IMI-Analyse 2014/039 - in: ND, 15.12.2014 / AUSDRUCK (Februar 2015)

Wer nichts wird, wird Soldat

Perspektivlosigkeit als Voraussetzung: Über die Motivation junger Menschen, zur Bundeswehr zu gehen

von: Jonna Schürkes | Veröffentlicht am: 15. Dezember 2014

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Der folgende Artikel erschien zunächst in der Ausgabe 4/2014 von „Wissenschaft & Frieden“, die den Schwerpunkt „Soldat“ hatte und wurde dann vom Neuen Deutschland ebenfalls abgedruckt.

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Die Aussetzung der Wehrpflicht im Juni 2011 hat das Rekrutierungsproblem der Bundeswehr verstärkt. Gleichzeitig wird ein neuer Trend erkennbar: Es verpflichten sich vor allem solche Menschen als Soldaten, die befürchten, auf dem zivilen Arbeitsmarkt nicht zum Zuge zu kommen.

Obwohl die sozioökonomische Herkunft der Soldaten sowohl in der Bundeswehr als auch in den Medien und im Bundestag immer wieder Thema ist, werden in Deutschland, anders als in den USA, keine diesbezüglichen Daten veröffentlicht. Das Thema ist für die friedenspolitische und antimilitaristische Arbeit allerdings zu wichtig, als dass man es aufgrund der fehlenden Datenlage einfach beiseite lassen könnte.

Für den vorliegenden Artikel wurden Aussagen von Militärs und Verteidigungspolitikern, Umfrageergebnisse zur Motivation junger Menschen, sich bei der Bundeswehr zu verpflichten, und aufgrund von Anfragen im Bundestag sporadisch veröffentlichte Daten zusammengetragen. Dabei bestätigt sich: In vielen Fällen ist eine gewisse Perspektivlosigkeit Voraussetzung dafür, dass jemand Soldat wird und damit die Gefahren der zunehmenden Auslandseinsätze auf sich nimmt.

Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMS, früher Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr/SOWI), führt seit 2004 regelmäßig Umfragen unter 15- bis 24-Jährigen durch und befragt diese zu ihrer Bereitschaft, Soldat zu werden. Die Umfragen dienen der Bundeswehr in erster Linie dazu, ihre Rekrutierungsstrategien zu verbessern.

Vor allem die Umfrageergebnisse der ersten Jahre zeigten, dass sich ein erheblicher Teil der neu rekrutierten Soldaten aus Angst vor der Arbeitslosigkeit zum Dienst an der Waffe verpflichtete. Die 2005 verabschiedeten Hartz-IV-Gesetze und der durch sie aufgebaute massive Druck v.a. auch auf junge Arbeitslose, jeden Job anzunehmen, wurden von der Bundeswehr genutzt, um Nachwuchs zu rekrutieren.

Auch die jüngste, im Dezember 2013 veröffentlichte ZMS-Studie untersucht, wie viele Jugendliche sich vorstellen können, eine Mannschaftslaufbahn bei der Bundeswehr einzuschlagen. Hier sind die Umfrageergebnisse nicht mehr so eindeutig wie in den Studien zuvor. Vermutlich haben Jugendliche heute weniger Angst, keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden. Nun erwägen offenbar vor allem Jugendliche ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss, Soldat zu werden.

Als Gründe für ein grundsätzliches Interesse an einer Laufbahn bei der Bundeswehr werden vor allem »Gesichertes Einkommen«, »Neues Lernen/Erfahrungen sammeln«, »Sicherer Arbeitsplatz/Ausbildungsplatz«, »Wenn in der freien Wirtschaft kein Ausbildungsplatz zu finden ist« genannt. Die Auslandseinsätze hingegen sind mit Abstand das wichtigste Argument, kein Soldat zu werden, gefolgt von »Widerspricht (z.B. religiösen) Überzeugungen« und »Andere berufliche Pläne, Zeitverlust«.

Die jüngsten Umfrageergebnisse bestätigen damit das Bild, das bereits die Vorgängerstudien gezeichnet haben: Es zeigt sich, »dass die Streitkräfte als Arbeitgeber vor allem für diejenigen in Frage kommen, die geringe sonstige berufliche Chancen besitzen. Umgekehrt verfügen die allermeisten, die für sich eine Tätigkeit in den Streitkräften ausschließen, über ihnen geeigneter erscheinende Möglichkeiten. Die Jugendlichen, die bereits eine Ausbildung oder einen Beruf haben, der ihnen zusagt, entwickeln in der Regel kein Interesse am Soldatenberuf. Zugespitzt formuliert heißt das: Wer berufliche Alternativen hat, geht nicht zur Bundeswehr«, so beschreiben es Nina Leonhardt, Dozentin an der Führungsakademie der Bundeswehr, und Heiko Biehl, Leiter des Forschungsbereichs Militärsoziologie am ZMS.

Sowohl diejenigen, die sich gegebenenfalls als Soldat auf Zeit verpflichten würden, als auch diejenigen, die sich für den Freiwilligen Wehrdienst (FWD) entscheiden, tun dies nicht unbedingt, weil sie von der Sinnhaftigkeit eines Militärdienstes überzeugt sind: Sobald sich eine zivile Alternative bietet, springen viele wieder ab.

Der FWD, der 2011 mit der Aussetzung der Wehrpflicht geschaffen wurde, gilt der Bundeswehr als wichtiges Instrument, um ausreichend Nachwuchs zu gewinnen. Ursprünglich sollten jedes Jahr mehr als 12 000 Freiwillige rekrutiert werden, die sich für sechs bis 23 Monate verpflichten und, anders als Wehrpflichtige, auch in den Auslandseinsatz geschickt werden. Im ersten Jahr des FWD bewarb sich tatsächlich die angestrebte Zahl junger Menschen für den Dienst, was vorwiegend auf die doppelten Abiturjahrgänge zurückzuführen war. Seitdem sind die Bewerberzahlen deutlich geringer.

Innerhalb der ersten sechs Monate können die Freiwillig Wehrdienstleistenden (FWDL) die Bundeswehr jederzeit wieder verlassen. Von dieser Möglichkeit machten seit Beginn des Dienstes mehr als 25 Prozent Gebrauch. Als Grund für ihren Weggang gaben 34 Prozent an, zwischenzeitlich eine zivilberufliche Alternative, zum Beispiel eine Ausbildungsstelle oder einen Studienplatz, gefunden zu haben. Auch FWDLer, die die Probezeit schon hinter sich haben, tendieren dem Bericht des Wehrbeauftragen zufolge dazu, aus der Bundeswehr auszusteigen, wenn sich ihnen eine Alternative bietet. Am FWD zeigt sich, wie schwer der Bundeswehr die Rekrutierung von Nachwuchs fällt. Aus diesem Grund hat das Verteidigungsministerium die angestrebte Zahl der FDWLer inzwischen auf 5000 gesenkt.

In der Hoffnung, wenigstens jene Jugendlichen rekrutieren zu können, die arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind, kooperiert die Bundeswehr seit Jahren eng mit den Arbeitsagenturen. So unterzeichneten die Bundeswehr und die Bundesagentur für Arbeit (BA) im Februar 2010 ein Abkommen, in dem sie vereinbarten, »durch Optimierung der Kommunikationsmöglichkeiten zwischen der Wehrdienstberatung und den personalwerblichen Zielgruppen über die BA die Rahmenbedingungen zur Personalgewinnung für die Bundeswehr zu verbessern«.

Kurz gesagt: Die Arbeitsagenturen sollen die Bundeswehr aktiv bei der Rekrutierung unterstützen. Dazu soll zum einen die Präsenz der Bundeswehr in den Arbeitsagenturen weiter erhöht werden, zum anderen sollen Angestellte der Arbeitsagenturen von der Bundeswehr im Rekrutieren fortgebildet werden. So besuchten 2014 Mitarbeiter der Arbeitsagenturen in Baden-Württemberg eine Kaserne, um sich »hautnah, sogar mit Waffenschau, über berufliche Perspektiven, die die Bundeswehr bieten kann«, zu informieren.

Die enge Kooperation zwischen Bundeswehr und Arbeitsagenturen zeigt sich auch in Personalfragen: So wurde die Kooperationsvereinbarung von Seiten der Bundesagentur von ihrem Chef Frank Jürgen Weise unterzeichnet.

Weise war zum damaligen Zeitpunkt auch Vorsitzender der Strukturkommission der Bundeswehr, die im Auftrag des Verteidigungsministeriums die Strukturreform der Bundeswehr vorbereiten sollte. Mit der Abschaffung der Wehrpflicht wurden auch die Kreiswehrersatzämter geschlossen und 110 ständige und mehr als 200 mobile Karriereberatungsbüros eingerichtet. Mindestens in 18 Städten befinden sich die ständigen Karriereberatungsbüros in denselben Gebäuden wie die Arbeitsagenturen. Auch die mobilen Beratungsbüros bieten regelmäßig Informationsveranstaltungen in den Räumen der Arbeitsagenturen an, die diese aktiv bewerben.

Geht es nach dem Willen des Bundespräsidenten Joachim Gauck und der aktuellen Bundesregierung, wird die Bundeswehr in Zukunft noch mehr Soldaten in Kriegseinsätze schicken. Die Frage, warum junge Menschen in diese Kriege ziehen, ist zu wichtig, um ihre Beantwortung alleine der Bundeswehr zu überlassen.

Denn auch wenn Michael Wolffsohn, ehemals Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München, für seine Aussagen, der Bundeswehr drohe eine »Ossifizierung« und aus dem Staatsbürger in Uniform werde das »Prekariat in Uniform«, sowohl vom damaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière als auch vom Bundeswehrverband massiv Schelte bekam, besteht im Militär erkennbar ebenfalls die Sorge, nur noch jene rekrutieren zu können, die in der »freien Wirtschaft« keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz bekommen.

Dabei geht es einerseits um die Befürchtung, langfristig nicht genug Soldaten rekrutieren zu können; es geht der Militärelite aber auch um das Ansehen ihres Berufsstandes: »Die Befürchtung, es könne am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala eine selektive Wehrpflicht wirksam werden, die insbesondere sozial und wirtschaftlich Schwächere in die Streitkräfte drängt, treibt nicht zuletzt die Militärelite um, die befürchtet, eine solche Entwicklung […] gefährde ihr soziales Standing.«

Die Friedens- und antimilitaristische Bewegung weist immer wieder darauf hin, dass die Realität des Soldaten Krieg ist und die Bundeswehr ihr Versprechen vom »sicheren Arbeitsplatz« nicht hält. Dabei muss sie enger mit Arbeitsloseninitiativen und anderen Gruppen, die gegen die Prekarisierung in Deutschland kämpfen, zusammenarbeiten. Denn solange es Menschen gibt, die sich als Soldat verpflichten, um der Arbeitslosigkeit und dem Druck durch die Arbeitsagenturen zu entgehen, solange wird es genügend Nachwuchs für die Kriegseinsätze der Bundeswehr geben.

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