IMI-Standpunkt 2026/030
Neue NATO-Strukturen an der Ostflanke
Das Deutsch-Niederländische Korps übernimmt die Zuständigkeit für Lettland und Estland
Jürgen Wagner (29.05.2026)
Die NATO ordnet ihre Kommandostrukturen mit Blick auf Russland neu. In diesem Zusammenhang wurde nun auch eine Neuaufteilung der Zuständigkeiten an der NATO-Ostflanke bekannt gegeben, wo das derzeit in Münster ansässige Deutsch-Niederländische Korps künftig für Estland und Lettland verantwortlich sein soll. Die deutschen Führungsansprüche in der Region bilden sich damit auch zunehmend in den sich herausbildenden neuen NATO-Kommandostrukturen ab.
Streitkräftemodell und Verteidigungspläne
Im Juni 2022 verabschiedete die NATO ein neues Streitkräftemodell, mit dem die Zahl der Truppen von 40.000 auf 300.000 Soldat*innen erhöht wurde, die in hoher Bereitschaft innerhalb von 30 Tagen verlegt werden können (weitere 500.000 werden bis Tag 180 vorgehalten). Beim Gipfel im Vilnius verabschiedete die NATO dann Verteidigungspläne wo drei geographischen Zuständigkeiten – Nord (JFC Norfolk), Nord-Ost (JFC Brunssum) und Süd-Ost (JFC Neapel) – konkrete Truppen zugeordnet wurden.
Im Dezember 2025 wurde eine weitere Veränderung vorgenommen und die Zuständigkeit für die Verteidigungsplanungen für Dänemark, Schweden und Finnland von Brunssum auf Norfolk übertragen. Zur Funktion dieser Hauptquartiere lässt sich beim Bundeswehverband nachlesen: „Die operativen Hauptquartiere der Nato (JFC) sind unter der Führung des strategischen Hauptquartiers in Mons für die Planung und Ausführung von militärischen Operationen zuständig. Im Ernstfall würden von ihnen aus Streitkräfte geführt, im Friedenszeiten planen sie unter anderem Übungen und Abschreckungsmaßnahmen.“
Deutschland sieht seinen Schwerpunkt in der „Verteidigung“ der Ostflanke (einschließlich Nordsee) und stellte daher fasst immer den Kommandeur des JFC Brunssum, zuletzt ab Juni 2025 den ehemaligen Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz. Anfang 2026 deuteten sich dann noch größere Bewegungen in der NATO-Kommandostruktur an, als gemeldet wurde, die USA beabsichtigten zwei bislang stets von US-Soldaten besetzte Kommandoposten an Großbritannien (JFC Norfolk) respektive Italien (JFC Neapel) abzutreten. Das dritte Kommando (JFC Brunssum) solle künftig im Rotationsprinzip zwischen Deutschland und Polen geführt werden. Dementsprechend wurde bereits im Februar 2026 gemeldet, der polnische General Wieslaw Kukuła werde Gerhartz als Chef des JFC Brunssum folgen.
Eine Kommandoebene darunter ist JFC Brunssum das Multinationale Korps Nordost (HQ MNC NE) mit Sitz im polnischen Stettin zugeordnet, dem bis zu 60.000 Soldat*innen unterstehen. Auch hier wechseln sich Deutschland und Polen mit dem Kommando ab: Auf Generalleutnant Jürgen-Joachim von Sandrart (2021 bis 2024) folgte Generał Dariusz Parylak (2024 bis heute). Den Aufgabenbereich des MNC NE, zu dem von deutscher Seit vor allem die 10. Panzerdivision (Veitshöchstheim) gehört, wird von der Bundeswehr folgendermaßen beschrieben: „Dem Hauptquartier obliegt die einheitliche Befehlsgewalt für die NATO-Aktivitäten in Estland, Litauen, Lettland und Polen. Als höchstes NATO-Kommando in der Region hat das HQ MNC NE die Verantwortung für die NATO-Bodentruppen, die bereits an der Nordostflanke der Allianz stationiert sind. Bei Bedarf ist das Hauptquartier bereit, zahlreiche weitere Truppen zu befehligen und zu kontrollieren, darunter auch die Landeinheiten, die im Krisenfall schnell verlegbar sind.“
Deutsch-Niederländisches Korps: Estland und Lettland
Gestern informierte das Verteidigungsministerium in einer Pressemitteilung nun über eine erneute Umgestaltung der Zuständigkeitsbereiche. Mit dem Deutsch-Niederländischen Korps (1GNC) wird neben Stettin ein zweites Kommando für die Region geschaffen, das Mitte des Jahres die Zuständigkeit „in der Region Estland und Lettland“ übernehmen soll.
Mit dem turnusmäßig zwischen den Niederlanden und Deutschland wechselnd befehligten Korps festigt Deutschland seine Ansprüche, „an der Ostflanke der NATO eine Führungsrolle“ zu übernehmen, unterstreicht die BMVg-Pressemitteilung nur wenig verklausuliert: „Damit wird dem I. Deutsch-Niederländischen Korps eine erhebliche Verantwortung für die Leitung von Übungen und anderen vorbereitenden Aktivitäten übertragen, sowie im Ernstfall für die Verteidigung der Ostflanke. Diese Verantwortung liegt aktuell beim Multinationalen Korps Nordost (MNC NE). Mit der Aufstellung eines zweiten Hauptquartiers in der Region, neben dem MNC NE, demonstrieren Deutschland und die Niederlande ihre Bereitschaft und ihre Fähigkeit, Verantwortung für die Abschreckung und die Verteidigung der NATO-Ostflanke zu übernehmen.“
Einen Eindruck über die hier im Raume stehenden Dimensionen gibt die Frankfurter Rundschau: „Ein Armeekorps umfasst im Vollbetrieb typischerweise 40.000 bis 60.000 Soldaten. Im Friedensbetrieb existiert es als schlanke Kommandostruktur mit Kernfähigkeiten wie Artillerie, Luftabwehr und Sanitätsdienst – bereit zur schnellen Aktivierung.“ Dem 1GNC wäre bei Vollbetrieb auch die 1. Panzerdivision (Oldenburg) unterstellt, ständig sind in dem aktuell in Münster beheimateten Kommando rund 1.200 Soldat*innen tätig.
Brisant ist der Beitrag der Frankfurter Rundschau vor allem auch deshalb, weil er von Plänen berichtet, zumindest Teile des Stabes von Münster nach Estland zu verlegen: „Estlands Verteidigungsminister Hanno Pevkur bestätigte gegenüber dem estnischen öffentlich-rechtlichen Sender ERR, dass die NATO die Stationierung des deutsch-niederländischen Korps in Estland prüft. Als bevorzugten Standort nannte er Pärnu – eine Stadt im Westen des Landes mit Hafen, Flugplatz, Bahnanbindung und direkter Straßenverbindung nach Riga. ‚Wenn die Entscheidung für Estland fällt, dann wäre Pärnu der beste Standort. Wir haben das bereits mit der Stadt besprochen‘, sagte Pevkur.“
Die neue NATO-Kommandostruktur in Osteuropa nimmt Gestalt an – und Deutschland befindet sich dabei buchstäblich an vorderster Front.