IMI-Aktuell 2025/062 - in: AUSDRUCK (Dezember 2025)
Feminismus in Tarnfarben
Die mediale Fantasie der kämpfenden Frau
Robin Welsch (15.12.2025)
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Dieser Beitrag erschien in der Dezember-Ausgabe des IMI-Magazins mit dem Schwerpunkt „Feminismus heißt Antimilitarismus“. Der Artikel kann hier, die gesamte Ausgabe hier heruntergeladen werden.
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Kaum ein imaginiertes Bild ist so widersprüchlich wie das der kämpfenden Frau. Sie posiert mit dem Gewehr, marschiert in die Schlacht, die Muskeln glänzen von Schweiß und zugleich ist sie schön, sexy, makellos. Zwischen militärischem Pathos und erotischer Pose illustriert die Popkultur einen alten Widerspruch: Wenn Stärke gleich militärischer Kampf bedeutet, dann bleibt die Logik des Patriarchats bestehen – nur eben mit femininen Anstrich.
Die Bundeswehr zeigt in ihren Werbekampagnen zunehmend als frauenfreundlicher Arbeitgeber. Durch Videokampagnen wie die Rekrutinnen werden Frauen mittlerweile gezielt in den Vordergrund gerückt. Durch sie und mit Hilfe von privaten Influencerinnen auf Plattformen wie TikTok, die gestylt und in Uniform in die Kamera lächeln und von ihrer Bundeswehrkarriere erzählen, wird ein progressives Bild der soldatischen Frau vermittelt.
Katy Perry kannte den Trick bereits. In ihrem Video Part of Me verwandelt sich Liebeskummer in eine militärische Karriere. Verraten vom Ex-Freund, greift sie zur Schere, schneidet sich das Haar, zieht die Tarnuniform an – und marschiert durch die Grundausbildung der Marines. „Who needs therapy when you can join the army?“ könnte die Bildunterschrift lauten. Was als Empowerment-Ritual beginnt, endet als Rekrutierungsvideo. Die Uniform ersetzt das Subjekt: Wer kämpft, gilt als stark; wer nicht kämpft, bleibt schwach. Feminismus als Militärtraining zum Vier-Viertel Takt.
Ähnlich funktioniert Beyoncé in Run the World (Girls). Panzer, High Heels, choreographierte Kampfeslust. „Who run the world? Girls!“ – ein Schlachtruf im doppelten Sinne. Die Kamera fängt feminine Körper in militärischer Formation ein. Doch die performative Stärke bleibt an der Oberfläche, eingebettet in den militärisch-kapitalistischen Komplex. Empowerment wird zur Pose: Macht, ja – aber als Spektakel.
Die „Amazonen“ des Diktators und der Kinofilm The Woman King
Noch vor dem Musikvideo hat die westliche Fantasie eine andere Bühne gefunden: die sogenannten „Amazonen“ Gaddafis – jene weibliche Leibgarde, welche offiziell als al-Raḥmān al-Ḥārisāt, oder als die „Beschützerinnen des Führers“ bezeichnet werden.
Allein der Name verrät den kolonialen Blick. „Amazonen“ – das klingt nach antiker Mythologie, nach wilden Kriegerinnen im Dschungel, nach Exotik mit Waffen. Es ist ein westliches Fantasma: die erotische Wildheit der bewaffneten Frau.
In den 1980er- und 1990er-Jahren erschienen die Leibwächterinnen in Reportagen als Kuriosität – halb Märchen, halb Fetisch. Uniform, Absatz, Lippenstift: ein autoritärer Harem mit Kalaschnikow. Ihre politische Realität, ihre fehlende Wahlfreiheit, ihre Position in einer patriarchalen Diktatur? Verschwunden unter der Schicht aus Projektion und Puder.
Die „Amazonen“ sind weniger libysche Geschichte als westlicher Spiegel. In dieser Zuschreibung überlagern sich der koloniale und patriarchale Blick. Zum Vorschein kommen der rassistische Orientalismus und der Soldatinnen-Fetischismus einer Medienkultur, die weibliche Macht nur gezähmt, als Dekor eines männlichen Systems begreifen kann. Die Frau mit der Waffe bleibt dem kriegerischen System treu – und dient zugleich als „moderne“ PR.
2022 brachte Hollywood Elite-Kriegerinnen aus Westafrika auf die Leinwand: Gina Prince-Bythewoods The Woman King. Endlich, so schien es, Schwarze Frauen als Heldinnen – stark, strategisch, solidarisch. Viola Davis als Generalin der Agojie, jener realhistorischen Einheit im Königreich Dahomey. Doch der Film erzählt weniger Geschichte als Mythos. Dahomey war Teil des transatlantischen Sklavenhandels – eine unbequeme Wahrheit, die das Drehbuch elegant verschweigt. Die Kriegerinnen kämpfen heroisch, die Gewalt ist kathartisch, der Krieg moralisch sauber.
Die Kamera feiert Muskeln, Schweiß, Körper – eine Ästhetik der „noblen Gewalt“. Man spürt die Handschrift des Superheld*innenkinos: choreographierte Brutalität, emotionaler Sound, Schockmomente in Zeitlupe. Was hier als „Feminismus“ verkauft wird, ist ein klassisches Hollywood-Märchen: Emanzipation durch Kampf, Selbstbestimmung durchs Schwert.
Kulturwissenschaftlich gesprochen: The Woman King produziert eine bestimmte Ästhetik die einen scheinbaren Pazifismus im Modus der Gewalt nahelegt. Die Gewalt ist geläutert, schön, und sie wird legitimiert durch die Kategorie des Geschlechts. Statt die militaristische Logik zu brechen, wird sie feminisiert. Das Ergebnis: ein Kriegsfilm in feministischer Verpackung – mit moralischer Note.
Kämpfen ja, aber bitte sexy
Kämpfende Frauen sind in der Popkultur willkommen – solange sie ‚attraktiv‘ kämpfen. Sie dürfen rebellieren, aber nicht deeskalieren; sie dürfen zuschlagen, aber nicht verhandeln. Die „Kriegerin“ ist das ästhetische Pendant zum „Girlboss“: stark, sexy, systemkonform. Doch Feminismus – verstanden als politische Bewegung – war nie ein um Gleichberechtigung an der Waffe.
Er war eine Kritik an Herrschaft, an Gewalt, an der Militarisierung des Lebens. Von der proletarischen Arbeiterinnenbewegung um Clara Zetkin bis zur Friedensbewegung der 1980er Jahre stand die Frage im Raum: Wie befreien wir uns von der Logik des Krieges, nicht durch sie?
Die popkulturelle Hypersexualisierung kämpfender Frauen ist darum kein Fortschritt, sondern ein Rückfall – ein Ablasshandel, der die Gewalt mit Glitzer überzieht.
Wenn Feminismus Antimilitarismus heißt, dann heißt es: Nein zur Waffe. Nein zur Kriegslogik. Nein zur Ästhetisierung der Gewalt.
Nicht die Frau mit dem Gewehr ist das Symbol der Emanzipation, sondern die Frau, die es niederlegt. Denn solange die kämpfende Frau nur ein schöneres Bild abgibt, bleibt der Krieg derselbe – nur mit einem anderem Gesicht.
Die bewaffnete Frau, ob in The Woman King, in Gaddafis „Amazonen“-Mythos oder in Popvideos, ist das Paradox unserer Zeit: Objekt der Bewunderung und Beweis der Unterwerfung zugleich. Ein wahrer feministische Akt wäre es, die große Bühne zu verlassen, um gemeinsam auf der Straße gegen imperialistische Kriege zu kämpfen.
Die Rapperinnen OG Lu und Ebow machen es vor: Auf der Zusammen für Gaza Demo am 27.09.2025 traten sie für ein Ende des Genozid, für Humanitäre Hilfe und gegen Waffenlieferungen an Israel vor dem Bundestag auf.