Pressebericht / in: Landshuter Zeitung vom 17.1.2004

Vom Trauma zum Frieden

Israelis und Palästinenser könnten ohne Hass und Krieg zusammenleben

von: -rüd- / Pressebericht/Dokumentation | Veröffentlicht am: 17. Januar 2004

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„Es gibt Frieden für alle, oder Krieg und Tod für alle.“ Ein Frieden zwischen Palästinensern und Israelis habe vor allem dann eine Chance, wenn sich beide Seiten wirtschaftlich und sozial entwickeln könnten, sagte Claudia Haydt am Donnerstag im Pfarrzentrum St. Martin. Die Tübinger Religionswissenschaftlerin und Soziologin sprach auf Einladung des Christlichen Bildungswerks (CBW), des Arbeitskreises Partnerschaft mit der Dritten Welt und Pax Christi.

Claudia Haydt, die mit ihrem Vortrag „Wem gehört der Nahe Osten?“ die CBW-Reihe zum Thema Globalisierung beendete, präsentierte ein differenziertes Bild des israelisch-palästinensischen Konflikts. Sie beleuchtete die Geschichte des Konflikts, der bis heute ein wesentlicher Faktor für die Situation im Nahen und Mittleren Osten darstellt. Die Referentin machte deutlich, dass gerade auch Deutsche Stellung beziehen müssten. „Ihr habt uns das Ganze schließlich eingebrockt“, hätten ihr israelische und arabische Freunde gesagt. Damit ist die Gründung des Staates Israel als Folge des Holocaust gemeint.
Wie auch immer der israelisch-palästinensische und damit auch der israelisch-arabische Konflikt beurteilt werde, ein Aspekt sei besonders wichtig, sagte Claudia Haydt: „Beide Seiten sind traumatisiert worden.“ Die jüdische Bevölkerung durch den Holocaust, der noch Generationen nachwirke; die Palästinenser durch das Flüchtlingstrauma 1948, das sie nakba, die Katastrophe, nennen. Daraus ergebe sich ein großes Sicherheitsbedürfnis beider Seiten, das jeder mit einbeziehen müsse, der sich mit dem Konflikt befasst.
Die Wissenschaftlerin erklärte, dass Religion in der derzeitigen Auseinandersetzung weniger eine Rolle spiele. Zumal es weder den Islam, das Judentum noch das Christentum gebe. Viel deutlicher wirke sich die ökonomische Situation aus, sagte die Soziologin.
Religion spiele aber bei der Außenbetrachtung eine große Rolle. Claudia Haydt verwies auf die weniger bekannte enge Verwandtschaft zwischen religiös motiviertem Zionismus und Protestantismus. Theodor Herzl veröffentlichte 1886 des Buch „Der Judenstaat“, in dem er sich für einen jüdischen Staat in Palästina stark machte. Ein Jahr später organisierte er den 1. Zionistischen Weltkongress. Bereits 1878 erschien William E. Blackstones endzeitlich geprägtes Buch „Jesus is coming“. In ihm wird ebenfalls die Schaffung eines Judenstaates gefordert. Wenn auch aus evangelikaler sicht. Die werde heute noch von den Evangelikalen besonders im so genannten Bible-Belt (Bibel-Gürtel) der Vereinigten Staaten vertreten.
Die Religionswissenschaftlerin sagte, dass Evangelikale seit den 90er Jahren Werbung für Partner- und Patenschaften von jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet machten. „Die humanitäre Unterstützung ist in Ordnung“, sagte Claudia Haydt. Verhängnisvoll sei aber, gleichzeitig die USA mit breiten Publicity-Kampagnen gegen die so genannte Road Map, den Fahrplan für den Frieden, zu überziehen und so die Regierung zu beeinflussen. Dieses Vorgehen schmiede eine Koalition aus nationalreligiösen Israelis und Evangelikalen in den USA.
Jene Allianz tritt nach den Worten von Claudia Haydt „sehr eloquent und sehr laut auf“ und verfehle ihre Wirkung auf die islamische Welt nicht. Als Beispiel nannte die Wissenschaftlerin die Gepflogenheit statt von der Westbank von Judäa und Samaria zu sprechen. Einen ebenfalls in Blackstones Buch beschriebenen Aspekt verschweigen die Evangelikalen: Am Ende der Tage, so heißt es dort weiter, nach einem krieg wird Israel wieder hergestellt. Die überlebenden Juden konvertieren zum Christentum.

Mauer fördert Aggression

Die aktuelle Lage sei offen: „Es gibt große Chancen für Frieden und große Chancen für Eskalation.“ Die Mehrheit der israelischen und palästinensischen Bevölkerung wolle Frieden. Frieden sei möglich, wenn sich die Lebensbedingungen veränderten, sprich wenn sich sowohl Israelis als auch Palästinenser wirtschaftlich und sozial entwickeln könnten, sagte Claudia Haydt. Die Referentin wies darauf hin, dass die Besatzungspolitik auch zu enormen Verwerfungen innerhalb Israels geführt habe. Kontraproduktiv seien jüdische Siedlungen, die palästinensisches Gebiet zerreißen würden und die Mauer, die momentan errichtet wird. „Die mauer fördert Aggression und zementiert die Kluft zwischen den Bevölkerungen.“ Von der mauer profitierten die militärische Führung Israels und palästinensische Hardliner.
Besonders sei die internationale Gemeinschaft gefordert. Statt Waffen oder Geld für noch mehr Aufrüstung solle Geld gegeben werden, um Siedlungen abzubauen und im israelischen Kernland wieder zu errichten, forderte Claudia Haydt.
Die Rolle der Vereinigten Staaten im Nahen und Mittleren Osten kritisierte Claudia Haydt als destruktiv. Das jüngste Politikpapier der US-Administration zum Verhältnis Israel gegenüber Syrien, wertete sie als eines, das unter dem Motto „Friede durch Stärke“ zu Hass und Aggression anleite. Darin schlügen die USA unter anderem vor, dass Israel Angriffe bis ins syrische Kernland führen solle.

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