IMI-Analyse 2026/20 - in: AUSRUCK (September 2026)
Widerspruch in gedruckter Form
Der AUSDRUCK als publizistisches Gedächtnis der IMI
Sophie Voigtmann (15.09.2026)
Als die Informationsstelle Militarisierung (IMI) 1996 gegründet wurde, war das erklärte Ziel, an der Schnittstelle zwischen Friedensbewegung und Wissenschaft die Entwicklung der deutschen Militärpolitik kritisch zu untersuchen und die Ergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies geschieht bis heute in Form von Fact Sheets, der Mailingliste „IMI-List“, Schwerpunkt-Artikeln, Analysen und Studien sowie des quartalsweise erscheinenden Infomagazins AUSDRUCK. Der AUSDRUCK ist im Juli 2003 zum ersten Mal erschienen und über die Jahre zu einem Archiv antimilitaristischer Analysen geworden: Er dokumentiert politische Entwicklungen und bietet eine Plattform, auf der wissenschaftliche Studien und Erfahrungen aus der Bewegung zusammengeführt werden. Zugleich geben die bisherigen Ausgaben einen Überblick über die Themen, mit denen sich die Informationsstelle Militarisierung (IMI) über die Jahre beschäftigt hat.
Ursprünglich sollte der AUSDRUCK zentrale Texte bündeln und kompakt präsentieren – und sie auch jenseits des Internets, eben in „ausgedruckter“ Form, zugänglich machen. Im Editorial der ersten Ausgabe im Juli 2003 wurde die Hoffnung formuliert, „wichtige kritische Informationen zur gegenwärtigen Lage zusammengestellt zu haben“. Auch nach dem Relaunch 2020 hat sich an diesem Anliegen nichts geändert. Inzwischen wird der AUSDRUCK aber nicht mehr, wie es in den ersten Jahren noch der Fall war, von Hand kopiert und gefalzt. Stattdessen druckt ihn, seit die im Sudhaus ansässige Campus Druckerei 2017 ihre Pforten schließen musste, die Pachnicke-Druckerei in Göttingen überaus zuverlässig und mit viel Herzblut.
Der AUSDRUCK versammelt aktuelle Beiträge mit wechselnden Schwerpunkten und einem Umfang von rund 60 bis 80 Seiten; die Auflage des gedruckten Hefts, das aus dem Tübinger Büro an IMI-Mitglieder und Abonnenten sowie auf Bestellung verschickt wird, beträgt aktuell über 500 Exemplare. Sämtliche Ausgaben stehen zudem kostenlos online zur Verfügung – Zeichen eines Selbstverständnisses, das kritisches Wissen möglichst breit zugänglich machen möchte.
Ein Blick in die bisher 125 Ausgaben zeigt, dass wichtige Aspekte und Tendenzen der Aufrüstung früh erkannt und kontinuierlich begleitet sowie kritisch eingeordnet wurden. Dabei deckt der AUSDRUCK ein breites Themenspektrum ab, dessen Bezugspunkt stets Militarisierung und Kriegspolitik aus friedenspolitischer Perspektive ist. Er ist damit nicht nur das Publikationsorgan der IMI, sondern kann zugleich als ihr publizistisches Gedächtnis bezeichnet werden.
Chronik der deutschen Militarisierung
Ein roter Faden der ersten Ausgaben des Magazins war die Analyse der Rolle der Bundeswehr in Deutschland, bald ging es aber auch um die Aufrüstung im Rahmen der EU. Schon früh wurde die Funktion der Partei Die Grünen bei der Militarisierung der BRD aufgezeigt, die im Laufe der 1990er Jahre Fahrt aufnahm. Der AUSDRUCK untersuchte den zunehmenden Sozialabbau, speziell die Bedeutung von Arbeitslosigkeit und der Hartz-Gesetze, im Zusammenhang mit der Rekrutierung für die Bundeswehr. Michael Haid zog im Februar 2012 unter dem Titel „Ab durch die Hecke!“ eine „Erste Bilanz des freiwilligen Wehrdienstes der Bundeswehr“, 2020 erschienen die Schwerpunkte „Rekrutierung“ und „Reserve“. Seit der Zeitenwende hat das Thema Wehrpflicht nun erneut Konjunktur.
Die Erhöhung der Rüstungsausgaben wurde kritisch dokumentiert – so im Beitrag „Milliardengeschenke für die Rüstungsindustrie“ von Claudia Haydt im April 2007. Neue Formen militärischer Aufrüstung und technologische Entwicklungen rückten in den Mittelpunkt. Ab dem Jahr 2013 reflektierte der AUSDRUCK die zunehmende militärische Bedeutung von Drohnen, wenige Jahre später auch „Künstliche Intelligenz“ sowie den Kampf um den Cyber- und Informationsraum. Das Thema war speziell brisant in Tübingen, wo sich 2018 IMI-Mitglieder an den Auseinandersetzungen um das Cyber Valley beteiligten. Im März 2020 stand schließlich eine Ausgabe unter dem Schwerpunktthema „Rüstung digital“.
Militarisierung beschränkt sich nicht auf die Streitkräfte, sondern umfasst ausdrücklich auch innere Sicherheit. Parallel zur Kritik an Rüstungsindustrie und Waffenexporten rückte zunehmend die Aufrüstung der Polizei in den Fokus. Mit den Polizeigesetzen der späten 2010er Jahre erreichte diese neue Dimensionen. Dazu berichtete Martin Kirsch immer wieder, so im April 2017 unter dem Titel „Militarisierung der Polizei – Massive Aufrüstung im Namen der Terrorabwehr“. Im Juni 2024 erschien schließlich eine Ausgabe mit dem Schwerpunktthema „Militarisierung der Polizei“, in der unter anderem die Kooperation zwischen Polizei und Bundeswehr und rassistische Polizeigewalt thematisiert wurden. Weitere Themenkomplexe betreffen die Militärpolitik der AfD, rechte Netzwerke wie den Hannibal-Komplex oder das Kommando Spezialkräfte (KSK); Alexander Kleiß schrieb im Oktober 2017 über „Braune Nostalgie beim KSK – keine Überraschung!“.
Die Debatten um Künstliche Intelligenz, Aufrüstung der Polizei oder Wehrpflicht sind heute hochaktuell. Der Blick in ältere AUSDRUCK-Ausgaben zeigt, dass diese Entwicklungen oft schon lange vor ihrer breiten Wahrnehmung in der öffentlichen Diskussion kritisch begleitet wurden. Außerdem wird hier sichtbar, wie weit die Vorgeschichte vieler heutiger Debatten zurückreicht.
Globale Perspektiven
Von Beginn an verstand der AUSDRUCK deutsche Militärpolitik als Teil globaler Machtverhältnisse und beleuchtete entsprechend auch Auslandseinsätze, geopolitische Konflikte und europäische Sicherheits- und Grenzpolitik. Anhand des AFRICOM-Hauptquartiers in Stuttgart – praktisch vor der Haustür der IMI – oder auch der Münchener Sicherheitskonferenz zeigte er exemplarisch, wie die internationalen Entwicklungen mit lokalen Auseinandersetzungen verknüpft sind. Im Mittelpunkt stand dabei die Rolle des deutschen Militarismus, speziell im Kontext der NATO, und dessen Einflussnahme in der Welt. Die Texte reflektierten die US-Kriegspolitik und die Lage im Irak, in Afghanistan, in Syrien, im Kongo und im Sudan. Die Situation im Kosovo war ebenso Thema einzelner Artikel wie China, Russland oder auch die Lage zwischen Israel und Palästina. Später kamen Rückblicke auf die Folgen in Afghanistan oder im Irak hinzu.
Die Militarisierung Afrikas beschrieb Christoph Marischka unter anderem im Februar 2012 am Beispiel der Aufstandsbekämpfung im Sahel und in Libyen und zeigte den Zusammenhang mit EU-Militarismus und Tendenzen der Entdemokratisierung auf. Über die Jahre etablierte sich die Setzung von Schwerpunktthemen in den AUSDRUCK-Ausgaben, zunächst mit der „EU-Militarisierung“ im April 2008 oder der „Privatisierung des Krieges“ ein Jahr später.
Schon früh thematisierte das Magazin die Auswirkungen kolonialer Unterdrückungsverhältnisse, die „Festung Europa“ und deren Abschottung durch Frontex. Seit dem Artikel „‚Mare Nostrum‘. Humanitäre Operation oder Deckmantel militarisierter Migrationspolitik?“ von Jacqueline Andres im Februar 2014 war die Kritik der Migrationsbekämpfung und der Grenzregime im Kontext der Militarisierung immer wieder Gegenstand von Artikeln. Die Ausgabe von September 2023 stand unter dem Schwerpunktthema „Grenzen“. Die internationale Perspektive erweitert den Blick auf deutsche Militärpolitik und zeigt, dass lokale Entwicklungen stets Teil umfassender geopolitischer Veränderungen sind – was auch für den Widerstand notwendige Perspektiven eröffnet.
Kampf um die Köpfe
Mit der 100. Ausgabe im März 2020 wurden einige wesentliche Veränderungen eingeführt: Das Layout wurde modernisiert, die Zahl der Ausgaben wurde von sechs auf vier pro Jahr reduziert und es wurde eine Schwerpunkt-Redaktion eingeführt, die über aktuelle Ereignisse und Texte hinaus ein bestimmtes Thema intensiver und ausführlicher bearbeitet. Im Editorial schrieben Martin Kirsch und Christoph Marischka: „Mit dieser 100. Ausgabe des Ausdrucks wollen wir an die letzten 17 Jahre anknüpfen und haben doch (mal wieder) einiges verändert. Ausgehend von kleineren und größeren Änderungsvorschlägen haben wir nach intensiven Diskussionen einen größeren Sprung gemacht, als zu Beginn gedacht.“
Militarisierung vollzieht sich nicht nur in Form physischer Aufrüstung, sondern auch in politischen Diskursen und Deutungsmustern, vermittelt durch Medien und Bildungseinrichtungen. Der AUSDRUCK widmete sich deshalb auch den ideologischen Voraussetzungen und Legitimationsstrategien von Kriegspolitik.So dokumentierte er, wie die Anwendung des Völkerrechts und die Berücksichtigung der Menschenrechte von Machtverhältnissen abhängt und zur Legitimation von Kriegseinsätzen genutzt wird und analysierte Rechtfertigungsdiskurse humanitärer Interventionen.
Immer wieder thematisierte das Magazin die ideologische Militarisierung und Verschiebungen des Diskurses um Krieg und Frieden. Bereits Anfang der 2010er Jahre ging es speziell um die Rolle der Universitäten als Institutionen der Bildung und Wissenschaft sowie um den Kampf um Zivilklauseln. So wurde 2012 die Militarisierung von Forschung und Lehre diskutiert und Andreas Seifert schrieb im April „Für eine friedliche Universität: Zur Tübinger Debatte über eine ‚zivile‘ Universität“. Im Dezember 2023 widmete sich ein AUSDRUCK dem Schwerpunktthema „Medien“ und – zum vorherigen IMI-Kongress – erschien im März 2025 der Schwerpunkt „Bildung & Hochschule“. Der Blick auf Diskurse, Medien und Wissenschaft verdeutlicht, dass antimilitaristische Kritik immer auch ein Kampf um gesellschaftliche Deutungshoheit ist.
Ein weiteres Thema war der „Schulterschluss“ von DGB und Bundeswehr 2013. Immer wieder wurden auch geopolitische Entwicklungen und der antimilitaristische Widerstand national und international – darunter die Debatte um TTIP oder die Repressionen gegen die Proteste gegen G20 in Hamburg – reflektiert. Zum Kongress 2020 „Politik der Katastrophe“ erschien eine Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Katastrophenpolitik“, der die konkrete Bedeutung der Schock-Doktrin (Naomi Klein) für die Militarisierung beleuchtete.
„Zeitenwenden“: Eskalation und Widerspruch
Der russische Angriff auf die Ukraine markierte den Beginn einer neuen Phase der Militarisierung, stellte den AUSDRUCK jedoch nicht vor völlig neue Fragen. Vielmehr knüpften die Analysen an Entwicklungen an, die bereits zuvor über Jahre hinweg begleitet worden waren. Bereits im April 2013 dokumentierte der AUSDRUCK die Spannungen zwischen Russland und den USA, ab dem folgenden Jahr ging es zunehmend um die Lage in Osteuropa, bis diese mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 endgültig eskalierte. Die anschließenden Ausgaben verfolgten anhand von Schwerpunktthemen wie „Manöver“ (März 2022) und Rüstung (September 2022) die beschleunigte Militarisierung mit Beiträgen wie „100.000.000.000 Euro. Wer profitiert vom Sondervermögen?“ von Martin Kirsch im September 2022. Der Kongress im selben Jahr stand unter dem Titel „Zeitenwenden: Ukraine-Krieg und Aufrüstung“, einige der Beiträge wurden im AUSDRUCK schriftlich veröffentlicht. Seither werden die Zeitenwende(n), die Lage in der Ukraine und der Zusammenhang mit der Aufrüstung der NATO, der EU und der BRD verfolgt. Sichtbar wird dies in seither erschienenen Titelthemen wie „Kriegstüchtig“ (März 2024), „Militarisierung und Militarismus“ (Juni 2023) oder „Kriegswirtschaft“ (Juni 2025). Die Perspektive der internationalen Friedensbewegung ist dabei immer wichtiger Bezugspunkt: So schrieb Franz Nadler im März 2023 über „Sand im Getriebe: Rekrutierung, Widerstand und Asyl im Ukraine-Krieg“ zum Schwerpunkt „Zeitenwenden“. Die Ausgaben der vergangenen Jahre zeigen, dass der AUSDRUCK die sogenannte Zeitenwende nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Zuspitzung langfristiger Entwicklungen versteht.
Hinzu kamen regionale Fokussierungen wie „Mittelmeer“ (Juni 2021) und „Nasse Nordflanke“ (September 2021), Afghanistan (Dezember 2021) und Türkei (September 2025), aber auch zahlreiche Artikel zur Sahelzone. Zunehmend relevant wurde der Zusammenhang von Klimakrise und Militär, dem im Dezember 2022 ein Schwerpunkt „Umwelt und Krieg“ gewidmet wurde. Ein wiederkehrendes Thema war außerdem die Rolle von KI, besonders mit Blick auf die Lage in Gaza. Zuletzt beschäftigten sich einige Ausgaben des AUSDRUCK schwerpunktmäßig mit speziellen Bereichen der Militarisierung, in denen die Konsequenzen der seit Längerem begleiteten technologischen Entwicklungen beleuchtet wurden: Dazu gehörten neben KI Themen wie „Weltraum“ (Juni 2022) und „Atomwaffen“ (Dezember 2024).
In den AUSDRUCK-Jahrgängen spiegelt sich nicht nur die Eskalation der deutschen Militärpolitik über die vergangenen Jahrzehnte. Sie zeigen zugleich, wie diese Entwicklung von einer antimilitaristischen Bewegung kritisch begegnet wurde. Im Sinne dieses Widersprechens sind zuletzt Schwerpunkte wie „Feminismus heißt Antimilitarismus“ (Dezember 2025) erschienen; die erste Ausgabe 2026 dokumentierte den Kongress des Vorjahres unter dem Titel „Militärrepublik verweigern!“ und thematisierte entsprechend die Bedeutung der Kriegswirtschaft für Kommunen und Gesellschaft. Es ging um die Vorbereitung des Kriegsfalls von Militär und Behörden, den „Operationsplan Deutschland“, die Militarisierung spezieller gesellschaftlicher Bereiche wie des Gesundheitswesens und der Medien. Zugleich wurden aktuelle Formen des Widerstands beleuchtet – etwa die Kampagne „Stop ReArm Europe“ oder das Projekt „Orte der Aufrüstung“ sowie der Protest gegen die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht und gegen den Genozid in Palästina.
Ein kollektives Projekt
Für den AUSDRUCK schreiben neben den IMI-Mitgliedern auch Aktive aus der Friedensbewegung und aus dem Umfeld der wissenschaftlichen Forschung. Die Redaktion erarbeitet jeweils ein Schwerpunktthema, die Ausgaben beinhalten daneben aber auch eine Reihe aktueller Beiträge zu diversen friedenspolitischen und antimilitaristischen Themen. Das Magazin präsentiert damit nicht nur die Analysen der IMI selbst, sondern versteht sich als Forum antimilitaristischer Debatten und greift auch bewusst andere relevante Beiträge auf, um sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Weit über 300 Menschen schrieben über die Jahre mindestens einen Beitrag für den AUSDRUCK. Zu Beginn war der Kreis der Autoren noch weitgehend auf die IMI-Mitglieder beschränkt; die Ausgaben wurden nur durch einzelne Gastbeiträge ergänzt. Mit den Jahren wuchs der Kreis der Mitwirkenden, es gab mehr externe Beiträge aus Wissenschaft und Aktivismus und häufiger Gemeinschaftsbeiträge. Seit dem Relaunch 2020 kamen in fast jeder Ausgabe neue Stimmen zu Wort, insbesondere zu den Schwerpunktthemen wurden fachlich spezialisierte Beiträge aufgenommen. Gleichzeitig blieb der kleine Kreis der langjährigen IMI-Autoren weiterhin konstant produktiv. Über die Jahre kamen die meisten Texte (weit über 200) von Jürgen Wagner, gefolgt von Christoph Marischka. Bislang jeweils über fünfzig Texte steuerten Tobias Pflüger, Jacqueline Andres, Martin Kirsch, Andreas Seifert und Claudia Haydt bei.
Diese kollektive Arbeit verweist sowohl auf das Wachstum als auch die Kontinuität in der Arbeit der IMI. Der AUSDRUCK ist zu einem publizistischen Gedächtnis antimilitaristischer Wissensproduktion und Debatte geworden – entstanden aus wissenschaftlicher Analyse, politischer Praxis und kontinuierlichem Widerspruch gegen die Militarisierung.