Pressebericht - in: Schwäbisches Tagblatt, 30.10.2009

Truppen raus aus Afghanistan. Tariq Ali kritisierte in Tübingen USA und Nato


von: Pressebericht / Schwäbisches Tagblatt / Jessica Kneissler | Veröffentlicht am: 30. Oktober 2009

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Dass Mick Jagger 1968 einen Song für ihn geschrieben hat – „Street Fighting Man“ – und dass John Lennon ihm seine Pazifisten-Hymne „Imagine“ vor der Studioaufnahme am heimischen Küchentisch vorsang und seine Meinung dazu hören wollte, das allein macht Tariq Ali noch nicht zu einem großen Mann. Seinen Ruf als streitbarer und charismatischer Autor, Filmemacher und Aktivist, der schon mit Polit-Größen wie Henry Kissinger öffentlich debattierte, hat er sich vielmehr durch sein unermüdliches politisches Engagement erworben.

Auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit dem Friedensplenum und der Informationsstelle Militarisierung Tübingen hielt Tariq Ali am Dienstagabend einen Vortrag über die Lage in Afghanistan und Pakistan, über die Strategie westlicher Politik und deren Auswirkungen, insbesondere auf die dortige Bevölkerung.

Die Resonanz war groß: Einige der rund 140 Zuhörer mussten es sich im Saal des Deutsch-Amerikanischen Instituts auf dem Boden bequem machen. Das erinnere ihn an alte Zeiten, meinte Ali: Ende der sechziger Jahre war der „Street Fighting Man“ einer der Anführer der Studentenbewegung in Großbritannien. Als 20jähriger floh der gebürtige Pakistani vor der Militärdiktatur in seiner Heimat und ließ sich in London nieder, wo er Politik und Philosophie studierte und bis heute lebt.

Tariq Ali unterstreicht mit eindringlichem Blick und energischen Gesten seine Argumente. Er prangert die Afghanistan-Strategie der USA und der beteiligten Nationen an: „Imperialistisch“ sei deren Gebaren. Der Krieg werde Der Krieg werde allein fortgeführt, um das Gesicht der Nato zu wahren.

Da habe sich auch unter der neuen US-Aministration nicht viel geändert: „Ich weiß, die Deutschen lieben Obama. Aber das ist töricht: Nicht das Individuum zählt, sondern die Institution dahinter.“ Zum Vergleich zieht Tariq Ali das Römische Reich heran: „Dort gab es auch schlechte und gute Imperatoren – was nichts an dem System an sich änderte. Obama ist dann eben ein ‚guter‘ Imperator.“

Was hält Ali von der Verleihung des Friedensnobelpreises an US-Präsident Barack Obama? „Grotestk. Den Preis an einen Präsidenten zu vergeben, der in zwei Ländern Krieg führt, ist ein Hohn“, sagt Tariq Ali: „Man sollte den Preis in ‚Kriegsnobelpreis‘ umbenennen.

Für die Afghanistan-Krise sieht Ali nur eine Möglichkeit: „Die Truppen müssen da raus.“ Die Konflikte dehnen sich mittlerweile auf Pakistan aus, wohin sich Aufständische zurückziehen. Die Zivilisten in beiden Ländern lehnten sich gegen die NATO-Truppen auf: „Selbst wenn man gute Absichten verfolgte – eine Besatzung bleibt eine Besatzung.“ Der Tod der vielen Zivilisten zeige vor allem eins, sagt Ali: „Solange die Nato in Afghanistan bleibt, solange wird alles nur noch schlimmer.“

Die NATO müsse mit den angrenzenden Ländern – China, Russland, Pakistan und Iran – verhandeln. Nur diese verfügten über die nötigen Verbindungen und Ressourcen, um das Land wieder aufzubauen.

Die geplante Stichwahl in Afghanistan bezeichnet Ali als Farce. „Die Art, wie der Westen sich dort aufführt, hat zur Folge, dass die Menschen dort jede Form von Demokratie ablehnen. Das Hauptargument, mit dem der Krieg begonnen wurde, war, dass der Terrorismus bekämpft werden soll – aber je länger der Westen dort bleibt, desto mehr Zulauf bekommen die Terroristen.“

Eine wirkliche Veränderung könne nur von den Leuten selbst, also von unten kommen – und nicht vom Westen aufgepfropft werden.

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