IMI-Standpunkt 2014/062

Interview direkt an der türkisch-syrischen Grenze

von: Bolle Selke / Tobias Pflüger | Veröffentlicht am: 31. Oktober 2014

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IMI-Vorstand Tobias Pflüger ist auf Einladung der Demokratischen Partei der Völker in die Gegend um Kobane gereist, um sich ein Bild der Lage zu machen. Hier ein direkt vor Ort mit ihm geführtes Interview:


Herr Pflüger, Sie sind auf Einladung der Demokratischen Partei der Völker in die Gegend um Kobane gereist. Wie sieht Ihr Programm aus?

Wir haben zuerst einmal in Diyarbakir mit einer Reihe von Organisationen gesprochen, unter anderem der DPD, der Partei der Regionen, mit einer der Bürgermeisterinnen und mit dem Verantwortlichen der ganzen kurdischen Gemeinden in der Region, was auch ein sehr erhellendes Gespräch war. Es wurde sehr deutlich, dass der türkische Staat sagt, dass er sehr viel für Flüchtlinge tut, aber in Realität ist es so, dass das die ganzen kurdischen Gemeinden eigenständig organisieren, eigenständig finanzieren und das alles quasi selber machen. Im Moment ist gerade keinerlei internationale Hilfe da. Meiner Ansicht nach ein skandalöser Zustand, der ganz dringend beendet werden muss. Es sind ungefähr hunderttausend Flüchtlinge und davon sind nur ungefähr sechstausend in einem sogenannten staatlichen Flüchtlingscamp von der türkischen Regierung, alle anderen sind quasi selbst organisiert. Das waren die Treffen die wir gestern hatten. Heute sind wir nach Suruç gefahren, zu der türkisch-syrischen Grenze, und wenn wir jetzt ein Video hätten könnte man sehen, dass ich gerade einen Kilometer von der Grenze entfernt bin und der Rauch drüben von Kobane aufsteigt. Wenn die Personen hier im Hintergrund ruhig wären, würde man sogar auch den Gefechtslärm hören. Also direkt an der Grenze und es ist auch einfach sehr wichtig hier mal einen direkten Eindruck von der Situation vor Ort zu haben.

Sie haben ja schon einige Eindrücke geschildert. Gibt es noch weitere spannende Eindrücke die Sie bis jetzt gesammelt haben abgesehen von den Gesprächen?

Ich glaube, es ist einfach sehr wichtig, dass die Bevölkerung hier vor Ort in Suruç, aber auch in Diyarbakir sehr, sehr wütend über das Verhalten der türkischen Regierung ist, weil ja hier offensichtlich eine Zusammenarbeit mit dem IS stattfindet und das Schlimme, wenn man das quasi auf die Bundespolitik nimmt ist, dass die Bundesregierung hier keinerlei Anlass sieht die türkische Regierung zu kritisieren, und ich glaube es wäre ganz dringend notwendig, dass die Bundesregierung eine Position einnimmt die zum Beispiel Hilfe für die Flüchtlingscamps der kurdischen Gemeinden organisiert, also direkte Hilfe dort gibt und gleichzeitig auch eine deutlichere, kritischere Position einnimmt gegenüber dem was die türkische Regierung hier macht. Das ist Beihilfe zur unterlassenen Hilfeleistung und die Bundesregierung macht sich quasi mitschuldig, wenn nicht endlich ein Korridor für Flüchtlinge hier aufgemacht wird. Da wäre es möglich, dass die Bundesregierung deutlich mehr Druck auf die türkische Regierung ausübt, als das bisher der Fall ist.

Konnten Sie auch persönliche Gespräche mit Betroffenen des Krieges führen und auf welche Ängste und Sorgen sind Sie denn da gestoßen?

Ja, wir waren in einem Flüchtlingscamp, was zum Teil einfach erbärmlich aussieht, weil auch keine entsprechende Infrastruktur vorhanden ist. Wir haben auch mit Menschen gesprochen die relativ frisch aus Kobane und den umliegenden Dörfern geflohen sind und die sagen, es ist einfach nach wie vor so, dass vor Ort Gefechte laufen, auch wenn das jetzt nicht mehr in der Intensität ist wie in der früheren Phase. Sehr wichtig ist den Flüchtlingen mit denen wir gesprochen haben, dass die Situation in der sie sind öffentlich wird, und dass öffentlich gemacht wird, wie sich hier die türkische Regierung (und die Bundesregierung) verhalten, weil sehr viele der Flüchtlinge sagen, wir erwarten eigentlich, dass tatsächlich jetzt Hilfe organisiert wird und dass ist eigentlich durchgängig bei den verschiedenen Gesprächen die wir hatten, immer wieder offensichtlich geworden.

Also die Forderung nach Hilfe ist anscheinend der vorherrschende Tenor, gab es denn auch Forderungen nach Bodentruppen?

Nein, das wurde interessanterweise bisher noch von niemandem Angesprochen. Was es gibt, sind Forderungen nach Waffen für die Kämpfer die in Kobane sind, aber die Forderungen nach Bodentruppen oder so etwas, dass hatten wir bisher noch nicht. Das ist glaube ich auch, wenn man sich die Situation Vorort anguckt, nicht der Punkt, sondern es ist tatsächlich so, dass erstens den Menschen geholfen werden muss und zweitens dieser Korridor, durch den die Flüchtlinge raus kommen können, endlich eingerichtet werden muss. Wir haben ein Gespräch mit einem Arzt gehabt und der sagt, als sie dann zuletzt irgendwie versorgen wollten, sind sie mitten rein in den Tränengasnebel, und da ist es ganz, ganz dringend notwendig, dass da tatsächlich die Flüchtlinge raus kommen können und gleichzeitig ist es klar, dass denjenigen die da kämpfen einfach geholfen werden muss. Jetzt ist auch interessant, dass die Peschmerga Kämpfer, die sich hier irgendwo befinden sollen, offensichtlich im Moment nicht rein dürfen. Das ist ein offensichtliches geopolitisches Spiel das hier läuft und es wird einfach deshalb nicht geholfen, weil es offensichtlich ja eine Region ist, die in kurdischer Selbstverwaltung ist, und da scheint keiner von den westlichen Staaten ein großes Interesse dran zu haben, dass sich diese Modell richtig entwickelt.

Die Türkei hatte ja eigentlich zugesichert, dass die Peschmerga-Kämpfer nach Kobane einreisen dürfen, oder nicht?

Ja, es gab die Zusicherung, im Moment ist es so, dass das noch nicht der Fall ist, also sie sind irgendwo Vorort, aber sie dürfen im Moment nicht rein, es kann sein, dass das noch irgendwann passiert, aber im Moment ist es so, dass sie nicht rein dürfen.

Eine Forderung nach Waffen gibt es, Waffen werden schon von der Bundesregierung als Unterstützung geliefert, allerdings auch nur an die Peschmerga im Irak und nicht an die PKK beziehungsweise die PYD, die ja in Kobane verteidigen, wie beurteilen Sie dieses Vorgehen der Bundesregierung unter den Eindrücken die Sie jetzt gesammelt haben?

Mein Eindruck ist, das ist scheinheilig. Man hat sich einfach einen Verbündeten mit dem man schon immer zusammen gearbeitet hat, nämlich Barzani und die DPK, heraus gesucht. Die spielen aber jetzt in der ganz konkreten Situation hier im Moment praktisch keine Rolle. Was ganz zentral ist, ist dass zum Beispiel im deutschen Kontext, die PKK als terroristische Organisation eingestuft ist, und es ist offensichtlich so, dass sie sowohl hier geholfen hat, als auch in Kobane hilft und deswegen wäre dringend eine Aufhebung des PKK-Verbots nötig. Das wurde auch immer wieder angesprochen, und da ist die Bundesregierung ganz zentral innerhalb der Europäischen Union, dass das endlich passiert.

Quelle: Stimme Russlands

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