in: "Zeitung gegen den Krieg" Nummer 12, Winter 2002/2003

Gegen Globalisierung und Krieg

Interview mit Tobias Pflüger

von: ZgK / Pressebericht / Dokumentation | Veröffentlicht am: 9. Dezember 2002

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Das Europäische Sozialforum (ESF) fand im November in Florenz statt. Was ist das ESF?

Im brasilianischen Porto Alegre fand 2001 das erste Weltsozialforum statt. In Italien gibt es auf lokaler und regionaler Ebene überall Sozialforen. Zum Europäischen Sozialforum kamen 60.000 Menschen, die konzentriert an Themen gearbeitet haben. Auf der Internetseite der Rosa-Luxemburg-Stiftung kommt die Atmosphäre von Florenz mit Bildern und Kurztexten gut rüber. Ein Teil der deutschen Medienberichterstattung mit Kommentaren wie „Zunächst kam es nicht zu Ausschreitungen“ war peinlich und ein Nachbeten des Kesseltreibens der italienischen Regierung gegen das ESF. Inzwischen rächt sich die Berlusconi-Regierung für den friedlichen Charakter von Florenz durch willkürliche Festnahmen von Aktivist/inn/en.

Du hast in Florenz auf mehreren Konferenzen und Workshops gegen den Krieg gesprochen.

Jedes Land konnte vier Vertreter benennen. Die deutsche Vorbereitungsgruppe hatte mich gebeten, an einer der zentralen Konferenzen zum Thema Krieg und Frieden teilzunehmen. Die Konferenz war mit ca. 5000 Leuten hervorragend besucht. Ich habe beschrieben, wie die Militarisierung der EU vorangetrieben wird. Eine militarisierte EU ist keine Alternative, notwendig ist ein demokratisches und solidarisches Europa von unten. Erfreulicherweise gab es viel Beifall für die Aussage „das Problem ist nicht allein das US-Imperium, das Problem geht weiter, es ist die westliche Art zu leben!“ Besonders unterstützt wurde auch mein Schlußsatz: „Wir wollen keine Weltmacht USA, wir wollen aber auch keine Weltmacht Europäische Union und wir wollen schon gar keine Weltmacht Deutschland!“

Das Thema Krieg und Frieden war auf dem ESF dominierend?

Ja, die Veranstaltungen dazu waren phänomenal gut besucht. Ich wurde zum Beispiel spontan zu einer Konferenz der britischen „Stop the war Coalition“ dazugebeten, ebenso wie ein Vertreter der griechischen Antikriegsbewegung. Die Reden waren sehr beeindruckend, wenn auch mir zu wenig analytisch und zu sehr agitatorisch, Aber die Bedingungen für die starken Antikriegsbewegungen in Italien oder Großbritannien sind auch andere. Die Regierungen dieser Länder sind eindeutiger auf Kriegskurs und es gibt breitere Bündnisse mit vielen Menschen aus arabischen Ländern und mit vielen Muslimen.

Es gab rund 300 Veranstaltungen, die zum Teil parallel stattfanden. Florenz war ein Jahrmarkt der Möglichkeiten, heißt es?

Deshalb können Teilnehmer in Florenz völlig Unterschiedliches erlebt haben, je nachdem, welche Themen sie interessiert haben, ob sie nur an Konferenzen teilnahmen oder auch an Parallelprogrammen. Das ESF war international heterogen zusammengesetzt, es gab sehr viele verschiedene politische Ansätze. In den zentralen Fragen bestand aber große Einigkeit: gegen Neoliberalismus/Kapitalismus, für Grund- und Menschenrechte und für Frieden und gegen Krieg. Erfreulich war für mich, daß das Thema Krieg/Frieden in Florenz eine so zentrale Rolle spielte; die globalisierungskritische Bewegung und die Antikriegsbewegung sind damit eins geworden. Die Krönung war die Demonstration mit wahrscheinlich einer Million Menschen!

Wie geht es jetzt weiter?

Hoffentlich schaffen wir es, gemeinsam mit den Menschen der globalisierungskritischen Bewegung und der Friedensbewegung eine starke internationale Antikriegsbewegung aufzubauen. Jetzt, nachdem auch die deutsche Regierung offiziell den Irakkrieg unterstützt, müßte dies doch auch in Deutschland – ähnlich wie in Italien und Großbritannien – möglich sein. In der Hoffnung, daß der Krieg gegen den Irak noch nicht läuft, wurde in Florenz bei den deutschen Teilnehmer/innen auf die Gegenaktivitäten zur „Sicherheitskonferenz“ in München Anfang Februar 2003 orientiert und ein weltweiter Aktionstag gegen Krieg am 15. Februar ausgerufen.

Tobias Pflüger ist im Vorstand der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.

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