IMI-Standpunkt 2012/001 - in: AUSDRUCK (Februar 2012)

Ab durch die Hecke!

Erste Bilanz des freiwilligen Wehrdienstes der Bundeswehr

von: Michael Haid | Veröffentlicht am: 6. Januar 2012

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Die aktuelle Reform der Bundeswehr umfasst unter anderem auch seit dem 1. Juli 2011 eine Aussetzung der Wehrpflicht. Wohlgemerkt handelt es sich um keine Abschaffung, denn die rechtlichen Grundlagen für den Wehrdienst wurden vom Gesetzgeber unangetastet gelassen. Die Möglichkeit zur Einberufung wird derzeit nur nicht angewandt.

Als Teil dieser Reform soll nach den Planungen des Bundesverteidigungsministeriums die Soll-Stärke der Bundeswehr von vormals rund 250.000 Soldaten (davon über 50.000 Wehrpflichtige) auf zukünftig 170.000 Zeit- und Berufssoldaten plus einer Komponente von 5.000 bis 15.000 freiwillig Wehrdienstleistenden (FWDL) abgesenkt werden. Die Dienstzeit der FWDLs kann bis zu 23 Monate betragen. Innerhalb des ersten halben Jahres können sie die Bundeswehr ohne Angabe von Gründen wieder verlassen.

Die Bedeutung der Wehrpflicht für die Bundeswehr nach Beendigung des Kalten Kriegs lag hauptsächlich in der Rekrutierung des Nachwuchses. Seit Einführung des freiwilligen Wehrdienstes kann die Bundeswehr nicht mehr bevorzugt auf die jungen Menschen zugreifen und steht als Arbeitgeber in Konkurrenz mit dem privaten und dem zivilen öffentlichen Sektor, die noch durch die jährlich seit 1991 sinkende Geburtenrate verschärft wird. Der Bundestags-Abgeordnete Robert Hochbaum (CDU), Mitglied des Verteidigungsausschusses und Leiter der Unterarbeitsgruppe „Attraktivität des Dienstes der Bundeswehr“ der Arbeitsgruppe Verteidigung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, beschreibt dieses Problem für die Entwicklung der Bundeswehr wie folgt: „Bundesminister Dr. de Maizière sprach kürzlich von nahezu 10 Prozent der jungen Frauen und Männer eines Jahrgangs, die sich bewerben müssten, wenn man weiter ein Auswahlpotential im Verhältnis 1:3 bis 1:5 von abgelehnten und angenommenen Bewerbern erreichen will. Führt man sich im Gegenzug die Ergebnisse des 94. Forschungsberichtes des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr vor Augen, die aufzeigen, dass lediglich ein Viertel der insgesamt unter 30-jährigen aktuell bereit ist, freiwillig Wehrdienst zu leisten, nimmt die Aufgabe der Personalgewinnung zukünftig einen erheblichen Stellenwert ein.“

Insofern ist die Fähigkeit der Armee Freiwillige als Berufs- oder Zeitsoldaten sowie als Wehrdienstleistende gewinnen zu können, immer auch als Gradmesser für die gesellschaftliche Akzeptanz der Bundeswehr und letztlich auch ihrer Einsatzfähigkeit zu sehen. Für das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) ist deshalb das Bewerberaufkommen ein besonders sensibler Bereich, der bei Nicht-Erreichung der selbstgesteckten Ziele die Bundeswehr-Reform in Frage stellen könnte.

Nach Ablauf der Sechs-Monats-Frist kurz vor Jahresende 2011 hatte das BMVg erstmals die Abbrecherquoten vorgestellt. Demnach seien zum 1. Juli 2011 3.459 Personen als freiwillig Wehrdienstleistende in die Bundeswehr eingetreten. Davon seien mehr als ein Viertel (27,7%) zum Jahreswechsel nicht mehr im Dienst gewesen. Dabei machten 23,3% von ihrem Recht Gebrauch, ohne Angaben von Gründen innerhalb der ersten sechs Monate ihren Dienst wieder zu quittieren. 4,4% hätten den körperlichen Anforderungen nicht entsprochen und seien von der Bundeswehr selbst wieder entlassen worden.

Nach dieser ersten Halbjahresbilanz kann festgestellt werden, dass das BMVg sein Maximalziel von 15.000 FWDLs unter keinen Umständen erreicht hat. Wohl auch in Zukunft wird dies unmöglich sein. Selbst ihr Minimalziel von 5.000 FWDLs kann nicht als gesichert gelten: 27,7% von 3.453 sind rund 958 Personen, welche im Laufe des ersten Halbjahres die Bundeswehr verlassen haben. Demnach verblieben 2.495 FWDLs im Dienst. Alle drei Monate werden neue FWDLs aufgenommen; die durchschnittliche Verpflichtungsdauer beträgt 14 bis 15 Monate. Die Zahlen für Bewerbungen und Dienstdauer können sich natürlich zukünftig verändern. Eine verlässliche Aussage kann deshalb nicht getroffen werden. Aber bestimmte Trends lassen sich durchaus beschreiben. So lassen auch die Antrittszahlen für das letzte Quartal 2011 und für das erste Quartal 2012 keine signifikanten Änderungen erkennen. Zum 1. Oktober 2011 hat das Bewerberaufkommen 4.589 FWDLs (davon 4.437 Männer und 152 Frauen) betragen. Am 2. Januar 2012 traten 2.853 Rekruten (darunter 167 Frauen) ihren freiwilligen Wehrdienst an.

Das BMVg erklärt diese für sie ernüchternden Zahlen mit dem Hinweis, die Abbrecherquote in der Bundeswehr liege nicht wesentlich höher als in der freien Wirtschaft. Dort ginge man für das ge-samte Ausbildungsverhältnis von derzeit rund 23 Prozent an Abbrechern aus. Aus Sicht des Vertei-digungsministeriums verlaufe die Anwerbung von Nachwuchs deshalb gut. Diese Verlautbarung hat aber einen wesentlichen Schönheitsfehler, denn sie täuscht über die Gründe der FWDLs für ihren Abbruch hinweg. Das BMVg gibt diese selbst mit einem alternativen Ausbildungs- oder Jobangebot an; viele Abiturienten hätten doch noch einen Studienplatz bekommen. Demnach ist festzustellen, dass die FWDLs eben zugunsten ziviler Ausbildungsstellen und Studienplätze der Bundeswehr den Rücken kehren. Ebenso wird damit der schon länger bekannte Befund bestätigt, dass nur diejenigen bei der Bundeswehr bleiben (müssen), die keine Ausbildungs- oder Berufsalternativen haben.

Bemerkenswert ist, dass nach einer Tabelle des BMVg von den Anfang Januar 2012 neu eingetretenen 2.853 FWDLs 478 (16,75%) aus Ostdeutschland stammen. Dies entspricht circa dem Anteil von Ostdeutschen an der Gesamtbevölkerung. Der bisherige Trend, dass sich die Rekruten überdurchschnittlich aus den Unterschichten im Osten Deutschlands rekrutierten, scheint sich nach diesen Angaben anzugleichen; es betrifft nun alle jungen Menschen ohne berufliche Alternativen gleichermaßen.

 

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