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Einsatz von Napalm-Bomben im Irak-Krieg

Deutsche Mithilfe beim Transport?

von: Silke Reinecke | Veröffentlicht am: 10. August 2003

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Der bereits während des Irak-Krieges aufkeimende Verdacht, die USA hätten Waffen eingesetzt, bei denen es sich in ihrer Wirkweise um Napalm-Bomben handelt, wurde nach anfänglichen Dementis nun seitens hochrangiger US-Militärs bestätigt.

Nach Informationen der San Diego Union Tribune vom 05. August 2003 und des ARD-Magazins Monitor vom 07.08.2003 wurden im Irak-Krieg sogenannte Mark-77 (MK-77) Bomben abgeworfen, die sich in ihrer Wirkung nur unwesentlich von den aus dem Vietnam-Krieg bekannten Napalm-Bomben unterscheiden.

Die Bomben sind leichte, zigarrenförmige Aluminiumkanister, die beim Aufprall zerbersten und bis zu 280 l brennbares Gel, das durch Zünder entflammt wird, in weitem Umkreis verbreiten. Der Unterschied zu den früher verwendeten Napalm-Bomben besteht lediglich in der Wahl des verwendeten Benzins und dadurch einer etwas veränderten Zusammensetzung.

Napalm ist eine Mischung aus 21 % Benzol, 33 % herkömmlichem Benzin (wie es auch für Autos verwendet wird) und 46 % Polystyren (einem weißen Kunststoff, verwendet z.B. für Geschirr oder Tabletts). Benzol ist auch deswegen nötig, da sich Polystyren nicht in Benzin, wohl aber in Benzol lösen lässt.

In den jetzt verwendeten MK-77 wird anstelle des herkömmlichen Benzins kerosinhaltiges Flugbenzin (mit einer geringeren Benzolkonzentration) verwendet. Der Marinesprecher Col. Michael Daily wird in der San Diego Union Tribune zitiert, die neuere Version hätte geringere Umweltschäden zur Folge, sei in ihrer Wirkung aber so ähnlich wie die Napalm-Bombe, dass viele sie weiterhin Napalm-Bombe nennen würden.

Abgeworfen werden sie von AV-8 Harrier- und FA-18 Hornet Kampfjets. Im März und April dieses Jahres haben sich US-Marines damit wohl den Weg nach Bagdad freigebombt. Von militärischer Seite bestätigt wurde der Einsatz gegen feindliche Stellungen in der Nähe einer Brücke über den Saddam-Kanal im Zentralirak sowie in der Nähe einer Brücke über den Tigris nördlich von Numaniyah. Gegenüber CNN und dem Sydney Morning Herald soll auch der Einsatz der MK-77 gegen eine feindliche Stellung am Safwan-Hill nahe der kuwaitischen Grenze, an einer Hauptinvasionsroute der Marines, eingeräumt worden sein.

Anfänglich wurden die Verdachtsmomente bezüglich der Verwendung von Napalm-Bomben, die von „embedded journalists“ geäußert wurden, seitens des Pentagon dementiert. Nun reden sich Militärsprecher damit heraus, dass ja ein Unterschied zwischen Napalm- und MK-77-Bomben bestehe, und daher ihre vorherige Aussage zuträfe. Seien sie nach Brandbomben im Allgemeinen gefragt worden, hätten sie gleich deren Einsatz bestätigt.

Ein Unrechtsbewusstsein besteht jedoch nicht. Brandbomben werden als Waffen wie andere auch betrachtet. „Die Generäle lieben Napalm. Es hat einen hohen psychologischen Effekt“, wird Col Randolph Alles, Kommandeur der Marine Air Group 11, zitiert.
Dabei handelt es sich bei Napalm- und den vergleichbaren MK-77-Bomben um eine äußerst grausame Art zu töten. Wegen der Flächenwirkung der Brände ist eine Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen nicht zu leisten, so dass wie so oft die meisten Opfer unter der Zivilbevölkerung zu erwarten sind. Zahlen zum Irak-Krieg im Frühjahr liegen hierzu allerdings nicht vor. Das Verbrennen bei lebendigem Leibe gehört zu den qualvollsten Todesarten. Die überlebenden Opfer tragen schwerste, verstümmelnde Verletzungen davon, deren Behandlung in einem kriegszerstörten Land unmöglich auch nur halbwegs adäquat gewährleistet werden kann.

Daher sind diese Waffen auch international geächtet.

Bereits im Haager Abkommen von 1907 lautet Art. 22: „Die Kriegsführenden haben kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes.“ Und weiter heißt es in Art. 23: „ist namentlich untersagt: (…) der Gebrauch von Waffen, Geschossen oder Stoffen, die geeignet sind, unnötig Leiden zu verursachen.“

Das Völkerrecht spricht hier bereits eine deutliche Sprache, ebenso wie in späteren Texten, die allerdings bezeichnenderweise nicht mehr von den USA ratifiziert wurden. Das Zusatzprotokoll III der UN-Waffenkonvention verbietet ausdrücklich den Einsatz von Brandbomben gegen die Zivilbevölkerung. Auch im Zusatzprotokoll von 1977 zur Genfer Konvention wurde erneut der Einsatz von Waffen, die „überflüssiges Leiden“ oder „übermäßige Verletzungen“ hervorrufen, verboten.

Aus diesen Bestimmungen geht klar hervor, dass der Einsatz von Napalm- und den nur unwesentlich veränderten MK-77-Brandbomben völkerrechtswidrig ist, weil sie unterschiedslos wirken und „unnötiges“ Leiden bei den Opfern dieser Bomben hervorrufen.

Es stellt sich angesichts dieser Tatsachen die Frage, ob deutsche Truppen auch an diesem Kriegsverbrechen indirekt beteiligt waren.

Die San Diego Union Tribune berichtete, dass die Mark-77-Brandbomben bereits in den Wochen vor Kriegsbeginn auf dem Seeweg nach Kuwait transportiert wurden. Hier fängt es an, interessant zu werden.

Der ARD-Weltspiegel (09.03.2003) begleitete die Fregatte der deutschen Marine „Mecklenburg-Vorpommern“ bei ihrem Einsatz im Rahmen von „enduring freedom“ am südlichen Ausgang des Roten Meeres. Das ARD-Team konnte dabei erfahren, dass die „Mecklenburg-Vorpommern“ das Transportschiff „Gordon“ der US-Navy begleitet hat.

Bei der „Gordon“ handelt es sich nach Informationen der FAS (Federation of American Scientists) um ein ca. 290 m langes Roll-on/Roll-off-Transportschiff, das u.a. 58 Panzer und über 900 Lastwagen sowie Ausrüstung zur Unterstützung von Kampfaufträgen transportieren kann. Damit ist die „Gordon“ eines von 19 sogenannten LMSR (large, medium-speed, roll-on/roll-off ships), die nach den Erfahrungen des vorausgegangenen Golfkrieges zur Verbesserung der Seetransportkapazität um- oder neu gebaut wurden und selbst unbewaffnet sind. Letzteres lässt die Begleitung durch ein Kriegsschiff wie die „Mecklenburg-Vorpommern“ für die US-Navy natürlich wünschenswert erscheinen.
Doch dies scheint nicht die einzige Eskorte durch die „Mecklenburg-Vorpommern“ gewesen zu sein.

Auf der Homepage des ARD-Weltspiegels heißt es: „Die Kriegsschiffe des internationalen Verbandes im Seegebiet vor dem Horn von Afrika werden in den letzten Wochen immer mehr für solche Geleite eingesetzt. Die Grenzen zwischen dem Anti-Terroreinsatz und dem Aufmarsch gegen den Irak sind jedenfalls in der Vorbereitungsphase fließender geworden.“ Über den Einsatzort der „Mecklenburg-Vorpommern“ ist zu lesen: „Die Wasserstraße gehört zu den am dichtesten befahrenen der Welt. Durch sie läuft ein großer Teil des Nachschubes für den Aufmarsch gegen den Irak.“

Mit diesen Informationen beginnen eigentlich erst die entscheidenden Fragen. Wie viele Kriegsschiffe mit welchem Kriegsgerät wurden von deutschen Kriegsschiffen sicher Richtung Einsatzgebiet geleitet? Haben auch deutsche Truppen dafür gesorgt, dass Waffen wie die Napalm-Bomben und DU-Munition störungsfrei zu den US-Truppen im Einsatz transportiert wurden? Weiß die Bundeswehr, was sich in den Transportschiffen befand, die sie eskortierte? Fragen über Fragen…

Auch vor dem Hintergrund des jetzt bestätigten verbrecherischen Einsatzes menschenverachtender Napalm-Brandbomben ist die Notwendigkeit noch einmal deutlich geworden, eine lückenlose Aufklärung über die deutsche Rolle im Irak-Krieg einzufordern.

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