IMI-Standpunkt 2014/030

»Kurze chirurgische Schläge«

Bericht von einer leider wohl symptomatischen Ukraine-Veranstaltung

von: Christian Harde | Veröffentlicht am: 17. Juni 2014

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Am 3. Juni 2014 richteten Institute der Universität Tübingen unter Beteiligung des SFB 923 »Bedrohte Ordnungen«1 und der Landeszentrale für politische Bildung ein Podium zum aktuellen Konflikt in der Ukraine aus.

In Übereinstimmung mit der Mainstream-Berichterstattung2 machten alle Vortragenden die Moskauer Führung für die Krise verantwortlich.  Westliche Interessen spielten für die Genese des Konflikts keine Rolle.  Faschistische Gefahr und Antisemitismus in der Ukraine würden maßlos von der russischen Propaganda übertrieben.  Denn, so meinte Professor Karl Schlögel, es gäbe schließlich ein blühendes jüdisches Leben: Dnepropetrowsk sei das »Brooklyn der Ukraine«.  Was in Odessa am 2. Mai 2014 vorgefallen sei, werde von staatlicher Seite sehr genau untersucht, doch solange der Bericht darüber nicht vorläge, sei jedes Urteil verfrüht.  Von einem Massaker mochte Schlögel nicht sprechen.

Was das EU-Assoziierungsabkommen für die ukrainische Gesellschaft bedeuten und welche negativen Folgen es zeitigen könnte, wurde nicht analysiert.

Dr. Benno Ennker bestritt, dass es einen Staatsstreich gegeben hätte und wollte die Rolle der Oligarchen lediglich als »ambivalent« charakterisieren.  Der – allerdings russische – Oligarch Chodorkowskij habe eine hervorragende Rolle gespielt, um russische und ukrainische Intellektuelle zusammenzubringen.  Von den Privatarmeen der ukrainischen Oligarchen war keine Rede.

Inzwischen hat das Tübinger Uniradio einen Bericht3 über die Veranstaltung gesendet.  Wie problematisch die Sicht des Podiums auf den Konflikt war, wird in dem Audiobeitrag nicht ausreichend deutlich.

Schlögel hat in diesem Jahr die Ukraine zweimal besucht und berief sich in methodischer Hinsicht auf seine langjährige Erfahrung als reisender Beobachter.  An sich herrsche im Land Normalität (»die Züge fahren pünktlich«).  Bloß in der Ostukraine hätten fremde »Terroristen und Banditen« Städte wie Donezk unter ihre Kontrolle gebracht.  Weil die Ukraine selbst nicht dazu in der Lage sei, wünschte (!) er sich »kurze chirurgische Schläge« des Westens gegen die Aufständischen in der Ostukraine.  Denkbar sei auch der Einsatz westlicher Antiterrorkräfte.  Dagegen lobte er die Gesprächsatmosphäre auf der von Timothy »Bloodlands« Snyder4 organisierten Polit-Konferenz »Thinking Together«5 an der prowestlichen Mohyla-Akademie.

In Kiew (»the place to be«) entstünde nun eine neue, westlich orientierte russische Zivilisation mit liberalen Verlagen und Intellektuellen, die aus dem repressiven Russland Putins in die Ukraine ›fliehen‹.  Es sähe so aus, als ob die Ukraine das »Erbe der Kiewer Rus« anträte.  Da die Putinsche Führung überfordert und unfähig sei, da ihr es leichter gefallen sei, den Konflikt mit der Ukraine zu provozieren und die Krim zu »annektieren« als eine Autobahn von Moskau nach St. Petersburg zu bauen, dürfe der Westen nicht abwarten, sondern müsse die Ukraine für sich gewinnen, bevor es »zu spät« wäre.

Eine Diskussion war nicht vorgesehen.  Wenige, kurze Nachfragen waren gestattet, Kommentare unerwünscht. Eine Frage aus dem Publikum zur Zusammensetzung und nach der Ausrichtung des Podiums wurde als unzulässige Herabwürdigung der Podiumsteilnehmer gewertet, deren Expertise für die Ukraine über allen Zweifel erhaben sei.

Nachtrag: Nun will die NATO, weil sie von Russland angeblich als »Feind«6 betrachtet werde, die Ukraine aufrüsten.  Faschistische Symbole wie Haken- und Keltenkreuze, Flaggen und Losungen7 waren bei dem Angriff auf die russische Botschaft in Kiew8 zu sehen und zu hören.  Derweil nannte »Ministerpräsident« Arsenij Jazenjuk die Ostukrainer »Untermenschen« und forderte eine ethnische (?) »Säuberung« der Ukraine.9 – Um auf die Tübinger Veranstaltung zurückzukommen: Was die Osteuropaforschung angeht, sind ähnlich nachdenkliche, zu Perspektivenwechsel und Deeskalation mahnende Stimmen wie die von Stephen F. Cohen10 hierzulande bislang nicht hervorgetreten.

 

Anmerkungen

1 http://www.uni-tuebingen.de/aktuelles/pressemitteilungen/newsfullview-pressemitteilungen/article/veranstaltungsankuendigung-ukraine-im-aufruhr-die-euroevolution-und-die-bedrohung-der-staatlich.html

2 Vgl. http://uacrisis.org/– Ein früher kritischer Beitrag über das »Ukraine Crisis Media Center« und seine Rolle bei der Meinungslenkung findet sich hier: http://www.freitag.de/autoren/lapple08m214/zdf-skandal-berichte-im-auftrag-kiews

3 http://horaz.uni-tuebingen.de:8000/uniradio/aktuell/08-06-14/10-00-00.mov– Der Beginn des Berichts findet sich ungefähr kurz vor der Hälfte des Verlaufsbalkens vom Mediaplayer.

4 Timothy Snyder: Bloodlands.  Europe between Hitler and Stalin.  London 2010.

5 http://www.spiegel.de/international/europe/experts-discuss-what-ukraine-crisis-means-for-future-of-europe-a-971032.html

6 http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-konflikt-nato-chef-beklagt-feindselige-haltung-russlands-a-975316.html

7 http://rt.com/news/165952-ukraine-russia-embassy-protest/

8 http://www.svoboda.org/content/article/25422392.html

9 http://www.liveleak.com/view?i=fb1_1402843212– Offenbar wurde mittlerweile der Wortlaut geändert: statt von »subhumans« ist nun von »inhumans« (etwa: Unmenschen) die Rede: http://usa.mfa.gov.ua/en/press-center/news/24185-mi-uvichnimo-pamjaty-gerojiv-ochistivshi-nashu-zemlyu-vid-nechistiarsenij-jacenyuk-u-spivchutti-ridnim-i-blizykim-zagiblih-vojiniv-u-lugansyku

10 http://rt.com/shows/big-picture/165916-cohen-iraq-ukraine-soviet/

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