IMI-Stanbdpunkt 2025/60 - in: AUSDRUCK (Dezember 2025)
Überleben in dieser apokalyptischen Zeit
Interview mit Farah Salka
(15.12.2025)
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Dieser Beitrag erschien in der Dezember-Ausgabe des IMI-Magazins mit dem Schwerpunkt „Feminismus heißt Antimilitarismus“. Der Artikel kann hier, die gesamte Ausgabe hier heruntergeladen werden.
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Farah Salka ist Mitbegründerin und Co-Leiterin der Gruppe Anti-Racism Movement (ARM), eines 2011 im Libanon gegründeten feministischen Basiskollektivs. Dessen Ziel ist es, soziale, wirtschaftliche und geschlechtsspezifische Gerechtigkeit für Migrantinnen und Migranten sowie marginalisierte Gruppen im Libanon zu erreichen – mit einem besonderen Fokus auf Migrantinnen, die als Hausangestellte unter dem repressiven Kafala-System[1] leben. Die Veränderungstheorie der ARM sieht Migrantinnen und Migranten als Akteure des sozialen Wandels. Dieser Wandel vollzieht sich durch migrantenzentrierte oder -geleitete Arbeit in den Bereichen Interessenvertretung, Gemeinwesenarbeit, Organisierung und Rechtsberatung. Die ARM vertritt eine starke feministische Ethik der Fürsorge, die sich nicht nur auf ihre Organisierungsarbeit, sondern auch auf ihr Arbeitsumfeld erstreckt.
1. Was sind die größten Schwierigkeiten, die das Leben von Frauen im Libanon heute beeinflussen?
Die Liste ist sehr lang. Die zionistische Entität [Anm.d.R.: Gemeint ist der Staat Israel] und seine Verbündeten, Unterstützer und Geldgeber stehen an erster Stelle. Solange es möglich ist, jeden, wie auch immer, wann auch immer und ohne mit der Wimper zu zucken zu töten, gibt es keine Chance auf Leben oder ein Leben in Würde. Daher ist das vor allem ein großes Problem für Frauen im Libanon – ob Libanesinnen, Palästinenserinnen oder Migrantinnen. Solange Israel mit seiner kolonialen Geschichte, der Apartheid, seinen genozidalen Absichten und seiner nachgewiesenen Geschichte an militärischen Angriffen in der Region so nah ist, leben wir alle in ständiger Gefahr. Frauen riskieren, bei einem Anschlag getötet zu werden oder auf sich allein gestellt zu sein, wenn ihre Angehörigen und Freunde ums Leben kommen. Bomben können ihr Haus, ihren Arbeitsplatz oder ihr Auto treffen, wenn sie auf dem Heimweg sind. Israelische Phosphorbomben können ihre Ernte und ihr Ackerland verseuchen und langfristige gesundheitliche Schäden bei Mensch und Natur verursachen. Wenn sie versuchen, ihre zerstörten Häuser im Süden wieder aufzubauen, steht Israel ihnen erneut im Weg. Hinzu kommen all die sich gegenseitig verstärkenden Krisen, die der Libanon seit 2019, der Zeit der Revolution, durchgemacht hat. Damals gingen die Menschen auf die Straße und forderten soziale Gerechtigkeit und ein Ende der Herrschaft korrupter und sektiererischer Eliten, darunter auch Kriegsverbrecher. Eine Krise jagte die nächste – es war wie ein unaufhörlicher Strom des Verderbens.
2. Was sind diese sich gegenseitig verstärkenden Krisen?
Die finanziellen und wirtschaftlichen Krisen. Der Libanon hat eine der schlimmsten Wirtschafts- und Finanzkrisen der modernen Geschichte durchlebt. Das libanesische Finanzsystem brach 2019 nach langer Vorwarnung zusammen. Die libanesische Lira verlor über 98 % ihres Wertes, es kam zu einer Hyperinflation, die Lebensmittelpreise explodierten, und Banken verweigerten den Menschen den Zugriff auf ihre Ersparnisse. Viele Menschen, vor allem Frauen, überfielen Banken, um an ihre Ersparnisse zu gelangen. Gehälter wurden gekürzt, Renten wertlos. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung stürzten in die Armut.
Kurz darauf folgte die COVID-19-Pandemie, die die Wirtschaftskrise verschärfte und das Gesundheitssystem überlastete.
Dann die Explosion in Beirut am 4. August 2020, eine Ammoniumnitrat-Explosion, die die gesamte Stadt zerstörte. Sie verursachte irreparable Schäden; einige Frauen liegen bis heute im Koma. Die Familien der Toten und Verletzten warten noch immer auf Aufklärung und Gerechtigkeit; sie wissen immer noch nicht, was geschehen ist. Und bis heute, fünf Jahre später, wurde niemand für die Explosion zur Rechenschaft gezogen.
Hinzu kommt die anhaltende Strom- und Treibstoffkrise. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1990 kämpft der Libanon mit einer Stromkrise, die durch ständige Stromausfälle und die kostspielige Abhängigkeit von stark umweltbelastenden privaten und extrem korrupten Energieversorgern gekennzeichnet ist.
2021, inmitten der Wirtschaftskrise, und 2024 konnte der Staat seine Rechnungen nicht mehr bezahlen und dem staatlichen Stromversorger ging der Treibstoff aus – das Land hatte nur ein bis zwei Stunden Strom pro Tag. 2024 war der Libanon über 24 Stunden lang ohne Strom. Da die Wasserversorgung von Strom abhängt, geht die Stromkrise mit einer Wasserkrise einher. Die Wasserversorgung ist ohnehin schon knapp und die Versorgung von Hotels und des Tourismus hat Priorität. 2024 lieferte der staatliche Stromversorger etwa vier Stunden Strom pro Tag, 2025 etwa sechs bis acht Stunden. Seit 2023 haben israelische Angriffe die Strom- und Wasserinfrastruktur beschädigt und die Krise weiter verschärft. Ein durchschnittlicher Haushalt zahlt heute monatlich parallel zwei Rechnungen: eine für den staatlichen Stromversorger und eine für einen privaten Generator. Die Kosten dafür übersteigen oft die durchschnittliche Miete für eine Wohnung. So kann man sich notdürftig mit Strom versorgen, was aber immer noch nicht ausreicht, um den gesamten Strombedarf des Hauses zu decken. Es ist absurd und ärgerlich.
Ein weiterer Punkt ist die unvermeidliche Schulkrise. Seit 2018 haben Schülerinnen und Schüler über 760 Unterrichtstage verpasst, das sind 60 % ihrer Schulzeit. Die Wirtschaftskrise hat die Gehälter der Lehrkräfte drastisch gekürzt, und sie waren gezwungen zu streiken. Die Pandemie hat in einem Land, in dem Online-Unterricht aufgrund der Stromkrise nahezu unmöglich ist, zu erheblichen Beeinträchtigungen geführt. Und Israels Krieg im Libanon hat die Situation, wie so vieles andere auch, verschärft: Israel bombardierte und beschädigte Dutzende Schulen, etwa 40 % der staatlichen Schulen wurden zu Notunterkünften umfunktioniert und eine halbe Million Kinder mussten fliehen. Es ist eine anhaltende Krise – Familien sind weiterhin vertrieben, Schulen sind weiterhin unterfinanziert, die Gehälter der Lehrkräfte sind nach wie vor unzureichend.
All diese Krisen haben Armut und soziale Ungleichheit verschärft. Familien können ihre Kinder nicht ernähren, und viele arbeiten in mehreren Jobs, um in einer schrumpfenden Wirtschaft, die nicht genügend menschenwürdige Arbeitsplätze für alle bietet, über die Runden zu kommen. Hinzu kommt ein Mangel an Präventions- und Schutzmaßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt (GBV), an Unterstützungsangeboten für Überlebende sowie an Rechenschaftspflicht für Täter. Die Zunahme bewaffneter Gruppen und die Militarisierung erhöhen ebenfalls das Risiko von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Obdachlosigkeit gefährdet die persönliche Sicherheit von Frauen – Frauen, die durch die Explosion in Beirut oder den israelischen Beschuss ihre Häuser verloren haben, mussten auf der Straße oder in überfüllten Notunterkünften schlafen, wo sie einem höheren Risiko von Gewalt und Verletzlichkeit ausgesetzt waren.
All das oben Genannte ist ein bescheidener Versuch, die Krise im Libanon vor dem 7. Oktober 2023 zu beschreiben. Dann, und als ob das nicht schon genug wäre, beginnt im Jahr 2023 ein Völkermord direkt vor den Toren des Libanon. Gaza ist schließlich unter normalen Umständen nur eine zweistündige Autofahrt vom Südlibanon entfernt. Natürlich konnten wir in unserer Zeit nie dorthin fahren, da Gaza besetzt ist und Israel jeglichen Kontakt der Menschen aus Gaza mit der Außenwelt unterbindet. Und Ende 2023 begannen die Eskalation und der Krieg im Libanon, der Tausende von Menschenleben gefordert hat und weiterhin fordert, darunter auch Frauen und ihre Angehörigen.
3. Welchen Schwierigkeiten waren Frauen im Libanon schon vor der Krise ausgesetzt?
Die ganze rechtliche Diskriminierung (zum Beispiel die Unmöglichkeit, die Staatsangehörigkeit an Kinder oder Ehemänner weiterzugeben), die sexuelle Belästigung, der Missbrauch, die Gewalt und Manipulation, die familiären und religiösen Schwierigkeiten (das Personenstandsrecht wird von religiösen Gerichten in Bezug auf Ehe, Sorgerecht, Scheidung usw. festgelegt, sodass für Frauen verschiedener Konfessionen unterschiedliche Gesetze gelten), Überarbeitung und Unterbezahlung, die Probleme mit dem öffentlichen Nahverkehr (das öffentliche Verkehrssystem hat sich nie vom Bürgerkrieg erholt, und es mangelt bis heute an zuverlässigen und sicheren öffentlichen Verkehrsmitteln), die beruflichen Herausforderungen, die psychischen Probleme, die im Libanon immer mehr zunehmen. Der Zugang zu angemessener Hilfe ohne große finanzielle Mittel ist selten. Es ist heutzutage wirklich schwer, eine Frau im Libanon zu sein, selbst mit den Privilegien eines libanesischen Passes. Man kann sich also nur vorstellen, wie viele zusätzliche Belastungen und Traumata eine nicht-libanesische Frau, eine Migrantin, beispielsweise eine Arbeiterin im Rahmen des Kafala-Systems, oder eine palästinensische Frau mit halbem Flüchtlingsstatus im Libanon ertragen muss. Es ist ein Albtraum.
4. Militarismus und Kriege stützen das Patriarchat und vergrößern die Kluft zwischen Arm und Reich. Hatte dies Auswirkungen auf feministische Kämpfe?
Absolut, wie immer. Es ist traurig, herzzerreißend und empörend zu sehen, wie die Folgen der jahrelangen Gräueltaten im Libanon die feministische Bewegung, ihre Organisationsfähigkeit und ihre Aktivistinnen selbst beeinträchtigt haben. So viele wertvolle Menschen sind durch Flucht und Migration verloren gegangen, andere durch emotionale Erschöpfung und Burnout. Das Modell unseres Landes (das uns durch die in diesem Interview beschriebenen Umstände – und es gibt noch viele weitere – aufgezwungen wurde) treibt einen immer weiter von der Gemeinschaft weg und in einen extremen Überlebensmodus (individuell oder für die Familie). Man hat weder Zeit noch Kraft oder mentale Energie, sich um etwas anderes als sich selbst und den engsten Kreis zu kümmern. So schrecklich und selbstzerstörerisch.
5. Wie sieht der Alltag für Frauen und Mädchen im Südlibanon heute aus?
Verheerend, schmerzhaft, herzzerreißend und extrem unzureichend dokumentiert und vernachlässigt. Es scheint, als ob die meisten Menschen in Beirut und nördlich der Hauptstadt den Südlibanon zunehmend als hoffnungslosen Fall betrachten, als ein besiegtes Land, das uns entrissen wird und langsam auf dem Weg zur vollständigen Besetzung oder Wiederbesetzung durch Israel ist. Unsere lokalen Medien berichten kaum über die Gräueltaten im Süden und die täglichen Todeszahlen, geschweige denn über die indirekten Folgen des Krieges. Es ist, als ob Krieg uns nichts angeht, solange er nicht in Beirut stattfindet. Wir haben nicht einmal verlässliche Zahlen und Daten zum Ausmaß der Ereignisse im Süden. Man muss ständig nach Informationen suchen. Manchmal fragen sich die Menschen, wozu überhaupt berichten, wenn es nichts ändert. Man muss sich nur Gaza ansehen. Der gesamte Streifen befindet sich seit zwei Jahren in einem Teufelskreis aus Flucht und Vertreibung, und noch nicht alle sind zurückgekehrt. Die meisten haben angesichts der psychopathischen Zerstörungen Israels kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren könnten. Viele Frauen leben mit anderen Menschen oder Familien in kleinen Wohnungen und Zimmern, denn wohin sollen sie sonst gehen? Sie konnten entweder bei anderen Leuten unterkommen, extrem teure Unterkünfte mieten oder auf der Straße und in öffentlichen Schulen, die zu Notunterkünften umfunktioniert worden waren, leben. Überall herrschten Überbelegung und unhygienische Zustände. Oftmals war die Atmosphäre rassistisch. Es ist erschreckend, zu welcher Absurdität und zu welchem Rassismus Menschen fähig sind, selbst angesichts des nahenden Todes. Israel verfolgte und tötete weiterhin Menschen, selbst wenn sie kilometerweit von ihren bombardierten oder vertriebenen Häusern entfernt waren, irgendwo anders im Libanon, weit weg vom Süden oder der Bekaa-Ebene. Nirgendwo war und ist es sicher. Es gab keine Ruhepause. Eine Gräueltat jagte die nächste und angesichts dieser hochentwickelten, perfiden Technologie gab es für die Menschen kein Entkommen. Welch eine Schande!
6. Wie war der Krieg für migrantische Hausangestellte?
Um es gelinde auszudrücken: entsetzlich und beängstigend. Die migrantischen Hausangestellten wurden wieder einmal im Stich gelassen und wie Waschmaschinen weggeworfen, genau wie bei jeder anderen Krise im Libanon. Einer Arbeiterin wurde von der Familie, für die sie arbeitete, versprochen, Lebensmittel im Supermarkt zu besorgen. Doch sie kehrten nie zurück, und sie blieb völlig allein zurück. Tausende von Frauen, die als Hausangestellte arbeiteten, wurden von ihren Familien im Stich gelassen – ohne Pass, ohne Arbeit, ohne Geld, ohne alles. Die von der libanesischen Regierung bereitgestellten Unterkünfte waren ausschließlich für libanesische Staatsangehörige und ohnehin viel zu klein. Die IOM versäumte es, entgegen ihrem Mandat, eine Unterkunft für migrantische Hausangestellte zu eröffnen. Migrantische Aktivist*innen und einige wenige Verbündete betrieben informelle Unterkünfte, die natürlich ständig überfüllt waren. So wurden Zehntausende obdachlos und mussten auf der Straße schlafen, ohne zu wissen, wo die nächste Bombe fallen würde, ob sie nachts sicher sein würden und oft ohne Kontakt zu ihren Familien. Alle migrantischen Hausangestellten litten, sowohl diejenigen, die bei ihren „Sponsoren“ lebten, als auch diejenigen, die allein oder bei Freunden im Freien wohnten und als „Freiberuflerinnen“ in verschiedenen Haushalten arbeiteten.
7. Wie war der Krieg für Frauen in den palästinensischen Flüchtlingslagern? Und für Frauen aus den irakischen und syrischen Flüchtlingsgemeinschaften?
Er war auf mehreren Ebenen traumatisierend: persönlich, politisch und logistisch. Die Lager befinden sich an verschiedenen Orten im Land. Es gibt zwölf offizielle palästinensische Flüchtlingslager im Libanon – verstreut über das ganze Land und unterschiedlich groß: von etwa 800 Bewohnern (überwiegend, aber nicht ausschließlich Palästinenser) in Mar Elias bei Beirut bis hin zu über 64.000 Menschen in Ain el Hilweh im Süden. Rashidieh beispielsweise ist das Lager, das Palästina am nächsten liegt und am weitesten südlich im Libanon. Die Bibliothek von Rashidieh wurde am 26. November 2024, kurz vor Abschluss des Waffenstillstandsabkommens, von drei israelischen Luftangriffen getroffen, bei denen zwei Menschen getötet wurden. Generell sind die Lager überfüllt, schlecht ausgestattet und – wie in den meisten Teilen des Libanon – herrscht dort ständiger Mangel an Strom und Wasser sowie an grundlegender Infrastruktur für den Lebensunterhalt. Palästinensische Flüchtlinge im Libanon besitzen keine Staatsbürgerschaft, sind von vielen Berufen ausgeschlossen, dürfen kein Eigentum erwerben und haben nur eingeschränkten Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen. Sie sind im Libanon extrem marginalisiert. Gemeinsamer Nenner aller Lager war, dass der gesamte Libanon bombardiert wurde. Gerade für Flüchtlingsfrauen im Libanon ist die Lage selbst in „friedlichen“ Zeiten äußerst prekär, daher müssen die 66 Kriegstage die Hölle gewesen sein. Sie mussten nicht nur einen tödlichen Krieg ertragen, sondern all dies auch fernab ihrer Heimat durchleben, größtenteils inmitten einer Gesellschaft, die Fremden, insbesondere Palästinensern, stets feindselig und hasserfüllt gegenübersteht. Im Libanon versuchen viele Syrer und Palästinenser, ihren Dialekt zu ändern, wenn sie mit Libanesen sprechen, um ihre Identität zu „verbergen“ und so Rassismus, Diskriminierung und anderen Schwierigkeiten zu entgehen. Wirklich schrecklich.
8. Wie hast Du den Krieg erlebt? Wie hat der Krieg Dein Leben beeinflusst?
Trauma, Angst, Wut, Abscheu vor dem Zustand der Welt und der Erkenntnis, wie klar wir mit der Behandlung durch andere umgehen, dem globalen Rassismus, dem Faschismus – mein Alltag besteht aus Arbeit bis zur Erschöpfung, ständigem Nachrichtenverfolgen, der Unsicherheit, wann und wo man das Haus verlassen kann und wann nicht, unzähligen Entscheidungen, die ich täglich für mich und meine Angehörigen treffe, dem Überlebensmodus in seiner extremsten Form. Und vergessen wir nicht das monströse Pager-Verbrechen von 2024, das Tausende von Menschen verstümmelte und verletzte und viele tötete. Die manipulierten Pager explodierten überall; die Menschen trugen sie täglich bei sich; sie explodierten in Supermärkten, auf der Straße, in Krankenhäusern, einfach überall. Die Bomben der israelischen Luftangriffe könnten überall explodieren. Wie soll ich meinen Alltag bewältigen, wenn alles ein Ziel sein kann? Und die Drohnen – das tägliche Grauen der Drohnenangriffe. Bis heute hört man in Beirut fast täglich eine israelische Drohne über sich kreisen. Wenn man die Drohnen und Kampfjets hört, weiß man nie, wann und wo eine Bombe einschlägt. Es ist schwer zu beschreiben; entweder man weiß, wie es ist, unter dem täglichen Lärm und dem Schrecken der Drohnen zu leben, oder man weiß es nicht.
9. Frauen sind in Kriegen nicht nur Opfer, sondern spielen auch eine aktive Rolle. Wie haben Frauen letztes Jahr humanitäre Hilfe organisiert?
Ja, es gab viele Initiativen, viele davon basisdemokratisch, von Frauen geleitet, sogar von Migrantinnen selbst – allen Widrigkeiten zum Trotz. Der Mut und die Führungsstärke einiger Migrant*innen in ihren Organisationen (alle nicht registriert und auf allen Ebenen mit hohen Risiken verbunden) waren bemerkenswert. Migrantinnen füllten die Lücken, die viele Libanes*innen und NGOs nicht füllen konnten (aufgrund von offenem Rassismus und ausgrenzenden Maßnahmen oder einfach aufgrund mangelnder Kapazitäten und Ressourcen). Sie organisierten sich, unterstützten sich gegenseitig, solidarisierten sich, kümmerten sich umeinander, kochten, beherbergten einander und brachten sich gegenseitig in Sicherheit (oder aus den von Israel festgelegten „roten Zonen“). Sie leisteten viel emotionale Unterstützung und hielten einander in einer Zeit größter Angst und des Gefühls der Verlassenheit – insbesondere für Migrantinnen.
10. Gibt es einen Austausch zwischen feministischen Gruppen aus dem Libanon und Gruppen aus der Region, wie etwa aus Syrien und dem Irak, zum Thema der Auswirkungen des Krieges?
Meiner Meinung nach zu wenig mit Syrien und so gut wie gar nicht mit dem Irak. Solche Initiativen werden, wenn überhaupt, leider immer von europäischen Gruppen geleitet (manchmal feministisch, wohlmeinend, partizipativ, fürsorglich usw., manchmal aber auch nur, um uns als Versuchsobjekte zu missbrauchen), und selten oder nie von uns selbst, da wir uns im permanenten Überlebensmodus befinden. Dadurch verlieren wir unendlich viel Zeit und Gelegenheiten, uns zu treffen, zu vernetzen, voneinander zu lernen und uns gegenseitig zu inspirieren. Die Kluft zwischen libanesischen und syrischen Gruppen (einschließlich Frauengruppen) ist real, spürbar und groß, und es ist sehr traurig, wenn man bedenkt, wie anders alles hätte sein können, wenn nicht all die „Teile-und-herrsche“-Taktiken angewendet worden wären, die uns in den letzten 15 Jahren tatsächlich gegeneinander aufgehetzt haben.
11. Wie können feministische Gruppen in Deutschland und Europa Solidarität mit Frauen und generell mit den Menschen im Libanon zeigen und sie im Kampf für ihr Recht auf ein Leben frei von Gewalt unterstützen?
Indem sie aufmerksam sind, sich engagieren und die Kluft zwischen ehemaligen Kolonialmächten und Ländern und Regionen verstehen, die lange unter diesen rassistischen Kriegstreibereien gelitten haben und weiterhin leiden, die langfristigen Auswirkungen dieser Geschichte auf Grundrechte und Privilegien und alles, was dazugehört, verstehen, ihren Rassismus verlernen und die Korruption in ihren Regierungen und ihrer Außenpolitik bekämpfen, die uns und unsere Angehörigen täglich auf unzählige Arten das Leben kostet. Dies sind einige Ideen, und ich bin sicher, dass jeder kreativ werden und herausfinden kann, was für ihn funktioniert und worin er seine Stärken hat und was er tun kann, wenn er möchte. Jeder kann seinen Beitrag leisten, und die vor uns liegende Aufgabe ist groß.
[1] Das Kafala-System, auch „Sponsoring“ genannt, ist ein Regelwerk, das in Libanon, Jordanien und den Golfstaaten zur Anwerbung und Beschäftigung von migrant workers eingesetzt wird. Kafala unterstellt Arbeitnehmer der rechtlichen Verantwortung ihrer Arbeitgeber und gibt den „Sponsoren“ die Macht, ihnen den Zugang zu ihren Arbeits- und Menschenrechten zu verweigern. Die konkreten Regelungen variieren von Land zu Land, aber im Allgemeinen beschränkt oder kriminialisiert Kafala die Möglichkeiten von migrant workers, sich gewerkschaftlich zu organisieren, sich gegen Missbrauch/Gewalt zu wehren, zu kündigen, den Arbeitsplatz zu wechseln oder ohne vorherige ausdrückliche Genehmigung des Arbeitgebers in ihr Heimatland zurückzukehren.