IMI-Standpunkt 2012/017

Auch deutsche Spezialkräfte werden trotz psychischer Beschwerden in Einsätze geschickt

von: Bernhard Klaus | Veröffentlicht am: 20. März 2012

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Am frühen Morgen des 11. März 2011 ereignete sich in der Umgebung einer US-Militärbasis nahe Kandahar ein Massaker. 16 Menschen wurden durch einen oder mehrere US-Soldaten nachts in ihren Häusern ermordet und die Leichen anschließend angezündet. Die meisten Opfer waren Frauen und Kinder und hatten zum Tatzeitpunkt offenbar geschlafen. Die afghanische Regierung reagierte auf den Vorfall u.a. mit der Forderung, die Soldaten aus den Dörfern zurückzuziehen und den für 2014 geplanten Truppenabzug um ein Jahr vorzuverlegen. Die Beiläufigkeit, mit der die NATO hierauf reagierte, ist bezeichnend für ihr Verhältnis zum Völkerrecht. Offiziell handelt es sich bei der ISAF um einen Einsatz zur „Sicherheitsunterstützung“ der Afghanischen Regierung – die zuvor von den NATO-Staaten eingesetzt wurde – und sein Mandat ist an deren Zustimmung gebunden.

Noch am Tag des Massakers wurde über psychische Probleme des mutmaßlichen Einzeltäters berichtet. „Aus Militärkreisen war zu erfahren, dass der Soldat angeblich psychische Probleme hatte, möglicherweise im Affekt handelte und sich nach der Tat auf seinem Stützpunkt seinen Vorgesetzten stellte… Nach Angaben von ABC News unter Berufung auf einen Armeesprecher handelt es um einen 38 Jahre alten Feldwebel, verheiratet und Vater zweier Kinder. Er war demnach bereits drei Mal im Irak im Einsatz, seit Dezember war er angeblich in Afghanistan stationiert“, berichtete etwa spiegel-online.de. Afghanische und russische Quellen jedoch berichteten auch von Augenzeugenberichten, wonach bis zu 20 US-Soldaten in das Massaker verwickelt“ waren und es sich womöglich um einen Rachakt gehandelt haben könnte. Eine Untersuchungskommission des afghanischen Parlamentes stützte nun die Auffassung, wonach „mehr als ein Dutzend Soldaten“ beteiligt gewesen seien. In hiesigen Medien wird dies weiterhin v.a. als Gerücht abgetan, das freilich trotzdem seine Wirkung – noch wütendere Proteste der afghanischen Bevölkerung gegen die Besatzer – entfalten könne. Derweil wird hier die Darstellung des „traumatisierten, erschöpften, überforderten“ Einzeltäters weiter entwickelt. „Wie aus einem Börsenmakler ein Massenmörder wurde“ titelt etwa welt.de einen Bericht, der suggeriert, er könne den Weg vom „treusorgende[n] Vater, liebevolle[n] Ehemann, hilfsbereite[n] Nachbar, loyale[n] Freund und vorbildliche[n] Soldat, der mit Zivilisten im Irak und in Afghanistan respektvoll umging“ zum Amokläufer nachzeichnen. Das funktioniert nicht ohne gewisse Widersprüche, die wohl jede eilig recherchierte Biographie mit sich bringt. Als Wendepunkt – und wie sich andeutet auch wichtigstes Argument des Anwalts des mutmaßlichen Täters – erscheint dabei die Tatsache, dass er nach drei Einsätzen im Irak und zwei Verwundungen gegen seinen expliziten Wunsch in einen weiteren Fronteinsatz – eben nach Afghanistan – geschickt wurde. Das hätte auch die Familie belastet, heißt es, und implizit wird der Vorwurf erhoben, dass die US-Streitkräfte ihre Soldaten „verheizen“ würden.

Nun sind deutsche Medien mit Kritik an der US-Armee immer schnell zur Stelle – gerne mit dem impliziten oder expliziten Hinweis, dass die Bundeswehr alles anders, besser mache, die Probleme also in der Nation und nicht im Kriege selbst begründet lägen. Das jedoch scheint (auch) im Umgang mit verwundeten und traumatisierten Soldaten nicht zuzutreffen. So berichtete die NDR-Sendung „Streitkräfte und Strategien“ einen Tag vor dem Massaker in Afghanistan über einen Soldat einer deutschen Spezialeinheit, bei dem 2007 eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde und der seit dem mehrere – auch stationäre – Therapien durchlaufen hat. Bereits zuvor jedoch waren seiner Frau und auch ihm selbst Veränderungen aufgefallen. Dies habe er auch seinem Vorgesetzten mitgeteilt. „Als Dankeschön habe ich dann die Kommandierung in den nächsten Einsatz bekommen“, wird der Soldat zitiert – wohin, darf nicht mitgeteilt werden. Nur so viel: „Er ist Soldat einer Spezialeinheit, wird auch zur Terrorabwehr eingesetzt. René sieht viele Kameraden sterben, überlebt mehrfach nur knapp Selbstmordattentate und gegnerischen Beschuss, und tötet selbst.“ „Unsere Soldaten müssen regelmäßig töten“, so umschrieb auch der Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte die Tätigkeit deutscher Elitesoldaten. Der Beitrag in „Streitkräfte und Strategien“ beschreibt die Folgen, die das nicht nur für die Soldaten selbst, sondern auch für die Familien hat. Deshalb ist das Manuskript lesenswert (http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/streitkraefte_und_strategien/streitkraeftesendemanuskript343.pdf). Die eingeforderte Lösung allerdings – bessere Betreuungsmöglichkeiten für traumatisierte Soldaten und auch ihre Familien – greift deutlich zu kurz. Vielmehr müssen die Einsätze der Bundeswehr, welche die Traumata auslösen, sofort beendet werden.

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