Quelle: Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. - www.imi-online.de

IMI-Analyse 2012/028 - in: AUSDRUCK (Februar 2013)

Rüstungsindustrie in Bayerisch-Schwaben – Von Hubschraubern und Tasmanischen Tigern

Thomas Mickan (19.12.2012)

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Bei diesem Text handelt es sich um die Verschriftlichung eines Vortrages für die Tagung: Bayern unter Waffen! Wirtschaft ohne Rüstung – geht das?, gehalten in Nürnberg, am 24.11.2012

Im September 2012 berichtete die Zeitung Augsburger Allgemeine im Donauwörther Lokalteil: „40.000 Besucher: Familientag bei Eurocopter“.[1] Das waren mehr als doppelt so viele Menschen, wie die Stadt Donauwörth selbst Einwohner_innen hat, und fast zehnmal so viele, wie in diesem Werk der EADS-Tochter Eurocopter arbeiten. Hubschrauber und das Fliegen begeistern offensichtlich die Menschen, und Eurocopter gibt den Menschen und ihren Familien Arbeit in Donauwörth und der Region. Bei Eurocopter werden zivile Hubschrauber für die Luftrettung gebaut, für den ADAC oder für die Bekämpfung von Bränden. Diese Herstellung ziviler Hubschrauber macht nach Angaben der Firma 55 Prozent des Umsatzes aus (Stand: 2012/9-month Earnings). Eurocopter ist damit eine der, wenn nicht die international führende Firma auf dem Gebiet ziviler Hubschrauber. Weltweit werden dafür zahlreiche Zweigstellen und Werke betrieben, Donauwörth ist dabei nach dem Hauptsitz im französischen Marignane das größte von ihnen. Neben dem Verkauf der Hubschrauber tragen etwa zur Hälfte auch Dienstleistungen wie Instandhaltung und Ausbildung zum Gesamtumsatz bei.

Eurocopter baut, verkauft und wartet jedoch auch Kriegsgerät: Hubschrauber, die militärisches Handeln weltweit ermöglichen und die für die heutigen und die kommenden Kriegsszenarien immer mehr zu einer Schlüsselkomponente werden, um Normen und Interessen mit Gewalt durchzusetzen.[2] 45 Prozent des Umsatzes macht dies aus.[3] Bekannteste Militärprodukte sind der Kampfhubschrauber Tiger und der Transporthubschrauber NH90, die auch von der Bundeswehr milliardenschwer angeschafft werden. Im Dezember 2012 wurden die ersten vier Tiger-Hubschrauber in der ASGARD-Version (Afghanistan Stabilization German Army Rapid Deployment) zum Einsatz nach Afghanistan verbracht, im Frühjahr 2013 sollen dann die NH90 folgen.[4] Auch im militärischen Sektor betreibt Eurocopter weltweit Zweigstellen, die für den Vertrieb und die Wartung des militärischen Gerätes zuständig sind – unter anderem auch in China oder mit der Firma Helo Field Services International (HFSI) in Saudi Arabien.[5]

Die weltweite Präsenz von Eurocopter, gerade auch im militärischen Bereich, verdeutlicht die große Bedeutung von Hubschraubern. Sie sollen zum Beispiel in den Augen der Bundeswehr neue Einsatzszenarien ermöglichen, die nicht mehr in der Landesverteidigung zu suchen sind, sondern in weltweiten Einsätzen zur so genannten Krisenbewältigung.[6] Die von 30 auf dem Feld der Luftfahrt führenden Rüstungsfirmen durchgeführte Studie „FAS4Europe“ stellt diese Kapazitäten – neben den Drohnen – als die kommende Schlüsseltechnologie dar, die selbstverständlich große Investitionen erforderten.[7] In Verbindung ist dies zu sehen mit den „Helicopter Initiatives“ der Europäischen Rüstungsagentur (EDA). Dort wird auf europäischer Ebene insbesondere an einer Vereinheitlichung und Zusammenlegung der Besatzungsausbildung gearbeitet, unter anderem mit groß angelegten Militärübungen wie „Hot Blades 12“ in Portugal 2012. Stolz verkündet die EDA dann, dass zwischen 2009-2012 bisher 152 Besatzungen teilgenommen haben, von denen 76 gleich darauf in Afghanistan ihren Einsatz finden konnten.[8] Der NH90 und der Tiger von Eurocopter spielen dabei jeweils eine wichtige Rolle. Der Tiger wird zusätzlich als ein Kooperationsprojekt der Organisation für die Rüstungskooperation (OCCAR) getragen, einer Organisation die unter anderem durch Deutschland ins Leben gerufen wurde, um gemeinsame Rüstungsbeschaffungen zu koordinieren.[9]

Kooperation erfolgt bei Eurocopter aber auch mit anderen Rüstungsfirmen, Universitäten und der Bundeswehr. So wird etwa das Triebwerk des Tigers durch die Münchner Triebwerksherstellerin MTU produziert. Dieses Triebwerk MTR390 ist wiederum Produkt einer Kooperation zwischen Turbomeca und Rolls-Royce.[10] Im Jahr 2009 unterzeichnete Eurocopter einen Kooperationsvertrag mit der Universität Stuttgart.[11] Der am Stuttgarter Institut für Flugzeugbau arbeitende Prof. Dr.-Ing. Peter Middendorf bot deshalb im Sommersemester 2012 beispielsweise in direkter Kooperation mit Eurocopter ein „Hubschrauberseminar“ an.[12] Middendorf arbeitete selbst vorher bei der Wehrverwaltung der Bundeswehr, bevor er zu EADS und Eurocopter und schließlich zur Universität Stuttgart wechselte.[13] Schließlich kooperiert Eurocopter auch direkt mit der Bundeswehr. Dabei sind mindestens 64 Bundeswehrangestellte der „Güteprüfstelle der Bundeswehr Donauwörth“ direkt auf dem Firmengelände von Eurocopter angesiedelt – eine Praxis auch bei anderen Rüstungsfirmen.[14] Zudem existiert noch das ebenso in Donauwörth sich befindliche „Betreuungszentrum Bundeswehrhubschrauber“. Dieses besteht aus Expert_innen der Firma Eurocopter, die an „zahlreichen Bundeswehrstandorten eingesetzt“ werden.[15] In den letzten 20 Jahren ist ihre Anzahl von 69 Mitarbeiter_innen auf 530 angewachsen, ihre Aufgabe war etwa die Rundumerneuerung des Transporthubschraubers CH-53G auf die Version CH-53GA.[16] Diese Praxis der gegenseitigen Vermischung bedarf, auch wettbewerbsrechtlich, bundesweit mehr kritischer Aufmerksamkeit, nicht nur bei Eurocopter.

Die Ausgangslage bei Eurocopter ist aus friedenspolitischer Perspektive problematisch. Die Gründe hierfür liegen zum einen in der Art des Produktes und zum anderen in der starken lokalen Verbundenheit und tiefen Verflechtung mit zahlreichen Zuliefer_innen und weiteren Akteur_innen wie Universitäten, der Politik oder der Bundeswehr begründet. Eurocopter stellt für die zivile Nutzung beispielsweise in Form von Rettungshubschraubern Produkte her, auf die wir alle angewiesen sind und die kaum von einem anderen Unternehmen hergestellt werden können. Zudem sind insbesondere Militärgüter (und deren Export) politischen Entscheidungen vorbehalten, die nur bedingt direkt beeinflusst und kontrolliert werden können. Hubschrauber stellen außerdem sowohl im zivilen (etwa in der Energie- und Rohstoffwirtschaft) als auch militärischen Bereich zukünftige Schlüsseltechnologien dar, es sind wachsende Märkte. Im „Strategic Outlook“ von EADS wird in Bezug auf Eurocopter festgehalten, dass das Unternehmen seine Marktstellung im zivilen Sektor halten soll, und im militärischen diese fokussiert weiter auszubauen sei.[17]

Bevor ich einige abschließende Bemerkungen zur Frage einer Wirtschaft ohne Rüstung verliere, möchte ich der Firma Eurocopter eine zweite Rüstungsfirma in Bayerisch-Schwaben gegenüberstellen: die Dasinger Firma Tatonka. Tatonka stellt Outdoor-Textilien und –Ausrüstung her und ist als Familienunternehmen mit rund 60 Mitarbeiter_innen in Dasing ansässig. Die Fertigung der Taschen, Rucksäcke, Gürtel usw. erfolgt nach eigenen Angaben mit rund 800 Mitarbeiter_innen im Tatonka-eigenen Werk in Vietnam. Die Marke „Tatonka“ stellt dabei das zivile Gesicht der Firma dar. Im Internetauftritt und den aktuellen Katalogen der Firma wird unter dem Slogan „Expedition Life“ mit Natur, mit jungen Frauen und Kindern geworben, auch Schulranzen und allerlei Buntes für den Kindergarten befinden sich im Angebot.

Die gleiche Dasinger Firma stellt jedoch unter dem Markennamen „Tasmanian Tiger“ auch Ausrüstung für Militär und Polizei her. Streng getrennt wird dieser Bereich von dem zivilen Auftritt der Firma. Bestimmten dort Frauen, Kinder und Natur die Werbestrategie, sind es bei Tasmanian Tiger harte Männer, Waffen und Urbanes. Während bei Tatonka das weltweite Engagement in den Vordergrund gerückt wird, etwa in der Förderung der „Lakota-Indianer“, setzt die Dasinger Firma bei Tasmanian Tiger auf die deutschen Hoheitssymbole beim Militär und die Überwachungsinstrumente bei den Polizeiprodukten. Dieses ist geradewegs ein Paradebeispiel, wie die gleiche Firma sowohl zivil als auch militärisch produzieren kann, und dabei in besonders umfangreicher Weise Geschlechterstereotype zur Vermarktung einsetzt und reproduziert.[18]

Mir ist es ein Anliegen zu zeigen, dass ganz verschiedene Arten von Rüstungsproduktion ganz verschiedene Arten von Widerstand gegenüber diesen Firmen ermöglichen und bedingen. Dieser ist nicht nur abhängig von der Größe und Aufstellung der Firma, sondern auch von der Art des Produktes. Gerade in Bezug auf die Frage, ob eine Wirtschaft ohne Rüstungsproduktion möglich ist, können aus dieser Überlegung geeignete Perspektiven des Widerstandes herausgearbeitet werden. Perspektiven, die greifbar sind und die neben der langfristigen Vorstellung einer Wirtschaft ohne Rüstung auch kurz- und mittelfristige Schritte anbietet, um aktiv zu werden. Für eine Firma wie Eurocopter können dies Initiativen wie die Zivilklausel sein, die nur eine zivile und friedliche Forschung an Fachhochschulen und Universitäten erlauben. Auch die beschriebene direkte Verflechtung von Bundeswehr und den Unternehmen können Ansatzpunkte sein, um kritische Nachfragen zu stellen, insbesondere dann, wenn das Unternehmen Kooperationen mit Staaten unterhält, die sich in Spannungsregionen befinden oder in ihrer menschenrechtlichen Praxis nicht mit den Rüstungsexportrichtlinien vereinbart werden können. Für eine Firma wie Tatonka/Tasmanian Tiger sind hingegen andere Formen der Konsument_innenmacht denkbar, da auf die Wahl der Produkte von uns direkt etwa per Kaufentscheidung Einfluss genommen werden kann. Beginnen sollte dies mit einer direkten Nachfrage in Dasing bezüglich der zwei Gesichter der Firma. Dies kann ein gutes erstes Mittel sein, Schritte hin zu einer Wirtschaft ohne Rüstung in Bayerisch-Schwaben zu beschreiten.

Anmerkungen
[1] Augsburger Allgemeine vom 23. September 2012.
[2] U.a. Major, Claudia/Strickmann, Eva (2011): You can’t always get what you want – Logistical Challenges in EU Military Operations. SWP, S. 2.
[3] In den ersten neun Monaten des Jahres 2012 wurde ein Gesamtumsatz von 4,116 Mrd. € (9m/2011: 3,448 Mrd. €) gemacht; ein Gewinn (EBIT) von 277 Mio. € (9m/2011: 157 Mio. €) erzielt; und neue Aufträge im Wert von 3,586 Mrd. € eingeworben, bei einem mit insgesamt 13,238 Mrd. € gefüllten Auftragsbuch. (Angaben vom Webauftritt der Firma Eurocopter, Zugriff: 23.11.2012).
[4] BMVg (2012): Einsatz in Afghanistan: Der Tiger fliegt ab Leipzig URL: http://www.bundeswehr.de, [Zugriff: 13.12.2012]. BMVg (2012): Tiger auf dem Sprung nach Afghanistan, Meldung vom 21.11.2012. URL: http://www.bundeswehr.de, [Zugriff: 23.11.2012].
[5] Mit diesem Instandsetzungsangebot ist Eurocopter im saudischen Königreich nicht allein. Die Münchner MTU beispielsweise engagiert sich als Anteilseignerin in der Middle East Propulsion Company (MEPC) bei der Instandsetzung von Triebwerken des saudischen Militärs. MTU (o.J.): Die Mission im Blick. Militärische Triebwerksprogramme, S. 9.
[6] Hoffmann, Axel (2011): UH TIGER from TRAINING to OPERATION … a Challenge for Armament-Procurement. Für das BMVg auf dem 27. International Helicopter Forum, 30.6.2011. URL: www.hubschrauberzentrum.de/Forum2011, [Zugriff: 22.11.2012].
[7] FAS4Europe (2012): Meeting future European defence and security challenges requires a strategic approach to the Aeronautics EDTIB Executive Summary, S. 3.
[8] EDA (2012): Helicopter Initiatives. URL: http://www.eda.europa.eu/projects/projects-search/helicopter-initiatives, [Zugriff: 22.11.2012].
[9] OCCAR (2012): The TIGER Programme. URL: http://www.occar.int/39, [Zugriff: 20.11.2012]. Sowie: Wagner, Jürgen (2012): Die EU als Rüstungstreiber. Aufrüstungsdruck, Kriegskassen und ein Militärisch-Industrieller Komplex für die Weltmacht EUropa. Informationen zu Politik und Gesellschaft Nachrichten, Berichte und Analysen aus dem Europäischen Parlament, Nr. 7, März 2012, S. 47.
[10] MTU (o.J.): Die Mission im Blick. Militärische Triebwerksprogramme, S. 5.
[11] Augsburger Allgemeine: Eurocopter arbeitet mit Uni Stuttgart zusammen, vom 3. April 2009.
[12] Universität Stuttgart (2012): Vorlesung Hubschrauberseminar, Dozent: Peter Middendorf/Holger Ahlborn. URL: http://www.ifb.uni-stuttgart.de/de/lehre/vorlesung?id=75, [Zugriff: 22.11.2012].
[13] Institut für Flugzeugbau, Universität Stuttgart, Prof. Dr.-Ing. Peter Middendorf Lebenslauf, URL: http://www.ifb.uni-stuttgart.de/de/mitarbeiter?id=133, [Zugriff: 22.11.2012].
[14] Soldner, Paul (2011): Bundeswehrreform in der Region: Der Tag danach. In: Augsburger Allgemeine Zeitung. URL: http://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Bundeswehrreform-in-der-Region-Der-Tag-danach-id17300516.html, [Zugriff: 9.12.2012].
[15] Dewitz, Christian (2012): In die Jahre gekommen und schon wieder jung. In: bundeswehr-journal. URL: http://www.bundeswehr-journal.de/?p=780#more-780, [Zugriff: 8.12.2012].
[16] Messner, Peter (2010): Hubschrauber CH53: Besser und sicherer in der Luft. URL: http://www.deutschesheer.de, [Zugriff: 8.12.2012]. Dewitz (2012) spricht hingegen von einem Zuwachs von 26 auf 800 Mitarbeiter_innen.
[17] John, Dieter (2009): Eurocopter. Strategic Outlook. Global Investors Forum. URL: http://www.eads.com, [Zugriff: 20.11.2012], S. 13.
[18] Beides bezieht sich auf die Webauftritte beider Marken und die Kataloge 2012, URL: http://www.tatonka.com sowie http://www.tasmaniantiger.info/, [Zugriff: 22.11.2012].

 

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Quelle: Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. - www.imi-online.de