IMI-Standpunkt 2012/002 - in: AUSDRUCK (Februar 2012)

Erst kämpfen, dann studieren

Universität Reutlingen und Bundeswehrhochschule München weiten ihr Modell zivilmilitärischer Zusammenarbeit aus

von: Christian Stache | Veröffentlicht am: 20. Januar 2012

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Am 12. Januar 2012 verkündete die Bundeswehr auf ihrer Homepage, dass sie in Kooperation mit der Universität Reutlingen für das Frühjahr ein „neues Studienangebot“ für Unteroffiziere der Bundeswehr geschaffen habe. Die bereits bestehende Zusammenarbeit zwischen beiden Institutionen werde ausgeweitet. Nur: Was verbirgt sich eigentlich dahinter?

Kooperation mit Modellcharakter

Gemäß eigener Angaben besitzt die Universität Reutlingen seit dem 22. Dezember 2009 einen Kooperationsvertrag mit der Bundeswehrhochschule in München. Gemeinsam bieten sie an den beiden Standorten der Bundeswehrhochschulen in München und Hamburg sowie an der Business School der Reutlinger Hochschule seither den Master-of-Business-Administration-Studiengang „Internationales Management“ für Offiziere an. Im Reutlinger Werbejargon heißt er pompös „MBA für Offiziere“. Im April 2010 wurde der Studiengang endgültig akkreditiert. Er richtet sich an Offiziere, die nach 12 Jahren aus dem aktiven Wehrdienst ausscheiden und eine Führungsrolle in Unternehmen oder staatlichen Behörden wollen. Bundeswehrsoldaten, so der Leiter des Programms für Offiziere, Professor Stefan Busch, besäßen „hervorragendes Managementpotential“ [1]. Die Universität müsse als Vermittlerin fungieren, die die militärischen Managementfähigkeiten auf Tätigkeiten in der Wirtschaft übertrage. Koordiniert wird der Studiengang von der sogenannten Knowledge Foundation der Universität Reutlingen und dem Campus Advanced Studies Center (CASC) der Bundeswehrhochschule in München.[2]

Träger der Knowledge Foundation sind die Universität Reutlingen und ein ominöser Verein namens „Campus Reutlingen“. Bei diesem handelt es sich um eine traditionelle Lobbyinstitution von Unternehmern, die seit Jahrzehnten über den Verein Einfluss auf die Universität Reutlingen ausüben und auch das Stammkapital und die Vorfinanzierung für die Knowledge Foundation und ihre Arbeit bereitgestellt haben.

Das CASC ist ein in der jüngeren Vergangenheit gegründetes Institut der Bundeswehrhochschule in München unter der Leitung von Professor Dr. Uwe M. Borghoff. Es bündelt alle Weiterbildungsangebote der Bundeswehrhochschule in München und ist die zentrale Schnittstelle zwischen der Bundeswehrhochschule, Lehrenden, zivilen Bildungsinstitutionen sowie potentiellen und teilnehmenden Interessenten des postgradualen Studiums. „Hauptanliegen von CASC ist es, durch eine professionelle postgraduale Ausbildung, die sich auf dem aktuellsten Forschungs- und Wissensstand befindet, sowie durch Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern die Karrieren der Absolventinnen und Absolventen der Weiterbildungsprogramme zu fördern.“[3]

Ab dem Frühjahr 2012 wird das bestehende Angebot um den Bachelor-Studiengang zum Wirtschaftsingenieur für Unteroffiziere ergänzt, die mindestens acht Jahre Soldat auf Zeit gewesen sind. Programmatisch verfolgen die Bundeswehr, ihre Hochschule in München und die Universität Reutlingen denselben Ansatz wie beim MBA-Studienprogramm für Offiziere. Allerdings kooperiert in diesem Fall nicht die ESB Business School mit den Militärs, sondern die Technische Fakultät der Universität Reutlingen.

Der Vorstellung des Wirtschaftsingenieur-Programms (WING) für Bundeswehrsoldaten wohnten neben Vertretern beider Hochschulen auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Ernst-Reinhard Beck und Generalleutnant Wolfgang Born bei. Beck ist verteidigungspolitischer Sprecher seiner Fraktion und direkt für den baden-württembergischen Wahlkreis 289, in dem auch Reutlingen liegt, ins Parlament gewählt worden.[4] Generalleutnant Born ist zuständiger Leiter der drei Einzelprojekte der Bundeswehrreform „Bildungs- und Qualifizierungslandschaft“, „Reformbegleitprogramm“ sowie „Personalgewinnung und Personalmanagement“ und damit einer der zentralen Schreibtischtäter, die die Kriegsfähigkeit der Bundeswehr für zukünftige Kriege erhöhen.[5]

Der „MBA für Offiziere“ und das Studienangebot für Unteroffiziere sind zwei der drei ersten Projekte des Münchener CASC der Bundeswehr. Der „MBA für Offiziere“ war sogar das erste überhaupt. Das dritte Projekt ist eine Kooperation mit dem George C. Marshall European Center for Security Studies in Garmisch-Partenkirchen. Dieses Institut ist 1992 vom damaligen Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium, dem neokonservativen Vordenker und späteren Vizeverteidigungsminister der Bush jr.-Administration, Paul Wolfowitz, initiiert und vom damaligen Verteidigungsminister und späteren Vizepräsidenten der USA, Dick Cheney, als Kaderschmiede für US-Geostrategen gegründet worden.[6]

Das CASC hat bereits jetzt angekündigt, dass es willens ist, die Kooperation mit Universitäten wie mit der Reutlinger Hochschule auszubauen und weitere vergleichbare Vorhaben zu realisieren. Die Zusammenarbeit zwischen der Reutlinger Universität und der Bundeswehrhochschule besitzt also Modellcharakter.

Hochschulzusammenarbeit als Teil der Bundeswehrreform

Dass die Bundeswehr die Werbung für den neuen Unteroffiziers-Studiengang sogar kurzzeitig prominent auf der Startseite im Internet bewarb[7], widerspricht nicht unbedingt der sonst restriktiven Informationspraxis des Bundesverteidigungsministeriums zu Fragen über ihren Umgang mit Hochschulen und Schulen. Während das Bundesverteidigungsministerium z.B. 2008 zumindest eine Liste herausgab, welche Universitäten es mit wie hohen Drittmittel fördert, verweigerte sie dies zwei Jahre später mit dem Hinweis darauf, dass diese Informationen vom Ministerium als Verschlusssache deklariert worden sind.[8] Ein anderes Beispiel sind die spärlichen Auskünfte über die Termine von Schulbesuchen der Bundeswehr, die die Bundesregierung nur widerwillig herausgibt. In diesem Fall aber passt die Veröffentlichung und Platzierung ins aktuelle Konzept der Selbstdarstellung der Bundeswehr nach Außen und nach Innen, in das Grundkonzept der „Vernetzten Sicherheit“ und in die Vermittlung der Bundeswehrreform.

Denn mit Angeboten wie diesem will die Bundeswehr gleich mehrere Ziele auf einmal erreichen: Erstens soll die Attraktivität des Dienstes bei der Bundeswehr gesteigert werden, indem man den künftigen Soldaten auch eine Ausbildung nach dem aktiven Dienst an der Waffe anbietet. In den beiden Einzelprojekten der Bundeswehrreform „Bildungs- und Qualifizierungslandschaft“ sowie „Personalmanagement und Personalgewinnung“ spielen die Studienangebote der Bundeswehr und ihre Hochschulen für die Rekrutierung und die positive Außendarstellung der Bundeswehr eine zentrale Rolle. Schon im Bericht der Weise-Kommission – einem Vorschlagskatalog für Maßnahmen zur Bundeswehrreform, der vom damaligen Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) in Auftrag gegeben wurde – werden die Hochschulen als „Zeichen der Identität“ über den grünen Klee gelobt. Und im gebilligten Entwurf für die Reservistenkonzeption werden Studierende explizit als Nachwuchs für zivile Führungskräfte und „bedeutsame Zielgruppe“[9] der Personalgewinnung eingestuft. Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass Generalleutnant Born und der Bundestagsabgeordnete Beck sich bei der Präsentation des neuen Wirtschaftsingenieurstudiengangs für Unteroffiziere darüber freuten, dass die Bundeswehr ihren Soldaten nach dem Dienst an der Front eine „attraktive zivilberufliche Weiterbildung“ durch die Fortbildungsprogramme bieten kann.

Zweitens sind Studienangebote wie in Reutlingen integraler Bestandteil des einheitlichen Personalmanagements, das Thomas de Maizière mit der Bundeswehrreform anstrebt. Neue Rekruten sollen nicht nur schneller und umfassender angeworben werden. Alte müssen auch schneller und den Anforderungen der Kriegsführung gemäß entlassen werden können. Das CASC der Bundeswehrhochschule in München und einer der beiden Leiter des „MBA für Offiziere“-Programms, Professor Dr. Andreas Schüler, vertreten dies auch unbekümmert und offen.[10]

Drittens webt die Bundeswehr mit solchen Kooperationen mit der deutschen Wirtschaft und anderen zivilen Institutionen wie in Reutlingen ihr Netzwerk zivilmilitärischer Kooperationen immer enger. Damit besitzt sie nicht nur Zugang zu Informationen und zur ideologischen Einflussnahme auf hochrangige Beamte. Sie etabliert sich zudem nach und nach als ökonomischer Kooperationspartner.

Die Bundeswehr verschafft sich also nicht nur über Stiftungsprofessuren, Lehraufträge für Dozenten aus ihren Reihen, Vorträge von Jugendoffizieren und Drittmittel des Bundesverteidigungsministeriums für Forschungsprojekte Zugang und Zugriff auf die Hochschulen in der Bundesrepublik, sondern auch durch Kooperationen zwischen Bundeswehrinstitutionen und zivilen Bildungseinrichtungen. Diese sind angesichts der derzeitigen Planungen der Bundeswehrreform zukunftsweisend. Die Militarisierung im Inneren und insbesondere des Bildungswesens schreitet weiter voran und die Universität Reutlingen trägt spätestens seit 2009 ihren Teil dazu bei.


Anmerkungen:

[1] Hochschule Reutlingen und Universität der Bundeswehr München bauen Kooperation aus. Wirtschaftsingenieur-Bachelor für ausscheidende Unteroffiziere / Hochschulen legen gemeinsames Studienprogramm auf / Fachtreffen in Reutlingen, www.reutlingen-university.de, 13.12.2011 .

[2] Der Pressemitteilung der Bundeswehrhochschule in München ist zu entnehmen, dass  Dr. Nicol Matzner-Vogel, Geschäftsführerin des neuen Weiterbildungsinstitutes Campus Advanced Studies Center (CASC) an der Universität der Bundeswehr München, und Chris Mandel, Geschäftsführer der Knowledge Foundation an der Hochschule Reutlingen, verantwortlich für die Organisation sind. Weiterbildungsangebot gemeinsam mit namhaften Partner

MBA für Zeitoffiziere startet mit der Hochschule Reutlingen

Neubiberg, 17. März 2009, http://www.unibw.de/praes/service/presse/Pressemitteilungen/pressemitteilungen-2009/casc/at_download/file

[3] Universität der Bundeswehr München: Hochschulkurier, Nr. 33/2008, http://www.casc.de/main/data/48.pdf, S. 5.

[4] Ernst-Reinhard Beck, Verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Stammdaten:   http://www.cducsu.de/Titel__ernst_reinhard_beck/TabID__23/SubTabID__24/AbgLetter__66/AbgID__142/WP__17/Abgeordnete.aspx

[5] Ein Personalkörper – ein Personalprozess – eine personelle Einsatzbereitschaft, www.bmvg.de, 19.08.2011.

[6] History of the George C. Marshall Center: http://www.marshallcenter.org/mcpublicweb/en/nav-mc-about-history.html

[7] Neues Studienangebot: Unteroffiziere auf dem Uni-Campus, www.bundeswehr.de, 11.01.2012.

[8] Bundestagsdrucksache 17/3337.

[9] Konzeption der Reserve: http://www.asfrab.de/fileadmin/user_upload/media/pdf/Reservistenkonzeption.pdf, S.15.

[10] Universität der Bundeswehr München: Hochschulkurier, Nr. 33/2008, S. 5/7.

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