Dokumentation / in: Berliner Zeitung, 30. Juli 2003

Die Terrorwette des Admirals

Das Pentagon wollte eine Online-Börse einrichten, an der auf Anschläge spekuliert wird

von: Dokumentation / Berliner Zeitung / Olivia Schoeller | Veröffentlicht am: 1. August 2003

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Im US-Verteidigungsministerium ist Kreativität gefragt. Doch die jüngsten Ideen aus dem Pentagon gingen selbst dem stellvertretenden Verteidigungsminister Paul Wolfowitz zu weit. In der Hoffnung in Zukunft Terrorakte verhindern zu können, richtete das Verteidigungsministerium eine Internet-Börse ein, an der man mit Voraussagen über Terrorakte handeln sollte. Geplant war, an diesem Freitag 1 000 Spekulanten auf der inzwischen geschlossenen Webseite zu registrieren, um ab Anfang September auf die Wahrscheinlichkeit von Attentaten, Staatsstreichen und Raketenangriffen zu wetten.

Das Projekt war unter Federführung von Admiral John Poindexter, einst Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Ronald Reagan und Schlüsselfigur in der Iran-Contra-Affäre, entwickelt worden. Es sollte folgendermaßen ablaufen: Glaubt jemand, dass Premierminister X demnächst ermordet wird, dann kauft er Verträge. Je mehr Leute Verträge kaufen, desto stärker steigt der Kurs. Würde der Premier dann tatsächlich erschossen, hätte der Händler seinen Einsatz verhundertfacht haben können. Weil die Registrierung anonym sein sollte, hätte auch niemand verhindern können, dass Osama Bin Laden zu den Spekulanten gehört.

Die US-Regierung erhoffte sich mit Hilfe der Börse geheime Informationen zu erhalten und dadurch Terrorakte zu verhindern. Bis jetzt wurden bereits 600 000 Dollar in das Projekt investiert; man war bereit, insgesamt acht Millionen Dollar in den kommenden zwei Jahren auszugeben.

Doch als zwei demokratische Senatoren das Experiment am Montag enthüllten, brach ein Sturm der Entrüstung los. Die Senatoren selbst nannten das Vorhaben „moralisch verabscheuungswürdig“ und „schlichtweg dumm“. Hillary Clinton zeigte sich entsetzt über den „Handelsplatz des Todes“. Selbst Republikaner schüttelten mit dem Kopf.

In einer Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuss versuchte nun Vize-Verteidigungsminister Wolfowitz den Eifer im Pentagon zu erklären: „Wir wollen, dass diese Abteilung einfallsreich ist, doch in diesem Fall waren sie vermutlich ein wenig zu kreativ“, entschuldigte er sich und lächelte. Doch die Empörung in den USA ist mittlerweile so groß, dass in diesem Fall ein Lächeln nicht mehr ausreichen dürfte. Schon jetzt fordern die Demokraten zumindest die Entlassung von Admiral Poindexter, dem Kopf der Kreativ-Abteilung.

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