IMI-Standpunkt 2005/036 - in: AUSDRUCK - Das IMI-Magazin (Juni 2005)

Militärrituale

Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments - Rezension

von: Andrea Anton | Veröffentlicht am: 9. Juni 2005

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Markus Euskirchen, freier Journalist, online-Redakteur und Filmemacher beschäftigte sich schon lange mit mit dem Militär in der Gesellschaft und promovierte zum selben Thema an der FU Berlin. Sein nun erschienenes Buch „Militärrituale“ sollte zu einem Standardwerk der Militärkritik werden. In ihm geht Markus Euskirchen grundlegend der Frage nach, welche Funktionen Militärrituale unter spezifischen, historischen Bedingungen haben, weil offensichtliche Konjunkturen in Erscheinungsintensität und -form feststellbar sind. Dabei bezieht er sich hauptsächlich auf deutsche Militärtechniken gerade wegen der besonderen Entwicklung der deutschen Armee und ihrer Geschichte. Durch umfangreiche Recherchen ist es Markus Euskirchen gelungen, grundlegende Kritik üben zu können und dabei auch auf Details einzugehen. Deren Notwendigkeit ergibt sich für ihn aus der aktuellen Remilitarisierung der Gesellschaft. Mit der vollständigen staatlichen Souveränität in den 90er Jahren entstand auch in Deutschland wieder die Bereitschaft, mit militärischen Mitteln die nationalen Interessen durchzusetzen. Unter dem Stichwort „internationale Verantwortung“ werden Entscheidungszwänge produziert, die die Militarisierung der Gesellschaft vorantreiben, wie Markus Euskirchen treffend beschreibt.

Gleich in den ersten Absätzen wird sowohl die Wirkung der Rituale nach außen wie auch nach innen angesprochen, sowie die Verankerung von Militär in der Gesellschaft. Begonnen mit der Beschreibung von Ritualtheorien und Militärritualen, setzt ein geschichtlicher Rückblick ein. Die Bezeichnung öffentlicher Miltärauftritte als Staats- oder Militärzeremoniell verweist auf die Tradition der Ceremoniell-Wissenschaft, die Markus Euskirchen als verschleiernd beschreibt, wodurch dem Ritual also immer schon etwas metaphysisch-irrationales anhaftet. Das Ritual vermag einen inneren Zusammenhang (die Nation) herzustellen, mittels emotional ergreifender, quasi-religiöser Veranstaltungen. Die Wirkung nach außen ist stark an die Funktion des Militärs geknüpft, die Herrschaftssicherung. Wo es staatliche Herrschaft gibt, gibt es Militärrituale, welche die Macht dieser Herrschaft demonstrieren und zelebrieren. Im zweiten Kapitel, Militär, Staat und Nation, wird das Militär in einen Zusammenhang zum herrschenden Kapitalismus gestellt, der historische Entstehungszusammenhang erläutert und der funktional-systematische Komplex rekonstruiert.

Die verschiedenen Gewaltebenen von Macht durch Militär sind Gegenstand des nächsten Kapitels, dort wird der Begriff der kulturellen Gewalt eingeführt, auf den sich Markus Euskirchen im Verlauf noch oft bezieht. Durch Überregulierung des kasernierten Alltags, Überlastung und Drill wird nicht nur eine Disziplin erzeugt, welche die Soldaten selbst in Todesnähe „funktionsbereit“ hält sondern auch eine Komplizenschaft hergestellt, welche die Truppe zu immer größeren Leistungen animiert. Diesen Disziplinierungstechniken müssen sich auch die Frauen in der Bundeswehr unterwerfen. Die strukturelle Gewalt innerhalb des Militärs reproduziert durch die Ausübungstechniken Geschlechterkonstruktionen und leistet ihnen Vorschub, denn die Kollektivprozesse sind auf Männlichkeit ausgerichtet und können keine Gleichheit erzeugen, stellt Markus Euskirchen ausführlich und plausibel d

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Im vierten Kapitel werden am Beispiel der Bundeswehr verschiedene Typen von Ritualen und ihre Funktionen beschrieben. Vom Wachbataillon zu Initiationsritualen, von Imponierritualen über Ehren- und Trauerrituale, Erinnerungs- und Gedenkritualen und dem großen Zapfenstreich sind ausführliche Informationen angegeben. Dabei beleuchtet Markus Euskirchen kritisch die Rolle der Kirche innerhalb der Bundeswehr auf Grundlage eines Interviews mit dem Militärseelsorger Bittner. Die rituelle Überhöhung bringt zum Ausdruck, dass es sich sehr wohl lohnt, für die (militärische) Gemeinschaft zu sterben, weil nur in ihr der Einzelne über seinen Tod aufgehoben bleibt. Der Rekrut meint, sein Interesse wäre im Allgemeinwohl gut aufgehoben. Im Wehrdienst wird der individuelle Körper zum Truppenkörper, die Grundausbildung wird mit dem Gelöbnis abgeschlossen, bei dem sich Techniken und Praxen der soldatischen Unterwerfung verdichten und der Zugriff auf den zivilen Körper durchgeführt wird.

Euskirchen gelingt es, Militär und dessen direkte Gewalt in den Kontext des Kapitalismus, eines Systems struktureller Gewalt (Verwertungszwang), zu stellen. Ohne die Thematisierung von Kapitalismus und dem Verwertungszwang drohe die Kritik zu einer Modernisierung von Herrschaft angewendet zu werden. Nur die radikale Kritik thematisiert das erstrebenswerte Allgemeinwohl als das Interesse der Nation, die Untertanen für die kapitalistische Ökonomie verwertbar und (im Kriegsfall für das Militär) verfügbar zu machen.

Im abschließenden Kapitel „Zur Kritik an Militärritualen“ kritisiert Markus Euskirchen die Delegation von Gewaltfunktionen an Institutionen staatlicher Gewaltmonopole seitens der Bürger und bietet verschiedene Alternativen als zivilgesellschaftliche Aktionen an: das Einbringen von Gesetzesvorschlägen, die Geld für zivile Friedensdienste schaffen sollen, die totale bzw. einfache Kriegsdienstverweigerung als Militärkritik. Er schlägt vor, öffentlichkeitswirksame Aktionen rund um juristische Prozesse durchzuführen, die oft KriegsgegnerInnen angehängt werden. Ein Bruch mit den gemeinschaftstiftenden Traditionen, ob sakral oder metaphysisch, sei notwendig, weil es im Falle der Soldaten und ihres Führers um die fundamentalen Probleme von Töten und Getötet werden – also Leben und Tod -geht.

Die Befehlsverweigerung, organisierte Verteidigung und Solidarität gegen die verwertungsorientierten Gesellschafts- und Wirtschaftskonzepte mit Streiks, Blockaden, Sabotage und anderen Mitteln des „gewaltfreien Kampfes“ sind für Markus Euskirchen Mittel, Kritik am Militarismus zu üben. Mit Beispielen zeigt er die Erfolge der Praxis auf. Die gezielten und kontrollierten Provokationen von Machtvisualisierungen wie dem Gelöbnix finden von ihm schon in den vorherigen Kapiteln Beachtung und werden hier nochmals als schon erprobtes Konzept vorgestellt. „Mit dem Versuch, der demokratische Herrschaft ihr militärrituel konstruiertes Gewand vom Körper zu reißen, ist diese keinesfalls völlig bloßzustellen. Aber immerhin zeigt sie ihr hässliches, repressives Korsett.“ Mit diesem treffenden Satz endet auch das im Frühjahr 2005 erschienene sehr lesenswerte Buch.

„Militärrituale“ von Markus Euskirchen, PapyRossa Verlag, 250 Seiten EUR 17,50

Die Autorin war Praktikantin bei der IMI

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