion von Panzern für die neu gegründete Bundeswehr erzählen. War Kassel in der NS-Zeit „Tiger-Stadt“, benannt nach dem gleichnamigen Kampfpanzer der Wehrmacht, der hier produziert wurde, so entwickelte sich die Stadt in der Nachkriegszeit schnell zum Produktionszentrum für den neuen Kampfpanzer „Leopard“. Auch die Transformation der Bundeswehr haben die ortsansässigen Firmen Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und Rheinmetall gut überstanden. Man produziert jetzt eine breite Palette gepanzerter Fahrzeuge für die Bundeswehr und außerdem in immer größerem Maße für den Export – der aktuelle Skandal um die geplante Lieferung von Panzern des Typs Leopard 2A7+ nach Saudi Arabien ist hier nur ein Beispiel unter vielen.

Damit ist die Rüstungsproduktion bei KMW und Rheinmetall wieder wie selbstverständlich Teil der Stadt geworden, obwohl Protest und Widerstand seit den 50er Jahren nie abgerissen sind und von der Friedensbewegung bis heute artikuliert werden. Um dem Widerstand gegen Rüstungsindustrie und Militarisierung auch während der dOCUMENTA(13) lautstark Gehör zu verschaffen und um auch diese Seite der Geschichte von „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ nicht unerzählt zu lassen, wird es vom 17. bis zum 24. Juni eine Aktionswoche in Kassel geben, bei der lokale Aktivist*innen aus verschiedenen Spektren gemeinsam mit hoffentlich möglichst vielen Gästen kreativ ihrem Widerstand gegen Rüstung und Militarisierung Ausdruck verleihen werden. Geplant sind Stadtrundgänge, künstlerische Interventionen, Filmvorführungen, eine Fahrraddemo und vieles mehr. Kommt also zahlreich und helft, Kassel zu entrüsten!

Kontakt: panzerknacken@gmx.de
weitere Infos: http://panzerknacken.blogsport.de

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