IMI-Standpunkt 2014/065

Die Kirche und das Militär

von: Jonathan Gerlinger | Veröffentlicht am: 2. Dezember 2014

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Die großen Kirchen in Deutschland arbeiten in verschiedenen Bereichen mit dem Militär zusammen. Zum Beispiel finden in jedem Jahr etwa 50 Militärmusik-Adventskonzerte in Kirchen statt.[1] Die Militärmusikkorps der Bundeswehr spielen dann weihnachtliche Melodien. Die Einnahmen gehen an kirchlich-soziale Projekte. Ein zweites Beispiel ist die Militärseelsorge. Es gibt in Deutschland etwa 200 Stellen für Militärpfarrer/innen.[2] Die Militärpfarrer/innen werden bei ihrer Anstellung vom MAD überprüft, sie haben ihre Büros in Kasernen und werden vom Militär bezahlt. Als „Bundesbeamte auf Zeit“ benutzen sie Email-Adressen der Bundeswehr, fahren Dienstwagen der Bundeswehr oder werden von Soldat/innen gefahren. Sie tragen im Manöver, im Ausland und auf Kriegsschiffen militärische Kleidung. Das Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) lässt sich die Zusammenarbeit mit der Kirche einiges kosten. Die Militärseelsorge, die vom BMVg organisiert und bezahlt wird, kostet den Steuerzahler pro Jahr etwa 30 Mio. Euro. Die Militärmusik in Kirchen kostet pro Jahr 1-2 Mio. Euro.[3]

Neben Militärkonzerten und der Militärseelsorge gibt es weitere Formen der Zusammenarbeit. Eine davon ist das Schweigen. Die Kirchen schweigen zu den Kreuzen, die auf den Panzern, Kriegsschiffen und Kriegsflugzeugen der Bundeswehr zu sehen sind. Auch schweigen die Kirchengemeinden oft zu den Rüstungsfirmen, die sich in der Nähe der Gemeinden befinden.[4]

Neben dem Schweigen gibt es auch die Zweigleisigkeit: Die großen Kirchen unterstützen zwar Kriegsdienstverweigerer, aber finden auch den „Dienst mit der Waffe“ in Ordnung. Zwar stellt man strenge Kriterien auf, wann Kriege erlaubt sind, aber am Ende stimmt man dem Krieg doch zu. Zwar setzt man sich für Rüstungskonversion ein, aber viel weniger deutlich als erforderlich und möglich.

Eine Verbindung zwischen Militär und Kirche existiert schließlich auch in den kirchlichen Akademien und Friedensforschungsinstituten. In den Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD) wird von 2012 bis 2015 das Dialogprojekt „Dem Frieden der Welt zu dienen…“ durchgeführt. Dieses Projekt wird von der Militärseelsorge unterstützt und begleitet.[5] Eine Schlüsselposition im Gespräch zwischen Kirche und Militär nimmt auf katholischer Seite das „Institut für Theologie und Frieden“ (ithf) in Hamburg ein, auf evangelischer Seite die „Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft“ (FEST) in Heidelberg. Die Vertreter/innen der Kirchen sagen hier selten ein klares „Nein!“ zu Militär, Rüstung und Krieg. Stattdessen lässt man sich auf Diskussionen über Schutzverantwortung, drohende Genozide und UN-Mandate ein. Man entwickelt eine neue Sprache und spricht nicht mehr vom gerechten Krieg, sondern vom „gerechten Frieden“. Man spricht nicht von Machtinteressen, sondern von Schutzverantwortung. Man spricht nicht mehr von Krieg oder militärischer Intervention, sondern von „just policing“.[6]

Militärfreundliche Bibelauslegung

Seit etwa 1.700 Jahren arbeiten Kirche und Militär zusammen. Dies prägt auch die Auslegung der Bibel. Militärkritische Aussagen der Bibel werden unterdrückt. Die Bergpredigt Jesu gelte nur für das Privatleben und nur für besondere Menschen. Das Reich Gottes, von dem Jesus von Nazareth oft gesprochen hat, existiere nur im Herzen der Christen, in der fernen Zukunft oder im Himmel. Lutherische Theologen sprechen zudem von den „zwei Schwertern“ oder „zwei Reichen“: Im Reich des Glaubens regiere Gott ohne Gewalt. Aber im Reich der Welt müsse Gott auch mittels Polizei und Militär regieren. Der Mensch sei und bleibe ein Sünder, und man könne die Sünde oft nur mit Gewalt nieder halten. Es gebe in dieser Welt, die voll von Gewalt ist,[7] manchmal keine andere Möglichkeit, als Gewalt anzuwenden. Gerne spricht man in den großen Kirchen auch vom Dilemma: Wenn ein Genozid droht, können wir entweder eingreifen oder nicht eingreifen, wir werden so oder so schuldig; aber – Gott sei Dank – Jesus Christus hat unsere Schuld auf sich genommen. Man bezieht sich dabei gerne auf Dietrich Bonhoeffer.

Fast vergessene Ursprünge

Die Propheten des Alten Testaments haben bereits im 8. Jh. v. Chr. ein Friedensreich vorausgesagt: Eines Tages wird man alle Schwerter zu Pflugscharen umschmieden. Dann wird niemand mehr lernen, Kriege zu führen. Eines Tages werden alle Uniformen und alle Soldatenstiefel vernichtet. Dies wird nicht weit entfernt „im Himmel“ geschehen, sondern auf dieser Erde.[8]

Christen glauben: Jesus Christus ist der Friede-Fürst, mit dem das verheißene Friedensreich beginne. Die neue Zeit sei geprägt von Gastfreundschaft, vom Miteinander-Teilen, von Vergebung und von Gewaltfreiheit. Jesus hat in der Überzeugung gelebt, diese neue Zeit würde bereits anbrechen, mitten in der alten Zeit, die von Gewalt geprägt ist. Jesus hat sich und seine Schüler als die ersten Bewohner dieses Friedensreiches verstanden. Er selbst hat bis zum Ende gewaltlos gelebt.[9] Seinen Schüler/innen hat er gesagt, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie angegriffen werden: Wenn dich jemand auf eine Wange schlägt, dann lass dich nicht klein kriegen, sondern halte ihm auch die andere Backe hin.[10] Wenn dich ein Soldat zwingt, sein Gepäck eine Meile zu tragen, dann trage sein Gepäck zwei Meilen; damit der Soldat in Schwierigkeiten kommt, denn der Soldat durfte nach römischem Recht einen Einheimischen nur zwingen, das Gepäck eine Meile zu tragen, nicht zwei Meilen.

Jesus hat die Friedens-Stifter seliggepriesen. Die ersten Christen haben das verstanden. Die Kirche hat in den ersten 200 bis 300 Jahren das Militär abgelehnt. Ein Soldat, der zum Militär ging, wurde aus der Gemeinde ausgeschlossen:

„Ein Soldat, der unter Befehl steht, soll keinen Menschen töten. Erhält er dazu den Befehl, soll er diesen nicht ausführen, auch darf er keinen Eid leisten. Ist er dazu nicht bereit, soll er abgewiesen werden. […] Der Katechumene wie auch der Gläubige, der Soldat werden will, muss abgewiesen werden, weil er Gott verachtet hat.“[11]

Mit Kaiser Konstantin (4. Jh.) hat sich dies geändert. Thron und Altar, Kirche und Militär arbeiten seitdem zusammen. Nur am Rand der Kirche gab es weiterhin Kritik an Krieg und Gewalt. Martin von Tours (4. Jh.) hat gegenüber Kaiser Julian den Kriegsdienst verweigert.[12] Franz von Assisi (12. Jh.) hat sich für Armut und Gewaltfreiheit eingesetzt. Die Täufer (16. Jh.) haben den Militärdienst abgelehnt.[13] Die historische Friedenskirchen (Mennoniten, Quäker, Hutterer) lehnen bis heute den Kriegsdienst ab. Der „Friedenshetzer“ Pfarrer Otto Umfrid (1857-1920) hat gegen Aufrüstung und Krieg gekämpft. Die friedliche Revolution (1989) wurde entscheidend von Christen geprägt.

Auch in der Liturgie der Kirchen finden sich Spuren des ursprünglichen Friedensauftrages. Es gibt zahlreiche Gebete, Lieder und Segenswünsche, in denen sich die Sehnsucht nach Frieden ausdrückt. Zur Feier der Eucharistie (des Abendmahls) gehört auch der Friedensgruß. Weihnachten gilt als „Fest des Friedens“. Auch die Tatsache, dass Theologie-Studenten nicht zum Militär eingezogen wurden, hat seinen Grund in der Erinnerung, dass Christen keinen Krieg führen sollten.

Was man tun kann – und erste Erfolge

Gegen die Zusammenarbeit der Kirche mit dem Militär gibt es zahlreiche Handlungsmöglichkeiten: Man kann zum Beispiel vor Kirchen, in denen Militär-Konzerte stattfinden, protestieren. In Freiburg im Breisgau hatten solche Proteste nach drei Jahren Erfolg.[14] Die Leitung der Kirchengemeinde hat sich mit Vertreter/innen der Friedensbewegung an einen Tisch gesetzt. Ergebnis: Ab 2014 gibt es in der St.-Barbara-Kirche keine Militär-Advents-Konzerte mehr. Der zuständige Pfarrer und die Bundeswehr waren „genervt“ von den Demonstrationen. Außerdem sei ohnehin das zuständige Militärmusikkorps Karlsruhe gerade aufgelöst wurden. Dies war die offizielle Erklärung.

In den Jahren 2012 und 2013 wurden zudem zwei Initiativen gegründet, die sich mit dem Verhältnis Kirche-Militär beschäftigen: Die „Ökumenische Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge“ (www.militaerseelsorge-abschaffen.de) und die Initiative „Musiker/innen gegen Auftritte der Militärmusikkorps“ (www.musiker-gegen-militaermusik.de).

Im Gespräch mit Kirchenvertretern schließlich kann man auf die pazifistischen Ursprünge der Kirche hinweisen. Und auf die pazifistischen Reden und Taten ihres Gründers. Nötig ist eine Rückbesinnung auf diese Ursprünge. Dass die Kirche dann eventuell Mitglieder und Privilegien verlieren würden, wäre der Preis.

 

Im Mai 2015 erscheint: Wolfram Beyer (Hg.), Militär & Musik – Denkschrift zur Abschaffung der Militärmusikkorps, IDK-Schriftenreihe, 4. Band, www.idk-berlin.de, ISBN 978-3-9816536-2-5.

 

Anmerkungen

[1] Im übrigen Jahr gibt es 10-15 Militärkonzerte in Kirchen. Des Öfteren tritt die Bundeswehr-Bigband auch bei Kirchentagen auf, wie z.B. beim „Abend der Begegnung“ des Deutschen Evangelischen Kirchentages (DEKT) in Hamburg am 1.5.2013.

[2] Es sind auf evangelischer und auf katholischer Seite jeweils 100 Stellen. Auf evangelischer Seite gibt es auch Militärpfarrerinnen. Auf katholischer Seite kann wegen des Priestermangels ein Teil der Stellen nicht besetzt werden.

[3] Die letzten verfügbaren Zahlen sind aus dem Jahr 2010: Bundestagsdrucksache 17/715 (2009: 16/12038).

[4] Dem Autor ist keine Kirchengemeinde bekannt, die offen über ortsansässige Rüstungsfirmen spricht und zu diesen Firmen recherchiert.

[5] Dieses Dialogprojekt umfasst insgesamt etwa 20 Tagungen, verteilt auf mehrere evangelische Akademien in Deutschland. Auch nicht-öffentliche Treffen gehören zum Programm. Im Projektflyer steht, dieses Dialogprojekt finde statt „Unterstützt von und in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Militärseelsorge.“

[6] Dieser Begriff wurde in einem mehrjährigen Gespräch von Mennoniten und Katholiken in New York entwickelt (www.geraldschlabach.net/2007/03/29/just-policing-not-war-an-alternative-response-to-world-violence/). Die EKD befürwortet das militärische Eingreifen gegen die IS-Kämpfer im Irak als „just policing“ (EKD-Stellungnahme „UN-Mandat für Einsatz gegen IS-Terror Schutz von Flüchtlingen hat höchste Priorität“, Hannover 2014).

[7] Der theologische Begriff lautet „gefallene Schöpfung“, so heißt die Welt nach dem Sündenfall.

[8] Die „Theologie der Befreiung“ betont dies, gegen die traditionelle Theologie. Vgl. auch Jesaja 9, Jesaja 11 und Micha 4. Das erwartete Friedensreich umfasst auch die Natur.

[9] Häufig wird gesagt, Jesus habe Händler und Geldwechsler mit Gewalt aus dem Tempel gejagt. Das kann aber nicht sein, denn sonst wären innerhalb kürzester Zeit die Tempelwächter eingeschritten.

[10] Vgl. Matthäus 5, Lukas 6.

[11] Dieser Text stammt aus der „Traditio Apostolica“, einen frühchristlichen Gemeindeordnung, formuliert um 200 als Anforderung an die Taufbewerber, zitiert bei Wilhelm Geerlings: Die Stellung der vorkonstantinischen Kirche zum Militärdienst, 1989, S. 17f.

[12] Bekannt ist Martin von Tours als „Sankt Martin“. „Des Sulpicius Severus Schriften über den hl. Martinus…“ in: Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 20, Kempten; München 1914, Kapitel 4.

[13] Zum Beispiel Michael Sattler. Er und seine Frau wurden 1527 in Rottenburg grausam hingerichtet.

[14] Dieser Abschnitt beruht auf den Aussagen von zwei Mitgliedern der Friedensbewegung, die an dem Gespräch teilgenommen haben. Vgl. auch Friedensforum Freiburg, 24. Mai 2014: Bundeswehrkonzert in der St. Barbara Kirche, www.fffr.de/?p=2111.

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