Neoliberale und andere Fundamentalismen


von: Claudia Haydt | Veröffentlicht am: 10. September 2002

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Nicht erst seit dem 11. September betrachtet die westliche Öffentlichkeit „Islamismus“ häufig wie eine völlig isoliertes Phänomen, fragt nach dessen „Wesen“ und dessen Zielen ? und übersieht dabei, dass wir auf einer Welt leben, deren Dynamiken und Wechselwirkungen sich keine Region, kein Land keine Religion entziehen kann.

In der globalisierten Welt haben die neoliberalen Marktmechanismen wohl überall einen entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des Lebensumfeldes von Menschen. In den Ländern der Peripherie wird die Ungerechtigkeit und Brutalität des Marktfundamentalismus besondere deutlich sichtbar. Rohstoffreiche Länder, die aufgrund von sinkenden Rohstoffpreisen und staatlicher Misswirtschaft, großen Teilen ihrer Bevölkerung keine Perspektive bieten können und ursprünglich wohlhabende Länder, die z.B. durch IWF-Strukturanpassungsprogramme zu Abbau von sozialen Hilfen gezwungen sind, diese Länder (wie z.B. Ägypten) bilden einen typischen Kontext für erfolgreiche islamistische Strömungen.

Sogenannte westliche Werte wie Freiheit, Demokratie, Individualität haben für die vielen Menschen in diesen Regionen lediglich Propagandacharakter: die eigenen westlich unterstützten korrupten Eliten, haben meist wenig Interesse an freien Medien oder Demokratie – und Individualismus als Lebensstil ist in einem Kontext in dem alle Familienmitglieder zum Überleben der Familie beitragen müssen, weder realistisch noch erstrebenswert.

Der Lebensstandard in europäischen Staaten ist z.B. für die meisten Menschen in Nordafrika, selbst bei allergrößter Anstrengung unerreichbar. Gleichzeitig ist den meisten durchaus bewusst, wer die Regeln des Weltmarktes diktiert und wer von ihnen profitiert. Die Mischung aus existentieller Bedrohung und einer als demütigend erlebten wirtschaftlichen Abhängigkeit, ist ein explosives Gemisch aus dem Extremisten jeglicher Spielart (nationalistisch, charismatisch-christlich oder islamistisch) ihren Profit ziehen können.

Ist die Wahrnehmung der eigenen „Unterlegenheit“ gekoppelt mit politischer Frustration, mit der Erfahrung, dass alle zur Verfügung stehenden legalen Mittel zur politischen Partizipation (so es diese überhaupt gibt) nicht ausreichen, die Situation zu verändern, dann haben islamistische Gruppierungen, die als glaubwürdige Alternative erscheinen, eine gute Basis.

Zu deren Glaubwürdigkeit trägt die konkrete Sozialarbeit vor Ort (Suppenküchen, Obdachlosenversorgung, Bildungsprogramme, medizinische Versorgung, Rechtsberatung etc.) einen wesentlichen Teil bei. In Ägypten z.B. wäre die Gesellschaft ohne solche islamistische Sozialarbeit längst nicht mehr funktionsfähig.

Das islamistische Spektrum ist im Übrigen ein sehr breites und reicht von einem gemäßigten Spektrum (vielleicht vergleichbar mit konservativen christlichen Volksparteien ? und deren Welt- und Familienbildern) über ein „sozialrevolutionäres“ bis zu einem extremistischen (teilweise terroristischen) Spektrum.

Man kann nun Islamismus prinzipiell als irrational, fanatisch und „wesenhaft böse“ betrachten – dann bleibt tatsächlich nur der „Kampf der Kulturen“ oder man kann differenziert reagieren, sich mit dem „populären Islamismus“ ideologisch auseinandersetzen (das heißt Kommunikation!) und den (noch) kleinen extremistischen Rand mit rechtstaatlichen Mitteln bekämpfen.

Kriege sind (nicht nur) hier eine viel zu grobe Keule für eine ernsthafte und nötige Auseinandersetzung über Ideen, Ideologien, Lösungsstrategien und Hindernisse beim Umgang mit den Gefährdungslagen dieser Welt.

Im Islamismus eine Art „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu sehen, halte ich dabei allerdings auch für illusionär. Kapitalismus und Islamismus sind durchaus miteinander kompatibel, wie man im Iran beobachten kann. Und der rigorose Arbeitsethos der Muslimbrüder in Ägypten (mit spannenden ?Hilfe zur Selbsthilfe?-Projekten, der Menschen auch mit Niedriglöhnen im Produktionsbereich hält und die Entlastung der Sozialen Systeme) das ist in sich noch kein Angriff auf neoliberalen Marktstrukturen.

Angegriffen fühlen sich jedoch (nicht völlig zu Unrecht) so manche Vertreter von „Militär-Demokraturen“, deren Legitimität zunehmend hinterfragt wird – diese stimmen deswegen gerne in den westlichen „Terrorismus-Chor“ mit ein und rechtfertigen so ihre eigenen Menschenrechtsverletzungen und undemokratischen Repressionen gegen missliebige Kritiker.

Für Europa und die USA – genauso wie für Russland – funktioniert die Mischung aus Dämonisierung und Infantilisierung äußerst erfolgreich als Deckmantel ihrer neokolonialen Interessen. So kann jede Intervention begründet werden mit „Wir müssen die Bösen (Terroristen, Islamisten oder anderen Schurken) mit allen Mitteln bekämpfen und die Gefahr rechtzeitig eindämmen – sonst ist es zu spät!“

Das lässt sich gut verknüpfen mit den vorgeblich humanitären Aspekten „Wir müssen doch den Armen (Frauen, Zivilbevölkerung) helfen – die kommen doch alleine nie aus dieser Situation heraus!“ Damit haben die Regierenden und ihre Militärstrategen sowohl ihre eigene Verantwortung an der Entstehung von diktatorischen menschenverachtenden Regimen (z.B. in Irak, Saudi-Arabien, Afghanistan) ausgeblendet und gleichzeitig die Opfer unter der Zivilbevölkerung legtimiert.

Gleichzeitig wird so die alte Rechtfertigungsstrategie des Kolonialismus, nicht als Eigeninteresse, sondern als „Bürde des Weißen Mannes“ (White Man´s Burden) zur „Zivilisierung der Welt“ erfolgreich wiederbelebt. Diese argumentative „Universalwaffe“ lässt sich erfolgreich für die neokoloniale Neuaufteilung der Welt instrumentalisieren.

Die Autorin ist Religionswissenschaftlerin und Soziologin; Beirätin der Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. in Tübingen

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